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Алфавитный список авторов

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Egmont

Johann Wolfgang Goethe

Johann Wolfgang Goethe. Egmont Ein Trauerspiel in fo?nf Aufzo?gen -------------------------------------------------------------------------------- Personen: Margarete von Parma, Tochter Karls des Fo?nften, Regentin der Niederlande Graf Egmont, Prinz von Gaure Wilhelm von Oranien Herzog von Alba Ferdinand, sein nato?rlicher Sohn Machiavell, im Dienste der Regentin Richard, Egmonts Geheimschreiber Silva und Gomez, unter Alba dienend Klo¤rchen, Egmonts Geliebte Ihre Mutter Brackenburg, ein Bo?rgerssohn Soest, Kro¤mer, Bo?rger von Bro?ssel Jetter, Schneider, Bo?rger von Bro?ssel Zimmermann und Seifensieder, Bo?rger von Bro?ssel Buyck, Soldat unter Egmont Ruysum, Invalide und taub Vansen, ein Schreiber Volk, Gefolge, Wachen usw. -------------------------------------------------------------------------------- Erster Aufzug ArmbrustschieoYen Soldaten und Bo?rger mit Armbro?sten Jetter, Bo?rger von Bro?ssel, Schneider, tritt vor und spannt die Armbrust. Soest, Bo?rger von Bro?ssel, Kro¤mer. Soest. Nun schieoYt nur hin, daoY es alle wird! Ihr nehmt mir's doch nicht! Drei Ringe schwarz, die habt Ihr Eure Tage nicht geschossen. Und so wo¤r' ich fo?r dies Jahr Meister. Jetter. Meister und Ko¶nig dazu. Wer mioYgo¶nnt's Euch? Ihr sollt dafo?r auch die Zeche doppelt bezahlen; Ihr sollt Eure Geschicklichkeit bezahlen, wie's 'recht ist. (Buyck, ein Hollo¤nder, Soldat unter Egmont.) Buyck. Jetter, den SchuoY handl' ich Euch ab, teile den Gewinst, traktiere die Herren: ich bin so schon lange hier und fo?r viele Ho¶flichkeit Schuldner. Fehl ich, so ist's, als wenn Ihr geschossen ho¤ttet. - Soest. Ich sollte dreinreden: denn eigentlich verlier ich dabei. Doch, Buyck, nur immerhin. Buyck (schieoYt). Nun, Pritschmeister, Reverenz! - Eins! Zwei! Drei! Vier! Soest. Vier Ringe? Es sei! Alle. Vivat, Herr Ko¶nig, hoch! und abermal hoch! Buyck. Danke, ihr Herren. Wo¤re Meister zu viel! Danke fo?r die Ehre. Jetter. Die habt Ihr Euch selbst zu danken. (Ruysum, ein Frieslo¤nder, Invalide und taub.) Ruysum. DaoY ich euch sage! Soest. Wie ist's, Alter? Ruysum. DaoY ich euch sage! - Er schieoYt wie sein Herr, er schieoYt wie Egmont. Buyck. Gegen ihn bin ich nur ein armer Schlucker. Mit der Bo?chse trifft er erst, wie keiner in der Welt. Nicht etwa, wenn er Glo?ck oder gute Laune hat; nein! wie er anlegt, immer rein schwarz geschossen. Gelernt habe ich von ihm. Das wo¤re auch ein Kerl, der bei ihm diente und nichts von ihm lernte. - Nicht zu vergessen, meine Herren! Ein Ko¶nig no¤hrt seine Leute; und so, auf des Ko¶nigs Rechnung, Wein her! Jetter. Es ist unter uns ausgemacht, daoY jeder - Buyck. Ich bin fremd und Ko¶nig, und achte eure Gesetze und Herkommen nicht. Jetter. Du bist ja o¤rger als der Spanier; der hat sie uns doch bisher lassen mo?ssen. Ruysum. Was? Soest (laut). Er will uns gastieren; er will nicht haben, daoY wir zusammenlegen und der Ko¶nig nur das Doppelte zahlt. Ruysum. LaoYt ihn! doch ohne Pro¤judiz! Das ist auch seines Herrn Art, splendid zu sein und es laufen zu lassen, wo es gedeiht. (Sie bringen Wein.) Alle. Ihro Majesto¤t Wohl! Hoch! Jetter (zu Buyck). Versteht sich: Eure Majesto¤t. Buyck. Danke von Herzen, wenn's doch so sein soll. Soest. Wohl! Denn unserer spanischen Majesto¤t Gesundheit trinkt nicht leicht ein Niederlo¤nder von Herzen. Ruysum. Wer? Soest (laut). Philipps des Zweiten, Ko¶nigs in Spanien. Ruysum. Unser allergno¤digster Ko¶nig und Herr! Gott geb' ihm langes Leben. Soest. Hattet Ihr seinen Herrn Vater, Karl den Fo?nften, nicht lieber? Ruysum. Gott tro¶st' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand o?ber den ganzen Erdboden und war euch alles in allem; und wenn er euch begegnete, so gro?oYt' er euch wie ein Nachbar den andern; und wenn ihr erschrocken wart, wuoYt' er mit so guter Manier - ja, versteht mich - Er ging aus, ritt aus, wie's ihm einkam, gar mit wenig Leuten. Haben wir doch alle geweint, wie er seinem Sohn das Regiment hier abtrat - sagt' ich, versteht mich - der ist schon anders, der ist majesto¤tischer. Jetter. Er lieoY sich nicht sehen, da er hier war, als in Prunk und ko¶niglichem Staate. Er spricht wenig, sagen die Leute. Soest. Es ist kein Herr fo?r uns Niederlo¤nder. Unsre Fo?rsten mo?ssen froh und frei sein wie wir, leben und leben lassen. Wir wollen nicht verachtet noch gedruckt sein, so gutherzige Narren wir auch sind. Jetter. Der Ko¶nig, denk ich, wo¤re wohl ein gno¤diger Herr, wenn er nur bessere Ratgeber ho¤tte. Soest. Nein, nein! Er hat kein Gemo?t gegen uns Niederlo¤nder, sein Herz ist dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht; wie ko¶nnen wir ihn wiederlieben? Warum ist alle Welt dem Grafen Egmont so hold? Warum tro?gen wir ihn alle auf den Ho¤nden? Weil man ihm ansieht, daoY er uns wohlwill; weil ihm die Fro¶hlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus den Augen sieht; weil er nichts besitzt, das er dem Do?rftigen nicht mitteilte, auch dem, der's nicht bedarf. LaoYt den Grafen Egmont leben! Buyck, an Euch ist's, die erste Gesundheit zu bringen! Bringt Eures Herrn Gesundheit aus. Buyck. Von ganzer Seele denn: Graf Egmont hoch! Ruysum. o?berwinder bei St. Quintin. Buyck. Dem Helden von Gravelingen! Alle. Hoch! Ruysum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. ich konnte kaum mehr fort, kaum die schwere Bo?chse mehr schleppen. Hab ich doch den Franzosen noch eins auf den Pelz gebrennt, und da kriegt' ich zum Abschied noch einen StreifschuoY ans rechte Bein. Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's frisch! Den Sieg haben wir allein. Brannten und sengten die welschen Hunde nicht durch ganz Flandern? Aber ich mein, wir trafen sie! Ihre alten, handfesten Kerle hielten lange wider, und wir dro¤ngten und schossen und hieben, daoY sie die Mo¤uler verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd unter dem Leibe niedergeschossen, und wir stritten lange hino?ber hero?ber, Mann fo?r Mann, Pferd gegen Pferd, Haufe mit Haufe, auf dem breiten flachen Sand an der See hin. Auf einmal kam's, wie vom Himmel herunter, von der Mo?ndung des Flusses, bav, bau! immer mit Kanonen in die Franzosen drein. Es waren Englo¤nder, die unter dem Admiral Malin von ungefo¤hr von Do?nkirchen her vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns nicht; sie konnten nur mit den kleinsten Schiffen herbei, und das nicht nah genug; schossen auch wohl unter uns - Es tat doch gut! Es brach die Welschen und hob unsern Mut. Da ging's! Rick! rack! hero?ber, hino?ber! Alles totgeschlagen, alles ins Wasser gesprengt. Und die Kerle ersoffen, wie sie das Wasser schmeckten; und was wir Hollo¤nder waren, gerad hintendrein. Uns, die wir beidlebig sind, ward erst wohl im Wasser wie den Fro¶schen; und immer die Feinde im FluoY zusammengehauen, weggeschossen wie die Enten. Was nun noch durchbrach, schlugen euch auf der Flucht die Bauerweiber mit Hacken und Mistgabeln tot. MuoYte doch die welsche Majesto¤t gleich das Pfo¶tchen reichen und Friede machen. Und den Frieden seid ihr uns schuldig, dem grooYen Egmont schuldig. Alle. Hoch! dem grooYen Egmont hoch! und abermal hoch! und abermal hoch! Jetter. Ho¤tte man uns den statt der Margrete von Parma zum Regenten gesetzt! Soest. Nicht so! Wahr bleibt wahr! Ich lasse mir Margareten nicht schelten. Nun ist's an mir. Es lebe unsre gno¤d'ge Frau! Alle. Sie lebe! Soest. Wahrlich, treffliche Weiber sind in dem Hause. Die Regentin lebe! Jetter. Klug ist sie, und mo¤oYig in allem, was sie tut; hielte sie's nur nicht so steif und fest mit den Pfaffen. Sie ist doch auch mit, schuld, daoY wir die vierzehn neuen Bischofsmo?tzen im Lande haben. Wozu die nur sollen? Nicht wahr, daoY man Fremde in die guten Stellen einschieben kann, wo sonst o„bte aus den Kapiteln gewo¤hlt wurden? Und wir sollen glauben, es sei um der Religion willen. Ja, es hat sich. An drei Bischo¶fen hatten wir genug: da ging's ehrlich und ordentlich zu. Nun muoY doch auch jeder tun, als ob er no¶tig wo¤re; und da setzt's allen Augenblick VerdruoY und Ho¤ndel. Und je mehr ihr das Ding ro?ttelt und scho?ttelt, desto tro?ber wird's. (Sie trinken.) Soest. Das war nun des Ko¶nigs Wille; sie kann nichts davon- noch dazutun. Jetter. Da sollen wir nun die neuen Psalmen nicht singen. Sie sind wahrlich gar scho¶n in Reimen gesetzt und haben recht erbauliche Weisen. Die sollen wir nicht singen, aber Schelmenlieder, so viel wir wollen. Und warum? Es seien Ketzereien drin, sagen sie, und Sachen, Gott weioY. Ich hab ihrer doch auch gesungen; es ist jetzt was Neues, ich hab nichts drin gesehen. Buyck. Ich wollte sie fragen! In unsrer Provinz singen wir, was wir wollen. Das macht, daoY Graf Egmont unser Statthalter ist; der fragt nach so etwas nicht. - In Gent, Ypern, durch ganz Flandern singt sie, wer Belieben hat. (Laut.) Es ist ja wohl nichts unschuldiger als ein geistlich Lied? Nicht wahr, Vater? Ruysum. Ei wohl! Es ist ja ein Gottesdienst, eine Erbauung. Jetter. Sie sagen aber, es sei nicht auf die rechte Art, nicht auf ihre Art; und gefo¤hrlich ist's doch immer, da lo¤oYt man's lieber sein. Die Inquisitionsdiener schleichen herum und passen auf; mancher ehrliche Mann ist schon unglo?cklich geworden. Der Gewissenszwang fehlte noch! Da ich nicht tun darf, was ich mo¶chte, ko¶nnen sie mich doch denken und singen lassen, was ich will. Soest. Die Inquisition kommt nicht auf. Wir sind nicht gemacht, wie die Spanier, unser Gewissen tyrannisieren zu lassen. Und der Adel muoY auch beizeiten suchen, ihr die Flo?gel zu beschneiden. Jetter. Es ist sehr fatal. Wenn's den lieben Leuten einfo¤llt, in mein Haus zu sto?rmen, und ich sitz an meiner Arbeit und summe just einen franzo¶sischen Psalm und denke nichts dabei, weder Gutes noch Bo¶ses; ich summe ihn aber, weil er mir in der Kehle ist: gleich bin ich ein Ketzer und werde eingesteckt. Oder ich gehe o?ber Land und bleibe bei einem Haufen Volks stehen, das einem neuen Prediger zuho¶rt, einem von denen, die aus Deutschland gekommen sind: auf der Stelle heioY ich ein Rebell und komme in Gefahr, meinen Kopf zu verlieren. Habt ihr je einen predigen ho¶ren? Soest. Wackre Leute. Neulich ho¶rt' ich einen auf dem Felde vor tausend und tausend Menschen sprechen. Das war ein ander Geko¶ch, als wenn unsre auf der Kanzel herumtrommeln und die Leute mit lateinischen Brocken erwo?rgen. Der sprach von der Leber weg; sagte, wie sie uns bisher ho¤tten bei der Nase herumgefo?hrt, uns in der Dummheit erhalten, und wie wir mehr Erleuchtung haben ko¶nnten. - Und das bewies er euch alles aus der Bibel. Jetter. Da mag doch auch was dran sein. Ich sagt's immer selbst und gro?belte so o?ber die Sache nach. Mir ist's lang im Kopf herumgegangen. Buyck. Es lo¤uft ihnen auch alles Volk nach. Soest. Das glaub ich, wo man was Gutes ho¶ren kann und was Neues. Jetter. Und was ist's denn nun? Man kann ja einen jeden predigen lassen nach seiner Weise. Buyck. Frisch, ihr Herren! o?ber dem Schwo¤tzen vergeoYt ihr den Wein und Oranien. Jetter. Den nicht zu vergessen. Das ist ein rechter Wall: wenn man nur an ihn denkt, meint man gleich, man ko¶nne sich hinter ihn verstecken und der Teufel bro¤chte einen nicht hervor. Hoch! Wilhelm von Oranien, hoch! Alle. Hoch! hoch! Soest. Nun, Alter, bring auch deine Gesundheit. Ruysum. Alte Soldaten! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg! Buyck. Bravo, Alter! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg! Jetter. Krieg! Krieg! WioYt ihr auch, was ihr ruft? DaoY es euch leicht vom Munde geht, ist wohl nato?rlich; wie lumpig aber unsereinem dabei zumute ist, kann ich nicht sagen. Das ganze Jahr das Getrommel zu ho¶ren; und nichts zu ho¶ren, als wie da ein Haufen gezogen kommt und dort ein andrer, wie sie o?ber einen Ho?gel kamen und bei einer Mo?hle hielten, wieviel da geblieben sind, wieviel dort, und wie sie sich dro¤ngen, und einer gewinnt, der andere verliert, ohne daoY man sein Tage begreift, wer was gewinnt oder verliert. Wie eine Stadt eingenommen wird, die Bo?rger ermordet werden, und wie's den armen Weibern, den unschuldigen Kindern ergeht. Das ist eine Not und Angst, man denkt jeden Augenblick: a»Da kommen sie! Es geht uns auch so.a« Soest. Drum muoY auch ein Bo?rger immer in Waffen geo?bt sein. Jetter. Ja, es o?bt sich, wer Frau und Kinder hat. Und doch ho¶r ich noch lieber von Soldaten, als ich sie sehe. Buyck. Das sollt' ich o?belnehmen. Jetter. Auf Euch ist's nicht gesagt, Landsmann. Wie wir die spanischen Besatzungen los waren, holten wir wieder Atem. Soest. Gelt! die lagen dir am schwersten auf? Jetter. Vexier' Er sich. Soest. Die hatten scharfe Einquartierung bei dir. Jetter. Halt dein Maul. Soest. Sie hatten ihn vertrieben aus der Ko?che, dem Keller, der Stube - dem Bette. (Sie lachen.) Jetter. Du bist ein Tropf. Buyck. Friede, ihr Herren! MuoY der Soldat Friede rufen? - Nun da ihr von uns nichts ho¶ren wollt, nun bringt auch eure Gesundheit aus, eine bo?rgerliche Gesundheit. Jetter. Dazu sind wir bereit! Sicherheit und Ruhe! Soest. Ordnung und Freiheit! Buyck. Brav! das sind auch wir zufrieden. (Sie stooYen an und wiederholen fro¶hlich die Worte, doch so, daoY jeder ein anders ausruft und es eine Art Kanon wird. Der Alte horcht und fo¤llt endlich auch mit ein.) Alle. Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit! Palast der Regentin Margarete von Parma in Jagdkleidern. Hofleute. Pagen. Bediente. Regentin. Ihr stellt das Jagen ab, ich werde heut nicht reiten. Sagt Machiavellen, er soll zu mir kommen. (Alle gehen ab.) Der Gedanke an diese schrecklichen Begebenheiten lo¤oYt mir keine Ruhe! Nichts kann mich ergetzen, nichts mich zerstreuen; immer sind diese Bilder, diese Sorgen vor mir. Nun wird der Ko¶nig sagen, dies sei'n die Folgen meiner Go?te, meiner Nachsicht; und doch sagt mir mein Gewissen jeden Augenblick, das Ro¤tlichste, das Beste getan zu haben. Sollte ich fro?her mit dem Sturme des Grimmes diese Flammen anfachen und umhertreiben? Ich hoffte sie zu umstellen, sie in sich selbst zu verscho?tten. Ja, was ich mir selbst sage, was ich wohl weioY, entschuldigt mich vor mir selbst; aber wie wird es mein Bruder aufnehmen? Denn, ist es zu leugnen? Der o?bermut der fremden Lehrer hat sich to¤glich erho¶ht; sie haben unser Heiligtum gelo¤stert, die stumpfen Sinne des Po¶bels zerro?ttet und den Schwindelgeist unter sie gebannt. Unreine Geister haben sich unter die Aufro?hrer gemischt, und schreckliche Taten sind geschehen, die zu denken schauderhaft ist, und die ich nun einzeln nach Hofe zu berichten habe, schnell und einzeln, damit mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, damit der Ko¶nig nicht denke, man wolle noch mehr verheimlichen. Ich sehe kein Mittel, weder strenges noch gelindes, dem o?bel zu steuern. O was sind wir GrooYen auf der Woge der Menschheit? Wir glauben sie zu beherrschen, und sie treibt uns auf und nieder, hin und her. (Machiavell tritt auf.) Regentin. Sind die Briefe an den Ko¶nig aufgesetzt? Machiavell. In einer Stunde werdet Ihr sie unterschreiben ko¶nnen. Regentin. Habt Ihr den Bericht ausfo?hrlich genug gemacht? Machiavell. Ausfo?hrlich und umsto¤ndlich, wie es der Ko¶nig liebt. Ich erzo¤hle, wie zuerst um St. Omer die bildersto?rmerische Wut sich zeigt. Wie eine rasende Menge, mit Sto¤ben, Beilen, Ho¤mmern, Leitern, Stricken versehen, von wenig Bewaffneten begleitet, erst Kapellen, Kirchen und Klo¶ster anfallen, die Ando¤chtigen verjagen, die verschlossenen Pforten aufbrechen, alles umkehren, die Alto¤re niederreioYen, die Statuen der Heiligen zerschlagen, alle Gemo¤lde verderben, alles, was sie nur Geweihtes, Geheiligtes antreffen, zerschmettern, zerreioYen, zertreten. Wie sich der Haufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die Tore ero¶ffnen. Wie sie den Dom mit unglaublicher Schnelle verwo?sten, die Bibliothek des Bischofs verbrennen. Wie eine grooYe Menge Volks, von gleichem Unsinn ergriffen, sich o?ber Menin, Comines, Werwicq, Lille verbreitet, nirgend Widerstand findet, und wie fast durch ganz Flandern in einem Augenblicke die ungeheure Verschwo¶rung sich erklo¤rt und ausgefo?hrt ist. Regentin. Ach, wie ergreift mich aufs neue der Schmerz bei deiner Wiederholung! Und die Furcht gesellt sich dazu, das o?bel werde nur gro¶oYer und gro¶oYer werden. Sagt mir Eure Gedanken, Machiavell! Machiavell. Verzeihen Eure Hoheit, meine Gedanken sehen Grillen so o¤hnlich; und wenn Ihr auch immer mit meinen Diensten zufrieden wart, habt Ihr doch selten meinem Rat folgen mo¶gen. Ihr sagtet oft im Scherze: a»Du siehst zu weit, Machiavell! Du solltest Geschichtschreiber sein: wer handelt, muoY fo?rs No¤chste sorgen.a« Und doch, habe ich diese Geschichte nicht vorauserzo¤hlt? Hab ich nicht alles vorausgesehen? Regentin. Ich sehe auch viel voraus, ohne es o¤ndern zu ko¶nnen. Machiavell. Ein Wort fo?r tausend: Ihr unterdro?ckt die neue Lehre nicht. LaoYt sie gelten, sondert sie von den Rechtglo¤ubigen, gebt ihnen Kirchen, faoYt sie in die bo?rgerliche Ordnung, schro¤nkt sie ein; und so habt Ihr die Aufro?hrer auf einmal zur Ruhe gebracht. Jede andern Mittel sind vergeblich, und Ihr verheert das Land. Regentin. Hast du vergessen, mit welchem Abscheu mein Bruder selbst die Frage verwarf, ob man die neue Lehre dulden ko¶nne? WeioYt du nicht, wie er mir in jedem Briefe die Erhaltung des wahren Glaubens aufs eifrigste empfiehlt? daoY er Ruhe und Einigkeit auf Kosten der Religion nicht hergestellt wissen will? Ho¤lt er nicht selbst in den Provinzen Spione, die wir nicht kennen, um zu erfahren, wer sich zu der neuen Meinung hino?berneigt? Hat er nicht zu unsrer Verwunderung uns diesen und jenen genannt, der sich in unsrer No¤he heimlich der Ketzerei schuldig machte? Befiehlt er nicht Strenge und Scho¤rfe? Und ich soll gelind sein? ich soll Vorschlo¤ge tun, daoY er nachsehe, daoY er dulde? Wo?rde ich nicht alles Vertrauen, allen Glauben bei ihm verlieren? Machiavell. Ich weioY wohl; der Ko¶nig befiehlt, er lo¤oYt Euch seine Absichten wissen. Ihr sollt Ruhe und Friede wiederherstellen, durch ein Mittel, das die Gemo?ter noch mehr erbittert, das den Krieg unvermeidlich an allen Enden anblasen wird. Bedenkt, was Ihr tut. Die gro¶oYten Kaufleute sind angesteckt, der Adel, das Volk, die Soldaten. Was hilft es, auf seinen Gedanken beharren, wenn sich um uns alles o¤ndert? Mo¶chte doch ein guter Geist Philippen eingeben, daoY es einem Ko¶nige ansto¤ndiger ist, Bo?rger zweierlei Glaubens zu regieren, als sie durch einander aufzureiben. Regentin. Solch ein Wort nie wieder. Ich weioY wohl, daoY Politik selten Treu und Glauben halten kann, daoY sie Offenheit, Gutherzigkeit, Nachgiebigkeit aus unsern Herzen ausschlieoYt. In weltlichen Gescho¤ften ist das leider nur zu wahr; sollen wir aber auch mit Gott spielen wie unter einander? Sollen wir gleichgo?ltig gegen unsre bewo¤hrte Lehre sein, fo?r die so viele ihr Leben aufgeopfert haben? Die sollten wir hingeben an hergelaufne, ungewisse, sich selbst widersprechende Neuerungen? Machiavell. Denkt nur deswegen nicht o?bler von mir. Regentin. Ich kenne dich und deine Treue und weioY, daoY einer ein ehrlicher und versto¤ndiger Mann sein kann, wenn er gleich den no¤chsten besten Weg zum Heil seiner Seele verfehlt hat. Es sind noch andere, Machiavell, Mo¤nner, die ich scho¤tzen und tadeln muoY. Machiavell. Wen bezeichnet Ihr mir? Regentin. Ich kann es gestehen, daoY mir Egmont heute einen recht innerlichen tiefen VerdruoY erregte. Machiavell. Durch welches Betragen? Regentin. Durch sein gewo¶hnliches, durch Gleichgo?ltigkeit und Leichtsinn. Ich erhielt die schreckliche Botschaft, eben als ich, von vielen und ihm begleitet, aus der Kirche ging. Ich hielt meinen Schmerz nicht an, ich beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihm wendete. a»Seht, was in Eurer Provinz entsteht! Das duldet Ihr, Graf, von dem der Ko¶nig sich alles versprach?a« Machiavell. Und was antwortete er? Regentin. Als wenn es nichts, als wenn es eine Nebensache wo¤re, versetzte er: a»Wo¤ren nur erst die Niederlo¤nder o?ber ihre Verfassung beruhigt! Das o?brige wo?rde sich leicht geben.a« Machiavell. Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm gesprochen. Wie soll Zutrauen entstehen und bleiben, wenn der Niederlo¤nder sieht, daoY es mehr um seine Besitzto?mer als um sein Wohl, um seiner Seele Heil zu tun ist? Haben die neuen Bischo¶fe mehr Seelen gerettet, als fette Pfro?nden geschmaust, und sind es nicht meist Fremde? Noch werden alle Statthalterschaften mit Niederlo¤ndern besetzt; lassen sich es die Spanier nicht zu deutlich merken, daoY sie die gro¶oYte, unwiderstehlichste Begierde nach diesen Stellen empfinden? Will ein Volk nicht lieber nach seiner Art von den Seinigen regieret werden als von Fremden, die erst im Lande sich wieder Besitzto?mer auf Unkosten aller zu erwerben suchen, die einen fremden MaoYstab mitbringen und unfreundlich und ohne Teilnehmung herrschen? Regentin. Du stellst dich auf die Seite der Gegner. Machiavell. Mit dem Herzen gewioY nicht; und wollte, ich ko¶nnte mit dem Verstande ganz auf der unsrigen sein. Regentin. Wenn du so willst, so to¤t' es not, ich tro¤te ihnen meine Regentschaft ab; denn Egmont und Oranien machten sich grooYe Hoffnung, diesen Platz einzunehmen. Damals waren sie Gegner; jetzt sind sie gegen mich verbunden, sind Freunde, unzertrennliche Freunde geworden. Machiavell. Ein gefo¤hrliches Paar. Regentin. Soll ich aufrichtig reden: ich fo?rchte Oranien, und ich fo?rchte fo?r Egmont. Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen in die Ferne, er ist heimlich, scheint alles anzunehmen, widerspricht nie, und in tiefster Ehrfurcht, mit gro¶oYter Vorsicht tut er, was ihm beliebt. Machiavell. Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt, als wenn die Welt ihm geho¶rte. Regentin. Er tro¤gt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majesto¤t nicht o?ber ihm schwebte. Machiavell. Die Augen des Volks sind alle nach ihm gerichtet, und die Herzen ho¤ngen an ihm. Regentin. Nie hat er einen Schein vermieden; als wenn niemand Rechenschaft von ihm zu fordern ho¤tte. Noch tro¤gt er den Namen Egmont. Graf Egmont freut ihn sich nennen zu ho¶ren; als wollte er nicht vergessen, daoY seine Vorfahren Besitzer von Geldern waren. Warum nennt er sich nicht Prinz von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum tut er das? Will er erloschne Rechte wieder geltend machen? Machiavell. Ich halte ihn fo?r einen treuen Diener des Ko¶nigs. Regentin. Wenn er wollte, wie verdient ko¶nnte er sich um die Regierung machen; anstatt daoY er uns schon, ohne sich zu nutzen, unso¤glichen VerdruoY gemacht hat. Seine Gesellschaften, Gastmahle und Gelage haben den Adel mehr verbunden und verkno?pft als die gefo¤hrlichsten heimlichen Zusammenko?nfte. Mit seinen Gesundheiten haben die Go¤ste einen dauernden Rausch, einen nie sich verziehenden Schwindel gescho¶pft. Wie oft setzt er durch seine Scherzreden die Gemo?ter des Volks in Bewegung, und wie stutzte der Po¶bel o?ber die neuen Livreen, o?ber die to¶richten Abzeichen der Bedienten! Machiavell. Ich bin o?berzeugt, es war ohne Absicht. Regentin. Schlimm genug. Wie ich sage: er schadet uns und no?tzt sich nicht. Er nimmt das Ernstliche scherzhaft; und wir, um nicht mo?oYig und nachlo¤ssig zu scheinen, mo?ssen das Scherzhafte ernstlich nehmen. So hetzt eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst recht. Er ist gefo¤hrlicher als ein entschiednes Haupt einer Verschwo¶rung; und ich mo?oYte mich sehr irren, wenn man ihm bei Hofe nicht alles gedenkt. Ich kann nicht leugnen, es vergeht wenig Zeit, daoY er mich nicht empfindlich, sehr empfindlich macht. Machiavell. Er scheint mir in allem nach seinem Gewissen zu handeln. Regentin. Sein Gewissen hat einen gefo¤lligen Spiegel. Sein Betragen ist oft beleidigend. Er sieht oft aus, als wenn er in der vo¶lligen o?berzeugung lebe, er sei Herr und wolle es uns nur aus Gefo¤lligkeit nicht fo?hlen lassen, wolle uns so gerade nicht zum Lande hinausjagen; es werde sich schon geben. Machiavell. Ich bitte Euch, legt seine Offenheit, sein glo?ckliches Blut, das alles Wichtige leicht behandelt, nicht zu gefo¤hrlich aus. Ihr schadet nur ihm und Euch. Regentin. Ich lege nichts aus. Ich spreche nur von den unvermeidlichen Folgen, und ich kenne ihn. Sein niederlo¤ndischer Adel und sein Golden Vlies vor der Brust sto¤rken sein Vertrauen, seine Ko?hnheit. Beides kann ihn vor einem schnellen, willko?rlichen Unmut des Ko¶nigs scho?tzen. Untersuch es genau; an dem ganzen Unglo?ck, das Flandern trifft, ist er doch nur allein schuld. Er hat zuerst den fremden Lehrern nachgesehn, hat's so genau nicht genommen und vielleicht sich heimlich gefreut, daoY wir etwas zu schaffen hatten. LaoY mich nur; was ich auf dem Herzen habe, soll bei dieser Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeile nicht umsonst verschieoYen; ich weioY, wo er empfindlich ist. Er ist auch empfindlich. Machiavell. Habt Ihr den Rat zusammenberufen lassen? Kommt Oranien auch? Regentin. Ich habe nach Antwerpen um ihn geschickt. Ich will ihnen die Last der Verantwortung nahe genug zuwo¤lzen; sie sollen sich mit mir dem o?bel ernstlich entgegensetzen oder sich auch als Rebellen erklo¤ren. Eile, daoY die Briefe fertig werden, und bringe mir sie zur Unterschrift. Dann sende schnell den bewo¤hrten Vaska nach Madrid; er ist unermo?det und treu; daoY mein Bruder zuerst durch ihn die Nachricht erfahre, daoY der Ruf ihn nicht o?bereile. Ich will ihn selbst noch sprechen, eh' er abgeht. Machiavell. Eure Befehle sollen schnell und genau befolgt werden. Bo?rgerhaus Klare. Klarens Mutter. Brackenburg. Klare. Wollt Ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg? Brackenburg. Ich bitt Euch, verschont mich, Klo¤rchen. Klare. Was habt Ihr wieder? Warum versagt Ihr mir diesen kleinen Liebesdienst? Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn so fest vor Euch hin, ich kann Euern Augen nicht ausweichen. Klare. Grillen! kommt und haltet! Mutter (im Sessel strickend). Singt doch eins! Brackenburg sekundiert so ho?bsch. Sonst wart ihr lustig, und ich hatte immer was zu lachen. Brackenburg. Sonst. Klare. Wir wollen singen. Brackenburg. Was Ihr wollt. Klare. Nur ho?bsch munter und frisch weg! Es ist ein Soldatenliedchen, mein Leibsto?ck. (Sie wickelt Garn und singt mit Brackenburg.) Die Trommel gero?hret! Das Pfeifchen gespielt! Mein Liebster gewaffnet Dem Haufen befiehlt, Die Lanze hoch fo?hret, Die Leute regieret. Wie klopft mir das Herze! Wie wallt mir das Blut! O ho¤tt' ich ein Wo¤mslein Und Hosen und Hut! Ich folgt' ihm zum Tor 'naus Mit mutigem Schritt, Ging' durch die Provinzen, Ging' o?berall mit. Die Feinde schon weichen, Wir schieoYen darein. Welch Glo?ck sondergleichen, Ein Mannsbild zu sein! (Brackenburg hat unter dem Singen Klo¤rchen oft angesehen; zuletzt bleibt ihm die Stimme stocken, die Tro¤nen kommen ihm in die Augen, er lo¤oYt den Strang fallen und geht ans Fenster. Klo¤rchen singt das Lied allein aus, die Mutter winkt ihr halb unwillig, sie steht auf, geht einige Schritte nach ihm hin, kehrt halb unschlo?ssig wieder um und setzt sich.) Mutter. Was gibt's auf der Gasse, Brackenburg? Ich ho¶re marschieren. Brackenburg. Es ist die Leibwache der Regentin. Klare. Um diese Stunde? was soll das bedeuten? (Sie steht auf und geht an das Fenster zu Brackenburg.) Das ist nicht die to¤gliche Wache, das sind weit mehr! Fast alle ihre Haufen. O Brackenburg, geht! ho¶rt einmal, was es gibt. Es muoY etwas Besonderes sein. Geht, guter Brackenburg, tut mir den Gefallen. Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da (Er reicht ihr abgehend die Hand; sie gibt ihm die ihrige.) Mutter. Du schickst ihn schon wieder weg. Klare. Ich bin neugierig; und auch, verdenkt mir's nicht, seine Gegenwart tut mir weh. Ich weioY immer nicht, wie ich mich gegen ihn betragen soll. Ich habe unrecht gegen ihn, und mich nagt's am Herzen, daoY er es so lebendig fo?hlt. - Kann ich's doch nicht o¤ndern! Mutter. Es ist ein so treuer Bursche. Klare. Ich kann's auch nicht lassen, ich muoY ihm freundlich begegnen. Meine Hand dro?ckt sich oft unversehens zu, wenn die seine mich so leise, so liebevoll anfaoYt. Ich mache mir Vorwo?rfe, daoY ich ihn betriege, daoY ich in seinem Herzen eine vergebliche Hoffnung no¤hre. Ich bin o?bel dran. WeioY Gott, ich betrieg ihn nicht. Ich will nicht, daoY er hoffen soll, und ich kann ihn doch nicht verzweifeln lassen. Mutter. Das ist nicht gut. Klare. Ich hatte ihn gern und will ihm auch noch wohl in der Seele. Ich ho¤tte ihn heiraten ko¶nnen und glaube, ich war nie in ihn verliebt. Mutter. Glo?cklich wo¤rst du immer mit ihm gewesen. Klare. Wo¤re versorgt und ho¤tte ein ruhiges Leben. Mutter. Und das ist alles durch deine Schuld verscherzt. Klare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich so nachdenke, wie es gegangen ist, weioY ich's wohl und weioY es nicht. Und dann darf ich Egmont nur wieder ansehen, wird mir alles sehr begreiflich, ja wo¤re mir weit mehr begreiflich. Ach, was ist's ein Mann! Alle Provinzen beten ihn an, und ich in seinem Arm sollte nicht das glo?cklichste Gescho¶pf von der Welt sein? Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden? Klare. Ach, ich frage nur, ob er mich liebt; und ob er mich liebt, ist das eine Frage? Mutter. Man hat nichts als Herzensangst mit seinen Kindern. Wie das ausgehen wird! Immer Sorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du hast dich unglo?cklich gemacht! mich unglo?cklich gemacht. Klare (gelassen). Ihr lieoYet es doch im Anfange. Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut. Klare. Wenn Egmont vorbeiritt und ich ans Fenster lief, schaltet Ihr mich da? Tratet Ihr nicht selbst ans Fenster? Wenn er heraufsah, lo¤chelte, nickte, mich gro?oYte: war es Euch zuwider? Fandet Ihr Euch nicht selbst in Eurer Tochter geehrt? Mutter. Mache mir noch Vorwo?rfe. Klare (gero?hrt). Wenn er nun o¶fter die StraoYe kam, und wir wohl fo?hlten, daoY er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet Ihr's nicht selbst mit heimlicher Freude? Rieft Ihr mich ab, wenn ich hinter den Scheiben stand und ihn erwartete? Mutter. Dachte ich, daoY es so weit kommen sollte? Klare (mit stockender Stimme und zuro?ckgehaltenen Tro¤nen). Und wie er uns abends, in den Mantel eingeho?llt, bei der Lampe o?berraschte, wer war gescho¤ftig, ihn zu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie angekettet und staunend sitzen blieb? Mutter. Und konnte ich fo?rchten, daoY diese unglo?ckliche Liebe das kluge Klo¤rchen so bald hinreioYen wo?rde? Ich muoY es nun tragen, daoY meine Tochter - Klare (mit ausbrechenden Tro¤nen). Mutter! Ihr wollt's nun! Ihr habt Eure Freude, mich zu o¤ngstigen. Mutter (weinend). Weine noch gar! Mache mich noch elender durch deine Betro?bnis. Ist mir's nicht Kummer genug, daoY meine einzige Tochter ein verworfenes Gescho¶pf ist? Klare (aufstehend und kalt). Verworfen! Egmonts Geliebte verworfen? - Welche Fo?rstin neidete nicht das arme Klo¤rchen um den Platz an seinem Herzen! O Mutter - meine Mutter, so redetet Ihr sonst nicht. Liebe Mutter, seid gut! Das Volk, was das denkt, die Nachbarinnen, was die murmeln - Diese Stube, dieses kleine Haus ist ein Himmel, seit Egmonts Liebe drin wohnt. Mutter. Man muoY ihm hold sein! das ist wahr. Er ist immer so freundlich, frei und offen. Klare. Es ist keine falsche Ader an ihm. Seht, Mutter, und er ist doch der grooYe Egmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist, so gut! wie er mir seinen Stand, seine Tapferkeit gerne verbo¤rge! wie er um mich besorgt ist! so nur Mensch, nur Freund, nur Liebster. Mutter. Kommt er wohl heute? Klare. Habt Ihr mich nicht oft ans Fenster gehen sehn? Habt Ihr nicht bemerkt, wie ich horche, wenn's an der To?r rauscht? - Ob ich schon weioY, daoY er vor Nacht nicht kommt, vermut ich ihn doch jeden Augenblick, von morgens an, wenn ich aufstehe. Wo¤r' ich nur ein Bube und ko¶nnte immer mit ihm gehen, zu Hofe und o?berall hin! Ko¶nnt' ihm die Fahne nachtragen in der Schlacht! - Mutter. Du warst immer so ein Springinsfeld; als ein kleines Kind schon, bald toll, bald nachdenklich. Ziehst du dich nicht ein wenig besser an? Klare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe! - Gestern, denkt, gingen von seinen Leuten vorbei und sangen Lobliedchen auf ihn. Wenigstens war sein Name in den Liedern! das o?brige konnte ich nicht verstehn. Das Herz schlug mir bis an den Hals - Ich ho¤tte sie gern zuro?ckgerufen, wenn ich mich nicht gescho¤mt ho¤tte. Mutter. Nimm dich in acht! Dein heftiges Wesen verdirbt noch alles; du verro¤tst dich offenbar vor den Leuten. Wie neulich bei dem Vetter, wie du den Holzschnitt und die Beschreibung fandst und mit einem Schrei riefst: a»Graf Egmont!a« - Ich ward feuerrot. Klare. Ho¤tt' ich nicht schreien sollen? Es war die Schlacht bei Gravelingen, und ich finde oben im Bilde den Buchstaben C. und suche unten in der Beschreibung C. Steht da: a»Graf Egmont, dem das Pferd unter dem Leibe totgeschossen wird.a« Mich o?berlief's - und hernach muoYt' ich lachen o?ber den holzgeschnitzten Egmont, der so grooY war als der Turm von Gravelingen gleich dabei und die englischen Schiffe an der Seite. - Wenn ich mich manchmal erinnere, wie ich mir sonst eine Schlacht vorgestellt und was ich mir als Mo¤dchen fo?r ein Bild vom Grafen Egmont machte, wenn sie von ihm erzo¤hlten, und von allen Grafen und Fo?rsten - und wie mir's jetzt ist! (Brackenburg kommt.) Klare. Wie steht's? Brackenburg. Man weioY nichts Gewisses. In Flandern soll neuerdings ein Tumult entstanden sein; die Regentin soll besorgen, er mo¶chte sich hieher verbreiten. Das SchlooY ist stark besetzt, die Bo?rger sind zahlreich an den Toren, das Volk summt in den Gassen. - Ich will nur schnell zu meinem alten Vater. (Als wollt' er gehen.) Klare. Sieht man Euch morgen? Ich will mich ein wenig anziehen. Der Vetter kommt, und ich sehe gar zu liederlich aus. Helft mir einen Augenblick, Mutter. - Nehmt das Buch mit, Brackenburg, und bringt mir wieder so eine Historie. Mutter. Lebt wohl. Brackenburg (seine Hand reichend). Eure Hand! Klare (ihre Hand versagend). Wenn Ihr wiederkommt. (Mutter und Tochter ab.) Brackenburg (allein). Ich hatte mir vorgenommen, gerade wieder fortzugehn; und da sie es dafo?r aufnimmt und mich gehen lo¤oYt, mo¶cht' ich rasend werden. - Unglo?cklicher! und dich ro?hrt deines Vaterlandes Geschick nicht? der wachsende Tumult nicht? - und gleich ist dir Landsmann oder Spanier, und wer regiert und wer recht hat? - War ich doch ein andrer Junge als Schulknabe! - Wenn da ein Exerzitium aufgegeben war: a»Brutus' Rede fo?r die Freiheit, zur o?bung der Redekunsta«, da war doch immer Fritz der Erste, und der Rektor sagte: a»Wenn's nur ordentlicher wo¤re, nur nicht alles so o?bereinander gestolpert.a« - Damals kocht' es und trieb! - Jetzt schlepp ich mich an den Augen des Mo¤dchens so hin. Kann ich sie doch nicht lassen! Kann sie mich doch nicht lieben! - Ach - Nein - Sie - Sie kann mich nicht ganz verworfen haben - Nicht ganz - und halb und nichts! - ich duld es nicht lo¤nger! - - Sollte es wahr sein, was mir ein Freund neulich ins Ohr sagte? daoY sie nachts einen Mann heimlich zu sich einlo¤oYt, da sie mich zo?chtig immer vor Abend aus dem Hause treibt. Nein, es ist nicht wahr, es ist eine Lo?ge, eine scho¤ndliche verleumderische Lo?ge! Klo¤rchen ist so unschuldig, als ich unglo?cklich bin. - Sie hat mich verworfen, hat mich von ihrem Herzen gestooYen - - Und ich soll so fortleben? Ich duld, ich duld es nicht. - - Schon wird mein Vaterland von innerm Zwiste heftiger bewegt, und ich sterbe unter dem Geto?mmel nur ab! Ich duld es nicht! - Wenn die Trompete klingt, ein SchuoY fo¤llt, mir fo¤hrt's durch Mark und Bein! Ach, es reizt mich nicht! es fordert mich nicht, auch mit einzugreifen, mit zu retten, zu wagen. - Elender, schimpflicher Zustand! Es ist besser, ich end auf einmal. Neulich sto?rzt' ich mich ins Wasser, ich sank - aber die geo¤ngstete Natur war sto¤rker; ich fo?hlte, daoY ich schwimmen konnte, und rettete mich wider Wille. - - Ko¶nnt' ich der Zeiten vergessen, da sie mich liebte, mich zu lieben schien! - Warum hat mir 's Mark und Bein durchdrungen, das Glo?ck? Warum haben mir diese Hoffnungen allen GenuoY des Lebens aufgezehrt, indem sie mir ein Paradies von weitem zeigten? - Und jener erste KuoY! Jener einzige! - Hier (die Hand auf den Tisch legend), hier waren wir allein - sie war immer gut und freundlich gegen mich gewesen - da schien sie sich zu erweichen - sie sah mich an - alle Sinnen gingen mir um, und ich fo?hlte ihre Lippen auf den meinigen. - Und - und nun? - Stirb, Armer! Was zauderst du? (Er zieht ein Flo¤schchen aus der Tasche.) Ich will dich nicht umsonst aus meines Bruders Doktorko¤stchen gestohlen haben, heilsames Gift! Du sollst mir dieses Bangen, diese Schwindel, diese TodesschweioYe auf einmal verschlingen und lo¶sen. Zweiter Aufzug Platz in Bro?ssel Jetter und ein Zimmermeister treten zusammen. Zimmermeister. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen auf der Zunft sagt' ich, es wo?rde schwere Ho¤ndel geben. Jetter. Ist's denn wahr, daoY sie die Kirchen in Flandern geplo?ndert haben? Zimmermeister. Ganz und gar zugrunde gerichtet haben sie Kirchen und Kapellen. Nichts als die vier nackten Wo¤nde haben sie stehen lassen. Lauter Lumpengesindel! Und das macht unsre gute Sache schlimm. Wir ho¤tten eher, in der Ordnung und standhaft, unsere Gerechtsame der Regentin vortragen und drauf halten sollen. Reden wir jetzt, versammeln wir uns jetzt, so heioYt es, wir gesellen uns zu den Aufwieglern. Jetter. Ja, so denkt jeder zuerst: was sollst du mit deiner Nase voran? ho¤ngt doch der Hals gar nah damit zusammen. Zimmermeister. Mir ist's bange, wenn's einmal unter dem Pack zu lo¤rmen anfo¤ngt, unter dem Volk, das nichts zu verlieren hat. Die brauchen das zum Vorwande, worauf wir uns auch berufen mo?ssen, und bringen das Land in Unglo?ck. (Soest tritt dazu.) Soest. Guten Tag, ihr Herrn! Was gibt's Neues? Ist's wahr, daoY die Bildersto?rmer gerade hierher ihren Lauf nehmen? Zimmermeister. Hier sollen sie nichts anro?hren. Soest. Es trat ein Soldat bei mir ein, Tobak zu kaufen - den fragt' ich aus. Die Regentin, so eine wackre kluge Frau sie bleibt, diesmal ist sie auoYer Fassung. Es muoY sehr arg sein, daoY sie sich so geradezu hinter ihre Wache versteckt. Die Burg ist scharf besetzt. Man meint sogar, sie wolle aus der Stadt flo?chten. Zimmermeister. Hinaus soll sie nicht! Ihre Gegenwart bescho?tzt uns, und wir wollen ihr mehr verschaffen als ihre Stutzbo¤rte. Und wenn sie uns unsere Rechte und Freiheiten aufrechterho¤lt, so wollen wir sie auf den Ho¤nden tragen. (Seifensieder tritt dazu.) Seifensieder. Garstige Ho¤ndel! o?ble Ho¤ndel! Es wird unruhig und geht schief aus! - Ho?tet euch, daoY ihr stille bleibt, daoY man euch nicht auch fo?r Aufwiegler ho¤lt. Soest. Da kommen die sieben Weisen aus Griechenland. Seifensieder. Ich weioY, da sind viele, die es heimlich mit den Calvinisten halten, die auf die Bischo¶fe lo¤stern, die den Ko¶nig nicht scheuen. Aber ein treuer Untertan, ein aufrichtiger Katholike! - (Es gesellt sich nach und nach allerlei Volk zu ihnen und horcht. - Vansen tritt dazu.) Vansen. Gott gro?oY' euch Herren! Was Neues? Zimmermeister. Gebt euch mit dem nicht ab, das ist ein schlechter Kerl. Jetter. Ist es nicht der Schreiber beim Doktor Wiets? Zimmermeister. Er hat schon viele Herren gehabt. Erst war er Schreiber, und wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmstreiche halber, pfuscht er jetzt Notaren und Advokaten ins Handwerk und ist ein Branntweinzapf. (Es kommt mehr Volk zusammen und steht truppweise.) Vansen. Ihr seid auch versammelt, steckt die Ko¶pfe zusammen. Es ist immer redenswert. Soest. Ich denk auch. Vansen. Wenn jetzt einer oder der andere Herz ho¤tte, und einer oder der andere den Kopf dazu: wir ko¶nnten die spanischen Ketten auf einmal sprengen. Soest. Herre! So mo?oYt Ihr nicht reden. Wir haben dem Ko¶nig geschworen. Vansen. Und der Ko¶nig uns. Merkt das. Jetter. Das lo¤oYt sich ho¶ren! Sagt Eure Meinung. Einige andere. Horch, der versteht's. Der hat Pfiffe. Vansen. Ich hatte einen alten Patron, der besaoY Pergamente und Briefe von uralten Stiftungen, Kontrakten und Gerechtigkeiten; er hielt auf die rarsten Bo?cher. In einem stand unsere ganze Verfassung: wie uns Niederlo¤nder zuerst einzelne Fo?rsten regierten, alles nach hergebrachten Rechten, Privilegien und Gewohnheiten; wie unsre Vorfahren alle Ehrfurcht fo?r ihren Fo?rsten gehabt, wenn er sie regiert, wie er sollte; und wie sie sich gleich vorsahen, wenn er o?ber die Schnur hauen wollte. Die Staaten waren gleich hinterdrein: denn jede Provinz, so klein sie war, hatte ihre Staaten, ihre Landsto¤nde. Zimmermeister. Haltet Euer Maul! das weioY man lange! Ein jeder rechtschaffene Bo?rger ist, so viel er braucht, von der Verfassung unterrichtet. Jetter. LaoYt ihn reden; man erfo¤hrt immer etwas mehr. Soests. Er hat ganz recht. Mehrere. Erzo¤hlt! erzo¤hlt! So was ho¶rt man nicht alle Tage. Vansen. So seid ihr Bo?rgersleute! Ihr lebt nur so in den Tag hin; und wie ihr euer Gewerb' von euern Eltern o?berkommen habt, so laoYt ihr auch das Regiment o?ber euch schalten und walten, wie es kann und mag. Ihr fragt nicht nach dem Herkommen, nach der Historie, nach dem Recht eines Regenten; und o?ber das Verso¤umnis haben euch die Spanier das Netz o?ber die Ohren gezogen. Soests. Wer denkt da dran? wenn einer nur das to¤gliche Brot hat. Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf und sagt einem so etwas? Vansen. Ich sag es euch jetzt. Der Ko¶nig in Spanien, der die Provinzen durch gut Glo?ck zusammen besitzt, darf doch nicht drin schalten und walten anders als die kleinen Fo?rsten, die sie ehemals einzeln besaoYen. Begreift ihr das? Jetter. Erklo¤rt's uns. Vansen. Es ist so klar als die Sonne. Mo?oYt ihr nicht nach euern Landrechten gerichtet werden? Woher ko¤me das? Ein Bo?rger. Wahrlich! Vansen. Hat der Bro?sseler nicht ein ander Recht als der Antwerper? der Antwerper als der Genter? Woher ko¤me denn das? Anderer Bo?rger. Bei Gott! Vansen. Aber, wenn ihr's so fortlaufen laoYt, wird man's euch bald anders weisen. Pfui! Was Karl der Ko?hne, Friedrich der Krieger, Karl der Fo?nfte nicht konnten, das tut nun Philipp durch ein Weib. Soests. Ja, ja! Die alten Fo?rsten haben's auch schon probiert. Vansen. Freilich! - Unsere Vorfahren paoYten auf. Wie sie einem Herrn gram wurden, fingen sie ihm etwa seinen Sohn und Erben weg, hielten ihn bei sich und gaben ihn nur auf die besten Bedingungen heraus. Unsere Vo¤ter waren Leute! Die wuoYten, was ihnen no?tz war! Die wuoYten etwas zu fassen und festzusetzen! Rechte Mo¤nner! Dafo?r sind aber auch unsere Privilegien so deutlich, unsere Freiheiten so versichert. Seifensieder. Was sprecht Ihr von Freiheiten? Das Volk. Von unsern Freiheiten, von unsern Privilegien! Erzo¤hlt noch was von unsern Privilegien. Vansen. Wir Brabanter besonders, obgleich alle Provinzen ihre Vorteile haben, wir sind am herrlichsten versehen. Ich habe alles gelesen. Soests. Sagt an. Jetter. LaoYt ho¶ren. Ein Bo?rger. Ich bitt Euch. Vansen. Erstlich steht geschrieben: Der Herzog von Brabant soll uns ein guter und getreuer Herr sein. Soests. Gut! Steht das so? Jetter. Getreu? Ist das wahr? Vansen. Wie ich euch sage. Er ist uns verpflichtet, wie wir ihm. Zweitens: Er soll keine Macht oder eignen Willen an uns beweisen, merken lassen, oder gedenken zu gestatten, auf keinerlei Weise. Jetter. Scho¶n! Scho¶n! nicht beweisen. Soests. Nicht merken lassen. Ein anderer. Und nicht gedenken zu gestatten! Das ist der Hauptpunkt. Niemanden gestatten, auf keinerlei Weise. Vansen. Mit ausdro?cklichen Worten. Jetter. Schafft uns das Buch. Ein Bo?rger. Ja, wir mo?ssen's haben. Andere. Das Buch! das Buch! Ein anderer. Wir wollen zu der Regentin gehen mit dem Buche. Ein anderer. Ihr sollt das Wort fo?hren, Herr Doktor. Seifensieder. O die Tro¶pfe! Andere. Noch etwas aus dem Buche! Seifensieder. Ich schlage ihm die Zo¤hne in den Hals, wenn er noch ein Wort sagt. Das Volk. Wir wollen sehen, wer ihm etwas tut. Sagt uns was von den Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien? Vansen. Mancherlei, und sehr gute, sehr heilsame. Da steht auch: Der Landsherr soll den geistlichen Stand nicht verbessern oder mehren, ohne Verwilligung des Adels und der Sto¤nde! Merkt das! Auch den Staat des Landes nicht vero¤ndern. Soest. Ist das so? Vansen. Ich will's euch geschrieben zeigen, von zwei-, dreihundert Jahren her. Bo?rger. Und wir leiden die neuen Bischo¶fe? Der Adel muoY uns scho?tzen, wir fangen Ho¤ndel an! Andere. Und wir lassen uns von der Inquisition ins Bockshorn jagen? Vansen. Das ist eure Schuld. Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Oranien! Die sorgen fo?r unser Bestes! Vansen. Eure Bro?der in Flandern haben das gute Werk angefangen. Seifensieder. Du Hund! (Er schlo¤gt ihn.) Andere (widersetzen sich und rufen). Bist du auch ein Spanier? Ein anderer. Was? den Ehrenmann? Ein anderer. Den Gelahrten? (Sie fallen den Seifensieder an.) Zimmermeister. Um's Himmels willen, ruht! (Andere mischen sich in den Streit.) Zimmermeister. Bo?rger, was soll das? (Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Bo?rger stehn und gaffen, Volk lo¤uft zu, andere gehn gelassen auf und ab, andere treiben allerlei Schalkspossen, schreien und jubilieren.) Andere. Freiheit und Privilegien! Privilegien und Freiheit! (Egmont tritt auf mit Begleitung.) Egmont. Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt sie aus einander! Zimmermeister. Gno¤diger Herr, Ihr kommt wie ein Engel des Himmels. Stille! seht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz! Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Bo?rger gegen Bo?rger! Ho¤lt sogar die No¤he unsrer ko¶niglichen Regentin diesen Unsinn nicht zuro?ck? Geht auseinander, geht an euer Gewerbe. Es ist ein o?bles Zeichen, wenn ihr an Werktagen feiert. Was war's? (Der Tumult stillt sich nach und nach, und alle stehen um ihn herum.) Zimmermeister. Sie schlagen sich um ihre Privilegien. Egmont. Die sie noch mutwillig zertro?mmern werden - Und wer seid Ihr? Ihr scheint mir rechtliche Leute. Zimmermeister. Das ist unser Bestreben. Egmont. Eures Zeichens? Zimmermeister. Zimmermann und Zunftmeister. Egmont. Und Ihr? Soest. Kro¤mer. Egmont. Ihr? Jetter. Schneider. Egmont. Ich erinnere mich, Ihr habt mit an den Livreen fo?r meine Leute gearbeitet. Euer Name ist Jetter. Jetter. Gnade, daoY Ihr Euch dessen erinnert. Egmont. Ich vergesse niemanden leicht, den ich einmal gesehen und gesprochen habe. - Was an euch ist, Ruhe zu erhalten, Leute, das tut; ihr seid o?bel genug angeschrieben. Reizt den Ko¶nig nicht mehr, er hat zuletzt doch die Gewalt in Ho¤nden. Ein ordentlicher Bo?rger, der sich ehrlich und fleioYig no¤hrt, hat o?berall so viel Freiheit, als er braucht. Zimmermeister. Ach wohl! das ist eben unsre Not! Die Tagdiebe, die So¶ffer, die Faulenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die sto¤nkern aus Langerweile und scharren aus Hunger nach Privilegien und lo?gen den Neugierigen und Leichtglo¤ubigen was vor, und um eine Kanne Bier bezahlt zu kriegen, fangen sie Ho¤ndel an, die viel tausend Menschen unglo?cklich machen. Das ist ihnen eben recht. Wir halten unsre Ho¤user und Kasten zu gut verwahrt; da mo¶chten sie gern uns mit Feuerbro¤nden davontreiben. Egmont. Allen Beistand sollt ihr finden; es sind MaoYregeln genommen, dem o?bel kro¤ftig zu begegnen. Steht fest gegen die fremde Lehre und glaubt nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien. Bleibt zu Hause; leidet nicht, daoY sie sich auf den StraoYen rotten. Verno?nftige Leute ko¶nnen viel tun. (Indessen hat sich der gro¶oYte Haufe verlaufen.) Zimmermeister. Danken Euer Exzellenz, danken fo?r die gute Meinung! Alles, was an uns liegt. (Egmont ab.) Ein gno¤diger Herr! der echte Niederlo¤nder! Gar so nichts Spanisches. Jetter. Ho¤tten wir ihn nur zum Regenten! Man folgt' ihm gerne. Soest. Das lo¤oYt der Ko¶nig wohl sein. Den Platz besetzt er immer mit den Seinigen. Jetter. Hast du das Kleid gesehen? Das war nach der neuesten Art, nach spanischem Schnitt. Zimmermeister. Ein scho¶ner Herr! Jetter. Sein Hals wo¤r' ein rechtes Fressen fo?r einen Scharfrichter. Soest. Bist du toll? was kommt dir ein! Jetter. Dumm genug, daoY einem so etwas einfo¤llt. - Es ist mir nun so. Wenn ich einen scho¶nen langen Hals sehe, muoY ich gleich wider Willen denken: der ist gut ko¶pfen. - Die verfluchten Exekutionen! man kriegt sie nicht aus dem Sinne. Wenn die Bursche schwimmen, und ich seh einen nackten Buckel, gleich fallen sie mir zu Dutzenden ein, die ich habe mit Ruten streichen sehen. Begegnet mir ein rechter Wanst, mein ich, den so¤h' ich schon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's an allen Gliedern; man wird eben keine Stunde froh. Jede Lustbarkeit, jeden SpaoY hab ich bald vergessen; die fo?rchterlichen Gestalten sind mir wie vor die Stirne gebrannt. Egmonts Wohnung Sekreto¤r an einem Tisch mit Papieren, er steht unruhig auf. Sekreto¤r. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei Stunden, die Feder in der Hand,. die Papiere vor mir; und eben heute mo¶cht' ich gern so zeitig fort. Es brennt mir unter den Sohlen. Ich kann vor Ungeduld kaum bleiben. a»Sei auf die Stunde daa«, befahl er mir noch, ehe er wegging; nun kommt er nicht. Es ist so viel zu tun, ich werde vor Mitternacht nicht fertig. Freilich sieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch hielt' ich's besser, wenn er strenge wo¤re und lieoYe einen auch wieder zur bestimmten Zeit. Man ko¶nnte sich einrichten. Von der Regentin ist er nun schon zwei Stunden weg; wer weioY, wen er unterwegs angefaoYt hat. (Egmont tritt auf.) Egmont. Wie sieht's aus? Sekreto¤r. Ich bin bereit, und drei Boten warten. Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein verdrieoYlich Gesicht. Sekreto¤r. Euerm Befehl zu gehorchen, wart ich schon lange. Hier sind die Papiere! Egmont. Donna Elvira wird bo¶se auf mich werden, wenn sie ho¶rt, daoY ich dich abgehalten habe. Sekreto¤r. Ihr scherzt. Egmont. Nein, nein. Scho¤me dich nicht. Du zeigst einen guten Geschmack. Sie ist ho?bsch; und es ist mir ganz recht, daoY du auf dem Schlosse eine Freundin hast. Was sagen die Briefe? Sekreto¤r. Mancherlei und wenig Erfreuliches. Egmont. Da ist gut, daoY wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von auswo¤rts zu erwarten brauchen. Ist viel gekommen? Sekreto¤r. Genug, und drei Boten warten. Egmont. Sag an! das No¶tigste! Sekreto¤r. Es ist alles no¶tig. Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind! Sekreto¤r. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in Gent und der umliegenden Gegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt. - Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen Ungezogenheiten und Tollko?hnheiten? Sekreto¤r. Ja! Es kommt noch manches vor. Egmont. Verschone mich damit. Sekreto¤r. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei Wervicq das Marienbild umgerissen haben. Er fragt an, ob er sie auch wie die andern soll ho¤ngen lassen? Egmont. Ich bin des Ho¤ngens mo?de. Man soll sie durchpeitschen, und sie mo¶gen gehen. Sekreto¤r. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch durchpeitschen? Egmont. Die mag er verwarnen und laufenlassen. Sekreto¤r. Brink von Bredas Kompanie will heiraten. Der Hauptmann hofft, Ihr werdet's ihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem Haufen, schreibt er, daoY, wenn wir ausziehen, es keinem Soldatenmarsch, sondern einem Zigeunergeschleppe o¤hnlich sehen wird. Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein scho¶ner junger Kerl; er bat mich noch gar dringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's keinem mehr gestattet sein, so leid mir's tut, den armen Teufeln, die ohnedies geplagt genug sind, ihren besten SpaoY zu versagen. Sekreto¤r. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Mo¤del, einer Wirtstochter, o?bel mitgespielt. Sie kriegten sie allein, und die Dirne konnte sich ihrer nicht erwehren. Egmont. Wenn es ein ehrlich Mo¤dchen ist, und sie haben Gewalt gebraucht, so soll er sie drei Tage hintereinander mit Ruten streichen lassen, und wenn sie etwas besitzen, soll er so viel davon einziehen, daoY dem Mo¤dchen eine Ausstattung gereicht werden kann. Sekreto¤r. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch Comines gegangen und entdeckt worden. Er schwo¶rt, er sei im Begriff, nach Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soll er enthauptet werden. Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen und ihm versichern, daoY er das zweitemal nicht so wegkommt. Sekreto¤r. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es komme wenig Geld ein, er ko¶nne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich schicken; der Tumult habe in alles die gro¶oYte Konfusion gebracht. Egmont. Das Geld muoY herbei! er mag sehen, wie er es zusammenbringt. Sekreto¤r. Er sagt, er werde sein mo¶glichstes tun und wolle endlich den Raymond, der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in Verhaft nehmen lassen. Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen. Sekreto¤r. Das letztemal setzte er sich selbst vierzehn Tage. Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er gegen ihn verfahren. Sekreto¤r. Ihr tut wohl. Es ist nicht Unvermo¶gen; es ist bo¶ser Wille. Er macht gewioY Ernst, wenn er sieht, Ihr spaoYt nicht. - Ferner sagt der Einnehmer: er wolle den alten Soldaten, den Witwen und einigen andern, denen Ihr Gnadengehalte gebt, die Gebo?hr einen halben Monat zuro?ckhalten; man ko¶nne indessen Rat schaffen; sie mo¶chten sich einrichten. Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld no¶tiger als ich. Das soll er bleibenlassen. Sekreto¤r. Woher befehlt Ihr denn, daoY er das Geld nehmen soll? Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen Briefe schon gesagt. Sekreto¤r. Deswegen tut er die Vorschlo¤ge. Egmont. Die taugen nicht, er soll auf was anders sinnen. Er soll Vorschlo¤ge tun, die annehmlich sind, und vor allem soll er das Geld schaffen. Sekreto¤r. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hiehergelegt. Verzeiht, daoY ich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient vor allen andern eine ausfo?hrliche Antwort. Ihr wolltet ihm selbst schreiben. GewioY, er liebt Euch wie ein Vater. Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem VerhaoYten ist mir das Schreiben das VerhaoYteste. Du machst meine Hand ja so gut nach, schreib in meinem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu; und wo?nschte selbst, daoY ihm auf seine Bedenklichkeiten was recht Beruhigendes geschrieben wo?rde. Sekreto¤r. Sagt mir nur ungefo¤hr Eure Meinung; ich will die Antwort schon aufsetzen und sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden, daoY sie vor Gericht fo?r Eure Hand gelten kann. Egmont. Gib mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter ehrlicher Alter! Warst du in deiner Jugend auch wohl so bedo¤chtig? Erstiegst du nie einen Wall? Bliebst du in der Schlacht, wo es die Klugheit anro¤t, hinten? - Der treue, sorgliche! Er will mein Leben und mein Glo?ck und fo?hlt nicht, daoY der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt. - Schreib ihm, er mo¶ge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich werde mich schon wahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten brauchen und meines vollkommnen Dankes gewioY sein. Sekreto¤r. Nichts weiter? O er erwartet mehr. Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte machen, so steht's bei dir. Es dreht sich immer um den einen Punkt: ich soll leben, wie ich nicht leben mag. DaoY ich fro¶hlich bin, die Sachen leicht nehme, rasch lebe, das ist mein Glo?ck; und ich vertausch es nicht gegen die Sicherheit eines Totengewo¶lbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensart nicht einen Blutstropfen in meinen Adern; nicht Lust, meine Schritte nach der neuen bedo¤chtigen Hofkadenz zu mustern. Leb ich nur, um aufs Leben zu denken? Soll ich den gegenwo¤rtigen Augenblick nicht genieoYen, damit ich des folgenden gewioY sei? Und diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren? Sekreto¤r. Ich bitt Euch, Herr; seid nicht so harsch und rauh gegen den guten Mann. Ihr seid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein gefo¤llig Wort, das den edeln Freund beruhige. Seht, wie sorgfo¤ltig er ist, wie leis er Euch bero?hrt. Egmont. Und doch bero?hrt er immer diese Saite. Er weioY von alters her, wie verhaoYt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre, sie helfen nichts. Und wenn ich ein Nachtwandler wo¤re und auf dem gefo¤hrlichen Gipfel eines Hauses spazierte, ist es freundschaftlich, mich beim Namen zu rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu to¶ten? LaoYt jeden seines Pfades gehn; er mag sich wahren. Sekreto¤r. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen, aber wer Euch kennt und liebt - Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten Mo¤rchen auf, was wir an einem Abend in leichtem o?bermut der Geselligkeit und des Weins getrieben und gesprochen; und was man daraus fo?r Folgen und Beweise durchs ganze Ko¶nigreich gezogen und geschleppt habe. - Nun gut! wir haben Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener o„rmel sticken lassen, und haben diese tolle Zierde nachher in ein Bo?ndel Pfeile verwandelt; ein noch gefo¤hrlicher Symbol fo?r alle, die deuten wollen, wo nichts zu deuten ist. Wir haben die und jene Torheit in einem lustigen Augenblick empfangen gleich und geboren; sind schuld, daoY eine ganze edle Schar mit Bettelso¤cken und mit einem selbstgewo¤hlten Unnamen dem Ko¶nige seine Pflicht mit spottender Demut ins Gedo¤chtnis rief; sind schuld - was ist's nun weiter? Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns die kurzen, bunten Lumpen zu mioYgo¶nnen, die ein jugendlicher Mut, eine angefrischte Phantasie um unsers Lebens arme Blo¶oYe ho¤ngen mag? Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen o?brigbleibt: ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heut, um das zu o?berlegen, was gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sie Scho?lern und Ho¶flingen o?berlassen. Die mo¶gen sinnen und aussinnen, wandeln und schleichen, gelangen, wohin sie ko¶nnen, erschleichen, was sie ko¶nnen. - Kannst du von allem diesem etwas brauchen, daoY deine Epistel kein Buch wird, so ist mir's recht. Dem guten Alten scheint alles viel zu wichtig. So dro?ckt ein Freund, der lang unsre Hand gehalten, sie sto¤rker noch einmal, wenn er sie lassen will. Sekreto¤r. Verzeiht mir, es wird dem FuoYgo¤nger schwindlig, der einen Mann, mit rasselnder Eile daherfahren sieht. Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als, mutig gefaoYt, die Zo?gel festzuhalten und bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze da, die Ro¤der wegzulenken. Wohin es geht, wer weioY es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam. Sekreto¤r. Herr! Herr! Egmont. Ich stehe hoch und kann und muoY noch ho¶her steigen; ich fo?hle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht; und steh ich droben einst, so will ich fest, nicht o¤ngstlich stehn. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja ein selbst verfehlter Schritt mich abwo¤rts in die Tiefe sto?rzen; da lieg ich mit viel Tausenden. Ich habe nie verschmo¤ht, mit meinen guten Kriegsgesellen um kleinen Gewinst das blutige Los zu werfen; und sollt' ich knickern, wenn's um den ganzen freien Wert des Lebens geht? Sekreto¤r. O Herr! Ihr wioYt nicht, was fo?r Worte Ihr sprecht! Gott erhalt' Euch! Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus, was am no¶tigsten ist, daoY die Boten fortkommen, eh die Tore geschlossen werden. Das andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laoY bis morgen; verso¤ume nicht, Elviren zu besuchen, und gro?oYe sie von mir. - Horche, wie sich die Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleich verbirgt. (Sekreto¤r ab.) (Oranien kommt.) Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei. Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin? Egmont. Ich fand in ihrer Art, uns aufzunehmen, nichts AuoYerordentliches. Ich habe sie schon mehr so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl. Oranien. Merktet Ihr nicht, daoY sie zuro?ckhaltender war? Erst wollte sie unser Betragen bei dem neuen Aufruhr des Po¶bels gelassen billigen; nachher merkte sie an, was sich doch auch fo?r ein falsches Licht darauf werfen lasse; wich dann mit dem Gespro¤che zu ihrem alten gewo¶hnlichen Diskurs: daoY man ihre liebevolle gute Art, ihre Freundschaft zu uns Niederlo¤ndern, nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daoY nichts einen erwo?nschten Ausgang nehmen wolle, daoY sie am Ende wohl mo?de werden, der Ko¶nig sich zu andern MaoYregeln entschlieoYen mo?sse. Habt Ihr das geho¶rt? Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie ist ein Weib, guter Oranien, und die mo¶chten immer gern, daoY sich alles unter ihr sanftes Joch gelassen schmiegte, daoY jeder Herkules die Lo¶wenhaut ablegte und ihren Kunkelhof vermehrte; daoY, weil sie friedlich gesinnt sind, die Go¤rung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den mo¤chtige Nebenbuhler gegeneinander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen lieoYe und die widrigsten Elemente sich zu ihren Fo?oYen in sanfter Eintracht vereinigten. Das ist ihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen kann, so hat sie keinen Weg, als launisch zu werden, sich o?ber Undankbarkeit, Unweisheit zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die Zukunft zu drohen, und zu drohen - daoY sie fortgehn will. Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daoY sie ihre Drohung erfo?llt? Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig gesehn! Wo will sie denn hin? Hier Statthalterin, Ko¶nigin; glaubst du, daoY sie es unterhalten wird, am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaspeln? oder nach Italien zu gehen und sich in alten Familienverho¤ltnissen herumzuschleppen? Oranien. Man ho¤lt sie dieser EntschlieoYung nicht fo¤hig, weil Ihr sie habt zaudern, weil Ihr sie habt zuro?cktreten sehn; dennoch liegt's wohl in ihr; neue Umsto¤nde treiben sie zu dem lang verzo¶gerten EntschluoY. Wenn sie ginge? und der Ko¶nig schickte einen andern? Egmont. Nun, der wo?rde kommen, und wo?rde eben auch zu tun finden. Mit grooYen Planen, Projekten und Gedanken wo?rde er kommen, wie er alles zurechtro?cken, unterwerfen und zusammenhalten wolle; und wo?rde heut mit dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu tun haben, o?bermorgen jene Hindernis finden, einen Monat mit Entwo?rfen, einen andern mit VerdruoY o?ber fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen o?ber eine einzige Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf schwindeln und die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daoY er, statt weite Meere nach einer vorgezognen Linie zu durchsegeln, Gott danken mag, wenn er sein Schiff in diesem Sturme vom Felsen ho¤lt. Oranien. Wenn man nun aber dem Ko¶nig zu einem Versuch riete? Egmont. Der wo¤re? Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge. Egmont. Wie? Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verho¤ltnisse am Herzen, ich stehe immer wie o?ber einem Schachspiele und halte keinen Zug des Gegners fo?r unbedeutend; und wie mo?oYige Menschen mit der gro¶oYten Sorgfalt sich um die Geheimnisse der Natur beko?mmern, so halt ich es fo?r Pflicht, fo?r Beruf eines Fo?rsten, die Gesinnungen, die Ratschlo¤ge aller Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zu befo?rchten. Der Ko¶nig hat lange nach gewissen Grundso¤tzen gehandelt; er sieht, daoY er damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daoY er es auf einem andern Wege versucht? Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel versucht, und es will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muoY man es endlich wohl genug haben. Oranien. Eins hat er noch nicht versucht. Egmont. Nun? Oranien. Das Volk zu schonen und die Fo?rsten zu verderben. Egmont. Wie viele haben das schon lange gefo?rchtet! Es ist keine Sorge. Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung, zuletzt GewioYheit geworden. Egmont. Und hat der Ko¶nig treuere Diener als uns? Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander ko¶nnen wir gestehen, daoY wir des Ko¶nigs Rechte und die unsrigen wohl abzuwo¤gen wissen. Egmont. Wer tut's nicht? Wir sind ihm untertan und gewo¤rtig in dem, was ihm zukommt. Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und Treulosigkeit nennte, was wir heioYen: auf unsre Rechte halten? Egmont. Wir werden uns verteidigen ko¶nnen. Er rufe die Ritter des Vlieses zusammen, wir wollen uns richten lassen. Oranien. Und was wo¤re ein Urteil vor der Untersuchung? eine Strafe vor dem Urteil? Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig machen wird; und eine Torheit, die ich ihm und seinen Ro¤ten nicht zutraue. Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und to¶richt wo¤ren? Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht mo¶glich. Wer sollte wagen, Hand an uns zu legen? - Uns gefangenzunehmen, wo¤r' ein verlornes und fruchtloses Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei so hoch aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht o?bers Land bro¤chte, wo?rde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wohinaus wollten sie? Richten und verdammen kann nicht der Ko¶nig allein; und wollten sie meuchelmo¶rderisch an unser Leben? - Sie ko¶nnen nicht wollen. Ein schrecklicher Bund wo?rde in einem Augenblick das Volk vereinigen. HaoY und ewige Trennung vom spanischen Namen wo?rde sich gewaltsam erklo¤ren. Oranien. Die Flamme wo?tete dann o?ber unserm Grabe, und das Blut unsrer Feinde flo¶sse zum leeren So?hnopfer. LaoY uns denken, Egmont. Egmont. Wie sollten sie aber? Oranien. Alba ist unterwegs. Egmont. Ich glaub's nicht. Oranien. Ich weioY es. Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen. Oranien. Um desto mehr bin ich o?berzeugt. Die Regentin wird ihm Platz machen. Seinen Mordsinn kenn ich, und ein Heer bringt er mit. Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belo¤stigen? Das Volk wird ho¶chst schwierig werden. Oranien. Man wird sich der Ho¤upter versichern. Egmont. Nein! Nein! Oranien. LaoY uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen wir uns versto¤rken; mit offner Gewalt fo¤ngt er nicht an. Egmont. Mo?ssen wir ihn nicht begro?oYen, wenn er kommt? Oranien. Wir zo¶gern. Egmont. Und wenn er uns im Namen des Ko¶nigs bei seiner Ankunft fordert? Oranien. Suchen wir Ausflo?chte. Egmont. Und wenn er dringt? Oranien. Entschuldigen wir uns. Egmont. Und wenn er drauf besteht? Oranien. Kommen wir um so weniger. Egmont. Und der Krieg ist erklo¤rt, und wir sind die Rebellen. Oranien, laoY dich nicht durch Klugheit verfo?hren; ich weioY, daoY Furcht dich nicht weichen macht. Bedenke den Schritt. Oranien. Ich hab ihn bedacht. Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist; an dem verderblichsten Kriege, der je ein Land verwo?stet hat. Dein Weigern ist das Signal, das die Provinzen mit einmal zu den Waffen ruft, das jede Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwand gehascht hat. Was wir lange mo?hselig gestillt haben, wirst du mit einem Winke zur schrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk an die Sto¤dte, die Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe! und denke die Verwo?stung, den Mord! - Ruhig sieht der Soldat wohl im Felde seinen Kameraden neben sich hinfallen; aber den FluoY herunter werden dir die Leichen der Bo?rger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenschwimmen, daoY du mit Entsetzen dastehst und nicht mehr weioYt, wessen Sache du verteidigst, da die zugrunde gehen, fo?r deren Freiheit du die Waffen ergriffst. Und wie wird dir's sein, wenn du dir still sagen muoYt: a»Fo?r meine Sicherheit ergriff ich sie.a« Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich, uns fo?r Tausende hinzugeben, so ziemt es sich auch, uns fo?r Tausende zu schonen. Egmont. Wer sich schont, muoY sich selbst verdo¤chtig werden. Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und ro?ckwo¤rts gehen. Egmont. Das o?bel, das du fo?rchtest, wird gewioY durch deine Tat. Oranien. Es ist klug und ko?hn, dem unvermeidlichen o?bel entgegenzugehn. Egmont. Bei so grooYer Gefahr kommt die leichteste Hoffnung in Anschlag. Oranien. Wir haben nicht fo?r den leisesten FuoYtritt Platz mehr; der Abgrund liegt hart vor uns. Egmont. Ist des Ko¶nigs Gunst ein so schmaler Grund? Oranien. So schmal nicht, aber schlo?pfrig. Egmont. Bei Gott! man tut ihm Unrecht. Ich mag nicht leiden, daoY man unwo?rdig von ihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fo¤hig. Oranien. Die Ko¶nige tun nichts Niedriges. Egmont. Man sollte ihn kennenlernen. Oranien. Eben diese Kenntnis ro¤t uns, eine gefo¤hrliche Probe nicht abzuwarten. Egmont. Keine Probe ist gefo¤hrlich, zu der man Mut hat. Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont. Egmont. Ich muoY mit meinen Augen sehen. Oranien. O so¤hst du diesmal nur mit den meinigen! Freund, weil du sie offen hast, glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft ab, und Gott sei bei dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht daoY der Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beide auf einmal verschlingt. Vielleicht zo¶gert er, um seinen Anschlag sicherer auszufo?hren; und vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer wahren Gestalt. Aber dann schnell! schnell! Rette! rette dich! - Leb wohl! - LaoY deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen: wieviel Mannschaft er mitbringt, wie er die Stadt besetzt, was fo?r Macht die Regentin beho¤lt, wie deine Freunde gefaoYt sind. Gib mir Nachricht - - - Egmont - Egmont. Was willst du? Oranien (ihn bei der Hand fassend). LaoY dich o?berreden! Geh mit! Egmont. Wie? Tro¤nen, Oranien? Oranien. Einen Verlornen zu beweinen, ist auch mo¤nnlich. Egmont. Du wo¤hnst mich verloren? Oranien. Du bist's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Frist. Leb wohl! (Ab.) Egmont (allein). DaoY andrer Menschen Gedanken solchen EinfluoY auf uns haben! Mir wo¤r' es nie eingekommen; und dieser Mann tro¤gt seine Sorglichkeit in mich hero?ber. - Weg! - Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blute. Gute Natur, wirf ihn wieder heraus! Und von meiner Stirne die sinnenden Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich Mittel. Dritter Aufzug Palast der Regentin Margarete von Parma. Margarete. Ich ho¤tte mir's vermuten sollen. Ha! Wenn man in Mo?he und Arbeit vor sich hinlebt, denkt man immer, man tue das Mo¶glichste; und der von weitem zusieht und befiehlt, glaubt, er verlange nur das Mo¶gliche. - O die Ko¶nige! - Ich ho¤tte nicht geglaubt, daoY es mich so verdrieoYen ko¶nnte. Es ist so scho¶n zu herrschen! - Und abzudanken? - Ich weioY nicht, wie mein Vater es konnte; aber ich will es auch. (Machiavell erscheint im Grunde.) Regentin. Tretet no¤her, Machiavell. Ich denke hier o?ber den Brief meines Bruders. Machiavell. Ich darf wissen, was er entho¤lt? Regentin. So viel zo¤rtliche Aufmerksamkeit fo?r mich als Sorgfalt fo?r seine Staaten. Er ro?hmt die Standhaftigkeit, den FleioY und die Treue, womit ich bisher fo?r die Rechte seiner Majesto¤t in diesen Landen gewacht habe. Er bedauert mich, daoY mir das unbo¤ndige Volk so viel zu schaffen mache. Er ist von der Tiefe meiner Einsichten so vollkommen o?berzeugt, mit der Klugheit meines Betragens so auoYerordentlich zufrieden, daoY ich fast sagen muoY, der Brief ist fo?r einen Ko¶nig zu scho¶n geschrieben, fo?r einen Bruder gewioY. Machiavell. Es ist nicht das erstemal, daoY er Euch seine gerechte Zufriedenheit bezeigt. Regentin. Aber das erstemal, daoY es rednerische Figur ist. Machiavell. Ich versteh Euch nicht. Regentin. Ihr werdet. - Denn er meint, nach diesem Eingange: ohne Mannschaft, ohne eine kleine Armee werde ich immer hier eine o?ble Figur spielen! Wir ho¤tten, sagt er, unrecht getan, auf die Klagen der Einwohner unsre Soldaten aus den Provinzen zu ziehen. Eine Besatzung, meint er, die dem Bo?rger auf dem Nacken lastet, verbiete ihm durch ihre Schwere, grooYe Spro?nge zu machen. Machiavell. Es wo?rde die Gemo?ter o¤uoYerst aufbringen. Regentin. Der Ko¶nig meint aber, ho¶rst du? - Er meint, daoY ein to?chtiger General, so einer, der gar keine Ro¤son annimmt, gar bald mit Volk und Adel, Bo?rgern und Bauern fertig werden ko¶nne; - und schickt deswegen mit einem starken Heere - den Herzog von Alba. Machiavell. Alba? Regentin. Du wunderst dich? Machiavell. Ihr sagt: er schickt. Er fragt wohl, ob er schicken soll? Regentin. Der Ko¶nig fragt nicht; er schickt. Machiavell. So werdet Ihr einen erfahrnen Krieger in Euren Diensten haben. Regentin. In meinen Diensten? Rede grad heraus, Machiavell. Machiavell. Ich mo¶cht' Euch nicht vorgreifen. Regentin. Und ich mo¶chte mich verstellen! Es ist mir empfindlich, sehr empfindlich. Ich wollte lieber, mein Bruder sagte, wie er's denkt, als daoY er fo¶rmliche Episteln unterschreibt, die ein Staatssekreto¤r aufsetzt. Machiavell. Sollte man nicht einsehen? - Regentin. Und ich kenne sie inwendig und auswendig. Sie mo¶chten's gern geso¤ubert und gekehrt haben; und weil sie selbst nicht zugreifen, so findet ein jeder Vertrauen, der mit dem Besen in der Hand kommt. O mir ist's, als wenn ich den Ko¶nig und sein Konseil auf dieser Tapete gewirkt so¤he. Machiavell. So lebhaft? Regentin. Es fehlt kein Zug. Es sind gute Menschen drunter. Der ehrliche Rodrich, der so erfahren und mo¤oYig ist, nicht zu hoch will, und doch nichts fallen lo¤oYt, der gerade Alonzo, der fleioYige Freneda, der feste Las Vargas, und noch einige, die mitgehen, wenn die gute Partei mo¤chtig wird. Da sitzt aber der hohlo¤ugige Toledaner mit der ehrnen Stirne und dem tiefen Feuerblick, murmelt zwischen den Zo¤hnen von Weibergo?te, unzeitigem Nachgeben und daoY Frauen wohl von zugerittenen Pferden sich tragen lassen, selbst aber schlechte Stallmeister sind, und solche Spo¤oYe, die ich ehemals von den politischen Herren habe mit durchho¶ren mo?ssen. Machiavell. Ihr habt zu dem Gemo¤lde einen guten Farbentopf gewo¤hlt. Regentin. Gesteht nur, Machiavell: In meiner ganzen Schattierung, aus der ich allenfalls malen ko¶nnte, ist kein Ton so gelbbraun-gallenschwarz wie Albas Gesichtsfarbe und als die Farbe, aus der er malt. Jeder ist bei ihm gleich ein Gotteslo¤sterer, ein Majesto¤tsscho¤nder: denn aus diesem Kapitel kann man sie alle sogleich ro¤dern, pfo¤hlen, vierteilen und verbrennen. - Das Gute, was ich hier getan habe, sieht gewioY in der Ferne wie nichts aus, eben weil's gut ist. - Da ho¤ngt er sich an jeden Mutwillen, der vorbei ist, erinnert an jede Unruhe, die gestillt ist; und es wird dem Ko¶nige vor den Augen so voll Meuterei, Aufruhr und Tollko?hnheit, daoY er sich vorstellt, sie fro¤oYen sich hier einander auf, wenn eine flo?chtig voro?bergehende Ungezogenheit eines rohen Volks bei uns lange vergessen ist. Da faoYt er einen recht herzlichen HaoY auf die armen Leute; sie kommen ihm abscheulich, ja wie Tiere und Ungeheuer vor; er sieht sich nach Feuer und Schwert um und wo¤hnt, so bo¤ndige man Menschen. Machiavell. Ihr scheint mir zu heftig, Ihr nehmt die Sache zu hoch. Bleibt Ihr nicht Regentin? Regentin. Das kenn ich. Er wird eine Instruktion bringen. - Ich bin in Staatsgescho¤ften alt genug geworden, um zu wissen, wie man einen verdro¤ngt, ohne ihm seine Bestallung zu nehmen. - Erst wird er eine Instruktion bringen, die wird unbestimmt und schief sein; er wird um sich greifen, denn er hat die Gewalt; und wenn ich mich beklage, wird er eine geheime Instruktion vorscho?tzen; wenn ich sie sehen will, wird er mich herumziehen; wenn ich drauf bestehe, wird er mir ein Papier zeigen, das ganz was anders entho¤lt; und wenn ich mich da nicht beruhige, gar nicht mehr tun, als wenn ich redete. - Indes wird er, was ich fo?rchte, getan, und was ich wo?nsche, weit abwo¤rts gelenkt haben. Machiavell. Ich wollt', ich ko¶nnt' Euch widersprechen. Regentin. Was ich mit unso¤glicher Geduld beruhigte, wird er durch Ho¤rte und Grausamkeiten wieder aufhetzen; ich werde vor meinen Augen mein Werk verloren sehen und o?berdies noch seine Schuld zu tragen haben. Machiavell. Erwarten's Eure Hoheit. Regentin. So viel Gewalt hab ich o?ber mich, um stille zu sein. LaoY ihn kommen; ich werde ihm mit der besten Art Platz machen, eh' er mich verdro¤ngt. Machiavell. So rasch diesen wichtigen Schritt? Regentin. Schwerer, als du denkst. Wer zu herrschen gewohnt ist, wer's hergebracht hat, daoY jeden Tag das Schicksal von Tausenden in seiner Hand liegt, steigt vom Throne wie ins Grab. Aber besser so, als einem Gespenste gleich unter den Lebenden bleiben und mit hohlem Ansehn einen Platz behaupten wollen, den ihm ein anderer abgeerbt hat und nun besitzt und genieoYt. Klo¤rchens Wohnung Klo¤rchen. Mutter. Mutter. So eine Liebe wie Brackenburgs hab ich nie gesehen; ich glaubte, sie sei nur in Heldengeschichten. Klo¤rchen (geht in der Stube auf und ab, ein Lied zwischen den Lippen summend). Glo?cklich allein Ist die Seele, die liebt. Mutter. Er vermutet deinen Umgang mit Egmont; und ich glaube, wenn du ihm ein wenig freundlich to¤test, wenn du wolltest, er heiratete dich noch. Klo¤rchen (singt). Freudvoll Und leidvoll, Gedankenvoll sein, Langen Und bangen In schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betro?bt - Glo?cklich allein Ist die Seele, die liebt. Mutter. LaoY das Heiopopeia. Klo¤rchen. Scheltet mir's nicht; es ist ein kro¤ftig Lied. Hab ich doch schon manchmal ein grooYes Kind damit schlafen gewiegt. Mutter. Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe. Vergo¤oYest du nur nicht alles o?ber das eine. Den Brackenburg solltest du in Ehren halten, sag ich dir. Er kann dich noch einmal glo?cklich machen. Klo¤rchen. Er? Mutter. O ja! es kommt eine Zeit! - Ihr Kinder seht nichts voraus und o?berhorcht unsre Erfahrungen. Die Jugend und die scho¶ne Liebe, alles hat sein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt, wenn man irgendwo unterkriechen kann. Klo¤rchen (schaudert, schweigt und fo¤hrt auf). Mutter, laoYt die Zeit kommen wie den Tod. Dran vorzudenken ist schreckhaft! - Und wenn er kommt! Wenn wir mo?ssen - dann - wollen wir uns gebo¤rden, wie wir ko¶nnen - Egmont, ich dich entbehren! - (In Tro¤nen.) Nein, es ist nicht mo¶glich, nicht mo¶glich. Egmont (in einem Reitermantel, den Hut ins Gesicht gedro?ckt). Klo¤rchen! Klo¤rchen (tut einen Schrei, fo¤hrt zuro?ck). Egmont! (Sie eilt auf ihn zu.) Egmont! (Sie umarmt ihn und ruht an ihm.) O du Guter, Lieber, So?oYer! Kommst du? bist du da! Egmont. Guten Abend, Mutter. Mutter. Gott gro?oY' Euch, edler Herr! Meine Kleine ist fast vergangen, daoY Ihr so lang ausbleibt; sie hat wieder den ganzen Tag von Euch geredet und gesungen. Egmont. Ihr gebt mir doch ein Nachtessen? Mutter. Zu viel Gnade. Wenn wir nur etwas ho¤tten. Klo¤rchen. Freilich! Seid nur ruhig, Mutter; ich habe schon alles darauf eingerichtet, ich habe etwas zubereitet. Verratet mich nicht, Mutter. Mutter. Schmal genug. Klo¤rchen. Wartet nur! Und dann denk ich: wenn er bei mir ist, hab ich gar keinen Hunger; da sollte er auch keinen grooYen Appetit haben, wenn ich bei ihm bin. Egmont. Meinst du? Klo¤rchen (stampft mit dem FuoYe und kehrt sich unwillig um). Egmont. Wie ist dir? Klo¤rchen. Wie seid Ihr heute so kalt! Ihr habt mir noch keinen KuoY angeboten. Warum habt Ihr die Arme in den Mantel gewickelt wie ein Wochenkind? Ziemt keinem Soldaten noch Liebhaber, die Arme eingewickelt zu haben. Egmont. Zuzeiten, Liebchen, zuzeiten. Wenn der Soldat auf der Lauer steht und dem Feinde etwas ablisten mo¶chte, da nimmt er sich zusammen, faoYt sich selbst in seine Arme und kaut seinen Anschlag reif. Und ein Liebhaber - Mutter. Wollt Ihr Euch nicht setzen? es Euch nicht bequem machen? Ich muoY in die Ko?che; Klo¤rchen denkt an nichts, wenn Ihr da seid. Ihr mo?oYt fo?rliebnehmen. Egmont. Euer guter Wille ist die beste Wo?rze. (Mutter ab.) Klo¤rchen. Und was wo¤re denn meine Liebe? Egmont. So viel du willst. Klo¤rchen. Vergleicht sie, wenn Ihr das Herz habt. Egmont. Zuvo¶rderst also. (Er wirft den Mantel ab und steht in einem pro¤chtigen Kleide da.) Klo¤rchen. O je! Egmont. Nun hab ich die Arme frei. (Er herzt sie.) Klo¤rchen. LaoYt! Ihr verderbt Euch. (Sie tritt zuro?ck.) Wie pro¤chtig! Da darf ich Euch nicht anro?hren. Egmont. Bist du zufrieden? Ich versprach dir, einmal spanisch zu kommen. Klo¤rchen. Ich bat Euch zeither nicht mehr drum; ich dachte, Ihr wolltet nicht - Ach und das Goldne Vlies! Egmont. Da siehst du's nun. Klo¤rchen. Das hat dir der Kaiser umgeho¤ngt? Egmont. Ja, Kind! und Kette und Zeichen geben dem, der sie tro¤gt, die edelsten Freiheiten. Ich erkenne auf Erden keinen Richter o?ber meine Handlungen als den GrooYmeister des Ordens, mit dem versammelten Kapitel der Ritter. Klo¤rchen. O du do?rftest die ganze Welt o?ber dich richten lassen. - Der Sammet ist gar zu herrlich, und die Passementarbeit! und das Gestickte! - Man weioY nicht, wo man anfangen soll. Egmont. Sieh dich nur satt. Klo¤rchen. Und das Goldne Vlies! Ihr erzo¤hltet mir die Geschichte und sagtet, es sei ein Zeichen alles GrooYen und Kostbaren, was man mit Mo?h und FleioY verdient und erwirbt. Es ist sehr kostbar - ich kann's deiner Liebe vergleichen. - Ich trage sie ebenso am Herzen - und hernach - Egmont. Was willst du sagen? Klo¤rchen. Hernach vergleicht sich's auch wieder nicht. Egmont. Wieso? Klo¤rchen. Ich habe sie nicht mit Mo?h und FleioY erworben, nicht verdient. Egmont. In der Liebe ist es anders. Du verdienst sie, weil du dich nicht darum bewirbst - und die Leute erhalten sie auch meist allein, die nicht darnach jagen. Klo¤rchen. Hast du das von dir abgenommen? Hast du diese stolze Anmerkung o?ber dich selbst gemacht? du, den alles Volk liebt? Egmont. Ho¤tt' ich nur etwas fo?r sie getan! ko¶nnt' ich etwas fo?r sie tun! Es ist ihr guter Wille, mich zu lieben. Klo¤rchen. Du warst gewioY heute bei der Regentin? Egmont. Ich war bei ihr. Klo¤rchen. Bist du gut mit ihr? Egmont. Es sieht einmal so aus. Wir sind einander freundlich und dienstlich. Klo¤rchen. Und im Herzen? Egmont. Will ich ihr wohl. Jedes hat seine eignen Absichten. Das tut nichts zur Sache. Sie ist eine treffliche Frau, kennt ihre Leute, und so¤he tief genug, wenn sie auch nicht argwo¶hnisch wo¤re. Ich mache ihr viel zu schaffen, weil sie hinter meinem Betragen immer Geheimnisse sucht, und ich keine habe. Klo¤rchen. So gar keine? Egmont. Eh nun! einen kleinen Hinterhalt. Jeder Wein setzt Weinstein in den Fo¤ssern an mit der Zeit. Oranien ist doch noch eine bessere Unterhaltung fo?r sie und eine immer neue Aufgabe. Er hat sich in den Kredit gesetzt, daoY er immer etwas Geheimes vorhabe: und nun sieht sie immer nach seiner Stirne, was er wohl denken, auf seine Schritte, wohin er sie wohl richten mo¶chte. Klo¤rchen. Verstellt sie sich? Egmont. Regentin, und du fragst? Klo¤rchen. Verzeiht, ich wollte fragen: ist sie falsch? Egmont. Nicht mehr und nicht weniger als jeder, der seine Absichten erreichen will. Klo¤rchen. Ich ko¶nnte mich in die Welt nicht finden. Sie hat aber auch einen mo¤nnlichen Geist, sie ist ein ander Weib als wir No¤hterinnen und Ko¶chinnen. Sie ist grooY, herzhaft, entschlossen. Egmont. Ja, wenn's nicht gar zu bunt geht. Diesmal ist sie doch ein wenig aus der Fassung. Klo¤rchen. Wieso? Egmont. Sie hat auch ein Bo¤rtchen auf der Oberlippe, und manchmal einen Anfall von Podagra. Eine rechte Amazone! Klo¤rchen. Eine majesto¤tische Frau! Ich scheute mich, vor sie zu treten. Egmont. Du bist doch sonst nicht zaghaft - Es wo¤re auch nicht Furcht, nur jungfro¤uliche Scham. Klo¤rchen (schlo¤gt die Augen nieder, nimmt seine Hand und lehnt sich an ihn). Egmont. Ich verstehe dich! liebes Mo¤dchen! du darfst die Augen aufschlagen. (Er ko?oYt ihre Augen.) Klo¤rchen. LaoY mich schweigen! LaoY mich dich halten. LaoY mich dir in die Augen sehen; alles drin finden, Trost und Hoffnung und Freude und Kummer. (Sie umarmt ihn und sieht ihn an.) Sag mir! Sage! ich begreife nicht! bist du Egmont? der Graf Egmont? der grooYe Egmont, der so viel Aufsehn macht, von dem in den Zeitungen steht, an dem die Provinzen ho¤ngen? Egmont. Nein, Klo¤rchen, das bin ich nicht. Klo¤rchen. Wie? Egmont. Siehst du, Klo¤rchen! - LaoY mich sitzen! (Er setzt sich, sie kniet vor ihn auf einen Schemel, legt ihr Arme auf seinen SchooY und sieht ihn an.) Jener Egmont ist ein verdrieoYlicher, steifer, kalter Egmont, der an sich halten, bald dieses bald jenes Gesicht machen muoY; geplagt, verkannt, verwickelt ist, wenn ihn die Leute fo?r froh und fro¶hlich halten; geliebt von einem Volke, das nicht weioY, was es will; geehrt und in die Ho¶he getragen von einer Menge, mit der nichts anzufangen ist; umgeben von Freunden, denen er sich nicht o?berlassen darf; beobachtet von Menschen, die ihm auf alle Weise beikommen mo¶chten; arbeitend und sich bemo?hend, oft ohne Zweck meist ohne Lohn - O laoY mich schweigen, wie es dem ergeht, wie es dem zumute ist. Aber dieser, Klo¤rchen, der ist ruhig, offen, glo?cklich, geliebt und gekannt von dem besten Herzen, das auch er ganz kennt und mit voller Liebe und Zutrauen an das seine dro?ckt. (Er umarmt sie.) Das ist dein Egmont! Klo¤rchen. So laoY mich sterben! Die Welt hat keine Freuden auf diese! Vierter Aufzug StraoYe Jetter. Zimmermeister. Jetter. He! Pst! He, Nachbar, ein Wort! Zimmermeister. Geh deines Pfads und sei ruhig. Jetter. Nur ein Wort. Nichts Neues? Zimmermeister. Nichts, als daoY uns von Neuem zu reden verboten ist. Jetter. Wie? Zimmermeister. Tretet hier ans Haus an. Ho?tet Euch! Der Herzog von Alba hat gleich bei seiner Ankunft einen Befehl ausgehen lassen, dadurch zwei oder drei, die auf der StraoYe zusammen sprechen, des Hochverrats ohne Untersuchung schuldig erklo¤rt sind. Jetter. O weh! Zimmermeister. Bei ewiger Gefangenschaft ist verboten, von Staatssachen zu reden. Jetter. O unsre Freiheit! Zimmermeister. Und bei Todesstrafe soll niemand die Handlungen der Regierung mioYbilligen. Jetter. O unsre Ko¶pfe! Zimmermeister. Und mit grooYem Versprechen werden Vo¤ter, Mo?tter, Kinder, Verwandte, Freunde, Dienstboten eingeladen, was in dem Innersten des Hauses vorgeht, bei dem besonders niedergesetzten Gerichte zu offenbaren. Jetter. Gehn wir nach Hause. Zimmermeister. Und den Folgsamen ist versprochen, daoY sie weder an Leibe, noch Ehre, noch Vermo¶gen einige Kro¤nkung erdulden sollen. Jetter. Wie gno¤dig! War mir's doch gleich weh, wie der Herzog in die Stadt kam. Seit der Zeit ist mir's, als wo¤re der Himmel mit einem schwarzen Flor o?berzogen und hinge so tief herunter, daoY man sich bo?cken mo?sse, um nicht dran zu stooYen. Zimmermeister. Und wie haben dir seine Soldaten gefallen? Gelt! das ist eine andre Art von Krebsen, als wir sie sonst gewohnt waren. Jetter. Pfui! Es schno?rt einem das Herz ein, wenn man so einen Haufen die Gassen hinab marschieren sieht. Kerzengerad mit unverwandtem Blick, ein Tritt, soviel ihrer sind. Und wenn sie auf der Schildwache stehen und du gehst an einem vorbei, ist's, als wenn er dich durch und durch sehen wollte, und sieht so steif und mo?rrisch aus, daoY du auf allen Ecken einen Zuchtmeister zu sehen glaubst. Sie tun mir gar nicht wohl. Unsre Miliz war doch noch ein lustig Volk; sie nahmen sich was heraus, standen mit ausgegro¤tschten Beinen da, hatten den Hut o?berm Ohr, lebten und lieoYen leben; diese Kerle aber sind wie Maschinen, in denen ein Teufel sitzt. Zimmermeister. Wenn so einer ruft. a»Halt!a« und anschlo¤gt, meinst du, man hielte? Jetter. Ich wo¤re gleich des Todes. Zimmermeister. Gehn wir nach Hause. Jetter. Es wird nicht gut. Adieu. (Soest tritt dazu.) Soest. Freunde! Genossen! Zimmermeister. Still! LaoYt uns gehen. Soest. WioYt ihr? Jetter. Nur zu viel! Soest. Die Regentin ist weg. Jetter. Nun gnad' uns Gott! Zimmermeister. Die hielt uns noch. Soest. Auf einmal und in der Stille. Sie konnte sich mit dem Herzog nicht vertragen; sie lieoY dem Adel melden, sie komme wieder. Niemand glaubt's. Zimmermeister. Gott verzeih's dem Adel, daoY er uns diese neue GeioYel o?ber den Hals gelassen hat. Sie ho¤tten es abwenden ko¶nnen. Unsre Privilegien sind hin. Jetter. Um Gottes willen nichts von Privilegien! Ich wittre den Geruch von einem Exekutionsmorgen; die Sonne will nicht hervor, die Nebel stinken. Soest. Oranien ist auch weg. Zimmermeister. So sind wir denn ganz verlassen! Soest. Graf Egmont ist noch da. Jetter. Gott sei Dank! Sto¤rken ihn alle Heiligen, daoY er sein Bestes tut; der ist allein was vermo¶gend. (Vansen tritt auf.) Vansen. Find ich endlich ein paar, die noch nicht untergekrochen sind? Jetter. Tut uns den Gefallen und geht fo?rbaoY. Vansen. Ihr seid nicht ho¶flich. Zimmermeister. Es ist gar keine Zeit zu Komplimenten. Juckt Euch der Buckel wieder? Seid Ihr schon durchgeheilt? Vansen. Fragt einen Soldaten nach seinen Wunden! Wenn ich auf Schlo¤ge was gegeben ho¤tte, wo¤re sein Tage nichts aus mir geworden. Jetter. Es kann ernstlicher werden. Vansen. Ihr spo?rt von dem Gewitter, das aufsteigt, eine erbo¤rmliche Mattigkeit in den Gliedern, scheint's. Zimmermeister. Deine Glieder werden sich bald woanders eine Motion machen, wenn du nicht ruhst. Vansen. Armselige Mo¤use, die gleich verzweifeln, wenn der Hausherr eine neue Katze anschafft! Nur ein bioYchen anders; aber wir treiben unser Wesen vor wie nach, seid nur ruhig. Zimmermeister. Du bist ein verwegener Taugenichts. Vansen. Gevatter Tropf! LaoY du den Herzog nur gewo¤hren. Der alte Kater sieht aus, als wenn er Teufel statt Mo¤use gefressen ho¤tte und ko¶nnte sie nun nicht verdauen. LaoYt ihn nur erst; er muoY auch essen, trinken, schlafen wie andere Menschen. Es ist mir nicht bange, wenn wir unsere Zeit recht nehmen. Im Anfange geht's rasch; nachher wird er auch finden, daoY in der Speisekammer unter den Speckseiten besser leben ist und des Nachts zu ruhen, als auf dem Fruchtboden einzelne Mo¤uschen zu erlisten. Geht nur, ich kenne die Statthalter. Zimmermeister. Was so einem Menschen alles durchgeht! Wenn ich in meinem Leben so etwas gesagt ho¤tte, hielt' ich mich keine Minute fo?r sicher. Vansen. Seid nur ruhig! Gott im Himmel erfo¤hrt nichts von euch Wo?rmern, geschweige der Regent. Jetter. Lo¤stermaul! Vansen. Ich weioY andere, denen es besser wo¤re, sie ho¤tten statt ihres Heldenmuts eine Schneiderader im Leibe. Zimmermeister. Was wollt Ihr damit sagen? Vansen. Hm! den Grafen mein ich. Jetter. Egmont! Was soll der fo?rchten? Vansen. Ich bin ein armer Teufel und ko¶nnte ein ganzes Jahr leben von dem, was er in einem Abende verliert. Und doch ko¶nnt' er mir sein Einkommen eines ganzen Jahres geben, wenn er meinen Kopf auf eine Viertelstunde ho¤tte. Jetter. Du denkst dich was Rechts. Egmonts Haare sind gescheiter als dein Hirn. Vansen. Redt Ihr! Aber nicht feiner. Die Herren betriegen sich am ersten. Er sollte nicht trauen. Jetter. Was er schwo¤tzt! So ein Herr! Vansen. Eben weil er kein Schneider ist. Jetter. Ungewaschen Maul! Vansen. Dem wollt' ich Eure Courage nur eine Stunde in die Glieder wo?nschen, daoY sie ihm da Unruh machte und ihn so lange neckte und juckte, bis er aus der Stadt mo?oYte. Jetter. Ihr redet recht unversto¤ndig; er ist so sicher wie der Stern am Himmel. Vansen. Hast du nie einen sich schneuzen gesehn? Weg war er! Zimmermeister. Wer will ihm denn was tun? Vansen. Wer will? Willst du's etwa hindern? Willst du einen Aufruhr erregen, wenn sie ihn gefangennehmen? Jetter. Ah! Vansen. Wollt ihr eure Rippen fo?r ihn wagen? Soest. Eh! Vansen (sie nacho¤ffend). Ih! Oh! Uh! Verwundert euch durchs ganze Alphabet. So ist's und bleibt's! Gott bewahre ihn! Jetter. Ich erschrecke o?ber Eure Unverscho¤mtheit. So ein edler, rechtschaffener Mann sollte was zu befo?rchten haben? Vansen. Der Schelm sitzt o?berall im Vorteil. Auf dem Armenso?ndersto?hlchen hat er den Richter zum Narren; auf dem Richterstuhl macht er den Inquisiten mit Lust zum Verbrecher. Ich habe so ein Protokoll abzuschreiben gehabt, wo der Kommissarius schwer Lob und Geld vom Hofe erhielt, weil er einen ehrlichen Teufel, an den man wollte, zum Schelmen verho¶rt hatte. Zimmermeister. Das ist wieder frisch gelogen. Was wollen sie denn heraus verho¶ren, wenn einer unschuldig ist? Vansen. O Spatzenkopf! Wo nichts herauszuverho¶ren ist, da verho¶rt man hinein. Ehrlichkeit macht unbesonnen, auch wohl trotzig. Da fragt man erst recht sachte weg, und der Gefangne ist stolz auf seine Unschuld, wie sie's heioYen, und sagt alles geradezu, was ein Versto¤ndiger verbo¤rge. Dann macht der Inquisitor aus den Antworten wieder Fragen und paoYt ja auf, wo irgendein Widerspro?chelchen erscheinen will; da kno?pft er seinen Strick an, und lo¤oYt sich der dumme Teufel betreten, daoY er hier etwas zu viel, dort etwas zu wenig gesagt oder wohl gar aus Gott weioY was fo?r einer Grille einen Umstand verschwiegen hat, auch wohl irgend an einem Ende sich hat schrecken lassen: dann sind wir auf dem rechten Weg! Und ich versichre euch, mit mehr Sorgfalt suchen die Bettelweiber nicht die Lumpen aus dem Kehricht, als so ein Schelmenfabrikant aus kleinen, schiefen, verschobenen, verro?ckten, verdro?ckten, geschlossenen, bekannten, geleugneten Anzeigen und Umsto¤nden sich endlich einen strohlumpenen Vogelscheu zusammenko?nstelt, um wenigstens seinen Inquisiten in effigie ho¤ngen zu ko¶nnen. Und Gott mag der arme Teufel danken, wenn er sich noch kann ho¤ngen sehen. Jetter. Der hat eine gelo¤ufige Zunge. Zimmermeister. Mit Fliegen mag das angehen. Die Wespen lachen Eures Gespinstes. Vansen. Nachdem die Spinnen sind. Seht, der lange Herzog hat euch so ein rein Ansehn von einer Kreuzspinne, nicht einer dickbo¤uchigen, die sind weniger schlimm, aber so einer langfo?oYigen, schmalleibigen, die vom FraoYe nicht feist wird und recht do?nne Fo¤den zieht, aber desto zo¤here. Jetter. Egmont ist Ritter des Goldnen Vlieses; wer darf Hand an ihn legen? Nur von seinesgleichen kann er gerichtet werden, nur vom gesamten Orden. Dein loses Maul, dein bo¶ses Gewissen verfo?hren dich zu solchem Geschwo¤tz. Vansen. Will ich ihm darum o?bel? Mir kann's recht sein. Es ist ein trefflicher Herr. Ein paar meiner guten Freunde, die anderwo¤rts schon wo¤ren gehangen worden, hat er mit einem Buckel voll Schlo¤ge verabschiedet. Nun geht! Geht! Ich rat es euch selbst. Dort seh ich wieder eine Runde antreten; die sehen nicht aus, als wenn sie so bald Bro?derschaft mit uns trinken wo?rden. Wir wollen's abwarten und nur sachte zusehen. Ich hab ein paar Nichten und einen Gevatter Schenkwirt; wenn sie von denen gekostet haben und werden dann nicht zahm, so sind sie ausgepichte Wo¶lfe. Der Culenburgische Palast Wohnung des Herzogs von Alba Silva und Gomez begegnen einander. Silva. Hast du die Befehle des Herzogs ausgerichtet? Gomez. Po?nktlich. Alle to¤gliche Runden sind beordert, zur bestimmten Zeit an verschiedenen Plo¤tzen einzutreffen, die ich ihnen bezeichnet habe; sie gehen indes, wie gewo¶hnlich, durch die Stadt, um Ordnung zu erhalten. Keiner weioY von dem andern; jeder glaubt, der Befehl gehe ihn allein an, und in einem Augenblick kann alsdann der Kordon gezogen und alle Zugo¤nge zum Palast ko¶nnen besetzt sein. WeioYt du die Ursache dieses Befehls? Silva. Ich bin gewohnt, blindlings zu gehorchen. Und wem gehorcht sich's leichter als dem Herzoge, da bald der Ausgang beweist, daoY er recht befohlen hat? Gomez. Gut! Gut! Auch scheint es mir kein Wunder, daoY du so verschlossen und einsilbig wirst wie er, da du immer um ihn sein muoYt. Mir kommt es fremd vor, da ich den leichteren italienischen Dienst gewohnt bin. An Treue und Gehorsam bin ich der alte; aber ich habe mir das Schwo¤tzen und Ro¤sonieren angewo¶hnt. Ihr schweigt alle und laoYt es euch nie wohl sein. Der Herzog gleicht mir einem ehrnen Turm ohne Pforte, wozu die Besatzung Flo?gel ho¤tte. Neulich ho¶rt' ich ihn bei Tafel von einem frohen freundlichen Menschen sagen: er sei wie eine schlechte Schenke mit einem ausgesteckten Branntweinzeichen, um Mo?oYiggo¤nger, Bettler und Diebe hereinzulocken. Silva. Und hat er uns nicht schweigend hierhergefo?hrt? Gomez. Dagegen ist nichts zu sagen. GewioY! Wer Zeuge seiner Klugheit war, wie er die Armee aus Italien hierher brachte, der hat etwas gesehen. Wie er sich durch Freund und Feind, durch die Franzosen, Ko¶niglichen und Ketzer, durch die Schweizer und Verbundnen gleichsam durchschmiegte, die strengste Mannszucht hielt und einen Zug, den man so gefo¤hrlich achtete, leicht und ohne AnstooY zu leiten wuoYte! - Wir haben was gesehen, was lernen ko¶nnen. Silva. Auch hier! Ist nicht alles still und ruhig, als wenn kein Aufstand gewesen wo¤re? Gomez. Nun, es war auch schon meist still, als wir her kamen. Silva. In den Provinzen ist es viel ruhiger geworden; und wenn sich noch einer bewegt, so ist es, um zu entfliehen. Aber auch diesen wird er die Wege bald versperren, denk ich. Gomez. Nun wird er erst die Gunst des Ko¶nigs gewinnen. Silva. Und uns bleibt nichts angelegener, als uns die seinige zu erhalten. Wenn der Ko¶nig hieherkommt, bleibt gewioY der Herzog und jeder, den er empfiehlt, nicht unbelohnt. Gomez. Glaubst du, daoY der Ko¶nig kommt? Silva. Es werden so viele Anstalten gemacht, daoY es ho¶chst wahrscheinlich ist. Gomez. Mich o?berreden sie nicht. Silva. So rede wenigstens nicht davon. Denn wenn des Ko¶nigs Absicht ja nicht sein sollte zu kommen, so ist sie's doch wenigstens gewioY, daoY man es glauben soll. (Ferdinand, Albas nato?rlicher Sohn.) Ferdinand. Ist mein Vater noch nicht heraus? Silva. Wir warten auf ihn. Ferdinand. Die Fo?rsten werden bald hier sein. Gomez. Kommen sie heute? Ferdinand. Oranien und Egmont. Gomez (leise zu Silva). Ich begreife etwas. Silva. So behalt es fo?r dich. (Herzog von Alba. - Wie er herein- und hervortritt, treten die andern zuro?ck.) Alba. Gomez. Gomez (tritt vor). Herr! Alba. Du hast die Wachen verteilt und beordert? Gomez. Aufs genaueste. Die to¤glichen Runden - Alba. Genug. Du wartest in der Galerie. Silva wird dir den Augenblick sagen, wenn du sie zusammenziehen, die Zugo¤nge nach dem Palast besetzen sollst. Das o?brige weioYt du. Gomez. Ja, Herr! (Ab.) Alba. Silva! Silva. Hier bin ich. Alba. Alles, was ich von jeher an dir gescho¤tzt habe, Mut, Entschlossenheit, unaufhaltsames Ausfo?hren, das zeige heut. Silva. Ich danke Euch, daoY Ihr mir Gelegenheit gebt zu zeigen, daoY ich der alte bin. Alba. Sobald die Fo?rsten bei mir eingetreten sind, dann eile gleich, Egmonts Geheimschreiber gefangenzunehmen. Du hast alle Anstalten gemacht, die o?brigen, welche bezeichnet sind, zu fahen? Silva. Vertraue auf uns. Ihr Schicksal wird sie, wie eine wohlberechnete Sonnenfinsternis, po?nktlich und schrecklich treffen. Alba. Hast du sie genau beobachten lassen? Silva. Alle; den Egmont vor andern. Er ist der einzige, der, seit du hier bist, sein Betragen nicht geo¤ndert hat. Den ganzen Tag von einem Pferd aufs andere, ladet Go¤ste, ist immer lustig und unterhaltend bei Tafel, wo?rfelt, schieoYt und schleicht nachts zum Liebchen. Die andern haben dagegen eine merkliche Pause in ihrer Lebensart gemacht; sie bleiben bei sich; vor ihrer To?re sieht's aus, als wenn ein Kranker im Hause wo¤re. Alba. Drum rasch! eh sie uns wider Willen genesen. Silva. Ich stelle sie. Auf deinen Befehl o?berho¤ufen wir sie mit dienstfertigen Ehren. Ihnen graut's; politisch geben sie uns einen o¤ngstlichen Dank, fo?hlen, das Ro¤tlichste sei, zu entfliehen, keiner wagt einen Schritt, sie zaudern, ko¶nnen sich nicht vereinigen; und einzeln etwas Ko?hnes zu tun, ho¤lt sie der Gemeingeist ab. Sie mo¶chten gern sich jedem Verdacht entziehen und machen sich immer verdo¤chtiger. Schon seh ich mit Freuden deinen ganzen Anschlag ausgefo?hrt. Alba. Ich freue mich nur o?ber das Geschehene; und auch o?ber das nicht leicht; denn es bleibt stets noch o?brig, was uns zu denken und zu sorgen gibt. Das Glo?ck ist eigensinnig, oft das Gemeine, das Nichtswo?rdige zu adeln und wohlo?berlegte Taten mit einem gemeinen Ausgang zu entehren. Verweile, bis die Fo?rsten kommen; dann gib Gomez die Ordre, die StraoYen zu besetzen, und eile selbst, Egmonts Schreiber und die o?brigen gefangenzunehmen, die dir bezeichnet sind. Ist es getan, so komm hierher und meld es meinem Sohne, daoY er mir in den Rat die Nachricht bringe. Silva. Ich hoffe, diesen Abend vor dir stehn zu do?rfen. (Alba geht nach seinem Sohne, der bisher in der Galerie gestanden.) Silva. Ich traue mir es nicht zu sagen; aber meine Hoffnung schwankt. Ich fo?rchte, es wird nicht werden, wie er denkt. Ich sehe Geister vor mir, die still und sinnend auf schwarzen Schalen das Geschick der Fo?rsten und vieler Tausende wo¤gen. Langsam wankt das Zo?nglein auf und ab; tief scheinen die Richter zu sinnen; zuletzt sinkt diese Schale, steigt jene, angehaucht vom Eigensinn des Schicksals, und entschieden ist's. (Ab.) (Alba mit Ferdinand hervortretend.) Alba. Wie fandst du die Stadt? Ferdinand. Es hat sich alles gegeben. Ich ritt, als wie zum Zeitvertreib, straoYauf, straoYab. Eure wohlverteilten Wachen halten die Furcht so angespannt, daoY sie sich nicht zu lispeln untersteht. Die Stadt sieht einem Felde o¤hnlich, wenn das Gewitter von weitem leuchtet; man erblickt keinen Vogel, kein Tier, als das eilend nach einem Schutzorte schlo?pft. Alba. Ist dir nichts weiter begegnet? Ferdinand. Egmont kam mit einigen auf den Markt geritten; wir gro?oYten uns; er hatte ein rohes Pferd, das ich ihm loben muoYte. a»LaoYt uns eilen, Pferde zuzureiten, wir werden sie bald brauchen!a« rief er mir entgegen. Er werde mich noch heute wiedersehn, sagte er, und komme, auf Euer Verlangen, mit Euch zu ratschlagen. Alba. Er wird dich wiedersehn. Ferdinand. Unter allen Rittern, die ich hier kenne, gefo¤llt er mir am besten. Es scheint, wir werden Freunde sein. Alba. Du bist noch immer zu schnell und wenig behutsam; immer erkenn ich in dir den Leichtsinn deiner Mutter, der mir sie unbedingt in die Arme lieferte. Zu mancher gefo¤hrlichen Verbindung lud dich der Anschein voreilig ein. Ferdinand. Euer Wille findet mich bildsam. Alba. Ich vergebe deinem jungen Blute dies leichtsinnige Wohlwollen, diese unachtsame Fro¶hlichkeit. Nur vergioY nicht, zu welchem Werke ich gesandt bin, und welchen Teil ich dir dran geben mo¶chte. Ferdinand. Erinnert mich, und schont mich nicht, wo Ihr es no¶tig haltet. Alba (nach einer Pause). Mein Sohn! Ferdinand. Mein Vater! Alba. Die Fo?rsten kommen bald, Oranien und Egmont kommen. Es ist nicht MioYtrauen, daoY ich dir erst jetzt entdecke, was geschehen soll. Sie werden nicht wieder von hinnen gehn. Ferdinand. Was sinnst du? Alba. Es ist beschlossen, sie festzuhalten. - Du erstaunst! Was du zu tun hast, ho¶re; die Ursachen sollst du wissen, wenn es geschehn ist. Jetzt bleibt keine Zeit, sie auszulegen. Mit dir allein wo?nscht' ich das Gro¶oYte, das Geheimste zu besprechen; ein starkes Band ho¤lt uns zusammengefesselt; du bist mir wert und lieb; auf dich mo¶cht' ich alles ho¤ufen. Nicht die Gewohnheit zu gehorchen allein mo¶cht' ich dir einpro¤gen; auch den Sinn, auszudenken, zu befehlen, auszufo?hren, wo?nscht' ich in dir fortzupflanzen; dir ein grooYes Erbteil, dem Ko¶nige den brauchbarsten Diener zu hinterlassen; dich mit dem Besten, was ich habe, auszustatten, daoY du dich nicht scho¤men do?rfest, unter deine Bro?der zu treten. Ferdinand. Was werd ich dir nicht fo?r diese Liebe schuldig, die du mir allein zuwendest, indem ein ganzes Reich vor dir zittert! Alba. Nun ho¶re, was zu tun ist. Sobald die Fo?rsten eingetreten sind, wird jeder Zugang zum Palaste besetzt. Dazu hat Gomez die Ordre. Silva wird eilen, Egmonts Schreiber mit den Verdo¤chtigsten gefangenzunehmen. Du ho¤ltst die Wache am Tore und in den Ho¶fen in Ordnung. Vor allen Dingen besetze diese Zimmer hier neben mit den sichersten Leuten; dann warte auf der Galerie, bis Silva wiederkommt, und bringe mir irgendein unbedeutend Blatt herein, zum Zeichen, daoY sein Auftrag ausgerichtet ist. Dann bleib im Vorsaale, bis Oranien weggeht; folg ihm; ich halte Egmont hier, als ob ich ihm noch was zu sagen ho¤tte. Am Ende der Galerie fordre Oraniens Degen, rufe die Wache an, verwahre schnell den gefo¤hrlichsten Mann; und ich fasse Egmont hier. Ferdinand. Ich gehorche, mein Vater. Zum erstenmal mit schwerem Herzen und mit Sorge. Alba. Ich verzeihe dir's; es ist der erste grooYe Tag, den du erlebst. (Silva tritt herein.) Silva. Ein Bote von Antwerpen. Hier ist Oraniens Brief! Er kommt nicht. Alba. Sagt' es der Bote? Silva. Nein, mir sagt's das Herz. Alba. Aus dir spricht mein bo¶ser Genius. (Nachdem er den Brief gelesen, winkt er beiden, und sie ziehen sich in die Galerie zuro?ck. Er bleibt allein auf dem Vorderteile.) Er kommt nicht! Bis auf den letzten Augenblick verschiebt er, sich zu erklo¤ren. Er wagt es, nicht zu kommen! So war denn diesmal wider Vermuten der Kluge klug genug, nicht klug zu sein! - Es ro?ckt die Uhr! Noch einen kleinen Weg des Seigers, und ein grooYes Werk ist getan oder verso¤umt, unwiederbringlich verso¤umt; denn es ist weder nachzuholen, noch zu verheimlichen. Lo¤ngst hatt' ich alles reiflich abgewogen, und mir auch diesen Fall gedacht, mir festgesetzt, was auch in diesem Falle zu tun sei; und jetzt, da es zu tun ist, wehr ich mir kaum, daoY nicht das Fo?r und Wider mir aufs neue durch die Seele schwankt. - Ist's ro¤tlich, die andern zu fangen, wenn er mir entgeht? Schieb ich es auf und laoY Egmont mit den Seinigen, mit so vielen entschlo?pfen, die nun, vielleicht nur heute noch, in meinen Ho¤nden sind? So zwingt dich das Geschick denn auch, du Unbezwinglicher? Wie lang gedacht! Wie wohl bereitet! Wie grooY, wie scho¶n der Plan! Wie nah die Hoffnung ihrem Ziele! und nun im Augenblick des Entscheidens bist du zwischen zwei o?bel gestellt; wie in einen Lostopf greifst du in die dunkle Zukunft; was du fassest, ist noch zugerollt, dir unbewuoYt, sei's Treffer oder Fehler! (Er wird aufmerksam, wie einer, der etwas ho¶rt, und tritt ans Fenster.) Er ist es! Egmont! - Trug dich dein Pferd so leicht herein und scheute vor dem Blutgeruche nicht und vor dem Geiste mit dem blanken Schwert, der an der Pforte dich empfo¤ngt? - Steig ab! - So bist du mit dem einen FuoY im Grab! und so mit beiden! - ja streichl' es nur und klopfe fo?r seinen mutigen Dienst zum letztenmale den Nacken ihm - Und mir bleibt keine Wahl. In der Verblendung, wie hier Egmont naht, kann er dir nicht zum zweitenmal sich liefern! - Ho¶rt! (Ferdinand und Silva treten eilig herbei.) Alba. Ihr tut, was ich befahl; ich o¤ndre meinen Willen nicht. Ich halte, wie es gehn will, Egmont auf, bis du mir von Silva die Nachricht gebracht hast. Dann bleib in der No¤he. Auch dir raubt das Geschick das grooYe Verdienst, des Ko¶nigs gro¶oYten Feind mit eigener Hand gefangen zu haben. (Zu Silva.) Eile! (Zu Ferdinand.) Geh ihm entgegen. (Alba bleibt einige Augenblicke allein und geht schweigend auf und ab.) (Egmont tritt auf.) Egmont. Ich komme, die Befehle des Ko¶nigs zu vernehmen, zu ho¶ren, welchen Dienst er von unserer Treue verlangt, die ihm ewig ergeben bleibt. Alba. Er wo?nscht vor allen Dingen Euern Rat zu ho¶ren. Egmont. o?ber welchen Gegenstand? Kommt Oranien auch? Ich vermutete ihn hier. Alba. Mir tut es leid, daoY er uns eben in dieser wichtigen Stunde fehlt. Euern Rat, Eure Meinung wo?nscht der Ko¶nig, wie diese Staaten wieder zu befriedigen. Ja, er hofft, Ihr werdet kro¤ftig mitwirken, diese Unruhen zu stillen und die Ordnung der Provinzen vo¶llig und dauerhaft zu gro?nden. Egmont. Ihr ko¶nnt besser wissen als ich, daoY schon alles genug beruhigt ist, ja, noch mehr beruhigt war, eh die Erscheinung der neuen Soldaten wieder mit Furcht und Sorge die Gemo?ter bewegte. Alba. Ihr scheint andeuten zu wollen, das Ro¤tlichste sei gewesen, wenn der Ko¶nig mich gar nicht in den Fall gesetzt ho¤tte, Euch zu fragen. Egmont. Verzeiht! Ob der Ko¶nig das Heer ho¤tte schicken sollen, ob nicht vielmehr die Macht seiner majesto¤tischen Gegenwart allein sto¤rker gewirkt ho¤tte, ist meine Sache nicht zu beurteilen. Das Heer ist da, er nicht. Wir aber mo?oYten sehr undankbar, sehr vergessen sein, wenn wir uns nicht erinnerten, was wir der Regentin schuldig sind. Bekennen wir! Sie brachte durch ihr so kluges als tapferes Betragen die Aufro?hrer mit Gewalt und Ansehn, mit o?berredung und List zur Ruhe und fo?hrte zum Erstaunen der Welt ein rebellisches Volk in wenigen Monaten zu seiner Pflicht zuro?ck. Alba. Ich leugne es nicht. Der Tumult ist gestillt, und jeder scheint in die Grenzen des Gehorsams zuro?ckgebannt. Aber ho¤ngt es nicht von eines jeden Willko?r ab, sie zu verlassen? Wer will das Volk hindern loszubrechen? Wo ist die Macht, sie abzuhalten? Wer bo?rgt uns, daoY sie sich ferner treu und unterto¤nig zeigen werden? Ihr guter Wille ist alles Pfand, das wir haben. Egmont. Und ist der gute Wille eines Volks nicht das sicherste, das edelste Pfand? Bei Gott! Wann darf sich ein Ko¶nig sicherer halten, als wenn sie alle fo?r einen, einer fo?r alle stehn? Sicherer gegen innere und o¤uoYere Feinde? Alba. Wir werden uns doch nicht o?berreden sollen, daoY es jetzt hier so steht? Egmont. Der Ko¶nig schreibe einen Generalpardon aus, er beruhige die Gemo?ter; und bald wird man sehen, wie Treue und Liebe mit dem Zutrauen wieder zuro?ckkehrt. Alba. Und jeder, der die Majesto¤t des Ko¶nigs, der das Heiligtum der Religion gescho¤ndet, ginge frei und ledig hin und wider! lebte den andern zum bereiten Beispiel, daoY ungeheure Verbrechen straflos sind? Egmont. Und ist ein Verbrechen des Unsinns, der Trunkenheit nicht eher zu entschuldigen, als grausam zu bestrafen? Besonders wo so sichre Hoffnung, wo GewioYheit ist, daoY die o?bel nicht wiederkehren werden? Waren Ko¶nige darum nicht sicherer? Werden sie nicht von Welt und Nachwelt gepriesen, die eine Beleidigung ihrer Wo?rde vergeben, bedauern, verachten konnten? Werden sie nicht eben deswegen Gott gleich gehalten, der viel zu grooY ist, als daoY an ihn jede Lo¤sterung reichen sollte? Alba. Und eben darum soll der Ko¶nig fo?r die Wo?rde Gottes und der Religion, wir sollen fo?r das Ansehn des Ko¶nigs streiten. Was der obere abzulehnen verschmo¤ht, ist unsere Pflicht zu ro¤chen. Ungestraft soll, wenn ich rate, kein Schuldiger sich freuen. Egmont. Glaubst du, daoY du sie alle erreichen wirst? Ho¶rt man nicht to¤glich, daoY die Furcht sie hie- und dahin, sie aus dem Lande treibt? Die Reichsten werden ihre Go?ter, sich, ihre Kinder und Freunde flo?chten; der Arme wird seine no?tzlichen Ho¤nde dem Nachbar zubringen. Alba. Sie werden, wenn man sie nicht verhindern kann. Darum verlangt der Ko¶nig Rat und Tat von jedem Fo?rsten, Ernst von jedem Statthalter; nicht nur Erzo¤hlung, wie es ist, was werden ko¶nnte, wenn man alles gehen lieoYe, wie's geht. Einem grooYen o?bel zusehen, sich mit Hoffnung schmeicheln, der Zeit vertrauen, etwa einmal dreinschlagen, wie im Fastnachtsspiel, daoY es klatscht und man doch etwas zu tun scheint, wenn man nichts tun mo¶chte, heioYt das nicht, sich verdo¤chtig machen, als sehe man dem Aufruhr mit Vergno?gen zu, den man nicht erregen, wohl aber hegen mo¶chte! Egmont (im Begriff aufzufahren, nimmt sich zusammen und spricht nach einer kleinen Pause gesetzt). Nicht jede Absicht ist offenbar, und manches Mannes Absicht ist zu mioYdeuten. MuoY man doch auch von allen Seiten ho¶ren: es sei des Ko¶nigs Absicht weniger, die Provinzen nach einfo¶rmigen und klaren Gesetzen zu regieren, die Majesto¤t der Religion zu sichern und einen allgemeinen Frieden seinem Volke zu geben, als vielmehr sie unbedingt zu unterjochen, sie ihrer alten Rechte zu berauben, sich Meister von ihren Besitzto?mern zu machen, die scho¶nen Rechte des Adels einzuschro¤nken, um derentwillen der Edle allein ihm dienen, ihm Leib und Leben widmen mag. Die Religion, sagt man, sei nur ein pro¤chtiger Teppich, hinter dem man jeden gefo¤hrlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt. Das Volk liegt auf den Knien, betet die heiligen gewirkten Zeichen an, und hinten lauscht der Vogelsteller, der sie bero?cken will. Alba. Das muoY ich von dir ho¶ren? Egmont. Nicht meine Gesinnungen! Nur was bald hier bald da, von GrooYen und von Kleinen, Klugen und Toren gesprochen, laut verbreitet wird. Die Niederlo¤nder fo?rchten ein doppeltes Joch, und wer bo?rgt ihnen fo?r ihre Freiheit? Alba. Freiheit? Ein scho¶nes Wort, wer's recht versto¤nde. Was wollen sie fo?r Freiheit? Was ist des Freiesten Freiheit? - Recht zu tun! - und daran wird sie der Ko¶nig nicht hindern. Nein! nein! sie glauben sich nicht frei, wenn sie sich nicht selbst und andern schaden ko¶nnen. Wo¤re es nicht besser, abzudanken, als ein solches Volk zu regieren? Wenn auswo¤rtige Feinde dro¤ngen, an die kein Bo?rger denkt, der mit dem No¤chsten nur bescho¤ftigt ist, und der Ko¶nig verlangt Beistand: dann werden sie uneins unter sich, und verschwo¶ren sich gleichsam mit ihren Feinden. Weit besser ist's, sie einzuengen, daoY man sie wie Kinder halten, wie Kinder zu ihrem Besten leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht klug; ein Volk bleibt immer kindisch. Egmont. Wie selten kommt ein Ko¶nig zu Verstand! Und sollen sich viele nicht lieber vielen vertrauen als einem? und nicht einmal dem einen, sondern den wenigen des einen, dem Volke, das an den Blicken seines Herrn altert. Das hat wohl allein das Recht, klug zu werden. Alba. Vielleicht eben darum, weil es sich nicht selbst o?berlassen ist. Egmont. Und darum niemand gern sich selbst o?berlassen mo¶chte. Man tue, was man will; ich habe auf deine Frage geantwortet und wiederhole: Es geht nicht! Es kann nicht gehen! Ich kenne meine Landsleute. Es sind Mo¤nner, wert, Gottes Boden zu betreten; ein jeder rund fo?r sich, ein kleiner Ko¶nig, fest, ro?hrig, fo¤hig, treu, an alten Sitten hangend. Schwer ist's, ihr Zutrauen zu verdienen; leicht, zu erhalten. Starr und fest! Zu dro?cken sind sie; nicht zu unterdro?cken. Alba (der sich indes einigemal umgesehen hat). Solltest du das alles in des Ko¶nigs Gegenwart wiederholen? Egmont. Desto schlimmer, wenn mich seine Gegenwart abschreckte! Desto besser fo?r ihn, fo?r sein Volk, wenn er mir Mut machte, wenn er mir Zutrauen einflo¶oYte, noch weit mehr zu sagen. Alba. Was no?tzlich ist, kann ich ho¶ren wie er. Egmont. Ich wo?rde ihm sagen: Leicht kann der Hirt eine ganze Herde Schafe vor sich hintreiben, der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand; aber dem edeln Pferde, das du reiten willst, muoYt du seine Gedanken ablernen, du muoYt nichts Unkluges, nichts unklug von ihm verlangen. Darum wo?nscht der Bo?rger seine alte Verfassung zu behalten, von seinen Landsleuten regiert zu sein, weil er weioY, wie er gefo?hrt wird, weil er von ihnen Uneigennutz, Teilnehmung an seinem Schicksal hoffen kann. Alba. Und sollte der Regent nicht Macht haben, dieses alte Herkommen zu vero¤ndern? und sollte nicht eben dies sein scho¶nstes Vorrecht sein? Was ist bleibend auf dieser Welt? und sollte eine Staatseinrichtung bleiben ko¶nnen? MuoY nicht in einer Zeitfolge jedes Verho¤ltnis sich vero¤ndern und eben darum eine alte Verfassung die Ursache von tausend o?beln werden, weil sie den gegenwo¤rtigen Zustand des Volkes nicht umfaoYt? Ich fo?rchte, diese alten Rechte sind darum so angenehm, weil sie Schlupfwinkel bilden, in welchen der Kluge, der Mo¤chtige, zum Schaden des Volks, zum Schaden des Ganzen, sich verbergen oder durchschleichen kann. Egmont. Und diese willko?rlichen Vero¤nderungen, diese unbeschro¤nkten Eingriffe der ho¶chsten Gewalt, sind sie nicht Vorboten, daoY einer tun will, was Tausende nicht tun sollen? Er will sich allein frei machen, um jeden seiner Wo?nsche befriedigen, jeden seiner Gedanken ausfo?hren zu ko¶nnen. Und wenn wir uns ihm, einem guten weisen Ko¶nige, ganz vertrauten, sagt er uns fo?r seine Nachkommen gut? daoY keiner ohne Ro?cksicht, ohne Schonung regieren werde? Wer rettet uns alsdann von vo¶lliger Willko?r, wenn er uns seine Diener, seine No¤chsten sendet, die ohne Kenntnis des Landes und seiner Bedo?rfnisse nach Belieben schalten und walten, keinen Widerstand finden und sich von jeder Verantwortung frei wissen. Alba (der sich indes wieder umgesehen hat). Es ist nichts nato?rlicher, als daoY ein Ko¶nig durch sich zu herrschen gedenkt und denen seine Befehle am liebsten auftro¤gt, die ihn am besten verstehen, verstehen wollen, die seinen Willen unbedingt ausrichten. Egmont. Und ebenso nato?rlich ist's, daoY der Bo?rger von dem regiert sein will, der mit ihm geboren und erzogen ist, der gleichen Begriff mit ihm von Recht und Unrecht gefaoYt hat, den er als seinen Bruder ansehen kann. Alba. Und doch hat der Adel mit diesen seinen Bro?dern sehr ungleich geteilt. Egmont. Das ist vor Jahrhunderten geschehen und wird jetzt ohne Neid geduldet. Wo?rden aber neue Menschen ohne Not gesendet, die sich zum zweitenmale auf Unkosten der Nation bereichern wollten, so¤he man sich einer strengen, ko?hnen, unbedingten Habsucht ausgesetzt; das wo?rde eine Go¤rung machen, die sich nicht leicht in sich selbst auflo¶ste. Alba. Du sagst mir, was ich nicht ho¶ren sollte: auch ich bin fremd. Egmont. DaoY ich dir's sage, zeigt dir, daoY ich dich nicht meine. Alba. Und auch so wo?nscht' ich es nicht von dir zu ho¶ren. Der Ko¶nig sandte mich mit Hoffnung, daoY ich hier den Beistand des Adels finden wo?rde. Der Ko¶nig will seinen Willen. Der Ko¶nig hat nach tiefer o?berlegung gesehen, was dem Volke frommt; es kann nicht bleiben und gehen wie bisher. Des Ko¶nigs Absicht ist, sie selbst zu ihrem eignen Besten einzuschro¤nken, ihr eigenes Heil, wenn's sein muoY, ihnen aufzudringen, die scho¤dlichen Bo?rger aufzuopfern, damit die o?brigen Ruhe finden, des Glo?cks einer weisen Regierung genieoYen ko¶nnen. Dies ist sein EntschluoY; diesen dem Adel kundzumachen habe ich Befehl; und Rat verlang ich in seinem Namen, wie es zu tun sei, nicht was: denn das hat er beschlossen. Egmont. Leider rechtfertigen deine Worte die Furcht des Volkes, die allgemeine Furcht! So hat er denn beschlossen, was kein Fo?rst beschlieoYen sollte. Die Kraft seines Volks, ihr Gemo?t, den Begriff, den sie von sich selbst haben, will er schwo¤chen, niederdro?cken, zersto¶ren, um sie bequem regieren zu ko¶nnen. Er will den innern Kern ihrer Eigenheit verderben; gewioY in der Absicht, sie glo?cklicher zu machen. Er will sie vernichten, damit sie etwas werden, ein ander Etwas. O wenn seine Absicht gut ist, so wird sie mioYgeleitet! Nicht dem Ko¶nige widersetzt man sich; man stellt sich nur dem Ko¶nige entgegen, der einen falschen Weg zu wandeln, die ersten unglo?cklichen Schritte macht. Alba. Wie du gesinnt bist, scheint es ein vergeblicher Versuch, uns vereinigen zu wollen. Du denkst gering vom Ko¶nige und vero¤chtlich von seinen Ro¤ten, wenn du zweifelst, das alles sei nicht schon gedacht, gepro?ft, gewogen worden. Ich habe keinen Auftrag, jedes Fo?r und Wider noch einmal durchzugehen. Gehorsam fordre ich von dem Volke: - und von Euch, ihr Ersten, Edelsten, Rat und Tat, als Bo?rgen dieser unbedingten Pflicht. Egmont. Fordre unsre Ho¤upter, so ist es auf einmal getan. Ob sich der Nacken diesem Joche biegen, ob er sich vor dem Beile ducken soll, kann einer edeln Seele gleich sein. Umsonst hab ich so viel gesprochen: die Luft hab ich erscho?ttert, weiter nichts gewonnen. (Ferdinand kommt.) Ferdinand. Verzeiht, daoY ich Euer Gespro¤ch unterbreche. Hier ist ein Brief, dessen o?berbringer die Antwort dringend macht. Alba. Erlaubt mir, daoY ich sehe, was er entho¤lt. (Tritt an die Seite.) Ferdinand (zu Egmont). Es ist ein scho¶nes Pferd, das Eure Leute gebracht haben, Euch abzuholen. Egmont. Es ist nicht das schlimmste. Ich hab es schon eine Weile; ich denk es wegzugeben. Wenn es Euch gefo¤llt, so werden wir vielleicht des Handels einig. Ferdinand. Gut, wir wollen sehn. (Alba winkt seinem Sohne, der sich in den Grund zuro?ckzieht.) Egmont. Lebt wohl! EntlaoYt mich: denn ich wo?oYte, bei Gott! nicht mehr zu sagen. Alba. Glo?cklich hat dich der Zufall verhindert, deinen Sinn noch weiter zu verraten. Unvorsichtig entwickelst du die Falten deines Herzens und klagst dich selbst weit strenger an, als ein Widersacher geho¤ssig tun ko¶nnte. Egmont. Dieser Vorwurf ro?hrt mich nicht; ich kenne mich selbst genug und weioY, wie ich dem Ko¶nig angeho¶re; weit mehr als viele, die in seinem Dienst sich selber dienen. Ungern scheid ich aus diesem Streite, ohne ihn beigelegt zu sehen, und wo?nsche nur, daoY uns der Dienst des Herrn, das Wohl des Landes bald vereinigen mo¶ge. Es wirkt vielleicht ein wiederholtes Gespro¤ch, die Gegenwart der o?brigen Fo?rsten, die heute fehlen, in einem glo?cklichern Augenblick, was heut unmo¶glich scheint. Mit dieser Hoffnung entfern ich mich. Alba (der zugleich seinem Sohn Ferdinand ein Zeichen gibt). Halt, Egmont! - Deinen Degen! - (Die Mittelto?r o¶ffnet sich: man sieht die Galerie mit Wache besetzt, die unbeweglich bleibt.) Egmont (der staunend eine Weile geschwiegen). Dies war die Absicht? Dazu hast du mich berufen? (Nach dem Degen greifend, als wenn er sich verteidigen wollte.) Bin ich denn wehrlos? Alba. Der Ko¶nig befiehlt's, du bist mein Gefangener. (Zugleich treten von beiden Seiten Gewaffnete herein.) Egmont (nach einer Stille). Der Ko¶nig? - Oranien! Oranien! (Nach einer Pause, seinen Degen hingebend.) So nimm ihn! Er hat weit o¶fter des Ko¶nigs Sache verteidigt, als diese Brust bescho?tzt. (Er geht durch die Mittelto?r ab: die Gewaffneten, die im Zimmer sind, folgen ihm; ingleichen Albas Sohn. Alba bleibt stehen. Der Vorhang fo¤llt.) Fo?nfter Aufzug StraoYe Do¤mmerung Klo¤rchen. Brackenburg. Bo?rger. Brackenburg. Liebchen, um Gottes willen, was nimmst du vor? Klo¤rchen. Komm mit, Brackenburg! Du muoYt die Menschen nicht kennen; wir befreien ihn gewioY. Denn was gleicht ihrer Liebe zu ihm? Jeder fo?hlt, ich schwo¶r es, in sich die brennende Begier, ihn zu retten, die Gefahr von einem kostbaren Leben abzuwenden und dem Freiesten die Freiheit wiederzugeben. Komm! Es fehlt nur an der Stimme, die sie zusammenruft. In ihrer Seele lebt noch ganz frisch, was sie ihm schuldig sind! und daoY sein mo¤chtiger Arm allein von ihnen das Verderben abho¤lt, wissen sie. Um seinet- und ihretwillen mo?ssen sie alles wagen. Und was wagen wir? Zum ho¶chsten unser Leben, das zu erhalten nicht der Mo?he wert ist, wenn er umkommt. Brackenburg. Unglo?ckliche! du siehst nicht die Gewalt, die uns mit ehernen Banden gefesselt hat. Klo¤rchen. Sie scheint mir nicht uno?berwindlich. LaoY uns nicht lang vergebliche Worte wechseln. Hier kommen von den alten, redlichen, wackern Mo¤nnern! Ho¶rt, Freunde! Nachbarn, ho¶rt! - Sagt, wie ist es mit Egmont? Zimmermeister. Was will das Kind? LaoY sie schweigen, Klo¤rchen. Tretet no¤her, daoY wir sachte reden, bis wir einig sind und sto¤rker. Wir do?rfen nicht einen Augenblick verso¤umen! Die freche Tyrannei, die es wagt, ihn zu fesseln, zuckt schon den Dolch, ihn zu ermorden. O Freunde! mit jedem Schritt der Do¤mmerung werd ich o¤ngstlicher. Ich fo?rchte diese Nacht! Kommt! wir wollen uns teilen; mit schnellem Lauf von Quartier zu Quartier rufen wir die Bo?rger heraus. Ein jeder greife zu seinen alten Waffen. Auf dem Markte treffen wir uns wieder, und unser Strom reioYt einen jeden mit sich fort. Die Feinde sehen sich umringt und o?berschwemmt, und sind erdro?ckt. Was kann uns eine Handvoll Knechte widerstehen? Und er in unsrer Mitte kehrt zuro?ck, sieht sich befreit und kann uns einmal danken, uns, die wir ihm so tief verschuldet worden. Er sieht vielleicht - gewioY er sieht das Morgenrot am freien Himmel wieder. Zimmermeister. Wie ist dir, Mo¤dchen? Klo¤rchen. Ko¶nnt ihr mich mioYverstehn? Vom Grafen sprech ich! Ich spreche von Egmont. Jetter. Nennt den Namen nicht! Er ist to¶dlich. Klo¤rchen. Den Namen nicht! Wie? Nicht diesen Namen? Wer nennt ihn nicht bei jeder Gelegenheit? Wo steht er nicht geschrieben? In diesen Sternen hab ich oft mit allen seinen Lettern ihn gelesen. Nicht nennen? Was soll das? Freunde! Gute, teure Nachbarn, ihr tro¤umt; besinnt euch. Seht mich nicht so starr und o¤ngstlich an! Blickt nicht scho?chtern hie und da beiseite. Ich ruf euch ja nur zu, was jeder wo?nscht. Ist meine Stimme nicht eures Herzens eigne Stimme? Wer wo?rfe sich in dieser bangen Nacht, eh' er sein unruhvolles Bette besteigt, nicht auf die Knie, ihn mit ernstlichem Gebet vom Himmel zu erringen? Fragt euch einander! frage jeder sich selbst! und wer spricht mir nicht nach: a»Egmonts Freiheit oder den Tod!a« Jetter. Gott bewahr' uns! Da gibt's ein Unglo?ck. Klo¤rchen. Bleibt! Bleibt, und dro?ckt euch nicht vor seinem Namen weg, dem ihr euch sonst so froh entgegendro¤ngtet! - Wenn der Ruf ihn anko?ndigte, wenn es hieoY: a»Egmont kommt! Er kommt von Gent!a« da hielten die Bewohner der StraoYen sich glo?cklich, durch die er reiten muoYte. Und wenn ihr seine Pferde schallen ho¶rtet, warf jeder seine Arbeit hin, und o?ber die beko?mmerten Gesichter, die ihr durchs Fenster stecktet, fuhr wie ein Sonnenstrahl von seinem Angesichte ein Blick der Freude und Hoffnung. Da hobt ihr eure Kinder auf der To?rschwelle in die Ho¶he und deutetet ihnen: a»Sieh, das ist Egmont, der Gro¶oYte da! Er ist's! Er ist's, von dem ihr bessere Zeiten, als eure armen Vo¤ter lebten, einst zu erwarten habt.a« LaoYt eure Kinder nicht dereinst euch fragen: a»Wo ist er hin? Wo sind die Zeiten hin, die ihr verspracht?a« - Und so wechseln wir Worte! sind mo?oYig, verraten ihn. Soest. Scho¤mt Euch, Brackenburg! LaoYt sie nicht gewo¤hren! Steuert dem Unheil! Brackenburg. Liebes Klo¤rchen! wir wollen gehen! Was wird die Mutter sagen? Vielleicht - Klo¤rchen. Meinst du, ich sei ein Kind oder wahnsinnig? Was kann vielleicht? - Von dieser schrecklichen GewioYheit bringst du mich mit keiner Hoffnung weg. - Ihr sollt mich ho¶ren und ihr werdet: denn ich seh's, ihr seid besto?rzt und ko¶nnt euch selbst in euerm Busen nicht wiederfinden. LaoYt durch die gegenwo¤rtige Gefahr nur einen Blick in das Vergangene dringen, das kurz Vergangene. Wendet eure Gedanken nach der Zukunft. Ko¶nnt ihr denn leben? werdet ihr, wenn er zugrunde geht? Mit seinem Atem flieht der letzte Hauch der Freiheit. Was war er euch? Fo?r wen o?bergab er sich der dringendsten Gefahr? Seine Wunden flossen und heilten nur fo?r euch. Die grooYe Seele, die euch alle trug, beschro¤nkt ein Kerker, und Schauer to?ckischen Mordes schweben um sie her. Er denkt vielleicht an euch, er hofft auf euch, er, der nur zu geben, nur zu erfo?llen gewohnt war. Zimmermeister. Gevatter, kommt. Klo¤rchen. Und ich habe nicht Arme, nicht Mark wie ihr; doch hab ich, was euch allen eben fehlt, Mut und Verachtung der Gefahr. Ko¶nnt' euch mein Atem doch entzo?nden! ko¶nnt' ich an meinen Busen dro?ckend euch erwo¤rmen und beleben! Kommt! In eurer Mitte will ich gehen! - Wie eine Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anfo?hrt, so soll mein Geist um eure Ho¤upter flammen, und Liebe und Mut das schwankende zerstreute Volk zu einem fo?rchterlichen Heer vereinigen. Jetter. Schaff sie beiseite, sie dauert mich. (Bo?rger ab.) Brackenburg. Klo¤rchen! siehst du nicht, wo wir sind? Klo¤rchen. Wo? Unter dem Himmel, der so oft sich herrlicher zu wo¶lben schien, wenn der Edle unter ihm herging. Aus diesen Fenstern haben sie herausgesehn, vier, fo?nf Ko¶pfe o?bereinander; an diesen To?ren haben sie gescharrt und genickt, wenn er auf die Memmen herabsah. O ich hatte sie so lieb, wie sie ihn ehrten! Wo¤re er Tyrann gewesen, mo¶chten sie immer vor seinem Falle seitwo¤rts gehn. Aber sie liebten ihn! - O ihr Ho¤nde, die ihr an die Mo?tzen grifft, zum Schwert ko¶nnt ihr nicht greifen - Brackenburg, und wir? - Schelten wir sie? - Diese Arme, die ihn so oft fest hielten, was tun sie fo?r ihn? - List hat in der Welt so viel erreicht - Du kennst Wege und Stege, kennst das alte SchlooY. Es ist nichts unmo¶glich, gib mir einen Anschlag. Brackenburg. Wenn wir nach Hause gingen! Klo¤rchen. Gut. Brackenburg. Dort an der Ecke seh ich Albas Wache; laoY doch die Stimme der Vernunft dir zu Herzen dringen. Ho¤ltst du mich fo?r feig? Glaubst du nicht, daoY ich um deinetwillen sterben ko¶nnte? Hier sind wir beide toll, ich so gut wie du. Siehst du nicht das Unmo¶gliche? Wenn du dich faoYtest! Du bist auoYer dir. Klo¤rchen. AuoYer mir! Abscheulich! Brackenburg, ihr seid auoYer euch. Da ihr laut den Helden verehrtet, ihn Freund und Schutz und Hoffnung nanntet, ihm Vivat rieft, wenn er kam: da stand ich in meinem Winkel, schob das Fenster halb auf, verbarg mich lauschend, und das Herz schlug mir ho¶her als euch allen. Jetzt schlo¤gt mir's wieder ho¶her als euch allen! Ihr verbergt euch, da es not ist, verleugnet ihn und fo?hlt nicht, daoY ihr untergeht, wenn er verdirbt. Brackenburg. Komm nach Hause. Klo¤rchen. Nach Hause? Brackenburg. Besinne dich nur! Sieh dich um! Dies sind die StraoYen, die du nur sonnto¤glich betratst, durch die du sittsam nach der Kirche gingst, wo du o?bertrieben ehrbar zo?rntest, wenn ich mit einem freundlichen gro?oYenden Wort mich zu dir gesellte. Du stehst und redest, handelst vor den Augen der offnen Welt; besinne dich, Liebe! wozu hilft es uns? Klo¤rchen. Nach Hause! Ja, ich besinne mich. Komm, Brackenburg, nach Hause! WeioYt du, wo meine Heimat ist? (Ab.) Gefo¤ngnis, durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde Egmont (allein). Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch wie die o?brigen Freunde? Wie willig senktest du dich auf mein freies Haupt herunter und ko?hltest wie ein scho¶ner Myrtenkranz der Liebe meine Schlo¤fe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht' ich leicht atmend, wie ein aufquellender Knabe, in deinen Armen. Wenn Sto?rme durch Zweige und Blo¤tter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend bewegten, blieb innerst doch der Kern des Herzens ungeregt. Was scho?ttelt dich nun? was erscho?ttert den festen treuen Sinn? Ich fo?hl's, es ist der Klang der Mordaxt, die an meiner Wurzel nascht. Noch steh ich aufrecht, und ein innrer Schauer durchfo¤hrt mich. Ja, sie o?berwindet, die verro¤terische Gewalt; sie untergro¤bt den festen hohen Stamm, und eh' die Rinde dorrt, sto?rzt krachend und zerschmetternd deine Krone. Warum denn jetzt, der du so oft gewalt'ge Sorgen gleich Seifenblasen dir vom Haupte weggewiesen, warum vermagst du nicht die Ahnung zu verscheuchen, die tausendfach in dir sich auf- und niedertreibt? Seit wann begegnet der Tod dir fo?rchterlich, mit dessen wechselnden Bildern, wie mit den o?brigen Gestalten der gewohnten Erde, du gelassen lebtest? - Auch ist er's nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust wetteifernd sich entgegensehnt; der Kerker ist's, des Grabes Vorbild, dem Helden wie dem Feigen widerlich. Unleidlich ward mir's schon auf meinem gepolsterten Stuhle, wenn in stattlicher Versammlung die Fo?rsten, was leicht zu entscheiden war, mit wiederkehrenden Gespro¤chen o?berlegten, und zwischen do?stern Wo¤nden eines Saals die Balken der Decke mich erdro?ckten. Da eilt' ich fort, sobald es mo¶glich war, und rasch aufs Pferd mit tiefem Atemzuge. Und frisch hinaus, da wo wir hingeho¶ren! ins Feld, wo aus der Erde dampfend jede no¤chste Wohltat der Natur und durch die Himmel wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern; wo wir, dem erdgebornen Riesen gleich, von der Bero?hrung unsrer Mutter kro¤ftiger uns in die Ho¶he reioYen; wo wir die Menschheit ganz und menschliche Begier in allen Adern fo?hlen; wo das Verlangen, vorzudringen, zu besiegen, zu erhaschen, seine Faust zu brauchen, zu besitzen, zu erobern, durch die Seele des jungen Jo¤gers glo?ht; wo der Soldat sein angebornes Recht auf alle Welt mit raschem Schritt sich anmaoYt und in fo?rchterlicher Freiheit wie ein Hagelwetter durch Wiese, Feld und Wald verderbend streicht und keine Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen. Du bist nur Bild, Erinnerungstraum des Glo?cks, das ich so lang besessen; wo hat dich das Geschick verro¤terisch hingefo?hrt? Versagt es dir, den nie gescheuten Tod im Angesicht der Sonne rasch zu go¶nnen, um dir des Grabes Vorgeschmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus diesen Steinen widrig an! Schon starrt das Leben, vor dem Ruhebette wie vor dem Grabe scheut der FuoY. - O Sorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord beginnst, laoY ab! - Seit wann ist Egmont denn allein, so ganz allein in dieser Welt? Dich macht der Zweifel ho?lflos, nicht das Glo?ck. Ist die Gerechtigkeit des Ko¶nigs, der du lebenslang vertrautest, ist der Regentin Freundschaft, die fast (du darfst es dir gestehn), fast Liebe war, sind sie auf einmal, wie ein glo¤nzend Feuerbild der Nacht, verschwunden? und lassen dich allein auf dunkelm Pfad zuro?ck? Wird an der Spitze deiner Freunde Oranien nicht wagend sinnen? Wird nicht ein Volk sich sammeln und mit anschwellender Gewalt den alten Freund erretten? O haltet, Mauern, die ihr mich einschlieoYt, so vieler Geister wohlgemeintes Dro¤ngen nicht von mir ab; und welcher Mut aus meinen Augen sonst sich o?ber sie ergooY, der kehre nun aus ihren Herzen in meines wieder. O ja, sie ro?hren sich zu Tausenden! sie kommen! stehen mir zur Seite! Ihr frommer Wunsch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein Wunder. Und steigt zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder, so seh ich sie nach Lanz und Schwertern greifen. Die Tore spalten sich, die Gitter springen, die Mauer sto?rzt von ihren Ho¤nden ein, und der Freiheit des einbrechenden Tages steigt Egmont fro¶hlich entgegen. Wie manch bekannt Gesicht empfo¤ngt mich jauchzend! Ach Klo¤rchen, wo¤rst du Mann; so so¤h' ich dich gewioY auch hier zuerst und dankte dir, was einem Ko¶nige zu danken hart ist, Freiheit. Klo¤rchens Haus Klo¤rchen (kommt mit einer Lampe und einem Glas Wasser aus der Kammer; sie setzt das Glas auf den Tisch und tritt ans Fenster). Brackenburg? Seid Ihr's? Was ho¶rt' ich denn? noch niemand? Es war niemand! Ich will die Lampe ins Fenster setzen, daoY er sieht, ich wache noch, ich warte noch auf ihn. Er hat mir Nachricht versprochen. Nachricht? Entsetzliche GewioYheit! - Egmont verurteilt! - Welch Gericht darf ihn fordern? und sie verdammen ihn! Der Ko¶nig verdammt ihn? oder der Herzog? Und die Regentin entzieht sich! Oranien zaudert, und alle seine Freunde! - - Ist dies die Welt, von deren Wankelmut, Unzuverlo¤ssigkeit ich viel geho¶rt und nichts empfunden habe? Ist dies die Welt? - Wer wo¤re bo¶s genug, den Teuern anzufeinden? Wo¤re Bosheit mo¤chtig genug, den allgemein Erkannten schnell zu sto?rzen? Doch ist es so - es ist - O Egmont, sicher hielt ich dich vor Gott und Menschen, wie in meinen Armen! Was war ich dir? Du hast mich dein genannt, mein ganzes Leben widmete ich deinem Leben. - Was bin ich nun? Vergebens streck ich nach der Schlinge, die dich faoYt, die Hand aus. Du ho?lflos und ich frei! - Hier ist der Schlo?ssel zu meiner To?r. An meiner Willko?r ho¤ngt mein Gehen und mein Kommen, und dir bin ich zu nichts! - - O bindet mich, damit ich nicht verzweifle; und werft mich in den tiefsten Kerker, daoY ich das Haupt an feuchte Mauern schlage, nach Freiheit winsle, tro¤ume, wie ich ihm helfen wollte, wenn Fesseln mich nicht lo¤hmten, wie ich ihm helfen wo?rde. - Nun bin ich frei, und in der Freiheit liegt die Angst der Ohnmacht. - Mir selbst bewuoYt, nicht fo¤hig, ein Glied nach seiner Ho?lfe zu ro?hren. Ach leider, auch der kleine Teil von deinem Wesen, dein Klo¤rchen, ist wie du gefangen und regt getrennt im Todeskrampfe nur die letzten Kro¤fte. - Ich ho¶re schleichen, husten - Brackenburg - er ist's! - Elender guter Mann, dein Schicksal bleibt sich immer gleich; dein Liebchen o¶ffnet dir die no¤chtliche To?r, und ach zu welch unseliger Zusammenkunft! (Brackenburg tritt auf.) Klo¤rchen. Du kommst so bleich und scho?chtern, Brackenburg! was ist's? Brackenburg. Durch Umwege und Gefahren such ich dich auf. Die grooYen StraoYen sind besetzt; durch Go¤oYchen und durch Winkel hab ich mich zu dir gestohlen. Klo¤rchen. Erzo¤hl, wie ist's? Brackenburg (indem er sich setzt). Ach Klo¤re, laoY mich weinen. Ich liebt' ihn nicht. Er war der reiche Mann und lockte des Armen einziges Schaf zur bessern Weide hero?ber. Ich hab ihn nie verflucht; Gott hat mich treu geschaffen und weich. In Schmerzen flooY mein Leben vor mir nieder, und zu verschmachten hofft' ich jeden Tag. Klo¤rchen. VergioY das, Brackenburg! VergioY dich selbst. Sprich mir von ihm! Ist's wahr? Ist er verurteilt? Brackenburg. Er ist's! ich weioY es ganz genau. Klo¤rchen. Und lebt noch? Brackenburg. Ja, er lebt noch. Klo¤rchen. Wie willst du das versichern? - Die Tyrannei ermordet in der Nacht den Herrlichen! vor allen Augen verborgen flieoYt sein Blut. o„ngstlich im Schlafe liegt das beto¤ubte Volk und tro¤umt von Rettung, tro¤umt ihres ohnmo¤chtigen Wunsches Erfo?llung; indes unwillig o?ber uns sein Geist die Welt verlo¤oYt. Er ist dahin! - To¤usche mich nicht! dich nicht! Brackenburg. Nein gewioY, er lebt! - Und leider, es bereitet der Spanier dem Volke, das er zertreten will, ein fo?rchterliches Schauspiel, gewaltsam jedes Herz, das nach der Freiheit sich regt, auf ewig zu zerknirschen. Klo¤rchen. Fahre fort und sprich gelassen auch mein Todesurteil aus! Ich wandle den seligen Gefilden schon no¤her und no¤her, mir weht der Trost aus jenen Gegenden des Friedens schon hero?ber. Sag an. Brackenburg. Ich konnt' es an den Wachen merken, aus Reden, die bald da bald dorten fielen, daoY auf dem Markte geheimnisvoll ein Schrecknis zubereitet werde. Ich schlich durch Seitenwege, durch bekannte Go¤nge nach meines Vettern Hause und sah aus einem Hinterfenster nach dem Markte. - Es wehten Fackeln in einem weiten Kreise spanischer Soldaten hin und wider. Ich scho¤rfte mein ungewohntes Auge, und aus der Nacht stieg mir ein schwarzes Gero?st entgegen, gero¤umig hoch; mir grauste vor dem Anblick. Gescho¤ftig waren viele rings umher bemo?ht, was noch von Holzwerk weioY und sichtbar war, mit schwarzem Tuch einho?llend zu verkleiden. Die Treppen deckten sie zuletzt auch schwarz, ich sah es wohl. Sie schienen die Weihe eines gro¤oYlichen Opfers vorbereitend zu begehn. Ein weioYes Kruzifix, das durch die Nacht wie Silber blinkte, ward an der einen Seite hoch aufgesteckt. Ich sah, und sah die schreckliche GewioYheit immer gewisser. Noch wankten Fackeln hie und da herum; allmo¤hlich wichen sie und erloschen. Auf einmal war die scheuoYliche Geburt der Nacht in ihrer Mutter SchooY zuro?ckgekehrt. Klo¤rchen. Still, Brackenburg! Nun still! LaoY diese Ho?lle auf meiner Seele ruhn. Verschwunden sind die Gespenster, und du, holde Nacht, leih deinen Mantel der Erde, die in sich go¤rt; sie tro¤gt nicht lo¤nger die abscheuliche Last, reioYt ihre tiefen Spalten grausend auf und knirscht das Mordgero?st hinunter. Und irgendeinen Engel sendet der Gott, den sie zum Zeugen ihrer Wut gescho¤ndet; vor des Boten heiliger Bero?hrung lo¶sen sich Riegel und Bande, und er umgieoYt den Freund mit mildem Schimmer; er fo?hrt ihn durch die Nacht zur Freiheit sanft und still. Und auch mein Weg geht heimlich in dieser Dunkelheit, ihm zu begegnen. Brackenburg (sie aufhaltend). Mein Kind, wohin? was wagst du? Klo¤rchen. Leise, Lieber, daoY niemand erwache! daoY wir uns selbst nicht wecken! Kennst du dies Flo¤schchen, Brackenburg? Ich nahm dir's scherzend, als du mit o?bereiltem Tod oft ungeduldig drohtest. - Und nun, mein Freund - Brackenburg. In aller Heiligen Namen! - Klo¤rchen. Du hinderst nichts. Tod ist mein Teil! und go¶nne mir den sanften schnellen Tod, den du dir selbst bereitetest. Gib mir deine Hand! - Im Augenblick, da ich die dunkle Pforte ero¶ffne, aus der kein Ro?ckweg ist, ko¶nnt' ich mit diesem Ho¤ndedruck dir sagen, wie sehr ich dich geliebt, wie sehr ich dich bejammert. Mein Bruder starb mir jung; dich wo¤hlt' ich, seine Stelle zu ersetzen. Es widersprach dein Herz und quo¤lte sich und mich, verlangtest heioY und immer heioYer, was dir nicht beschieden war. Vergib mir und leb wohl! LaoY mich dich Bruder nennen! Es ist ein Name, der viel Namen in sich faoYt. Nimm die letzte scho¶ne Blume der Scheidenden mit treuem Herzen ab - nimm diesen KuoY - Der Tod vereinigt alles, Brackenburg, uns denn auch. Brackenburg. So laoY mich mit dir sterben! Teile! Teile! Es ist genug, zwei Leben auszulo¶schen. Klo¤rchen. Bleib! du sollst leben, du kannst leben. - Steh meiner Mutter bei, die ohne dich in Armut sich verzehren wo?rde. Sei ihr, was ich ihr nicht mehr sein kann; lebt zusammen und beweint mich. Beweint das Vaterland und den, der es allein erhalten konnte. Das heutige Geschlecht wird diesen Jammer nicht los; die Wut der Rache selbst vermag ihn nicht zu tilgen. Lebt, ihr Armen, die Zeit noch hin, die keine Zeit mehr ist. Heut steht die Welt auf einmal still; es stockt ihr Kreislauf, und mein Puls schlo¤gt kaum noch wenige Minuten. Leb wohl! Brackenburg. O lebe du mit uns, wie wir fo?r dich allein! Du to¶test uns in dir, o leb und leide. Wir wollen unzertrennlich dir zu beiden Seiten stehn, und immer achtsam soll die Liebe den scho¶nsten Trost in ihren lebendigen Armen dir bereiten. Sei unser! Unser! Ich darf nicht sagen: mein. Klo¤rchen. Leise, Brackenburg! Du fo?hlst nicht, was du ro?hrst. Wo Hoffnung dir erscheint, ist mir Verzweiflung. Brackenburg. Teile mit den Lebendigen die Hoffnung! Verweil am Rande des Abgrundes, schau hinab und sieh auf uns zuro?ck. Klo¤rchen. Ich hab o?berwunden, ruf mich nicht wieder zum Streit. Brackenburg. Du bist beto¤ubt; geho?llt in Nacht suchst du die Tiefe. Noch ist nicht jedes Licht erloschen, noch mancher Tag! - Klo¤rchen. Weh! o?ber dich Weh! Weh! Grausam zerreioYest du den Vorhang vor meinem Auge. Ja, er wird grauen, der Tag! vergebens alle Nebel um sich ziehn und wider Willen grauen! Furchtsam schaut der Bo?rger aus seinem Fenster, die Nacht lo¤oYt einen schwarzen Flecken zuro?ck; er schaut, und fo?rchterlich wo¤chst im Lichte das Mordgero?st. Neu leidend wendet das entweihte Gottesbild sein flehend Auge zum Vater auf. Die Sonne wagt sich nicht hervor; sie will die Stunde nicht bezeichnen, in der er sterben soll. Tro¤ge gehn die Zeiger ihren Weg, und eine Stunde nach der andern schlo¤gt. Halt! Halt! Nun ist es Zeit! mich scheucht des Morgens Ahnung in das Grab. (Sie tritt ans Fenster, als so¤he sie sich um, und trinkt heimlich.) Brackenburg. Klo¤re! Klo¤re! Klo¤rchen (geht nach dem Tisch und trinkt das Wasser). Hier ist der Rest! Ich locke dich nicht nach. Tu, was du darfst, leb wohl. Lo¶sche diese Lampe still und ohne Zaudern, ich geh zur Ruhe. Schleiche dich sachte weg, ziehe die To?r nach dir zu. Still! Wecke meine Mutter nicht! Geh, rette dich! Rette dich! wenn du nicht mein Mo¶rder scheinen willst. (Ab.) Brackenburg. Sie lo¤oYt mich zum letztenmale wie immer. O ko¶nnte eine Menschenseele fo?hlen, wie sie ein liebend Herz zerreioYen kann. Sie lo¤oYt mich stehn, mir selber o?berlassen; und Tod und Leben ist mir gleich verhaoYt. - Allein zu sterben! - Weint, ihr Liebenden! Kein ho¤rter Schicksal ist als meins! Sie teilt mit mir den Todestropfen und schickt mich weg! von ihrer Seite weg! sie zieht mich nach und sto¶oYt ins Leben mich zuro?ck. O Egmont, welch preiswo?rdig Los fo¤llt dir! Sie geht voran; der Kranz des Siegs aus ihrer Hand ist dein, sie bringt den ganzen Himmel dir entgegen! - Und soll ich folgen? wieder seitwo¤rts stehn? den unauslo¶schlichen Neid in jene Wohnungen hino?bertragen? - Auf Erden ist kein Bleiben mehr fo?r mich, und Ho¶ll und Himmel bieten gleiche Qual. Wie wo¤re der Vernichtung Schreckenshand dem Unglo?ckseligen will kommen! (Brackenburg geht ab; das Theater bleibt einige Zeit unvero¤ndert. Eine Musik, Klo¤rchens Tod bezeichnend, beginnt; die Lampe, welche Brackenburg auszulo¶schen vergessen, flammt noch einigemal auf, dann erlischt sie. Bald verwandelt sich der Schauplatz in das Gefo¤ngnis Egmont liegt schlafend auf dem Ruhebette. Es entsteht ein Gerassel mit Schlo?sseln, und die To?r tut sich auf. Diener mit Fackeln treten herein; ihnen folgt Ferdinand, Albas Sohn, und Silva, begleitet von Gewaffneten. Egmont fo¤hrt aus dem Schlaf auf.) Egmont. Wer seid ihr? die ihr mir unfreundlich den Schlaf von den Augen scho?ttelt. Was ko?nden eure trotzigen, unsichern Blicke mir an? Warum diesen fo?rchterlichen Aufzug? Welchen Schreckenstraum kommt ihr der halb erwachten Seele vorzulo?gen? Silva. Uns schickt der Herzog, dir dein Urteil anzuko?ndigen. Egmont. Bringst du den Henker auch mit, es zu vollziehen? Silva. Vernimm es, so wirst du wissen, was deiner wartet. Egmont. So ziemt es euch und euerm scho¤ndlichen Beginnen! In Nacht gebro?tet und in Nacht vollfo?hrt. So mag diese freche Tat der Ungerechtigkeit sich verbergen! - Tritt ko?hn hervor, der du das Schwert verho?llt unter dem Mantel tro¤gst; hier ist mein Haupt, das freieste, das je die Tyrannei vom Rumpf gerissen. Silva. Du irrst! Was gerechte Richter beschlieoYen, werden sie vorm Angesicht des Tages nicht verbergen. Egmont. So o?bersteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken. Silva (nimmt einem Dabeistehenden das Urteil ab, entfaltet's und liest's). a»Im Namen des Ko¶nigs, und kraft besonderer von Seiner Majesto¤t uns o?bertragenen Gewalt, alle seine Untertanen, wes Standes sie seien, zugleich die Ritter des Goldnen Vlieses zu richten, erkennen wira« - Egmont. Kann die der Ko¶nig o?bertragen? Silva. a»Erkennen wir, nach vorgo¤ngiger genauer, gesetzlicher Untersuchung, dich Heinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverrats schuldig und sprechen das Urteil: daoY du mit der Fro?he des einbrechenden Morgens aus dem Kerker auf den Markt gefo?hrt und dort, vorm Angesicht des Volks, zur Warnung aller Verro¤ter mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden sollest. Gegeben Bro?ssel ima« (Datum und Jahrzahl werden undeutlich gelesen, so, daoY sie der Zuho¶rer nicht versteht.) a»Ferdinand, Herzog von Alba, Vorsitzer des Gerichts der Zwo¶lfe.a« Du weioYt nun dein Schicksal; es bleibt dir wenige Zeit, dich drein zu ergeben, dein Haus zu bestellen und von den Deinigen Abschied zu nehmen. (Silva mit dem Gefolge geht ab. Es bleibt Ferdinand und zwei Fackeln; das Theater ist mo¤oYig erleuchtet.) Egmont (hat eine Weile in sich versenkt stille gestanden und Silva, ohne sich umzusehn, abgehen lassen. Er glaubt sich allein, und da er die Augen aufhebt, erblickt er Albas Sohn). Du stehst und bleibst? Willst du mein Erstaunen, mein Entsetzen noch durch deine Gegenwart vermehren? Willst du noch etwa die willkommne Botschaft deinem Vater bringen, daoY ich unmo¤nnlich verzweifle? Geh! Sag ihm! Sag ihm, daoY er weder mich noch die Welt belo?gt. Ihm, dem Ruhmso?chtigen, wird man es erst hinter den Schultern leise lispeln, dann laut und lauter sagen, und wenn er einst von diesem Gipfel herabsteigt, werden tausend Stimmen es ihm entgegenrufen! Nicht das Wohl des Staats, nicht die Wo?rde des Ko¶nigs, nicht die Ruhe der Provinzen haben ihn hierher gebracht. Um sein selbst willen hat er Krieg geraten, daoY der Krieger im Kriege gelte. Er hat diese ungeheure Verwirrung erregt, damit man seiner bedo?rfe. Und ich falle, ein Opfer seines niedrigen Hasses, seines kleinlichen Neides. Ja, ich weioY es, und ich darf es sagen; der Sterbende, der to¶dlich Verwundete kann es sagen: mich hat der Eingebildete beneidet; mich wegzutilgen hat er lange gesonnen und gedacht. Schon damals, als wir noch jo?nger mit Wo?rfeln spielten und die Haufen Goldes, einer nach dem andern, von seiner Seite zu mir hero?bereilten, da stand er grimmig, log Gelassenheit, und innerlich verzehrte ihn die o„rgernis, mehr o?ber mein Glo?ck als o?ber seinen Verlust. Noch erinnere ich mich des funkelnden Blicks, der verro¤terischen Blo¤sse, als wir an einem o¶ffentlichen Feste vor vielen tausend Menschen um die Wette schossen. Er forderte mich auf, und beide Nationen standen; die Spanier, die Niederlo¤nder wetteten und wo?nschten. Ich o?berwand ihn; seine Kugel irrte, die meine traf; ein lauter Freudenschrei der Meinigen durchbrach die Luft. Nun trifft mich sein GeschooY. Sag ihm, daoY ich's weioY, daoY ich ihn kenne, daoY die Welt jede Siegszeichen verachtet, die ein kleiner Geist erschleichend sich aufrichtet. Und du! wenn einem Sohne mo¶glich ist, von der Sitte des Vaters zu weichen, o?be beizeiten die Scham, indem du dich fo?r den scho¤mst, den du gerne von ganzem Herzen verehren mo¶chtest. Ferdinand. Ich ho¶re dich an, ohne dich zu unterbrechen! Deine Vorwo?rfe lasten wie Keulschlo¤ge auf einem Helm; ich fo?hle die Erscho?tterung, aber ich bin bewaffnet. Du triffst mich, du verwundest mich nicht; fo?hlbar ist mir allein der Schmerz, der mir den Busen zerreioYt. Wehe mir! Wehe! Zu einem solchen Anblick bin ich aufgewachsen, zu einem solchen Schauspiele bin ich gesendet! Egmont. Du brichst in Klagen aus? Was ro?hrt, was beko?mmert dich? Ist es eine spo¤te Reue, daoY du der scho¤ndlichen Verschwo¶rung deinen Dienst geliehen? Du bist so jung und hast ein glo?ckliches Ansehn. Du warst so zutraulich, so freundlich gegen mich. Solang ich dich sah, war ich mit deinem Vater verso¶hnt. Und ebenso verstellt, verstellter als er, lockst du mich in das Netz. Du bist der Abscheuliche! Wer ihm traut, mag er es auf seine Gefahr tun; aber wer fo?rchtete Gefahr, dir zu vertrauen? Geh! Geh! Raube mir nicht die wenigen Augenblicke! Geh, daoY ich mich sammle, die Welt und dich zuerst vergesse! - Ferdinand. Was soll ich dir sagen? Ich stehe und sehe dich an, und sehe dich nicht, und fo?hle mich nicht. Soll ich mich entschuldigen? Soll ich dir versichern, daoY ich erst spo¤t, erst ganz zuletzt des Vaters Absichten erfuhr, daoY ich als ein gezwungenes, ein lebloses Werkzeug seines Willens handelte? Was fruchtet's, welche Meinung du von mir haben magst? Du bist verloren; und ich Unglo?cklicher stehe nur da, um dir's zu versichern, um dich zu bejammern. Egmont. Welche sonderbare Stimme, welch ein unerwarteter Trost begegnet mir auf dem Wege zum Grabe? Du, Sohn meines ersten, meines fast einzigen Feindes, du bedauerst mich, du bist nicht unter meinen Mo¶rdern? Sage, rede! Fo?r wen soll ich dich halten? Ferdinand. Grausamer Vater! Ja ich erkenne dich in diesem Befehle. Du kanntest mein Herz, meine Gesinnung, die du so oft als Erbteil einer zo¤rtlichen Mutter schaltest. Mich dir gleich zu bilden, sandtest du mich hierher. Diesen Mann am Rande des go¤hnenden Grabes, in der Gewalt eines willko?rlichen Todes zu sehen, zwingst du mich, daoY ich den tiefsten Schmerz empfinde, daoY ich taub gegen alles Schicksal, daoY ich unempfindlich werde, es geschehe mir, was wolle. Egmont. Ich erstaune! Fasse dich! Stehe, rede wie ein Mann. Ferdinand. O daoY ich ein Weib wo¤re! daoY man mir sagen ko¶nnte: was ro?hrt dich? was ficht dich an? Sage mir ein gro¶oYeres, ein ungeheureres o?bel, mache mich zum Zeugen einer schrecklichern Tat; ich will dir danken, ich will sagen: es war nichts. Egmont. Du verlierst dich. Wo bist du? Ferdinand. LaoY diese Leidenschaft rasen, laoY mich losgebunden klagen! Ich will nicht standhaft scheinen, wenn alles in mir zusammenbricht. Dich soll ich hier sehn? - Dich? - Es ist entsetzlich! Du verstehst mich nicht! Und sollst du mich verstehen? Egmont! Egmont! (Ihm um den Hals fallend.) Egmont. Lo¶se mir das Geheimnis. Ferdinand. Kein Geheimnis. Egmont. Wie bewegt dich so tief das Schicksal eines fremden Mannes? Ferdinand. Nicht fremd! Du bist mir nicht fremd. Dein Name war's, der mir in meiner ersten Jugend gleich einem Stern des Himmels entgegenleuchtete. Wie oft hab ich nach dir gehorcht, gefragt! Des Kindes Hoffnung ist der Jo?ngling, des Jo?nglings der Mann. So bist du vor mir her geschritten; immer vor, und ohne Neid sah ich dich vor, und schritt dir nach, und fort und fort. Nun hofft' ich endlich dich zu sehen, und sah dich, und mein Herz flog dir entgegen. Dich hatt' ich mir bestimmt, und wo¤hlte dich aufs neue, da ich dich sah. Nun hofft' ich erst, mit dir zu sein, mit dir zu leben, dich zu fassen, dich - Das ist nun alles weggeschnitten, und ich sehe dich hier! Egmont. Mein Freund, wenn es dir wohltun kann, so nimm die Versicherung, daoY im ersten Augenblick mein Gemo?t dir entgegenkam. Und ho¶re mich. LaoY uns ein ruhiges Wort untereinander wechseln. Sage mir: ist es der strenge, ernste Wille deines Vaters, mich zu to¶ten? Ferdinand. Er ist's. Egmont. Dieses Urteil wo¤re nicht ein leeres Schreckbild mich zu o¤ngstigen, durch Furcht und Drohung zu strafen: mich zu erniedrigen und dann mit ko¶niglicher Gnade mich wieder aufzuheben? Ferdinand. Nein, ach leider nein! Anfangs schmeichelte ich mir selbst mit dieser ausweichenden Hoffnung; und schon da empfand ich Angst und Schmerz, dich in diesem Zustande zu sehen. Nun ist es wirklich, ist gewioY. Nein, ich regiere mich nicht. Wer gibt mir eine Ho?lfe, wer einen Rat, dem Unvermeidlichen zu entgehen? Egmont. So ho¶re mich. Wenn deine Seele so gewaltsam dringt, mich zu retten, wenn du die o?bermacht verabscheust, die mich gefesselt ho¤lt, so rette mich! Die Augenblicke sind kostbar. Du bist des Allgewaltigen Sohn und selbst gewaltig - LaoY uns entfliehen! Ich kenne die Wege; die Mittel ko¶nnen dir nicht unbekannt sein. Nur diese Mauern, nur wenige Meilen entfernen mich von meinen Freunden. Lo¶se diese Bande, bringe mich zu ihnen und sei unser. GewioY, der Ko¶nig dankt dir dereinst meine Rettung. Jetzt ist er o?berrascht, und vielleicht ist ihm alles unbekannt. Dein Vater wagt; und die Majesto¤t muoY das Geschehene billigen, wenn sie sich auch davor entsetzet. Du denkst? O denke mir den Weg der Freiheit aus! Sprich, und no¤hre die Hoffnung der lebendigen Seele. Ferdinand. Schweig! o schweige! Du vermehrst mit jedem Worte meine Verzweiflung. Hier ist kein Ausweg, kein Rat, keine Flucht. - Das quo¤lt mich, das greift und faoYt mir wie mit Klauen die Brust. Ich habe selbst das Netz zusammengezogen; ich kenne die strengen festen Knoten; ich weioY, wie jeder Ko?hnheit, jeder List die Wege verrennt sind; ich fo?hle mich mit dir und mit allen andern gefesselt. Wo?rde ich klagen, ho¤tte ich nicht alles versucht? Zu seinen Fo?oYen habe ich gelegen, geredet und gebeten. Er schickte mich hierher, um alles, was von Lebenslust und Freude mit mir lebt, in diesem Augenblicke zu zersto¶ren. Egmont. Und keine Rettung? Ferdinand. Keine! Egmont (mit dem FuoYe stampfend). Keine Rettung! - - So?oYes Leben! scho¶ne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden! So gelassen scheiden! Nicht im Tumulte der Schlacht, unter dem Gero¤usch der Waffen, in der Zerstreuung des Geto?mmels gibst du mir ein flo?chtiges Lebewohl; du nimmst keinen eiligen Abschied, verko?rzest nicht den Augenblick der Trennung. Ich soll deine Hand fassen, dir noch einmal in die Augen sehn, deine Scho¶ne, deinen Wert recht lebhaft fo?hlen und dann mich entschlossen losreioYen und sagen: Fahre hin! Ferdinand Und ich soll daneben stehn, zusehn, dich nicht halten, nicht hindern ko¶nnen! O welche Stimme reichte zur Klage! Welches Herz flo¶sse nicht aus seinen Banden vor diesem Jammer? Egmont. Fasse dich! Ferdinand. Du kannst dich fassen, du kannst entsagen, den schweren Schritt an der Hand der Notwendigkeit heldenmo¤oYig gehn. Was kann ich? Was soll ich? Du o?berwindest dich selbst und uns; du o?berstehst; ich o?berlebe dich und mich selbst. Bei der Freude des Mahls hab ich mein Licht, im Geto?mmel der Schlacht meine Fahne verloren. Schal, verworren, tro?b scheint mir die Zukunft. Egmont. Junger Freund, den ich durch ein sonderbares Schicksal zugleich gewinne und verliere, der fo?r mich die Todesschmerzen empfindet, fo?r mich leidet, sieh mich in diesen Augenblicken an; du verlierst mich nicht. War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem du dich gerne betrachtetest: so sei es auch mein Tod. Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind; auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns. Ich lebe dir, und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages hab ich mich gefreut; an jedem Tage mit rascher Wirkung meine Pflicht getan, wie mein Gewissen mir sie zeigte. Nun endigt sich das Leben, wie es sich fro?her, fro?her, schon auf dem Sande von Gravelingen ho¤tte endigen ko¶nnen. Ich ho¶re auf zu leben; aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern und mit Lust, und scheue den Tod nicht. Ferdinand. Du ho¤ttest dich fo?r uns erhalten ko¶nnen, erhalten sollen. Du hast dich selber geto¶tet. Oft ho¶rt' ich, wenn kluge Mo¤nner o?ber dich sprachen, feindselige, wohlwollende, sie stritten lang o?ber deinen Wert; doch endlich vereinigten sie sich, keiner wagt' es zu leugnen, jeder gestand: ja, er wandelt einen gefo¤hrlichen Weg. Wie oft wo?nscht' ich, dich warnen zu ko¶nnen! Hattest du denn keine Freunde? Egmont. Ich war gewarnt. Ferdinand. Und wie ich punktweise alle diese Beschuldigungen wieder in der Anklage fand, und deine Antworten! Gut genug, dich zu entschuldigen; nicht triftig genug, dich von der Schuld zu befreien - Egmont. Dies sei beiseite gelegt. Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu fo?hren; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksale gezogen. LaoY uns daro?ber nicht sinnen; dieser Gedanken entschlag ich mich leicht - schwerer der Sorge fo?r dieses Land! doch auch dafo?r wird gesorgt sein. Kann mein Blut fo?r viele flieoYen, meinem Volke Friede bringen, so flieoYt es willig. Leider wird's nicht so werden. Doch es ziemt dem Menschen, nicht mehr zu gro?beln, wo er nicht mehr wirken soll. Kannst du die verderbende Gewalt deines Vaters aufhalten, lenken, so tu's. Wer wird das ko¶nnen? - Leb wohl! Ferdinand. Ich kann nicht gehn. Egmont. LaoY meine Leute dir aufs beste empfohlen sein! Ich habe gute Menschen zu Dienern; daoY sie nicht zerstreut, nicht unglo?cklich werden! Wie steht es um Richard, meinen Schreiber? Ferdinand. Er ist dir vorangegangen. Sie haben ihn als Mitschuldigen des Hochverrats enthauptet. Egmont. Arme Seele! - Noch eins, und dann leb wohl, ich kann nicht mehr. Was auch den Geist gewaltsam bescho¤ftigt, fordert die Natur zuletzt doch unwiderstehlich ihre Rechte; und wie ein Kind, umwunden von der Schlange, des erquickenden Schlafs genieoYt, so legt der Mo?de sich noch einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten Weg zu wandern ho¤tte. - Noch eins - Ich kenne ein Mo¤dchen; du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Nun ich sie dir empfehle, sterb ich ruhig. Du bist ein edler Mann; ein Weib, das den findet, ist geborgen. Lebt mein alter Adolf? ist er frei? Ferdinand. Der muntre Greis, der Euch zu Pferde immer begleitete? Egmont. Derselbe. Ferdinand. Er lebt, er ist frei. Egmont. Er weioY ihre Wohnung; laoY dich von ihm fo?hren und lohn ihm bis an sein Ende, daoY er dir den Weg zu diesem Kleinode zeigt. - Leb wohl! Ferdinand. Ich gehe nicht. Egmont (ihn nach der To?r dro¤ngend). Leb wohl! Ferdinand. O laoY mich noch! Egmont. Freund, keinen Abschied. (Er begleitet Ferdinanden bis an die To?r und reioYt sich dort von ihm los. Ferdinand, beto¤ubt, entfernt sich eilend.) Egmont (allein). Feindseliger Mann! Du glaubtest nicht, mir diese Wohltat durch deinen Sohn zu erzeigen. Durch ihn bin ich der Sorgen los und der Schmerzen, der Furcht und jedes o¤ngstlichen Gefo?hls. Sanft und dringend fordert die Natur ihren letzten Zoll. Es ist vorbei, es ist beschlossen! und was die letzte Nacht mich ungewioY auf meinem Lager wachend hielt, das schlo¤fert nun mit unbezwinglicher GewioYheit meine Sinnen ein. (Er setzt sich aufs Ruhebett. Musik.) So?oYer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glo?ck ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lo¶sest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes; ungehindert flieoYt der Kreis innerer Harmonien, und eingeho?llt in gefo¤lligen Wahnsinn, versinken wir und ho¶ren auf zu sein. (Er entschlo¤ft; die Musik begleitet seinen Schlummer. Hinter seinem Lager scheint sich die Mauer zu ero¶ffnen, eine glo¤nzende Erscheinung zeigt sich. Die Freiheit in himmlischem Gewande, von einer Klarheit umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Zo?ge von Klo¤rchen und neigt sich gegen den schlafenden Helden. Sie dro?ckt eine bedauernde Empfindung aus, sie scheint ihn zu beklagen. Bald faoYt sie sich, und mit aufmunternder Gebo¤rde zeigt sie ihm das Bo?ndel Pfeile, dann den Stab mit dem Hute. Sie heioYt ihn froh sein, und indem sie ihm andeutet, daoY sein Tod den Provinzen die Freiheit verschaffen werde, erkennt sie ihn als Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz, Wie sie sich mit dem Kranze dem Haupte nahet, macht Egmont eine Bewegung, wie einer, der sich im Schlafe regt, dergestalt, daoY er mit dem Gesicht aufwo¤rts gegen sie liegt. Sie ho¤lt den Kranz o?ber seinem Haupte schwebend: man ho¶rt ganz von weitem eine kriegerische Musik von Trommeln und Pfeifen: bei dem leisesten Laut derselben verschwindet die Erscheinung. Der Schall wird sto¤rker. Egmont erwacht; das Gefo¤ngnis wird vom Morgen mo¤oYig erhellt. Seine erste Bewegung ist, nach dem Haupte zu greifen: er steht auf und sieht sich um, indem er die Hand auf dem Haupte beho¤lt.) Verschwunden ist der Kranz! Du scho¶nes Bild, das Licht des Tages hat dich verscheuchet! Ja sie waren's, sie waren vereint, die beiden so?oYesten Freuden meines Herzens. Die go¶ttliche Freiheit, von meiner Geliebten borgte sie die Gestalt; das reizende Mo¤dchen kleidete sich in der Freundin himmlisches Gewand. In einem ernsten Augenblick erscheinen sie vereinigt, ernster als lieblich. Mit blutbefleckten Sohlen trat sie vor mir auf, die wehenden Falten des Saumes mit Blut befleckt. Es war mein Blut und vieler Edeln Blut. Nein, es ward nicht umsonst vergossen. Schreitet durch! Braves Volk! Die Siegesgo¶ttin fo?hrt dich an! Und wie das Meer durch eure Do¤mme bricht, so brecht, so reioYt den Wall der Tyrannei zusammen und schwemmt erso¤ufend sie von ihrem Grunde, den sie sich anmaoYt, weg! (Trommeln no¤her.) Horch! Horch! Wie oft rief mich dieser Schall zum freien Schritt nach dem Felde des Streits und des Siegs! Wie munter traten die Gefo¤hrten auf der gefo¤hrlichen, ro?hmlichen Bahn! Auch ich schreite einem ehrenvollen Tode aus diesem Kerker entgegen; ich sterbe fo?r die Freiheit, fo?r die ich lebte und focht und der ich mich jetzt leidend opfre. (Der Hintergrund wird mit einer Reihe spanischer Soldaten besetzt, welche Hellebarden tragen.) Ja, fo?hrt sie nur zusammen! SchlieoYt eure Reihen, ihr schreckt mich nicht. Ich bin gewohnt, vor Speeren gegen Speere zu stehn und, rings umgeben von dem drohenden Tod, das mutige Leben nur doppelt rasch zu fo?hlen. (Trommeln.) Dich schlieoYt der Feind von allen Seiten ein! Es blinken Schwerter; Freunde, ho¶hern Mut! Im Ro?cken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder! (Auf die Wache zeigend.) Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers, nicht ihr Gemo?t. Scho?tzt eure Go?ter! Und euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe. (Trommeln. Wie er auf die Wache los- und auf die Hinterto?r zugeht, fo¤llt der Vorhang: die Musik fo¤llt ein und schlieoYt mit einer Siegessymphonie das Sto?ck.)
2007-2009