Hermann Hesse. Siddhartha
SIDDHARTHA
Eine indische Dichtung
von Hermann Hesse
ERSTER TEIL
Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet
DER SOHN DES BRAHMANEN
Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flussufers bei den Booten, im
Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf,
der schXne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit seinem Freunde,
dem Brahmanensohn. Sonne brXunte seine lichten Schultern am Flussufer, beim
Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. Schatten floss
in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang
der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des
Gelehrten, beim GesprXch der Weisen. Lange schon nahm Siddhartha am GesprXch
der Weisen teil, Xbte sich mit Govinda im Redekampf, Xbte sich mit Govinda
in der Kunst der Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er,
lautlos das Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu
sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit dem
Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben vom Glanz des
klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens Atman zu
wissen, unzerstXrbar, eins mit dem Weltall.
Freude sprang in seines Vaters Herzen Xber den Sohn, den Gelehrigen,
den Wissensdurstigen, einen groXen Weisen und Priester sah er in ihm
heranwachsen, einen FXrsten unter den Brahmanen.
Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn
schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha, den
Starken, den SchXnen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit
vollkommenem Anstand sie BegrXenden.
Liebe rXhrte sich in den Herzen der jungen BrahmanentXchter, wenn
Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn, mit
dem KXnigsauge, mit den schmalen HXften.
Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der
Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte seinen
Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte alles, was
Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er seinen Geist, seine
hohen, feurigen Gedanken, seinen glXhenden Willen, seine hohe Berufung.
Govinda wusste: dieser wird kein gemeiner Brahmane werden, kein fauler
Opferbeamter, kein habgieriger HXndler mit ZaubersprXchen, kein eitler,
leerer Redner, kein bXser, hinterlistiger Priester, und auch kein gutes,
dummes Schaf in der Herde der Vielen. Nein, und auch er, Govinda, wollte
kein solcher werden, kein Brahmane, wie es zehntausend gibt. Er wollte
Siddhartha folgen, dem Geliebten, dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha
einstmals ein Gott wXrde, wenn er einstmals eingehen wXrde zu den
Strahlenden, dann wollte Govinda ihm folgen, als sein Freund, als sein
Begleiter, als sein Diener, als sein SpeertrXger, sein Schatten.
So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er zur
Lust.
Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur
Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im
blXulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder im
tXglichen SXhnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von vollkommenem
Anstand der GebXrden, von allen geliebt, aller Freude, trug er doch keine
Freude im Herzen. TrXume kamen ihm und rastlose Gedanken aus dem Wasser des
Flusses geflossen, aus den Sternen der Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der
Sonne geschmolzen, TrXume kamen ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den
Opfern geraucht, aus den Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der
alten Brahmanen getrXufelt.
Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nXhren, Er hatte
begonnen zu fXhlen, dass die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner
Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und fXr
alle Zeit ihn beglXcken, ihn stillen, ihn sXttigen, ihm genXgen werde. Er
hatte begonnen zu ahnen, dass sein ehrwXrdiger Vater und seine anderen
Lehrer, dass die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und
beste schon mitgeteilt, dass sie ihre FXlle schon in sein wartendes GefX
gegossen hXtten, und das GefX war nicht voll, der Geist war nicht begnXgt,
die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. Die Waschungen waren
gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht SXnde ab, sie heilten nicht
Geistesdurst, sie lXsten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer
und die Anrufung der GXtter aber war dies alles? Gaben die Opfer GlXck? Und
wie war das mit den GXttern? War es wirklich Prajapati, der die Welt
erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der Alleine? Waren
nicht die GXtter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan,
vergXnglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und
hXchstes Tun, den GXttern zu opfern? Wem anders war zu opfern, wem anders
war Verehrung darzubringen als Ihm, dem Einzigen, dem Atman? Und wo war
Atman zu finden, wo wohnte Er, wo schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im
eigenen Ich, im Innersten, im UnzerstXrbaren, das ein jeder in sich trug?
Aber wo, wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch
und Bein, es war nicht Denken noch Bewusstsein, so lehrten die Weisesten.
Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman, gab es
einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte diesen
Weg, niemand wusste ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht
die heiligen OpfergesXnge! Alles wussten sie, die Brahmanen und ihre
heiligen BXcher, alles wussten sie, um alles hatten sie sich gekXmmert und
um mehr als alles, die Erschaffung der Welt, das Entstehen der Rede, der
Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die Ordnungen der Sinne, die Taten der
GXtter unendlich vieles wussten sie X aber war es wertvoll, dies alles zu
wissen, wenn man das Eine und Einzige nicht wusste, das Wichtigste, das
allein Wichtige? Gewiss, viele Verse der heiligen BXcher, zumal in den
Upanishaden des Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten,
herrliche Verse. "Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und
geschrieben stand, dass der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem
Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in diesen
Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen Worten gesammelt,
rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht gering zu achten war das
Ungeheure an Erkenntnis, das hier von unzXhlbaren Geschlechterfolgen weiser
Brahmanen gesammelt und bewahrt lag. X Aber wo waren die Brahmanen, wo die
Priester, wo die Weisen oder BXer, denen es gelungen war, dieses tiefste
Wissen nicht bloX zu wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das
Daheimsein im Atman aus dem Schlafe herXberzauberte ins Wachsein, in das
Leben, in Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwXrdige Brahmanen
kannte Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den
hXchst EhrwXrdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war sein
Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige Gedanken wohnten
in seiner Stirn X aber auch er, der so viel Wissende, lebte er denn in
Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur ein Suchender, ein
DXrstender? Musste er nicht immer und immer wieder an heiligen Quellen, ein
Durstender, trinken, am Opfer, an den BXchern, an der Wechselrede der
Brahmanen? Warum musste er, der Untadelige, jeden Tag SXnde abwaschen, jeden
Tag sich um Reinigung mXhen, jeden Tag von neuem? War denn nicht Atman in
ihm, floss denn nicht in seinem eigenen Herzen der Urquell? Ihn musste man
finden, den Urquell im eigenen Ich, ihn musste man zu eigen haben! Alles
andre war Suchen, war Umweg, war Verirrung.
So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden.
Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor:
"FXrwahr, der Name des Brahman ist Satyam X wahrlich, wer solches weiX, der
geht tXglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe, die
himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den letzten
Durst gelXscht. Und von allen Weisen und Weisesten, die er kannte und deren
Belehrung er genoss, von ihnen allen war keiner, der sie ganz erreicht
hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz gelXscht hatte, den,ewigen Durst.
"Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm
mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen."
Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha,
zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit, das Om
zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers:
Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele,
Das Brahman ist des Pfeiles Ziel,
Das soll man unentwegt treffen.
Als die gewohnte Zeit der VersenkungsXbung hingegangen war, erhob sich
Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der Abendstunde
vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab nicht Antwort.
Siddhartha saX versunken, seine Augen standen starr auf ein sehr fernes Ziel
gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig zwischen den ZXhnen hervor, er
schien nicht zu atmen. So saX er, in Versenkung gehXllt, Om denkend, seine
Seele als Pfeil nach dem Brahman ausgesandt.
Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen,
drei dXrre, erloschene MXnner, nicht alt noch jung, mit staubigen und
blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von Einsamkeit
umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere Schakale im Reich
der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiX ein Duft von stiller Leidenschaft,
von zerstXrendem Dienst, von mitleidloser Entselbstung.
Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu
Govinda: "Morgen in der FrXhe, mein Freund, wird Siddhartha zu den Samanas
gehen. Er wird ein Samana werden."
Govinda erbleichte, da er die Worte hXrte und im unbewegten Gesicht
seines Freundes den Entschluss las, unablenkbar wie der vom Bogen
losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda: Nun
beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein Schicksal zu
sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich wie eine trockene
Bananenschale.
"O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?"
Siddhartha blickte herXber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er in
Govindas, Seele, las die Angst, las die Ergebung.
"O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden.
Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen. Rede nicht
mehr davon."
Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast
saX, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater
fXhlte, dass einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es,
Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist."
Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen,
dir zu sagen, dass mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den
Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein Verlangen. MXge mein Vater
dem nicht entgegen sein."
Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, dass im kleinen Fenster die
Sterne wanderten und ihre Figur verXnderten, ehe das Schweigen in der Kammer
ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn,
stumm und regungslos saX auf der Matte der Vater, und die Sterne zogen am
Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem Brahmanen, heftige und
zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt mein Herz. Nicht mXchte ich
diese Bitte zum zweiten Male aus deinem Munde hXren."
Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten
Armen.
"Worauf wartest du?" fragte der Vater.
Sprach Siddhartha: "Du weiXt es."
Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager
auf und legte sich nieder.
Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das kleine
Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha stehen, mit
gekreuzten Armen, unverrXckt. Bleich schimmerte sein helles Obergewand.
Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zurXck.
Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah den
Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er hinein, da stand
Siddhartha, unverrXckt, mit gekreuzten Armen, an seinen bloXen Schienbeinen
spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der Vater sein Lager
auf.
Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien
Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond, im
Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde,
schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrXckt Stehenden, fXllte sein
Herz mit Zorn, fXllte sein Herz mit Unruhe, fXllte sein Herz mit Zagen,
fXllte es mit Leid.
Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder,
trat in die Kammer, sah den JXngling stehen, der ihm groX und wie fremd
erschien.
"Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?"
"Du weiXt es."
"Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird,
Abend wird?"
"Ich werde stehen und warten."
"Du wirst mXde werden, Siddhartha."
"Ich werde mXde werden."
"Du wirst einschlafen, Siddhartha."
"Ich werde nicht einschlafen."
"Du wirst sterben, Siddhartha."
"Ich werde sterben."
"Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?"
"Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht."
"So willst du dein Vorhaben aufgeben?"
"Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird."
Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, dass
Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er kein
Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, dass Siddhartha
schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, dass er ihn schon
jetzt verlassen habe.
Der Vater berXhrte Siddharthas Schulter.
"Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du
Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest du
EnttXuschung, dann kehre wieder und lass uns wieder gemeinsam den GXttern
opfern. Nun gehe und kXsse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst. FXr mich
aber ist es Zeit, an den Fluss zu gehen und die erste Waschung vorzunehmen."
Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus.
Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang seine
Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu tun, wie
der Vater gesagt hatte.
Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch
stille Stadt verlieX, erhob sich bei der letzten HXtte ein Schatten, der
dort gekauert war, und schloss sich an den Pilgernden an X Govinda.
"Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lXchelte.
"Ich bin gekommen," sagte Govinda.
BEI DEN SAMANAS
Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die dXrren Samanas,
und boten ihnen Begleitschaft und Gehorsam an. Sie wurden angenommen.
Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der StraXe.
Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenXhten Xberwurf. Er
aX nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er fastete fXnfzehn Tage. Er
fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm von Schenkeln und
Wangen. HeiXe TrXume flackerten aus seinen vergrXerten Augen, an seinen
dorrenden Fingern wuchsen lang die NXgel und am Kinn der trockne, struppige
Bart. Eisig wurde sein Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte
Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schXn gekleideten Menschen ging. Er
sah HXndler handeln, FXrsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten
beweinen, Huren sich anbieten, Xrzte sich um Kranke mXhen, Priester den Tag
fXr die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, MXtter ihre Kinder stillen X und
alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log, alles stank, alles
stank nach LXge, alles tXuschte Sinn und GlXck und SchXnheit vor, und alles
war uneingestandene Verwesung. Bitter schmeckte die Welt. Qual war das
Leben.
Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von
Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von sich
selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe zu finden,
im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war sein Ziel. Wenn
alles Ich Xberwunden und gestorben war, wenn jede Sucht und jeder Trieb im
Herzen schwieg, dann musste das Letzte erwachen, das Innerste im Wesen, das
nicht mehr Ich ist, das groXe Geheimnis.
Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, glXhend vor
Schmerz, glXhend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst mehr
fXhlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare troff das
Wasser Xber frierende Schultern, Xber frierende HXften und Beine, und der
BXer stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren, bis sie schwiegen,
bis sie still waren. Schweigend kauerte er im Dorngerank, aus der brennenden
Haut tropfte das Blut, aus SchwXren der Eiter, und Siddhartha verweilte
starr, verweilte regungslos, bis kein Blut mehr floss, bis nichts mehr
stach, bis nichts mehr brannte.
Siddhartha saX aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig
Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem
beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die SchlXge seines Herzens
vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren.
Vom Xltesten der Samanas belehrt, Xbte Siddhartha Entselbstung, Xbte
Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog Xberm Bambuswald X und
Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog Xber Wald und Gebirg,
war Reiher, fraX Fische, hungerte Reiherhunger, sprach ReihergekrXchz, starb
Reihertod. Ein toter Schakal lag am Sandufer, und Siddharthas Seele
schlXpfte in den Leichnam hinein, war toter Schakal, lag am Strande, blXhte
sich, stank, verweste, ward von HyXnen zerstXckt, ward von Geiern enthXutet,
ward Gerippe, ward Staub, wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte
zurXck, war gestorben, war verwest, war zerstXubt, hatte den trXben Rausch
des Kreislaufs geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein JXger auf die
LXcke, wo dem Kreislauf zu entrinnen wXre, wo das Ende der Ursachen, wo
leidlose Ewigkeit begXnne. Er tXtete seine Sinne, er tXtete seine
Erinnerung, er schlXpfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war
Tier, war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal
erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im
Kreislauf, fXhlte Durst, Xberwand den Durst, fXhlte neuen Durst.
Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg
lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, durch
das freiwillige Erleiden und Xberwinden des Schmerzes, des Hungers, des
Dursts, der MXdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung durch Meditation,
durch das Leerdenken des Sinnes von allen Vorstellungen. Diese und andere
Wege lernte er gehen, tausendmal verlieX er sein Ich, stundenlang und
tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich
hinwegfXhrten, ihr Ende fXhrte doch immer zum Ich zurXck. Ob Siddhartha
tausendmal dem Ich entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein
verweilte, unvermeidlich war die RXckkehr, unentrinnbar die Stunde, da er
sich wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im
Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des
auferlegten Kreislaufes empfand.
Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog
sich denselben BemXhungen. Selten sprachen sie anderes miteinander, als der
Dienst und die Xbungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu zweien durch die
DXrfer, um Nahrung fXr sich und ihre Lehrer zu betteln.
"Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang
Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele
erreicht?"
Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du wirst
ein groXer Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Xbung gelernt, oft
haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst ein Heiliger sein, o
Siddhartha."
Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was
ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, hXtte
ich schneller und einfacher lernen kXnnen. In jeder Kneipe eines
Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und WXrfelspielern hXtte
ich es lernen kXnnen."
Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie
hXttest du Versenkung, wie hXttest du Anhalten des Atems, wie hXttest du
Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden lernen
sollen?"
Und Siddhartha sagte leise, als sprXche er zu sich selber: "Was ist
Versenkung? Was ist Verlassen des KXrpers? Was ist Fasten? Was ist
Anhaltendes Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes Entrinnen
aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze BetXubung gegen den Schmerz und
die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht, dieselbe kurze BetXubung
findet der Ochsentreiber in der Herberge, wenn er einige Schalen Reiswein
trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann fXhlt er sein Selbst nicht mehr, dann
fXhlt er die Schmerzen des Lebens nicht mehr, dann findet er kurze
BetXubung. Er findet, Xber seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert,
dasselbe, was Siddhartha und Govinda finden, wenn sie in langen Xbungen aus
ihrem KXrper entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda."
Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weiXt doch, dass Siddhartha
kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet der
Trinker BetXubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er kehrt
zurXck aus dem Wahn und, findet alles beim alten, ist nicht weiser geworden,
hat nicht Erkenntnis gesammelt, X ist nicht um Stufen hXher gestiegen."
Und Siddhartha sprach mit LXcheln: "Ich weiX es nicht, ich bin nie ein
Trinker gewesen. Aber dass ich, Siddhartha, in meinen Xbungen und
Versenkungen nur kurze BetXubung finde und ebenso weit von der Weisheit, von
der ErlXsung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe, das weiX ich, o
Govinda, das weiX ich."
Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verlieX,
um im Dorfe etwas Nahrung fXr ihre BrXder und Lehrer zu betteln, begann
Siddhartha zu sprechen und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind wir wohl auf dem
rechten Wege? NXhern wir uns wohl der Erkenntnis? NXhern wir uns wohl der
ErlXsung? Oder gehen wir nicht vielleicht im Kreise X wir, die wir doch dem
Kreislauf zu entrinnen dachten?"
Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch
zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis ist
eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen."
Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser Xltester
Samana, unser ehrwXrdiger Lehrer?"
Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Xltester zXhlen."
Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana
nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich, wir
werden ebenso alt werden und werden uns Xben, und werden fasten, und werden
meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er nicht, wir nicht. O
Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es gibt, wird vielleicht nicht
einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir finden TrXstungen, wir finden
BetXubungen, wir lernen Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns tXuschen. Das
Wesentliche aber, den Weg der Wege finden wir nicht."
"MXgest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten MXnnern,
unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und ehrwXrdigen Samanas,
unter so viel suchenden, so viel innig beflissenen, so viel heiligen MXnnern
keiner den Weg der Wege finden?"
Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie Spott
enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas spXttischen
Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der Samanas verlassen,
den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide Durst, o Govinda, und auf
diesem langen Samanawege ist mein Durst um nichts kleiner geworden. Immer
habe ich nach Erkenntnis gedXrstet, immer bin ich voll von Fragen gewesen.
Ich habe die Brahmanen befragt, Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas
befragt, Jahr um Jahr, und habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr.
Vielleicht, o Govinda, wXre es ebenso gut, wXre es ebenso klug und ebenso
heilsam gewesen, wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt
hXtte. Lange Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um
dies zu lernen, o Govinda: dass man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube
ich, in der Tat jenes Ding nicht, das wir `Lernen' nennen. Es gibt, o mein
Freund, nur ein Wissen, das ist Xberall, das ist Atman, das ist in mir und
in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben: dies Wissen hat
keinen Xrgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen."
Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die HXnde und sprach:
"MXgest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden
beXngstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen. Und
denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die
EhrwXrdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas, wenn es
so wXre wie du sagst, wenn es kein Lernen gXbe?! Was, o Siddhartha, was
wXrde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig, was wertvoll, was
ehrwXrdig ist?!"
Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer
Upanishad:
"Wer nachsinnend, gelXuterten Geistes, in Atman sich versenkt,
Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit."
Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm
gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.
Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch Xbrig von
allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewXhrt sich? Und er
schXttelte den Kopf.
Einstmals, als die beiden JXnglinge gegen drei Jahre bei den Samanas
gelebt und ihre Xbungen geteilt hatten, da erreichte sie auf mancherlei
Wegen und Umwegen eine Kunde, ein GerXcht, eine Sage: Einer sei erschienen,
Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in sich das Leid der Welt
Xberwunden und das Rad der Wiedergeburten zum Stehen gebracht. Lehrend ziehe
er, von JXngern umgeben, durch das Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im
gelben Mantel eines Asketen, aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und
Brahmanen und FXrsten beugten sich vor ihm und wXrden seine SchXler.
Diese Sage, dies GerXcht, dies MXrchen klang auf, duftete empor, hier
und dort, in den StXdten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die Samanas,
immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren der JXnglinge,
im Guten und im BXsen, in Lobpreisung und in SchmXhung.
Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erhebt sich die
Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort und
Anhauch genXge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und wie dann
diese Kunde das Land durchlXuft und jedermann davon spricht, viele glauben,
viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg machen, um den Weisen,
den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land jene Sage, jene duftende Sage
von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so
sprachen die GlXubigen, hXchste Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich
seiner vormaligen Leben, er hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in
den Kreislauf zurXck, tauchte nie mehr in den trXben Strom der Gestaltungen
unter. Vieles Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte
Wunder getan, hatte den Teufel Xberwunden, hatte mit den GXttern gesprochen.
Seine Feinde und UnglXubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler
VerfXhrer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer, sei
ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Xbung noch Kasteiung.
SX klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten.
Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben X und siehe,
hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tXnen,
trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Xberall, wohin das GerXcht vom
Buddha erscholl, Xberall in den LXndern Indiens horchten die JXnglinge auf,
fXhlten Sehnsucht, fXhlten Hoffnung, und unter den BrahmanensXhnen der
StXdte und DXrfer war jeder Pilger und Fremdling willkommen, wenn er Kunde
von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni, brachte.
Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war
die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von Hoffnung,
jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon, denn der Xlteste
der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte vernommen, dass jener
angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im Walde gelebt, sich dann aber
zu Wohlleben und Weltlust zurXckgewendet habe, und er hielt nichts von
diesem Gotama.
"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war ich
im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten, und in
seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit seinen
eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hXren. Wahrlich, da
schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei mir: MXchte doch
auch ich, mXchten doch auch wir beide, Siddhartha und ich, die Stunde
erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes Vollendeten vernehmen! Sprich,
Freund, wollen wir nicht auch dorthin gehen und die Lehre aus dem Munde des
Buddha anhXren?"
Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda wXrde
bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es wXre sein Ziel,
sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die KXnste und
Xbungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich hatte Govinda
zu wenig gekannt, wenig wusste ich von seinem Herzen. Nun also willst du,
Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und dorthin gehen, wo der Buddha
seine Lehre verkXndet."
Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. MXgest du immerhin spotten,
Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine Lust erwacht,
diese Lehre zu hXren? Und hast du nicht einst zu mir gesagt, nicht lange
mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"
Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme
einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und sagte:
"Wohl, Govinda, wohl hast du gesprochen, richtig hast du dich erinnert.
MXgest du doch auch des andern dich erinnern, das du von mir gehXrt hast,
dass ich nXmlich misstrauisch und mXde gegen Lehre und Lernen geworden bin,
und dass mein Glaube klein ist an Worte, die von Lehrern zu uns kommen. Aber
wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene Lehre zu hXren X obschon ich im Herzen
glaube, dass wir die beste Frucht jener Lehre schon gekostet haben.
Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie
sollte das mXglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe wir sie
vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
Sprach Siddhartha: "Lass diese Frucht uns genieXen und das weitere
abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem Gotama
verdanken, besteht darin, dass er uns von den Samanas hinwegruft! Ob er uns
noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf lass uns ruhigen
Herzens warten."
An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Xltesten der Samanas seinen
Entschluss zu wissen, dass er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem Xltesten
zu wissen mit der HXflichkeit und Bescheidenheit, welche dem JXngeren und
SchXler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, dass die beiden JXnglinge ihn
verlassen wollten, und redete laut und brauchte grobe Schimpfworte.
Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den
Mund zu Govindas Ohr und flXsterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten zeigen,
dass ich etwas bei ihm gelernt habe."
Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele,
fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte ihn
stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl ihm,
lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde stumm, sein
Auge wurde starr, sein Wille gelXhmt, seine Arme hingen herab, machtlos war
er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas Gedanken aber bemXchtigten
sich des Samana, er musste vollfXhren, was sie befahlen. Und so verneigte
sich der Alte mehrmals, vollzog segnende GebXrden, sprach stammelnd einen
frommen Reisewunsch. Und die JXnglinge erwiderten dankend die Verneigungen,
erwiderten den Wunsch, zogen grXend von dannen.
Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr
gelernt, als ich wusste. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten
Samana zu bezaubern. Wahrlich, wXrest du dort geblieben, du hXttest bald
gelernt, auf dem Wasser zu gehen."
"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha. "MXgen
alte Samanas mit solchen KXnsten sich zufrieden geben!"
GOTAMA
In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha,
und jedes Haus war gerXstet, den JXngern Gotamas, den schweigend Bittenden,
die Almosenschale zu fXllen. Nahe bei der Stadt lag Gotamas liebster
Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche Kaufherr Anathapindika,
ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und den Seinen zum Geschenk
gemacht hatte.
Nach dieser Gegend hatten alle ErzXhlungen und Antworten hingewiesen,
welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt
zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im ersten
Hause, vor dessen TXr sie bittend stehen blieben, Speise angeboten, und sie
nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau, welche ihnen die Speise
reichte:
"Gerne, du MildtXtige, gerne mXchten wir erfahren, wo der Buddha weilt,
der EhrwXrdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und sind
gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus seinem Munde
zu vernehmen."
Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid ihr hier abgestiegen,
ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten Anathapindikas,
weilt der Erhabene. Dort mXget ihr, Pilger, die Nacht verbringen, denn genug
Raum ist daselbst fXr die UnzXhligen, die herbeistrXmen, um aus seinem Munde
die Lehre zu hXren."
Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist
unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter der
Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen Augen
gesehen?"
Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An
vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht, schweigend,
im gelben Mantel, wie er schweigend an den HaustXren seine Almosenschale
darreicht, wie er die gefXllte Schale von dannen trXgt."
EntzXckt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hXren. Aber
Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen und brauchten
kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger und auch MXnche aus
Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana unterwegs. Und da sie in der
Nacht dort anlangten, war daselbst ein bestXndiges Ankommen, Rufen und Reden
von solchen, welche Herberge heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des
Lebens im Walde gewohnt, fanden schnell und gerXuschlos einen Unterschlupf
und ruhten da bis zum Morgen.
Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch groXe Schar,
GlXubige und Neugierige, hier genXchtigt hatte. In allen Wegen des
herrlichen Haines wandelten MXnche im gelben Gewand, unter den BXumen saXen
sie hier und dort, in Betrachtung versenkt X oder im geistlichen GesprXch,
wie eine Stadt waren die schattigen GXrten zu sehen, voll von Menschen,
wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der MXnche zog mit der AImosenschale aus,
um in der Stadt Nahrung fXr die Mittagsmahlzeit, die einzige des Tages, zu
sammeln. Auch der Buddha selbst, der Erleuchtete, pflegte am Morgen den
Bettelgang zu tun.
Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hXtte ihm ein Gott
ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte, die
Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.
"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der
Buddha."
Aufmerksam blickte Govinda den MXnch in der gelben Kutte an, der sich
in nichts von den Hunderten der MXnche zu unterscheiden schien. Und bald
erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach und
betrachteten ihn.
Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken, sein
stilles Gesicht war weder frXhlich noch traurig, es schien leise nach innen
zu lXcheln. Mit einem verborgenen LXcheln, still, ruhig, einem gesunden
Kinde nicht unXhnlich, wandelte der Buddha, trug das Gewand und setzte den
FuX gleich wie alle seine MXnche, nach genauer Vorschrift. Aber sein Gesicht
und sein Schritt, sein still gesenkter Blick, seine still herabhXngende
Hand, und noch jeder Finger an seiner still herabhXngenden Hand sprach
Friede, sprach Vollkommenheit, suchte nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft
in einer unverwelklichen Ruhe, in einem unverwelklichen Licht, einem
unantastbaren Frieden.
So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die
beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe, an
der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen, kein
Nachahmen, kein BemXhen zu erkennen war, nur Licht und Frieden. "Heute
werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda.
Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre, er
glaubte nicht, dass sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch, ebenso wie
Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre vernommen, wenn
schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand. Aber er blickte aufmerksam
auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern, auf seine FXe, auf seine still
herabhXngende Hand, und ihm schien, jedes Glied an jedem Finger dieser Hand
war Lehre, sprach, atmete, duftete, glXnzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser
Buddha, war wahrhaftig bis in die GebXrde seines letzten Fingers. Dieser
Mann war heilig. Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte
er einen Menschen so geliebt wie diesen.
Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend
zurXck, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu enthalten.
Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner JXnger die
Mahlzeit einnehmen X was er aX, hXtte keinen Vogel satt gemacht -- und sahen
ihn sich zurXckziehen in den Schatten der MangobXume.
Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig
ward und sich versammelte, hXrten sie den Buddha lehren. Sie hXrten seine
Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe, war voll von
Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der Herkunft des Leidens,
vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floss und klar seine stille Rede.
Leiden war das Leben, voll Leid war die Welt, aber ErlXsung vom Leid war
gefunden: ErlXsung fand, wer den Weg des Buddha ging. Mit sanfter, doch
fester Stimme sprach der Erhabene, lehrte die vier HauptsXtze, lehrte den
achtfachen Pfad, geduldig ging er den gewohnten Weg der Lehre, der
Beispiele, der Wiederholungen, hell und still schwebte seine Stimme Xber den
HXrenden, wie ein Licht, wie ein Sternhimmel.
Als der Buddha X es war schon Nacht geworden X seine Rede schloss,
traten manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft,
nahmen ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach:
"Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkXndigt. Tretet denn
herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten."
Siehe, da trat auch Govinda hervor, der SchXchterne, und sprach: "Auch
ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat um
Aufnahme in die JXngerschaft, und ward aufgenommen.
Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zurXckgezogen hatte,
wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha, nicht
steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir den Erhabenen
gehXrt, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda hat die Lehre gehXrt,
er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber, Verehrter, willst denn nicht
auch du den Pfad der ErlXsung gehen? Willst du zXgern, willst du noch
warten?"
Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte
vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise, mit
einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den Schritt
getan, nun hast du den Weg erwXhlt. Immer, o Govinda, bist du mein Freund
gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen. Oft habe ich
gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt allein tun, ohne mich,
aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein Mann geworden und wXhlst
selber deinen Weg. MXgest du ihn zu Ende gehen, o mein Freund! MXgest du
ErlXsung finden!"
Govinda, welcher noch nicht vXllig verstand, wiederholte mit einem Ton
von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber! Sage
mir, wie es ja nicht anders sein kann, dass auch du, mein gelehrter Freund,
deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"
Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen
Segenswunsch XberhXrt, o Govinda. Ich wiederhole ihn: MXgest du diesen Weg
zu Ende gehen! MXgest du ErlXsung finden!"
In diesem Augenblick erkannte Govinda, dass sein Freund ihn verlassen
habe, und er begann zu weinen.
"Siddhartha!" rief er klagend.
Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergiss nicht, Govinda, dass du
nun zu den Samanas des Buddha gehXrst! Abgesagt hast du Heimat und Eltern,
abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen, abgesagt der
Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der Erhabene. So hast du
selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich dich verlassen."
Lange noch wandelten die Freunde im GehXlz, lange lagen sie und fanden
nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund, er
mXge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre nehmen wolle,
welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde. Siddhartha aber wies ihn
jedesmal zurXck und sagte: "Gib dich zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des
Erhabenen Lehre, wie sollte ich einen Fehler an ihr finden?"
Am frXhesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner Xltesten
MXnche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als Neulinge
ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe Gewand anzulegen
und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres Standes zu unterweisen. Da
riss Govinda sich los, umarmte noch einmal den Freund seiner Jugend und
schloss sich dem Zuge der Novizen an.
Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.
Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht
begrXte und der Blick des Buddha so voll GXte und Stille war, fasste der
JXngling Mut und bat den EhrwXrdigen um Erlaubnis, zu ihm zu sprechen.
Schweigend nickte der Erhabene GewXhrung.
Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergXnnt, deine
wundersame Lehre zu hXren. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus der Ferne
her, um die Lehre zu hXren. Und nun wird mein Freund bei den Deinen bleiben,
zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber trete meine Pilgerschaft
aufs neue an."
"Wie es dir beliebt", sprach der EhrwXrdige hXflich.
"Allzu kXhn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich mXchte den
Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in Aufrichtigkeit
mitgeteilt zu haben. Will mir der EhrwXrdige noch einen Augenblick GehXr
schenken?"
Schweigend nickte der Buddha GewXhrung.
Sprach Siddhartha: "Eines, o EhrwXrdigster, habe ich an deiner Lehre
vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist
bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene
Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefXgt aus Ursachen und
Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so unwiderleglich
dargestellt worden; hXher wahrlich muss jedem Brahmanen das Herz im Leibe
schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die Welt erblickt als
vollkommenen Zusammenhang, lXckenlos, klar wie ein Kristall, nicht vom
Zufall abhXngig, nicht von GXttern abhXngig. Ob sie gut oder bXse, ob das
Leben in ihr Leid oder Freude sei, mXge dahingestellt bleiben, es mag
vielleicht sein, dass dies nicht wesentlich ist X aber die Einheit der Welt,
der Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles GroXen und
Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und
des Sterbens, dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter.
Nun aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit
aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine LXcke
strXmt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, etwas, das
vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen werden kann: das
ist deine Lehre von der Xberwindung der Welt, von der ErlXsung. Mit dieser
kleinen LXcke, mit dieser kleinen Durchbrechung aber ist das ganze ewige und
einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen und aufgehoben. MXgest du mir
verzeihen, wenn ich diesen Einwand ausspreche."
Still hatte Gotama ihm zugehXrt, unbewegt. Mit seiner gXtigen, mit
seiner hXflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du hast
die Lehre gehXrt, o Brahmanensohn, und wohl dir, dass du Xber sie so tief
nachgedacht hast. Du hast eine LXcke in ihr gefunden, einen Fehler. MXgest
du weiter darXber nachdenken. Lass dich aber warnen, du Wissbegieriger, vor
dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an Meinungen
nichts gelegen, sie mXgen schXn oder hXlich, klug oder tXricht sein, jeder
kann ihnen anhXngen oder sie verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir
gehXrt hast, ist nicht eine Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt fXr
Wissbegierige zu erklXren. Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist ErlXsung
vom Leiden. Diese ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."
"MXgest du mir, o Erhabener, nicht zXrnen", sagte der JXngling. "Nicht
um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu dir gesprochen.
Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen gelegen. Aber lass mich dies
eine noch sagen: Nicht einen Augenblick habe ich an dir gezweifelt. Ich habe
nicht einen Augenblick gezweifelt, dass du Buddha bist, dass du das Ziel
erreicht hast, das hXchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und
BrahmanensXhne unterwegs sind. Du hast die ErlXsung,vom Tode gefunden. Sie
ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch
Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. Nicht ist
sie dir geworden durch Lehre! Und X so ist mein Gedanke, o Erhabener X
keinem wird ErlXsung zu teil durch Lehre! Keinem, o EhrwXrdiger, wirst du in
Worten und durch Lehre mitteilen und sagen kXnnen, was dir geschehen ist in
der Stunde deiner Erleuchtung! Vieles enthXlt die Lehre des erleuchteten
Buddha, viele lehrt sie, rechtschaffen zu leben, BXses zu meiden. Eines aber
enthXlt die so klare, die so ehrwXrdige Lehre nicht: sie enthXlt nicht das
Geheimnis dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den
Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als ich die
Lehre hXrte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft fortsetze X nicht
um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn ich weiX, es gibt keine,
sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu verlassen und allein mein Ziel zu
erreichen oder zu sterben. Oftmals aber werde ich dieses Tages denken, o
Erhabener, und dieser Stunde, da meine Augen einen Heiligen sahen."
Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem
Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.
"MXgen deine Gedanken," sprach der EhrwXrdige langsam, "keine IrrtXmer
sein! MXgest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar meiner
Samanas gesehen, meiner vielen BrXder, welche ihre Zuflucht zur Lehre
genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, dass es diesen
allen besser wXre, die Lehre zu verlassen und in das Leben der Welt und der
LXste zurXckzukehren?"
"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "MXgen sie
alle bei der Lehre bleiben, mXgen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht mir
zu, Xber eines andern Leben zu urteilen. Einzig fXr mich, fXr mich allein
muss ich urteilen, muss ich wXhlen, muss ich ablehnen. ErlXsung vom Ich
suchen wir Samanas, o Erhabener. WXre ich nun einer deiner JXnger, o
EhrwXrdiger, so fXrchte ich, es mXchte mir geschehen, dass nur scheinbar,
nur trXgerisch mein Ich zur Ruhe kXme und erlXst wXrde, dass es aber in
Wahrheit weiterlebte und groX wXrde, denn ich hXtte dann die Lehre, hXtte
meine Nachfolge, hXtte meine Liebe zu dir, hXtte die Gemeinschaft der MXnche
zu meinem Ich gemacht!"
Mit halbem LXcheln, mit einer unerschXtterten Helle und Freundlichkeit
sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer kaum
sichtbaren GebXrde.
"Klug bist du, o Samana", sprach der EhrwXrdige. "Klug weiXt du zu
reden, mein Freund. HXte dich vor allzu groXer Klugheit!"
Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes LXcheln blieb fXr
immer in Siddharthas GedXchtnis eingegraben.
So habe ich noch keinen Menschen blicken und lXcheln, sitzen und
schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wXnsche auch ich blicken und
lXcheln, sitzen und schreiten zu kXnnen, so frei, so ehrwXrdig, so
verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich blickt und
schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst gedrungen ist.
Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu dringen suchen.
Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich
meine Augen niederschlagen musste. Vor keinem andern mehr will ich meine
Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird mich verlocken,
da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.
Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich,
und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines Freundes,
dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der mein Schatten war
und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er mir Siddhartha, mich
selbst.
ERWACHEN
Als Siddhartha den Hain verlieX, in welchem der Buddha, der Vollendete,
zurXckblieb, in welchem Govinda zurXckblieb, da fXhlte er, dass in diesem
Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurXckblieb und sich von ihm
trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfXllte, sann er im langsamen
Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser lieX er sich
bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen,
denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist Denken, und dadurch
allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren,
sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.
Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, dass
er kein JXngling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest, dass
eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut verlassen
wird, dass eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch seine ganze
Jugend ihn begleitet und zu ihm gehXrt hatte: der Wunsch, Lehrer zu haben
und Lehren zu hXren. Den letzten Lehrer, der an seinem Wege ihm erschienen
war, auch ihn, den hXchsten und weisesten Lehrer, den Heiligsten, Buddha,
hatte er verlassen, hatte sich von ihm trennen mXssen, hatte seine Lehre
nicht annehmen kXnnen.
Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist
es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und was
sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?" Und er
fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das Ich war
es, von dem ich loskommen, das ich Xberwinden wollte. Ich konnte es aber
nicht Xberwinden, konnte es nur tXuschen, konnte nur vor ihm fliehen, mich
nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding in der Welt hat so viel meine
Gedanken beschXftigt wie dieses mein Ich, dies RXtsel, dass ich lebe, dass
ich einer und von allen andern getrennt und abgesondert bin, dass ich
Siddhartha bin! Und Xber kein Ding in der Welt weiX ich weniger als Xber
mich, Xber Siddhartha!"
Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken
erfasst, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein
neuer Gedanke, der lautete: "Dass ich nichts von mir weiX, dass Siddhartha
mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus einer Ursache, einer
einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf der Flucht vor mir! Atman
suchte ich, Brahman suchte ich, ich war gewillt, mein Ich zu zerstXcken und
auseinander zu schXlen, um in seinem unbekannten Innersten den Kern aller
Schalen zu finden, den Atman, das Leben, das GXttliche, das Letzte. Ich
selbst aber ging mir dabei verloren."
Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein LXcheln erfXllte
sein Gesicht, und ein tiefes GefXhl von Erwachen aus langen TrXumen
durchstrXmte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief rasch,
wie ein Mann, welcher weiX, was er zu tun hat.
"Oh", dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den
Siddhartha nicht mehr entschlXpfen lassen! Nicht mehr will ich mein Denken
und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt. Ich will mich
nicht mehr tXten und zerstXcken, um hinter den TrXmmern ein Geheimnis zu
finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch Atharva-Veda, noch die
Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir selbst will ich lernen, will ich
SchXler sein, will ich mich kennen lernen, das Geheimnis Siddhartha."
Er blickte um sich, als sXhe er zum ersten Male die Welt. SchXn war die
Welt, bunt war die Welt, seltsam und rXtselhaft war die Welt! Hier war Blau,
hier war Gelb, hier war GrXn, Himmel floss und Fluss, Wald starrte und
Gebirg, alles schXn, alles rXtselvoll und magisch, und inmitten er,
Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich selbst. All dieses, all
dies Gelb und Blau, Fluss und Wald, ging zum erstenmal durchs Auge in
Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras, war nicht mehr der Schleier der
Maya, war nicht mehr sinnlose und zufXllige Vielfalt der Erscheinungswelt,
verXchtlich dem tief denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmXht, der
die Einheit sucht. Blau war Blau, Fluss war Fluss, und wenn auch im Blau und
Fluss in Siddhartha das Eine und GXttliche verborgen lebte, so war es doch
eben des GXttlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel, dort
Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht irgendwo hinter
den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.
"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin
Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will, so
verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie TXuschung,
Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er studiert und liebt sie,
Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das Buch der Welt und das Buch
meines eigenen Wesens lesen wollte, ich habe, einem im voraus vermuteten
Sinn zuliebe, die Zeichen und Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der
Erscheinungen TXuschung, nannte mein Auge und meine Zunge zufXllige und
wertlose Erscheinungen. Nein, dies ist vorXber, ich bin erwacht, ich bin in
der Tat erwacht und heute erst geboren."
Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen,
plXtzlich, als lXge eine Schlange vor ihm auf dem Weg.
Denn plXtzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie
ein Erwachter oder Neugeborener war, er musste sein Leben neu und vXllig von
vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain Jetavana, den Hain
jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend, schon auf dem Wege zu
sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und war ihm natXrlich und
selbstverstXndlich erschienen, dass er, nach den Jahren seines Asketentums,
in seine Heimat und zu seinem Vater zurXckkehre. Jetzt aber, erst in diesem
Augenblick, da er stehen blieb, als lXge eine Schlange auf seinem Wege,
erwachte er auch zu dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war,
ich bin nicht mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr
Brahmane. Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren?
Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja vorXber, dies alles liegt
nicht mehr an meinem Wege."
Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug
lang fror sein Herz, er fXhlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines
Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang
war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefXhlt. Nun fXhlte er es. Immer
noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn gewesen,
war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er nur noch
Siddhartha, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und
einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein
Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den
Handwerkern gehXrte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre
Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zXhlte und mit
ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine Zuflucht
fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht einer und
allein, auch ihn umgab ZugehXrigkeit, auch er gehXrte einem Stande an, der
ihm Heimat war. Govinda war MXnch geworden, und tausend MXnche waren seine
BrXder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben, sprachen seine Sprache.
Er aber, Siddhartha, wo war er zugehXrig? Wessen Leben wXrde er teilen?
Wessen Sprache wXrde er sprechen?
Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer KXlte und
Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor, fester geballt. Er
fXhlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens gewesen, der letzte
Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder aus, begann rasch und
ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause, nicht mehr zum Vater, nicht mehr
zurXck.
ZWEITER TEILXWilhelm Gundert
meinem Vetter in Japan gewidmet
KAMALA
Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt
war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne Xberm
Waldgebirge aufgehen und Xberm fernen Palmenstrande untergehen. Er sah
nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein Boot im
Blauen schwimmend. Er sah BXume, Sterne, Tiere, Wolken, Regenbogen, Felsen,
KrXuter, Blumen, Bach und Fluss, Taublitz im morgendIichen GestrXuch, ferne
hohe Berge blau und bleich, VXgel sangen und Bienen, Wind wehte silbern im
Reisfelde. Dies alles, tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer
hatten Sonne und Mond geschienen, immer FlXsse gerauscht und Bienen gesummt,
aber es war in den frXheren Zeiten fXr Siddhartha dies alles nichts gewesen
als ein flXchtiger und trXgerischer Schleier vor seinem Auge, mit Misstrauen
betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu
werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit lag.
Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und erkannte die
Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht das Wesen, zielte
in kein Jenseits. SchXn war die Welt, wenn man sie so betrachtete, so ohne
Suchen, so einfach, so kinderhaft. SchXn war Mond und Gestirn, schXn war
Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und GoldkXfer, Blume und Schmetterling.
SchXn und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so
erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen. Anders brannte die Sonne
aufs Haupt, anders kXhlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und
Zisterne, anders KXrbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die NXchte,
jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel
ein Schiff voll von SchXtzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein Affenvolk
im hohen WaldgewXlbe wandern, hoch im GeXst, und hXrte seinen wilden,
gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein Schaf verfolgen und
begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im Abendhunger jagen, vor ihm
her schnellten angstvoll, flatternd und blitzend die jungen Fische in
Scharen aus dem Wasser, Kraft und Leidenschaft duftete dringlich aus den
hastigen Wasserwirbeln, die der ungestXm Jagende zog.
All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war
nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehXrte dazu. Durch sein Auge
lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.
Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im Garten
Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehXrt, des gXttlichen Buddha,
des Abschiedes von Govinda, des GesprXches mit dem Erhabenen. Seiner eigenen
Worte, die er zum Erhabenen gesprochen hatte, erinnerte er sich wieder,
jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde er dessen inne, dass er da Dinge
gesagt hatte, die er damals noch gar nicht eigentlich wusste. Was er zu
Gotama gesagt hatte: sein, des Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die
Lehre, sondern das Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur
Stunde seiner Erleuchtung erlebt habe X dies war es ja eben, was zu erleben
er jetzt auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst musste er jetzt
erleben. Wohl hatte er schon lange gewusst, dass sein Selbst Atman sei, vom
selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst wirklich
gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen wollen. War
auch gewiss der KXrper nicht das Selbst, und nicht das Spiel der Sinne, so
war es doch auch das Denken nicht, nicht der Verstand, nicht die erlernte
Weisheit, nicht die erlernte Kunst, SchlXsse zu ziehen und aus schon
Gedachtem neue Gedanken zu spinnen. Nein, auch diese Gedankenwelt war noch
diesseits, und es fXhrte zu keinem Ziele, wenn man das zufXllige Ich der
Sinne tXtete, dafXr aber das zufXllige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten
mXstete. Beide, die Gedanken wie die Sinne, waren hXbsche Dinge, hinter
beiden lag der letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hXren, mit beiden zu
spielen, beide weder zu verachten noch zu XberschXtzen, aus beiden die
geheimen Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er
trachten, als wonach die Stimme ihm zu trachten befXhle, bei nichts
verweilen, als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde
der Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn traf?
Er hatte eine Stimme gehXrt, eine Stimme im eigenen Herzen, die ihm befahl,
unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht Kasteiung, Opfer, Bad
oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht Schlaf noch Traum vorgezogen, er
hatte der Stimme gehorcht. So zu gehorchen, nicht XuXerm Befehl, nur der
Stimme, so bereit zu sein, das war gut, das war notwendig, nichts anderes
war notwendig.
In der Nacht, da er in der strohernen HXtte eines FXhrmanns am Flusse
schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem
gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er: Warum hast
du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine Arme um ihn, und
indem er ihn an seine Brust zog und kXsste, war es nicht Govinda mehr,
sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll eine volle Brust, an der
lag Siddhartha und trank, sX und stark schmeckte die Milch dieser Brust.
Sie schmeckte nach Weib und Mann, nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume,
nach jeder Frucht, nach jeder Lust. Sie machte trunken und bewusstlos. X Als
Siddhartha erwachte, schimmerte der bleiche Fluss durch die TXr der HXtte,
und im Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.
Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den FXhrmann, ihn
Xber den Fluss zu setzen. Der FXhrmann setzte ihn auf seinem Bambusfloss
Xber den Fluss, rXtlich schimmerte im Morgenschein das breite Wasser.
"Das ist ein schXner Fluss," sagte er zu seinem Begleiter.
"Ja," sagte der FXhrmann, "ein sehr schXner Fluss, ich liebe ihn Xber
alles. Oft habe ich ihm zugehXrt, oft in seine Augen gesehen, und immer habe
ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."
"Ich danke dir, mein WohltXter," sprach Siddhartha, da er ans andere
Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und keinen
Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und Samana."
"Ich sah es wohl," sprach der FXhrmann, "und ich habe keinen Lohn vor
dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein anderes
Mal geben."
"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.
"Gewiss. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder! Auch
du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! MXge deine Freundschaft mein
Lohn sein. MXgest du meiner gedenken, wenn du den GXttern opferst."
LXchelnd schieden sie voneinander. LXchelnd freute sich Siddhartha Xber
die Freundschaft und Freundlichkeit des FXhrmanns. "Wie Govinda ist er,"
dachte er lXchelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe, sind wie
Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf Dank hXtten. Alle
sind unterwXrfig, alle mXgen gern Freund sein, gern gehorchen, wenig denken.
Kinder sind die Menschen."
Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den LehmhXtten wXlzten
sich Kinder auf der Gasse, spielten mit KXrbiskernen und Muscheln, schrien
und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden Samana. Am Ende des
Dorfes fXhrte der Weg durch einen Bach, und am Rande des Baches kniete ein
junges Weib und wusch Kleider. Als Siddhartha sie grXte, hob sie den Kopf,
und blickte mit LXcheln zu ihm auf, dass er das WeiXe in ihrem Auge blitzen
sah. Er rief einen Segensspruch hinXber, wie er unter Reisenden Xblich ist,
und fragte, wie weit der Weg bis zur groXen Stadt noch sei. Da stand sie auf
und trat zu ihm her, schXn schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht.
Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe, und ob
es wahr sei, dass die Samanas nachts allein im Walde schliefen und keine
Frauen bei sich haben dXrfen. Dabei setzte sie ihren linken FuX auf seinen
rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie macht, wenn sie den Mann
zu jener Art des Liebesgenusses auffordert, welchen die LehrbXcher "das
Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fXhlte sein Blut erwarmen, und da sein
Traum ihm in diesem Augenblick wieder einfiel, bXckte er sich ein wenig zu
dem Weibe herab und kXsste mit den Lippen die braune Spitze ihrer Brust.
Aufschauend sah er ihr Gesicht voll Verlangen lXcheln und die verkleinerten
Augen in Sehnsucht flehen.
Auch Siddhartha fXhlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich
bewegen; da er aber noch nie ein Weib berXhrt hatte, zXgerte er einen
Augenblick, wXhrend seine HXnde schon bereit waren, nach ihr zu greifen. Und
in diesem Augenblick hXrte er, erschauernd, die Stimme seines Innern, und
die Stimme sagte Nein. Da wich vom lXchelnden Gesicht der jungen Frau aller
Zauber, er sah nichts mehr als den feuchten Blick eines brXnstigen
Tierweibchens. Freundlich streichelte er ihre Wange, wandte sich von ihr und
verschwand vor der EnttXuschten leichtfXig in das BambusgehXlze.
An diesem Tage erreichte er vor Abend eine groXe Stadt, und freute
sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den WXldern gelebt,
und die stroherne HXtte des FXhrmanns, in welcher er diese Nacht geschlafen
hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er Xber sich gehabt hatte.
Vor der Stadt, bei einem schXnen umzXunten Haine, begegnete dem
Wandernden ein kleiner Tross von Dienern und Dienerinnen, mit KXrben
beladen. Inmitten in einer geschmXckten SXnfte, von Vieren getragen, saX auf
roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die Herrin. Siddhartha
blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah dem Aufzuge zu, sah die
Diener, die MXgde, die KXrbe, sah die SXnfte, und sah in der SXnfte die
Dame. Unter hochgetXrmten schwarzen Haaren sah er ein sehr helles, sehr
zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten Mund wie eine frisch aufgebrochene
Feige, Augenbrauen gepflegt und gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und
wachsam, lichten hohen Hals aus grXn und goldenem Oberkleide steigend,
ruhende helle HXnde lang und schmal mit breiten Goldreifen Xber den
Gelenken.
Siddhartha sah, wie schXn sie war, und sein Herz lachte. Tief verneigte
er sich, als die SXnfte nahe kam, und sich wieder aufrichtend blickte er in
das helle holde Gesicht, las einen Augenblick in den klugen hochXberwXlbten
Augen, atmete einen Hauch von Duft, den er nicht kannte. LXchelnd nickte die
schXne Frau, einen Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die
Diener.
So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden
Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er sich,
und nun erst ward ihm bewusst, wie ihn die Diener und MXgde am Eingang
betrachtet hatten, wie verXchtlich, wie misstrauisch, wie abweisend.
Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
Nicht so werde ich bleiben dXrfen, nicht so in den Hain treten. Und er
lachte.
Den nXchsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und
nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, dass dies der Hain der Kamala war,
der berXhmten Kurtisane, und dass sie auXer dem Haine ein Haus in der Stadt
besaX.
Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.
Sein Ziel verfolgend, lieX er sich von der Stadt einschlXrfen, trieb im
Strom der Gassen, stand auf PlXtzen still, ruhte auf Steintreppen am Flusse
aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem Barbiergehilfen, den er
im Schatten eines GewXlbes hatte arbeiten sehen, den er betend in einem
Tempel Vishnus wiederfand, dem er von den Geschichten Vishnu's und der
Lakschmi erzXhlte. Bei den Booten am Flusse schlief er die Nacht, und frXh
am Morgen, ehe die ersten Kunden in seinen Laden kamen, lieX er sich von dem
Barbiergehilfen den Bart rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kXmmen
und mit feinem |