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Doktor Erich Kastners

Эрих Кастнер

Y?eo Ean Ee?e?aneay aiiaoiyy aioa?ea aieoi?a Y?eoa Eanoia?a (germ) ERICH KASTNER Erich Kastner. Doktor Erich Kastners Lyrische Hausapotheke Eisenbahnfahrt Die Welt ist rund. Man geht auf Reisen, damit sich die Nervositat verliert. Und Bauern stehen an den Gleisen, als wurden sie fotografiert. Man sieht ein Schlo? und spiegelglatte Gewasser und ein rotes Feld mit Mohn. Die Landschaft kreist wie eine Platte auf Gottes gro?em Grammophon. Der Schnellzug rast und will nicht rasten. Die Huhner nicken langs der Bahn. Vorm Fenster wehen Telegraphenmasten wie Maiglockchen aus Porzellan. Die Drahte fallen tief und steigen. Die Masten gehen manchmal in die Knie. Es ist, als ob sie sich vor uns verneigen. Uns wird so eigen! Wir ziehn den Hut und gru?en sie und schweigen. Hotelsolo fur eine Mannerstimme Das ist mein Zimmer und ist doch nicht meines. Zwei Betten stehen Hand in Hand darin. Zwei Betten sind es. Doch ich brauch nur eines. Weil ich schon wieder mal alleine bin. Der Koffer gahnt. Auch mir ist mud zumute. Du fuhrst zu einem ziemlich andren Mann. Ich kenn ihn gut. Ich wunsch dir alles Gute. Ich wunsche fast, du kamest niemals an. Ich hatte dich nicht gehen lassen sollen! (Nicht meinetwegen. Ich bin gern allein.) Und doch: Wenn Frauen Fehler machen wollen, dann soll man ihnen nicht im Wege sein. Die Welt ist gro?. Du wirst dich drin verlaufen. Wenn du dich nur nicht allzuweit verirrst... Ich aber werd mich heute nacht besaufen und bi?chen beten, da? du glucklich wirst. Mut zur Trauer Sei traurig, wenn du traurig bist, und steh nicht stets vor deiner Seele Posten! Den Kopf, der dir ans Herz gewachsen ist, wird's schon nicht kosten. Zur Fotografie eines Konfirmanden Da steht er nun, als Mann verkleidet, und kommt sich nicht geheuer vor. Fast sieht er aus, als ob er leidet. Er ahnt vielleicht, was er verlor. Er tragt die erste lange Hose. Er spurt das erste steife Hemd. Er macht die erste steife Pose. Zum ersten Mal ist er sich fremd. Er hort sein Herz mit Hammern pochen. Er steht und fuhlt, da? gar nichts sitzt. Die Zukunft hegt ihm in den Knochen. Er sieht so aus, als hatt's geblitzt. Womoglich kann man noch genauer erklaren, was den Jungen qualt: Die Kindheit starb; nun tragt er Trauer und hat den Anzug schwarz gewahlt. Er steht dazwischen und daneben. Er ist nicht gro?. Er ist nicht klein. Was nun beginnt, nennt man das Leben. Und morgen fruh tritt er hinein. Keiner blickt dir hinter das Gesicht (Fassung fur Kleinmutige) Niemand wei?, wie reich du bist... Freilich mein ich keine Wertpapiere, keine Villen, Autos und Klaviere, und was sonst sehr teuer ist, wenn ich hier vom Reichtum referiere. Nicht den Reichtum, den man sieht und versteuert, will ich jetzt empfehlen. Es gibt Werte, die kann keiner zahlen, selbst, wenn er die Wurzel zieht. Und kein Dieb kann diesen Reichtum stehlen. Die Geduld ist so ein Schatz, oder der Humor, und auch die Gute, und das ganze ubrige Gemute. Denn im Herzen ist viel Platz. Und es ist wie eine Wundertute. Arm ist nur, wer ganz vergi?t, welchen Reichtum das Gefuhl verspricht. Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Keiner wei?, wie reich du bist... (Und du wei?t es manchmal selber nicht.) Keiner blickt dir hinter das Gesicht (Fassung fur Beherzte) Niemand wei?, wie arm du bist... Deine Nachbarn haben selbst zu klagen. Und sie haben keine Zeit zu fragen, wie denn dir zumute ist. Au?erdem, -- wurdest du es ihnen sagen? Lachelnd legst du Leid und Last, um sie nicht zu sehen, auf den Rucken. Doch sie drucken, und du mu?t dich bucken, bis du ausgelachelt hast. Und das Beste waren ein Paar Krucken. Manchmal schaut dich einer an, bis du glaubst, da? er dich trosten werde. Doch dann senkt er seinen Kopf zur Erde, weil er dich nicht trosten kann. Und lauft weiter mit der gro?en Herde. Sei trotzdem kein Pessimist, sondern lachle, wenn man mit dir spricht. Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Keiner wei?, wie arm du bist... (Und zum Gluck wei?t du es selber nicht.) Der Streber Vom fruhen bis ins spate Alter, mit Mordsgeduld und Schenkelschlu?, rankt er sich hoch am Federhalter und klettert, weil er sonst nichts mu?. Die Ahnen kletterten im Urwald. Er ist der Affe im Kulturwald. Alte Frau auf dem Friedhof Sie scheint auf den Tod zu warten. Taglich kommt sie hierher und sitzt bis zum Abend im Garten, als ob sie zu Hause war. Sie kennt alle Leichensteine. Sie kennt jeden Gitterstab. Und sie hockt bis zum Abend alleine an ihrem eigenen Grab. Dunkle Chorale verwehen. Weinende Menschen stehn vor frischen Grabern und gehen ergriffen durch graue Alleen. Die Alte sitzt unbeweglich. Sie ist nicht schlimm und nicht fromm. Sie hockt und schweigt, und taglich betet sie: "Tod, nun komm!" Repetition des Gefuhls Eines Tages war sie wieder da... Und sie fande ihn bedeutend blasser. Als er dann zu ihr hinubersah, meinte sie, ihr gehe es nicht besser. Morgen abend wolle sie schon weiter. Nach dem Allgau oder nach Tirol. Anfangs war sie unaufhorlich heiter. Spater sagte sie, ihr sei nicht wohl. Und er strich ihr mude durch die Haare. Endlich fragte er dezent: "Du weinst?" und sie dachten an vergangne Jahre. Und so wurde es zum Schlu? wie einst. Als sie an dem nachsten Tag erwachten, waren sie einander fremd wie nie. Und so oft sie sprachen oder lachten, logen sie. Gegen Abend mu?te sie dann reisen. Und sie winkten. Doch sie winkten nur. Denn die Herzen lagen auf den Gleisen, uber die der Zug ins Allgau fuhr. Bilanz per Zufall Er hatte Geld. Und trank und a? in dem Hotel, in dem er sa?, vom Teuersten und Besten. Er war vergnugt und trank und a? und winkte mit erhobnem Glas den Kellnern und den Gasten. Der Blumenfrau, die bei ihm stand, nahm er die Blumen aus der Hand und zahlte mit zwei Scheinen. Die Rosen waren rot und kuhl. Er gab ihr drei?ig Mark zuviel. Da fing sie an zu weinen. Die Hauskapelle, sechs Mann stark, erhielt von ihm zweihundert Mark. Sie konnte kaum noch spielen. Er gab den Boys und Pikkolos, den Frauleins und den Gigolos. Er gab, ohne zu zielen. Die Rechnung sah er gar nicht an. Er warf paar Scheine hin, und dann verlie? er jene Halle. Bewundernd gingen Schritt um Schritt, die Tanzer, Boys und Kellner mit. So liebten sie ihn alle! Er freute sich und sprach: "Schon gut", und nahm den Mantel und den Hut. Da rief die Garderobiere: "Ich kriege drei?ig Pfennig fur die Kleideraufbewahrung hier! Nicht zahlen, wie? Das ware!" Da blieb er stehn. Da lachte er und suchte Geld und fand keins mehr. Und konnte ihr nichts geben. Die Blumenfrau, die Gigolos, die Kellner, Boys und Pikkolos, die standen fremd daneben. Er blickte sich, fast bittend, um. Die andern standen steif und stumm, als sei er nicht mehr da. Da zog er schnell den Mantel aus, gab ihn der Frau, trat aus dem Haus und dachte nur: "Na ja." Das ist das Verhangnis Das ist das Verhangnis: zwischen Empfangnis und Leichenbegangnis nichts als Bedrangnis. Begegnung mit einem Trockenplatz Wie sehr sich solche Platze gleichen. Wie eng verwandt sie miteinander sind. Gestange, Stricke, Wasche, Klammern, Wind und sieben Buschel Gras zum Bleichen, bei diesem Anblick wird man wieder Kind. Wie gern ich mich daran erinnern lasse. Ich schob den Wagen. Und die Mutter zog. Ich knurrte, weil die Wasche so viel wog. Wie hie? doch jene schmale Gasse, die dicht vorm Bahnhof in die Garten bog? Dort war die Wiese, die ich meine, dort setzten wir den Korb auf eine Bank und hangten unsern ganzen Wascheschrank auf eine kreuz und quer gezogne Leine. Und Wind und Wasche fuhrten Zank. Ich sa? im Gras. Die Mutter ging nach Hause. Die Wasche wogte wie ein wei?es Zelt. Dann kam die Mutter mit Kaffee und Geld. Ich kaufte Kuchen fur die Mittagspause in dieser fast geheimnisvollen Welt. Die Hemden zuckten hin und her, als wollten sie herab und mit uns essen. Die Sonne schien. Die Strumpfe hingen schwer. Oh, ich erinnere mich an alles sehr genau und will es nie vergessen. Traum vom Gesichtertausch Als ich traumte, was ich jetzt erzahle, drangten Tausende durch jenes Haus. Und als ob es irgendwer befehle und das eigne Antlitz jeden quale, zogen alle die Gesichter aus. Wie beim Umzug Bilder von den Wanden nahmen wir uns die Gesichter fort. Und dann hielten wir sie in den Handen, wie man Masken halt, wenn Feste enden. Aber festlich war er nicht, der Ort. Ohne Mund und Augen, kahl wie Schatten, griffen alle nach des Nachbarn Hand, bis sie wiederum Gesichter hatten. Schnell und schweigend ging der Tausch vonstatten. Jeder nahm, was er beim andern fand. Manner hatten plotzlich Kindermienen. Frauen trugen Barte im Gesicht. Greise lachelten wie Konkubinen. Und dann sturzten alle, ich mit ihnen, vor den Spiegel, doch ich sah mich nicht. Immer wilder wurde das Gedrange. Einer hatte sein Gesicht entdeckt! Rufend zwangte er sich durch die Menge. Und er trieb sein Antlitz in die Enge. Doch er fand es nicht. Es blieb versteckt. War ich jenes Kind mit langen Zopfen? War ich dort die Frau mit rotem Haar? War ich einer von den kahlen Kopfen? Unter den verwechselten Geschopfen sah ich keines, das ich selber war. Da erwachte ich vor Schreck. Mich fror. Irgendeiner ri? mich an den Haaren. Finger zerrten mich an Mund und Ohr. Ich begriff, als sich die Angst verlor, da? es meine eigenen Hande waren. Ganz beruhigt war ich freilich nicht. Trug ich Mienen, die mich nicht betrafen? Hastig sprang ich auf und machte Licht, lief zum Spiegel, sah mir ins Gesicht, loschte aus und ging beruhigt schlafen. Moral Es gibt nichts Gutes, au?er: man tut es! Der Weihnachtsabend des Kellners Aller Welt dreht er den Rucken, und sein Blick geht zu Protest. Und dann murmelt er beim Bucken: "Ach, du liebes Weihnachtsfest!" Im Lokal sind nur zwei Kunden. (Frohlich sehn die auch nicht aus.) Und der Kellner zahlt die Stunden. Doch er darf noch nicht nach Haus. Denn vielleicht kommt doch noch einer, welcher keinen Christbaum hat, und allein ist wie sonst keiner in der feierlichen Stadt. -- Dann schon lieber Kellner bleiben und zur Nacht nach Hause gehn, als jetzt durch die Stra?en treiben und vor fremden Fenstern stehn! Entwicklung der Menschheit Einst haben die Kerls auf den Baumen gehockt, behaart und mit boser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur 30. Etage. Da sa?en sie nun den Flohen entflohn in zentralgeheizten Raumen. Da sitzen sie nun am Telephon. Und es herrscht noch genau derselbe Ton wie seinerzeit auf den Baumen. Sie horen weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall m Fuhlung. Sie putzen die Zahne. Sie atmen modern. Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspulung. Sie schie?en die Briefschaften durch ein Rohr. Sie lagen und zuchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort. Sie fliegen steil m den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben. Was ihre Verdauung ubrig la?t, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, da? Casar Plattfu?e hatte. So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen. Sozusagen in der Fremde Er sa? in der gro?en Stadt Berlin an einem kleinen Tisch. Die Stadt war gro?, auch ohne ihn. Er war nicht notig, wie es schien. Und rund um ihn war Plusch. Die Leute sa?en zum Greifen nah, und er war doch allein. Und in dem Spiegel, in den er sah, sa?en sie alle noch einmal da, als mu?te das so sein. Der Saal war bla? vor lauter Licht. Es roch nach Parfum und Geback. Er blickte ernst von Gesicht zu Gesicht. Was er sah, gefiel ihm nicht. Er schaute traurig weg. Er strich das wei?e Tischtuch glatt. Und blickte in das Glas. Fast hatte er das Leben satt. Was wollte er in dieser Stadt, in der er einsam sa?? Da stand er, in der Stadt Berlin, auf von dem kleinen Tisch! Keiner der Menschen kannte ihn. Da fing er an, den Hut zu ziehn... Not macht erfinderisch. An ein Scheusal im Abendkleid Ich mu? mich stets vor Ihnen bucken. Und trotzdem kennen wir uns nicht. Ich buck mich auch gar nicht vor Ihrem Gesicht, sondern vor Ihrem Rucken. Die Knochen und die Rippen ragen, ganz nackt und manchmal ohne Haut, so spitz heraus, da? es mir graut, die Augen davor aufzuschlagen. Hort Ihr Gerust denn niemals auf? Und ohne Kleid! Die ganze Strecke! Tief unten biegt es endlich um die Ecke. Und welches Gluck: Sie sitzen drauf. Sie sollten sich ein Jackchen leisten. Sie sind ein Scheusal. Auch von vorn. Gott schlug Sie hart in seinem Zorn. Doch hinten schlug er Sie am meisten. Wer Ihre grunen Locken sieht, ist sich auch ohnedies im klaren: Sie stehen in den besten Ruckgangsjahren und haben nachts vergeblich Appetit. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Man wird nicht schoner, wenn man alter wird. Wer andrer Ansicht ist, der irrt. Doch Sie war'n sicher schon als Kind zum Speien. Zieh dir was an, du alte Gans! Der ganze Saal sitzt voller Klimakterien. Und sowas gibt's! Und sowas nennt sich: Ferien eines noch ziemlich jungen Manns. Warnung vor Selbstmord Diesen Rat will ich dir geben: Wenn du zur Pistole greifst und den Kopf hinhaltst und kneifst, kannst du was von mir erleben. Wei?t wohl wieder mal gelaufig, was die Professoren lehren? Da? die Guten selten waren und die Schweinehunde haufig? Ist die Walze wieder dran, da? es Arme gibt und Reiche? Mensch, ich bote deiner Leiche noch im Sarge Prugel an! La? doch deine Neuigkeiten! La? doch diesen alten Mist! Da? die Welt zum Schie?en ist, wird kein Konfirmand bestreiten. War dein Plan nicht: irgendwie alle Menschen gut zu machen? Morgen wirst du druber lachen. Aber, bessern kann man sie. Ja, die Bosen und Beschrankte sind die Meisten und die Starkern. Aber spiel nicht den Gekrankten. Bleib am Leben, sie zu argern! Sport Meldung vom Wettlauf durch die Lubecker Schweiz: "Die Laufer trainieren taglich zehn Stunden. Sie brauchen fur 100 Meter zirka minus 14 Sekunden. Die Spitzengruppe ist heute morgen bereits im Jahre 1919 verschwunden!" Er wei? nicht, ob er sie liebt Soll man sein Herz besturmen: "Herz, sprich lauter!" da es auf einmal leise mit uns spricht? Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter. Nun flustert's nur. Und man versteht es nicht. Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wu?te, dann war es laut, damit man es versteht. Dann riefe es, bis man ihm folgen mu?te! Was will das Herz, da? es so leise geht? Das Allerschonste, was sich Kinder wunschen, das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor. Das Allerschonste, was sich Kinder wunschen, das flustern sie der Mutter blo? ins Ohr. Ist so das Herz, da? es sich schamt zu rufen? Will es das Schonste haben? Ruft es Nein? Man soll den Machten, die das Herz erschufen, nicht dankbar sein. Hinweis auf die Hande einer Waschfrau Es gibt beruhmtere Hande, und schonere gibt's auch. Die Hande, die Sie hier sehen, sind fur den Hausgebrauch. Sie kennen nicht Lack noch Feile. Sie spielten noch nie Klavier. Sie sind nicht zum Vergnugen, sondern zum Waschen hier. Sie waschen nicht nur einander, sie waschen mit gro?em Flei? die Wasche, die andere trugen, muhselig wieder wei?. Sie duften nicht nach Lavendel, sondern nach Lauge und Chlor. Sie wringen und rumpeln und schuften und furchten sich nicht davor. Sie wurden rot und rissig. Sie wurden fuhllos und rauh. Und wenn sie jemanden streicheln, streicheln sie ungenau. Es gibt beruhmtere Hande, und schonere gibt's auch. Die Hande, die Sie hier sehen, sind nur fur den Hausgebrauch. Walder schweigen Die Jahreszeiten wandern durch die Walder. Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt. Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder. Man zahlt die Tage. Und man zahlt die Gelder. Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt. Das Dachermeer schlagt ziegelrote Wellen. Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch. Man traumt von Ackern und von Pferdestallen. Man traumt von grunen Teichen und Forellen. Und mochte in die Stille zu Besuch. Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Baumen kann man wie mit Brudern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Walder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trosten jeden. Man flieht aus den Buros und den Fabriken. Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund! Dort, wo die Graser wie Bekannte nicken und wo die Spinnen seidne Strumpfe stricken, wird man gesund. Tagebuch eines Herzkranken Der erste Doktor sagte: "Ihr Herz ist nach links erweitert." Der zweite Doktor klagte: "Ihr Herz ist nach rechts verbreitert." Der dritte machte ein ernstes Gesicht und sprach: "Herzerweiterung haben Sie nicht." Na ja. Der vierte Doktor klagte: "Die Herzklappen sind auf dem Hund." Der funfte Doktor sagte: "Die Klappen sind vollig gesund." Der sechste machte die Augen gro? und sprach: "Sie leiden an Herzspitzensto?." Na ja. Der siebente Doktor klagte: "Die Herzkonfiguration ist mitral." Der achte Doktor sagte: "Ihr Rontgenbild ist durchaus normal." Der neunte Doktor staunte und sprach: "Ihr Herz geht dreiviertel Stunden nach." Na ja. Was nun der zehnte Doktor spricht, das kann ich leider nicht sagen, denn bei dem zehnten, da war ich noch nicht. Ich werde ihn nachstens fragen. Neun Diagnosen sind vielleicht schlecht, aber die zehnte hat sicher recht. Na ja. Stehgeigers Leiden Ach, wie gern lag ich in meinem Bette! Nacht fur Nacht schlaft Hildegard allein. Wenn mein Fiedelbogen Zahne hatte, sagte ich die Geige kurz und klein. Keinen Abend wei? ich, was sie treibt. Jeden Abend steh ich hier und spiele. Ob sie, wie sie sagt, zu Hause bleibt? Schlechte Frauen gibt es ziemlich viele. Gra?lich haut der Krause aufs Klavier. Wie sie staunten, wenn ich plotzlich ginge! Keine Angst, Herr Wirt, ich bleibe hier, geige mir den Buckel schief und singe: "Die deutschen Madchen sind die schonsten. Hipp hipp hurra, hipp hipp hurra! Denn bei den blonden deutschen Madchen ist alles da, ist alles da!" Ich trau ihr nicht. Sie lugt. Ich habe Proben. Ach, wenn sie lugt, sieht sie so ehrlich aus. Wie im Gefangnis stehe ich hier oben. Ich mu? verdienen und darf nicht nach Haus. Eines Tages pack ich meine Geige, denn sie ist mein einziges Gepack. Krause spielt Klavier. Ich aber steige schnell vom Podium und laufe weg. Und die Gaste und der Wirt und Krause werden schweigen, bis ich drau?en bin. Und dann seh ich: Sie ist nicht zu Hause! Und wo gehe ich dann hin? Hamlets Geist Gustav Renner war bestimmt die beste Kraft im Toggenburger Stadttheater. Alle kannten seine wei?e Weste. Alle kannten ihn als Heldenvater. Alle lobten ihn, sogar die Kenner. Und die Damen fanden ihn sogar noch schlank. Schade war nur, da? sich Gustav Renner, wenn er Geld besa?, enorm betrank. Eines Abends, als man "Hamlet" gab, spielte er den Geist von Hamlets Vater. Ach, er kam betrunken aus dem Grab! Und was man nur Dummes tun kann, tat er. Hamlet war aufs au?erste besturzt. Denn der Geist fiel ganzlich aus der Rolle. Und die Szene wurde abgekurzt. Renner fragte, was man von ihm wolle. Man versuchte hinter den Kulissen ihn von seinem Rausche zu befrein, legte ihn langhin und gab ihm Kissen. Und dabei schlief Gustav Renner ein. Die Kollegen spielten nun exakt, weil er schlief und sie nicht langer storte. Doch er kam! Und zwar im nachsten Akt, wo er absolut nicht hingehorte! Seiner Gattin trat er auf den Fu?. Seinem Sohn zerbrach er das Florett. Und er tanzte mit Ophelia Blues. Und den Konig schmi? er ins Parkett. Alle zitterten und rissen aus. Doch dem Publikum war das egal. So etwas von donnerndem Applaus gab's in Toggenburg zum ersten Mal. Und die meisten Toggenburger fanden: Endlich hatten sie das Stuck verstanden. Sentimentale Reise O verflucht, ist man alleine! Was man hort und sieht, ist fremd. Und im Stiefel hat man Steine. Und schon spurt man eine kleine Sehnsucht unterm Oberhemd. Man betrachtet, was Ihr rietet, und fahrt hoch und rund und weit. Man bewundert, was sich bietet. Doch das Herz ist ja vermietet. Man vertreibt sich nur die Zeit. Wenn doch endlich Einer gru?te! Wenn Ihr kamt und nicht nur schriebt! Doch man steht wie in der Wuste und begafft die Bronzebuste eines Gottes, den's nicht gibt. Wer es wunscht, kann selbstverstandlich auch ganz andre Busten sehn. (Gegen Eintritt, nein wie schandlich!) Man denkt nach. Und la?t es endlich, wie so vieles, ungeschehn. Ja, die Welt ist wie ein Garten. Und man wartet wie bestellt. Doch da kann man lange warten. Und dann schreibt man Ansichtskarten, Da? es Einem sehr gefallt. Nachts steckt man durchs Fenster seinen Kopf und senkt ihn wie ein Narr. Und man hort die Katzen weinen. Und am Morgen hat man einen schonen Bronchialkatarrh. Ganz besonders feine Damen Sie tragen die Busten und Nasen im gleichen Schritt und Tritt und gehen so zart durch die Stra?en, als waren sie aus Biskuit. Mit ihnen ist nicht zu spa?en. Es ist, als trugen sie Vasen und wu?ten nur nicht, womit. Sie scheinen sich stundlich zu baden und sind nicht dunn und nicht dick. Sie haben Beton in den Waden und Halbgefrorenes im Blick. Man halt sie fur Feen auf Reisen, doch kann man es nicht beweisen. Der Gatte hat eine Fabrik. Sie laufen auf heimlichen Schienen. Man weicht ihnen besser aus. Sie stecken die steifsten Mienen wie Fahnenstangen heraus. Man kann es ganz einfach nicht fassen, da? sie sich bei?en lassen, in und au?er dem Haus. Man konnte sich denken, sie stiegen mit Huten und Manteln ins Bett. Und stunden im Schlaf, statt zu liegen. Und schamten sich auf dem Klosett. Man konnte sich denken, sie lie?en die Manner alle erschie?en und kniffen sie noch ins Skelett. So schweben sie zwischen den Leuten wie Koniginnen nach Ma?. Doch hat das nichts zu bedeuten. Sie sind ja gar nicht aus Glas! Man kann sie, wie andere Frauen, verfuhren, verstehn und verhauen. Denn: fein sind sie nur zum Spa?. Umzug der Klubsessel Einen Tafelwagen traf ich heute, und er war mit Mobeln vollgestellt. Die Besitzer schienen solche Leute, denen nur das Teuerste gefallt. Schwere Gaule zogen schwere Stuhle, Tisch und Schranke, und der Kutscher pfiff. Und der Wagen kroch durch das Gewuhle wie ein altes, havariertes Schiff. In zwei Ledersesseln, auf dem Karren, sa?en zwei sehr mude Mobelraumer. In den Handen hielten sie Zigarren, und die Kopfe hielten sie wie Traumer. Sicher traumten sie, sie waren Grafen, und sie fuhren zum Vergnugen aus ... Doch da hielt der Wagen, und die braven alten Herrn bugsierten wie die Sklaven fremde Mobel in ein fremdes Haus. Warnung Ein Mensch, der Ideale hat, der hute sich, sie zu erreichen! Sonst wird er eines Tags anstatt sich selber andren Menschen gleichen. Des Vetters Eckfenster (E. T. A. H off man gewidmet) Er sitzt im Erker hoch im Haus und wei? nicht, wem er gleicht. Er wollte nicht so hoch hinaus und hat es doch erreicht. Er glaubt an keine Wiederkehr. (Auch nicht als Schmetterling.) Sein Haus hat keine Turen mehr, seit er nach oben ging. Er liebt das spate Abendrot, das hinterm Kirchturm brennt. Er liebt das Leben und den Tod und das, was beide trennt. Das Fenster zeigt ihm Bild auf Bild und rahmt die Bilder ein. Er sitzt davor und lachelt mild und mag nicht traurig sein. Er lachelt, weil ihr glucklich seid. Nur manchmal flustert er: "Ach, mundet dieser Strom der Zeit denn nirgendwo ins Meer?" Er hat dem Schicksal langst verziehn, obwohl es ihn verga?, beneidet ihn! Verachtet ihn! Das ist fur ihn kein Ma?. Der gefundene Groschen Ich mach mich vor dem Groschen klein und nehm ihn in die Hand. Ach, war es doch ein Zehnmarkschein! Geld hat keinen Verstand. Es leben Leute, die werfen ihr Geld, sagt man, zum Fenster hinaus. Ich wu?te gern, wohin es fallt, und blicke vor jedes Haus. Das Geld, das aus den Fenstern fliegt, wer wei?, wohin's gerat! Das Geld, das auf der Stra?e liegt, ist ziemlich dunn gesat. Ich bucke mich, so tief ich kann. Mein Kind, mir ist dabei, als bete ich den Groschen an. Deine Eltern sind arm. Verzeih! Moderne Kunstausstellung Die Leute stehen in Salen herum. Sie finden das ungewohnlich? Das ist ja gar kein Publikum! Das sind die Maler personlich. Das Altersheim Das ist ein Pensionat fur Greise. Hier hat man Zeit. Die Endstation der Lebensreise ist nicht mehr weit. Gestern trug man Kinderschuhe. Heute sitzt man hier vorm Haus. Morgen fahrt man zur ewigen Ruhe ins Jenseits hinaus. Ach, so ein Leben ist rasch vergangen, wie lange es auch sei. Hat es nicht eben erst angefangen? Schon ist's vorbei. Die sich hier zur Ruhe setzten, wissen vor allem das Eine: Das ist die letzte Station vor der letzten. Dazwischen liegt keine. Sachliche Romanze Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plotzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Kusse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wu?ten nicht weiter. Da weinte sie schlie?lich. Und er stand dabei. Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. Er sagte, es ware schon Viertel nach Vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. -- Nebenan ubte ein Mensch Klavier. Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort und ruhrten in ihren Tassen. Am Abend sa?en sie immer noch dort. Sie sa?en allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen. Jardin du Luxembourg Dieser Park liegt dicht beim Paradies. Und die Blumen bluhn, als wu?ten sie's. Kleine Knaben treiben gro?e Reifen. Kleine Madchen tragen gro?e Schleifen. Was sie rufen, la?t sich schwer begreifen. Denn die Stadt ist fremd. Und hei?t Paris. Alle Leute, auch die ernsten Herrn, spuren hier: Die Erde ist ein Stern. Und die Kinder haben hubsche Namen und sind fast so schon wie auf Reklamen. Selbst die Steinfiguren, meistens Damen, lachelten (wenn sie nur durften) gern. Larm und Jubel weht an uns vorbei. Wie Musik. Und ist doch nur Geschrei. Balle hupfen fort, weil sie erschrecken. Ein fideles Hundchen la?t sich necken. Kleine Neger mussen sich verstecken, und die andern sind die Polizei. Mutter lesen. Oder traumen sie? Und sie fahren hoch, wenn jemand schrie. Schlanke Frauleins kommen auf den Wegen und sind jung und blicken sehr verlegen und benommen auf den Kindersegen. Und dann furchten sie sich irgendwie. Traurigkeit, die jeder kennt Man wei? von vornherein, wie es verlauft. Vor morgen fruh wird man bestimmt nicht munter. Und wenn man sich auch noch so sehr besauft, die Bitterkeit, die spult man nicht hinunter. Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund. Und man ist angefullt mit nichts als Leere. Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund. Es ist, als ob die Seele unwohl ware. Man will allein sein. Und auch wieder nicht. Man hebt die Hand und mochte sich verprugeln. Vorm Spiegel denkt man: "Das ist dein Gesicht?" Ach, solche Falten kann kein Schneider bugeln! Vielleicht hat man sich das Gemut verrenkt? Die Sterne ahneln plotzlich Sommersprossen. Man ist nicht krank. Man fuhlt sich nur gekrankt. Und halt, was es auch sei, fur ausgeschlossen. Man mochte fort und findet kein Versteck. Es ware denn, man lie?e sich begraben. Wohin man blickt, entsteht ein dunkler Fleck. Man mochte tot sein. Oder Urlaub haben. Man wei?, die Trauer ist sehr bald behoben. Sie schwand noch jedesmal, so oft sie kam. Mal ist man unten, und mal ist man oben. Die Seelen werden immer wieder zahm. Der eine nickt und sagt: "So ist das Leben." Der andre schuttelt seinen Kopf und weint. Die Welt ist rund, und wir sind schlank daneben. Ist das ein Trost? So war es nicht gemeint. Sogenannte Klassefrauen Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen? Plotzlich farben sich die Klassefrauen, weil es Mode ist, die Nagel rot! Wenn es Mode wird, sie abzukauen oder mit dem Hammer blauzuhauen, tun sie's auch. Und freuen sich halbtot. Wenn es Mode wird, die Brust zu farben, oder falls man die nicht hat, den Bauch... Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben oder sich die Hande gelbzugerben, bis sie Handschuh ahneln, tun sie's auch. Wenn es Mode wird, sich schwarzzuschmieren... Wenn verruckte Ganse in Paris sich die Haut wie Chinakrepp plissieren... Wenn es Mode wird, auf allen Vieren durch die Stadt zu kriechen, machen sie's. Wenn es galte, Volapuk zu lernen und die Nasenlocher zuzunahn und die Schadeldecke zu entfernen und das Bein zu heben an Laternen, - morgen konnten wir's bei ihnen sehn. Denn sie fliegen wie mit Engelsflugeln immer auf den ersten besten Mist. Selbst das Schienbein wurden sie sich bugeln! Und sie sind auf keine Art zu zugeln, wenn sie horen, da? was Mode ist. Wenn's doch Mode wurde, zu verbloden! Denn in dieser Hinsicht sind sie gro?. Wenn's doch Mode wurde, diesen Kroten jede Offnung einzeln zuzuloten! Denn dann waren wir sie endlich los. Der Streichholzjunge Streichholzer! Kaufen Sie Streichholzer! Drei Schachteln zwanzig! Sie lachen, statt was zu kaufen. Oder sie sind entrustet und knurren, wahrend sie weiterlaufen. Wenn ihr nur wu?tet... Streichholzer! Kaufen Sie Streichholzer! Drei Schachteln zwanzig! Vater kriegt zehn Mark Unterstutzung und Mutter ein kleines Gesicht. Wir haben ein Zimmer mit Kuchenbenutzung. Aber wir benutzen die Kuche gar nicht. Gestern trank Vater paar Flaschen Bier. Mutter hat nicht mittrinken gemocht. Vater sang: "Ein freies Leben fuhren wir!" Und dann hat er das Fenster zerpocht. Streichholzer! Kaufen Sie Streichholzer! Drei Schachteln zwanzig! Mein Pappkarton wird nicht leer. Den Aufsatz mu? ich noch machen. Wenn ich blo? nicht so mude war. Kaufen Sie Streichholzer, statt zu lachen! Mit braunen und schwarzen Schnursenkeln verdient man naturlich mehr. Doch da brauchte ich erst mal drei Mark. Und wo nehm ich die her? Streichholzer! Braune und schwarze Streichholzer! Drei Paar zwanzig ... Besagter Lenz ist da Es ist schon so. Der Fruhling kommt m Gang. Die Baume rakeln sich. Die Fenster staunen. Die Luft ist weich, als ware sie aus Daunen. Und alles andre ist nicht von Belang. Nun brauchen alle Hunde eine Braut. Und Pony Hutchen sagte mir, sie fande: Die Sonne habe kleine warme Hande und krabble ihr mit diesen auf der Haut. Die Hausmannsleute stehen stolz vorm Haus. Man sitzt schon wieder auf Cafeterrassen und friert nicht mehr und kann sich sehen lassen. Wer kleine Kinder hat, der fuhrt sie aus. Sehr viele Frauleins haben schwache Knie. Und in den Adern rinnt's wie su?e Sahne. Am Himmel tanzen blanke Aeroplane. Man ist vergnugt dabei. Und wei? nicht wie. Man sollte wieder mal spazieren gehn. Das Blau und Rot und Grun war ganz verblichen. Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen! Die Menschen lacheln, bis sie sich verstehn. Die Seelen laufen Stelzen durch die Stadt. Auf den Balkons stehn Manner ohne Westen und saen Kresse in die Blumenkasten. Wohl dem, der solche Blumenkasten hat! Die Garten sind nur noch zum Scheine kahl. Die Sonne heizt und nimmt am Winter Rache. Es ist zwar jedes Jahr dieselbe Sache. Doch ist es immer wie zum ersten Mal. Der synthetische Mensch Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden, die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld, doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden, und au?erdem kommen sie fix und fertig zur Welt! Man darf dergleichen Vorteile nicht unterschatzen. Professor Bumke hat mir das alles erklart. Und ich merkte schon nach den ersten Worten und Satzen: Die Bumkeschen Menschen sind das, was sie kosten, auch wert. Sie werden mit Barten oder mit Busen geboren, mit allen Zubehorteilen, je nach Geschlecht. Durch Kindheit und Jugend wurde nur Zeit verloren, meinte Professor Bumke. Da hat er ja recht. Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei, etwa benotige, brauche ihn nur zu bestellen. Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters Kanzlei, promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fallen. Man brauche nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten, da? das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht auf dem Umweg uber Wiege und Kindergarten das Abitur und die ubrigen Prufungen macht. Es sei ja auch denkbar, das Kind werde dumm oder krank und sei fur die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden. Oder es sei musikalisch! Das gabe nur Zank, falls seine Eltern nichts von Musik verstanden. Nicht wahr, wer konne denn wirklich wissen, was spater aus einem anfangs ganz reizenden Kinde wird? Bumke sagte, er liefre auch Tochter und Vater, und sein Verfahren habe sich niemals geirrt. Nachstens vergro?re er seine Menschenfabrik. Schon heute liefre er zweihundertneunzehn Sorten. Mi?lungene Auftrage nahm er naturlich zuruck. Die mu?ten dann nochmals durch die verschiednen Retorten. Ich sagte: Da sei noch ein Bruch in den Fertigartikeln. In jenen Menschen aus Bumkes Geburtsinstitute. Sie seien konstant und wurden sich niemals entwickeln. Da gab er zur Antwort: "Das ist ja gerade das Gute!" Ob ich tatsachlich vom Sichentwickeln was halte? Professor Bumke sprach's in gestrengem Ton. Auf seiner Stirn entstand eine tiefe Falte. - Und dann bestellte ich mir einen vierzigjahrigen Sohn. Ankundigung einer Chansonette Sie ist nicht sehr schon. Doch es kommt nicht drauf an. Ohne Schonheit geht's auch. Sie ist eine Frau. Und steht ihren Mann. Und hat Musik im Bauch. Sie kennt das Leben in jeder Fasson. Sie kennt es per Du und per Sie. Ihre Lieder passen in keinen Salon. Hochstens die Melodie. Sie singt, was sie wei?. Und sie wei?, was sie singt. Man merkt das am Gesang. Und manches, was sie zum Vortrag bringt, behalt man jahrelang. Sie pfeift auf das muhelos hohe C. Und ihr Ton ist nicht immer rund. Das Herz tut ihr manchmal beim Singen weh. Denn sie singt nicht nur mit dem Mund. Sie kennt den Kakao, durch den man uns zieht, genau so gut wie wir, und sie wei? zu dem Thema so manches Lied. Und ein paar davon singt sie hier. Ein Kind, etwas fruhreif Ich hab mich zu einem Kinde gebuckt. (Denn ich bin in solchen Dingen nicht stolz.) Und ich hab ihm sein Spielzeug zurechtgeruckt. Es war ein Schimmel aus Holz. Das Kind ging mit einer schonen Frau. Die dachte, ich dachte, sie ware so frei... Und sie zog ihr Kind wie einen Wauwau an Laternen und Laden vorbei. Sie fuhlte sich schon zur Halfte verfuhrt und schwenkte vergnugt ihr Gewolbe. Das hatte mich nun nicht weiter geruhrt. Doch das Kind - ich hab es ganz deutlich gespurt - es dachte bereits dasselbe. Nur Geduld! Das Leben, das die Meisten fuhren, zeigt ihnen, bis sie's klar erkennen: Man kann sich auch an offnen Turen den Kopf einrennen! Spaziergang nach einer Enttauschung Da hatte mich also wieder einmal eine der hausschlachtenen Ohrfeigen ereilt, die das eigens hierzu gegrundete Schicksal in beliebiger Windstarke und Zahl an die Umstehenden gratis verteilt. Na schon. Der Weg des Lebens ist wellig. Man soll die Steigungen nicht noch steigern. Es war wieder mal eine Ohrfeige fallig. Ich konnte die Annahme schlecht verweigern. So ein Schlag ins vergnugte Gesicht klingt fur den, der ihn kriegt, naturlich sehr laut, weil das Schicksal mit Liebe zur Sache zuhaut. Todlich sind diese Ohrfeigen hingegen nicht. Der Mensch ist entsprechend gebaut. Jedoch, wenn ich den See betrachte und die schneewei? gedeckten Berge daneben, mu? ich denken, was ich schon haufig dachte: Diese Art Ohrfeigen brauchte es nicht zu geben. Da rennt man nun die Natur entlang und ist froh, da? man keinem begegnet. Die Vogel veruben Chorgesang. Die Sonne scheint im Uberschwang. Aber innen hat's ziemlich geregnet. Die Glockenblumen nicken verstandig. Eine Biene kratzt sich ernst hinterm Ohr. Und der Wind und die Wellen spielen vierhandig die Sonnenscheinsonate vor. Das Schicksal wird mich noch ofter affen und schlagen, wie es mich heute schlug. Vielleicht wird man wirklich durch Schaden klug? Mich mussen noch viele Schlage treffen, bevor mich der Schlag trifft! Und damit genug. Selbstmord im Familienbad Hier bist du. Und dort ist die Natur. Leider ist Verschiedenes dazwischen. Bis zu dir heruber wagt sich nur ein Parfum aus Blasentang und Fischen. Zwischen deinen Augen und dem Meer, das sich sehnt, von dir erblickt zu werden, laufen dauernd Menschen hin und her. Und ihr Anblick macht dir Herzbeschwerden. Freigela?ne Bauche und Popos stehn und hegen kreuz und quer im Sande. Dicke Tanten senken die Trikots und sehn aus wie Quallen auf dem Lande. Wo man hinschaut, wird den Augen schlecht, und man schlie?t sie fest, um nichts zu sehen. Doch dann sieht man dies und das erst recht. Man beschlie?t, es musse was geschehen. Wutend sturzt man uber tausend Leiber, bis ans Meer, und dann sogar hinein, - doch auch hier sind dicke Herrn und Weiber. Fett schwimmt oben. Mu? das denn so sein? Traurig hangt man in den grunen Wellen, vor der Nase eine Frau in Blond. Ach, das Meer hat nirgends freie Stellen, und der Mensch verhullt den Horizont. Hier bleibt keine Wahl als zu ersaufen! Und man macht sich schwer wie einen Stein. Langsam la?t man sich voll Wasser laufen. Auf dem Meeresgrund ist man allein. Wohltatigkeit Ihm war so scheu?lich mild zumute. Er konnte sich fast nicht verstehn. Er war entschlossen, eine gute und schone Handlung zu begehn. Das mochte an den Baumen liegen und an dem Schatten, den er warf. Er hatte mogen Kinder kriegen, obwohl ein Mann das gar nicht darf. Der Abend ging der Nacht entgegen, und aus den Garten kam es kuhl. Er litt, und wu?te nicht weswegen, an einer Art von Mitgefuhl. Da sah er Einen, der am Zaune versteckt und ohne Mantel stand. Dem druckte er, in Geberlaune, zehn Pfennig mitten in die Hand. Er fuhlte sich enorm gehoben, als er darauf von dannen schritt, und blickte anspruchsvoll nach oben, als hoffe er, Gott schreite mit. Jedoch der Mann, dem er den Groschen verehrte, wollte nichts in bar und hat ihn furchterlich verdroschen! Warum? Weil er kein Bettler war. Monolog mit verteilten Rollen Geht dein Fenster auch zum Hof hinaus? So ein Hof ist eine trube Welt. Wo du hinsiehst, steht ein andres Haus. Und der Blick ist wie ein Wild umstellt. Und wie traurig wird das erst zur Nacht! Alle schlafen schon. Nur du schlafst nicht. Und der Hof umgibt dich wie ein Schacht. Und drei Sterne sind das ganze Licht. Dann geschieht es wohl, da? du erschrickst, wenn du, gegenuber, an der Wand, einen Schatten, der dir winkt, erblickst. Und du weichst zuruck vor seiner Hand. Doch wenn du zuruckgewichen bist, siehst du, da? auch er ins Dunkle trat. Bis du merkst, da? es dein Schatten ist, und du winktest selbst, wenn er es tat! Und nun lachelst du. Und nickst ihm zu. Beide Arme streckst du nach ihm aus. Und er macht es ganz genau wie du. Und sein Kopf ist gro?er als dein Haus. Einmal bist du hier und einmal dort. Und dir ist, als warst du nicht allein. Und du wagst dich nicht vom Fenster fort. Denn dann wurdst du wieder einsam sein. Und du freust dich an dem Schattenspiel. Und du wirst dem anderen fast gut. Aber endlich wird's dir doch zuviel, da er immer nur, was du tust, tut. Keiner sah das nachtliche Duett, nur im Hofe der verdorrte Strauch ... Und du gahnst betrubt. Und gehst ins Bett. Und der andre druben auch. Pladoyer einer Frau Du darfst mir das, was war, nicht ubelnehmen. Ich sag es dir, obwohl du mich nicht fragst. Sieh mich dabei nicht an! Ich will mich schamen und tun, als ob die Toten wiederkamen. Ich glaube nicht, da? du mich dann noch magst. Ich will nicht sagen, da? ich mir verzeihe. Denn darauf kommt es im Moment nicht an. Ich wartete und kam nicht an die Reihe. Wer keinen Mann hat, hat auf einmal zweie! Doch funf von diesen waren noch kein Mann. Man fuhlt: man konnte Einem was bedeuten. Es ist nur traurig, da? es ihn nicht gibt. Und dann umarmt man sich mit fremden Leuten und wird zu einer von den vielen Brauten, die sich nur lieben la?t und selbst nicht hebt. Die Zeit vergeht. Geduld ist keine Ware. Man sucht nicht mehr. Man findet ab und zu. Man sieht vom Fenster aus die Jagd der Jahre. Man wartet nicht mehr auf das Wunderbare. Und plotzlich kommt es doch! Denn nun kommst du! Was war, das bleibt. Wie soll ich mich erneuen? Mir wird ein Schmerz mit Nadeln zugenaht. Was war, das bleibt. Man kann es nur bereuen. Nun bist du da. Nun sollte ich mich freuen! Ich bin nicht froh. Ist es denn schon zu spat? Goldne Jugendzeit Wenn sie abends von der Arbeit kommen, fahren sie, so schnell es geht, nach Haus. Und sie sehen ziemlich mitgenommen und wie kleine kranke Kinder aus. Die Buros sind keine Puppenstuben. Die Fabriken sind kein Nadelwald. Und auch die modernsten Kohlengruben sind kein idealer Aufenthalt. Aber nicht nur mude sind sie, leider hat ihr Mudesein auch keinen Zweck. Vielmehr ziehn sie ihre Sonntagskleider heimlich an und laufen wieder weg. Und dann gehn sie irgendwohin tanzen. Ins "Orpheum" oder wie es hei?t. Und sie treiben es im gro?en ganzen, mit und ohne Noten, ziemlich dreist! Spater sitzen sie in Parks auf Banken, und es ist aufs Haar wie einst im Mai. Weiter konnen sie sich ja nichts schenken! Und bis sie zu Hause sind, wird's Drei. Einmal werden sie sich schon noch fugen. Wenn ihr Schicksal die Geduld verliert. Ach, sie glauben, da? man zum Vergnugen (noch dazu zum eignen) existiert. Sie sind jung und tauschen sich nach Kraften. 6 Uhr 30, wenn der Wecker klirrt, in der Bahn und dann in den Geschaften merken sie: sie haben sich geirrt. Menschen werden niemals Schmetterlinge. Nektar ist, im besten Fall, ein Wort. Jung und froh sein, sind verschiedne Dinge. Und die Freude stirbt auf dem Transport. Meyer IX. im Schnee Der Schnee hangt wie kandiertes Obst im Wald. Es war ganz gut, da? ich gleich gestern fuhr. Den Baumen sind vielleicht die Fu?e kalt... Doch was wei? unsereins von der Natur. Der Schnee, das konnte klarer Zucker sein. Als Kind hat man oft ahnliches geglaubt. Wieso fallt mir das heute wieder ein, und weshalb uberhaupt? Vorher sind Wolken da. Und nachher schneit's. Wie aber kommt der Schnee da erst hinauf? Die Welt ist, wie gesagt, von gro?em Reiz. Man pa?t nur gar nicht auf. Die kleinen Flocken tanzen ein Ballett, und viele gro?e Berge sehen zu. Das schneit und schneit! Die Erde liegt zu Bett. Und kaltes Wasser hab ich auch im Schuh. Wenn man so ganz allem im Walde steht, begreift man nur sehr schwer, wozu man in Buros und Kinos geht. Und plotzlich will man alles das nicht mehr! Ich las, es soll die ganze Woche schnein. Fur einen Menschen, der auf sich was halt, ist es nicht leicht, im Schnee allein zu sein. Da wackelt, eh er's denkt, die ganze Welt. Na ja. Schon gut. Dort flie?t ja auch ein Bach und tut, als gab es weiter nichts als ihn. Es ist so furchtbar still. Mir fehlt der Krach. Die ersten Nachte lieg ich sicher wach und mochte nach Berlin. Der Blinde an der Mauer Ohne Hoffnung, ohne Trauer halt er seinen Kopf gesenkt. Mude hockt er auf der Mauer. Mude sitzt er da und denkt: "Wunder werden nicht geschehen. Alles bleibt so, wie es war. Wer nichts sieht, wird nicht gesehen. Wer nichts sieht, ist unsichtbar. Schritte kommen, Schritte gehen. Was das wohl fur Menschen sind? Warum bleibt denn niemand stehen? Ich bin blind, und ihr seid blind. Euer Herz schickt keine Gru?e aus der Seele ins Gesicht. Horte ich nicht eure Fu?e, dachte ich, es gibt euch nicht. Tretet naher! La?t euch nieder, bis ihr ahnt, was Blindheit ist. Senkt den Kopf, und senkt die Lider, bis ihr, was euch fremd war, wi?t. Und nun geht! Ihr habt ja Eile! Tut, als ware nichts geschehn. Aber merkt euch diese Zeile: Wer nichts sieht, wird nicht gesehn." Existenz im Wiederholungsfalle Man mu?te wieder sechzehn Jahre sein und alles, was seitdem geschah, vergessen. Man mu?te wieder seltne Blumen pressen und (weil man wachst) sich an der Ture messen und auf dem Schulweg in die Tore schrein. Man mu?te wieder nachts am Fenster stehn und auf die Stimme der Passanten horen, wenn sie den leisen Schlaf der Stra?en storen. Man mu?te sich, wenn einer lugt, emporen und ihm funf Tage aus dem Wege gehn. Man mu?te wieder durch den Stadtpark laufen mit einem Madchen, das nach Hause mu? und kussen will und Angst hat vor dem Ku?. Man mu?te ihr und sich, vor Ladenschlu?, fur zwei Mark funfzig ein paar Ringe kaufen. Man wurde seiner Mutter wieder schmeicheln, weil man zum Jahrmarkt ein paar Groschen braucht. Man sahe dann den Mann, der lange taucht. Und einen Affen, der Zigarren raucht. Und lie?e sich von Riesendamen streicheln. Man lie?e sich von einer Frau verfuhren und dachte stets: das ist Herrn Lehmanns Braut. Man spurte ihre Hande auf der Haut. Das Herz im Leibe schluge hart und laut, als schlugen nachts im Elternhaus die Turen. Man sahe alles, was man damals sah. Und alles, was seit jener Zeit geschah, das wurde nun zum zweitenmal geschehn ... Dieselben Bilder willst du wiedersehn? Ja! Frau Gro?hennig schreibt an ihren Sohn Mein lieber Junge! Das war naturlich sehr schade, da? Du zu meinem Geburtstag nicht kamst. Und nur schriebst. Die Nelken waren sehr schon. Und Bratwurst hatten wir grade. Weil ich doch hoffte, Du kamst. Und Du doch Bratwurst so liebst. Tante Isolde hat mir eine Lackledertasche geschenkt. Nur Vater hatte es ganzlich vergessen. Ich war erst traurig. Wo er doch sonst stets an alles denkt. Aber es gab viel zu tun, mit dem Kaffee, und dann mit dem Abendessen. Und wie geht es Dir sonst und bist Du den trockenen Husten los? Das macht mir Sorgen, mein Kind. Und das darf man nicht hinhangen lassen. Nachstens schick ich Dir Umlegekragen. Waren die letzten zu gro?? Ja, wenn Du zu Hause warst, dann wurden die Kragen schon passen. Ach, Krauses alteste Tochter hat kurzlich ein Kind gekriegt! Wer der Vater ist, wei? kein Mensch. Und sie soll es selber nicht wissen. Ob denn das wirklich blo? an der Gymnasialbildung hegt? Und schick bald die schmutzige Wasche. Der letzte Karton war schrecklich zerrissen. Mein Kostum habe ich umfarben lassen. Jetzt ist es marineblau. La? Dein Zimmer heizen! Wir machen schon lange Feuer. Das Fleisch, das kaufe ich jetzt bei unsrer Gemusefrau, da ist es zehn Pfennige billiger. Ich finde es trotzdem noch teuer. Drei Monate bist Du nun schon nicht zu Hause gewesen. La?t es sich wirklich nicht mal und wenn's auf zwei Tage ist machen? Erst vorgestern habe ich eine Berliner Zeitung gelesen. Fritz, sieh Dich blo? vor! Da passieren ja gra?liche Sachen! Ist das Essen auch gut in dem Restaurant, wo Du i?t? La? Dir doch abends von Deiner Wirtin zwei Eier auf Butter braten. Das wird alles anders, wenn Du erst richtig verheiratet bist. Ich wei? schon, Du hast keine Lust. Das ist schade, da la?t sich nicht raten. Unser neuer Zimmerherr, der hat eine richtige Braut. Die ist mitunter bei ihm. Sonst bin ich mit ihm ganz zufrieden. Die Hausmannsfrau hat sie gesehn. Und sagte gestern ganz laut, das ware nicht immer dieselbe. Ich mu?te das endlich verbieten. Sonst geht es uns allen wenn man das schlechte nicht rechnet famos. Ich hoffe dasselbe von Dir. Was wollte ich gleich noch sagen? Das Papier ist zu Ende. Leb wohl! Bei Ehrlichs ist wieder was los. Ich will nur den Brief noch ganz schnell in den Bahnhofbriefkasten tragen. Da fallt mir noch etwas ein. Doch es geht schon gar nicht mehr her. Kannst Du's auch lesen? Frau Fleischer Stefan traf ich jetzt im Theater. Was die Erna ist, ihre Tochter. Die liebt Dich langst schon. Und sehr. Ich find sie recht nett. Na schon gut. Auch viele Gru?e von Vater. Eisenbahnfahrt Die Welt ist rund. Man geht auf Reisen, damit sich die Nervositat verliert. Und Bauern stehen an den Gleisen, als wurden sie fotografiert. Man sieht ein Schlo? und spiegelglatte Gewasser und ein rotes Feld mit Mohn. Die Landschaft kreist wie eine Platte auf Gottes gro?em Grammophon. Der Schnellzug rast und will nicht rasten. Die Huhner nicken langs der Bahn. Vorm Fenster wehen Telegraphenmasten wie Maiglockchen aus Porzellan. Die Drahte fallen tief und steigen. Die Masten gehen manchmal in die Knie. Es ist, als ob sie sich vor uns verneigen. Uns wird so eigen! Wir ziehn den Hut und gru?en sie und schweigen. Kleine Fuhrung durch die Jugend Und plotzlich steht man wieder in der Stadt, in der die Eltern wohnen und die Lehrer und andre, die man ganz vergessen hat. Mit jedem Schritte fallt das Gehen schwerer. Man sieht die Kirche, wo man sonntags sang. (Man hat seitdem fast gar nicht mehr gesungen.) Dort sind die Stufen, uber die man sprang. Man blickt hinuber. Es sind andre Jungen. Der Fleischer Kurzhals lehnt an seinem Haus. Nun ist er alt. Man winkt ihm wie vor Jahren. Er nickt zuruck. Und sieht verwundert aus. Man kennt ihn doch. Er ist sich nicht im klaren. Dann fahrt man Stra?enbahn und hat viel Zeit. Der Schaffner ruft die kommenden Stationen. Es sind Stationen der Vergangenheit! Man dachte, sie sei tot. Sie blieb hier wohnen. Dann steigt man aus. Und zogert. Und erschrickt. Der Wind steht still, und alle Wolken warten. Man biegt um eine Ecke. Und erblickt ein schwarzes Haus in einem kahlen Garten. Das ist die Schule. Hier hat man gewohnt. Im Schlafsaal brennen immer noch die Lichter. Im Amselpark schwimmt immer noch der Mond. Und an die Fenster pressen sich Gesichter. Das Gitter blieb. Und nun steht man davor. Und sieht dahinter neue Kinderherden. Man furchtet sich. Und legt den Kopf ans Tor. (Es ist, als ob die Hosen kurzer werden.) Hier floh man einst. Und wird jetzt wieder fliehn. Was nutzt der Mut? Hier wagt man nicht zu retten. Man geht, denkt an die kleinen Eisenbetten und fahrt am besten wieder nach Berlin. Ein gutes Madchen traumt Ihr traumte, sie trafe ihn im Cafe. Er lase. Und sa?e beim Essen. Und sahe sie an. Und sagte zu ihr: "Du hast das Buch vergessen!" Da nickte sie. Und drehte sich um. Und lachelte verstohlen. Und trat auf die spate Stra?e hinaus und dachte: ich will es holen. Der Weg war weit. Sie lief und lief. Und summte ein paar Lieder. Sie stieg in die Wohnung. Und blieb eine Zeit. Und schlie?lich ging sie wieder. Und als sie das Cafe betrat, sa? er noch immer beim Essen. Er sah sie kommen. Und rief ihr zu: "Du hast das Buch vergessen!" Da stand sie still und erschrak vor sich. Und konnte es nicht verstehen. Dann nickte sie wieder. Und trat vor die Tur, um den Weg noch einmal zu gehen. Sie war so mude. Und ging. Und kam. Und hatte so gerne gesessen. Er sah kaum hoch. Und sagte blo?: "Du hast das Buch vergessen!" Sie kehrte um. Sie kam. Sie ging. Schlich Treppen auf und nieder. Und immer wieder fragte er. Und immer ging sie wieder. Sie lief wie durch die Ewigkeit! Sie weinte. Und er lachte. Ihr flossen Tranen in den Mund. Auch noch, als sie erwachte. Maskenball im Hochgebirge Eines schonen Abends wurden alle Gaste des Hotels verruckt, und sie rannten schlagerbrullend aus der Halle in die Dunkelheit und fuhren Ski. Und sie sausten uber wei?e Hange. Und der Vollmond wurde formlich fahl. Und er zog sich staunend in die Lange. So etwas sah er zum erstenmal. Manche Frauen trugen nichts als Flitter. Andre Frauen waren in Trikots. Ein Fabrikdirektor kam als Ritter. Und der Helm war ihm zwei Kopf zu gro?. Sieben Rehe starben auf der Stelle. Diese armen Tiere traf der Schlag. Moglich, da? es an der Jazzkapelle -- denn auch die war mitgefahren - lag. Die Umgebung glich gefrornen Betten. Auf die Abendkleider fiel der Reif. Zahne klapperten wie Kastagnetten. Frau von Cottas Bruste wurden steif. Das Gebirge machte bose Miene. Das Gebirge wollte seine Ruh. Und mit einer mittleren Lawine deckte es die blode Bande zu. Dieser Vorgang ist ganz leicht erklarlich. Der Natur ri? einfach die Geduld. Andre Grunde hierfur gibt es schwerlich. Den Verkehrsverein trifft keine Schuld. Man begrub die kalten Herrn und Damen. Und auch etwas Gutes war dabei: fur die Gaste, die am Mittwoch kamen, wurden endlich ein paar Zimmer frei. Apropos, Einsamkeit! Man kann mitunter scheu?lich einsam sein! Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen und vor Geschaften zu sich selbst zu sagen: Der Hut da drin ist hubsch, nur etwas klein ... Da hilft es nichts, in ein Cafe zu gehn und aufzupassen, wie die andern lachen. Da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen. Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn. Da schaut man seinen eignen Schatten an. Der springt und eilt, um sich nicht zu verspaten, und Leute kommen, die ihn kuhl zertreten. Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann. Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen. Da hilft es nichts, sich vor sich selbst zu schamen und die Gardinen hastig vorzuziehn. Da spurt man, wie es ware: klein zu sein. So klein, wie nagelneue Kinder sind! Dann schlie?t man beide Augen und wird blind. Und liegt allein... Albumvers Die Huhner fuhlten sich plotzlich verpflichtet, statt Eiern Apfeltortchen zu legen. Die Sache zerschlug sich. Und zwar weswegen? Das Huhn ist auf Eier eingerichtet. (So wurde schon manche Idee vernichtet.) Beispiel von ewiger Liebe Im gelben Autobus ging's durch den Ort, schnell hinein, schnell hinaus. Erstes Haus, letztes Haus. Fort. Hab ich den Namen vergessen? Ob ich ihn uberhaupt las? Es war eine Kleinstadt in Hessen, zwischen Reben und Gras. Du lehntest am grunen Staket, als du mich plotzlich erblicktest. Dann hab ich mich umgedreht. Du nicktest. Darf ich nicht Du zu dir sagen? Es war keine Zeit dazu, erst um Erlaubnis zu fragen. Ich sage Du. Ich wunsche es sehnlich, ich stande bei dir. Ging dir's nicht ahnlich? Ging dir's wie mir? Der Zufall hat keinen Verstand. Es hei?t, er sei blind. Er gab und entzog uns hastig die Hand wie ein angstliches Kind. Ich bin entschlossen, fest daran zu glauben, da? du die Richtige gewesen warst. Du kannst mir diese Illusion nicht rauben, da du sie nicht erfahrst. Du lehntest lachelnd am grunen Staket. Es war im Taunus. Es war in Hessen. Ich habe den Namen des Ortes vergessen. Die Liebe besteht. Brief aus einem Herzbad Wie geht es Dir? Es ist schon reichlich spat. Der Doktor fande sicher, da? es schadet. Das Pferd von Droschke 7, hei?t es, badet. Und selbst die Hunde leben hier diat. Sogar der Luft entzieht man Koffein! Das Atmen wird dadurch fast ungefahrlich. Es ist ja leider noch nicht ganz entbehrlich. Wie einfach mir das Atmen fruher schien... Seit gestern nehm ich taglich zwolfmal ein. Nichts einzunehmen, ware das Verkehrtste. Hier nehmen alle ein. Sogar die Arzte! Der eine soll so reich wie Morgan sein. Das Schonste sind die kohlensauren Bader. Zehntausend Perlen sitzen auf der Haut. Man ahnelt einer Wiese, wenn es taut. Kann sein, es nutzt. Das merkt man erst viel spater. Ich inhaliere auch. Das ist gesund. Da sitzen Herren, meistens hochbejahrt, mit Kinderlatzchen vor dem Rauschebart und Porzellanzigarren fesch im Mund. Des weiteren mach ich die Brunnenkur. Das Wasser schmeckt wie Hering mit Lakritzen. Und bleibt man, wie vom Blitz erschlagen, sitzen, und die Kapelle schwelgt im "Troubadour". Wer da nicht krank wird, darf fur trotzig gelten. Der Doktor Barthel untersucht mich oft, weil er noch dies und das zu finden hofft. Er ist der Chef. Wir sind die Angestellten. Ich sehne mich nach einem Glase Bier. Nach Dir naturlich auch. Doch ich mu? baden. Kneif Dich, in meinem Auftrag, in die Waden. Was war denn noch? Ja so: Wie geht es Dir? Junger Mann, 5 Uhr morgens Wenn ich dich fruh verlasse, tret ich aus deinem Haus still auf die kahle, blasse, ode Stra?e hinaus. In dem Geast sind Spatzen zankisch beim ersten Lied. Drunter hocken zwei Katzen, holzern vor Appetit. Wirst du noch lange weinen? Oder ob du schon schlafst? Wenn du doch endlich einen besseren Menschen trafst. In dem Laden, beim Backer, wird der Kuchen zu Stein. Wutend erwacht ein Wecker, brullt und schlaft wieder ein. Noch ist die gro?e Pause zwischen der Nacht und dem Tag. Und ich geh nach Hause, weil ich mich nicht mag. Noch brennt hinter deinen Fenstern etwas Licht. Wirst du noch lange weinen? Bald wird die Sonne scheinen. Aber sie scheint noch nicht. Aufforderung zur Bescheidenheit Wie nun mal die Dinge liegen, und auch wenn es uns mi?fallt: Menschen sind wie Eintagsfliegen an den Fenstern dieser Welt. Unterschiede sind fast keine, und was war auch schon dabei! Nur: die Fliege hat sechs Beine, und der Mensch hat hochstens zwei. Fruhling auf Vorschu? Im Grunen ist's noch gar nicht grun. Das Gras steht ungekammt im Wald, als sei es tausend Jahre alt. Hier also, denkt man, sollen bald die Glockenblumen bluhn? Die Blatter sind im Dienst ergraut und rascheln dort und rascheln hier, als raschle Butterbrotpapier. Der Wind spielt uberm Wald Klavier, mal leise und mal laut. Doch wer das Leben kennt, der kennt's. Und sicher wird's in diesem Jahr so, wie's in andern Jahren war. Im Walde sitzt ein Ehepaar und wartet auf den Lenz. Man soll die beiden drum nicht schelten. Sie lieben eben die Natur und sitzen gern in Wald und Flur. Man kann's ganz gut verstehen, nur: sie werden sich erkalten! Nasser November Ziehen Sie die altesten Schuhe an, die m Ihrem Schrank vergessen stehn! Denn Sie sollten wirklich dann und wann auch bei Regen durch die Stra?en gehn. Sicher werden Sie ein bi?chen frieren, und die Stra?en werden trostlos sein. Aber trotzdem: gehn Sie nur spazieren! Und, wenn's irgend moglich ist, allein. Mude fallt der Regen durch die Aste. Und das Pflaster glanzt wie blauer Stahl. Und der Regen rupft die Blatterreste. Und die Baume werden alt und kahl. Abends tropfen hunderttausend Lichter zischend auf den glitschigen Asphalt. Und die Pfutzen haben fast Gesichter. Und die Regenschirme sind ein Wald. Ist es nicht, als stiegen Sie durch Traume? Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt! Und der Herbst rennt torkelnd gegen Baume. Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt. Geben Sie ja auf die Autos acht. Gehn Sie, bitte, falls Sie friert, nach Haus! Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht. Und, ziehn Sie sofort die Schuhe aus! Ein Mann gibt Auskunft Das Jahr war schon und wird nicht wiederkehren. Du wu?test, was ich wollte, stets und gehst. Ich wunschte zwar, ich konnte dir's erklaren, und wunsche doch, da? du mich nicht verstehst. Ich riet dir manchmal, dich von mir zu trennen, und danke dir, da? du bis heute bliebst. Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen. Ich hatte Angst vor dir, weil du mich liebst. Du denkst vielleicht, ich hatte dich betrogen. Du denkst bestimmt, ich ware nicht wie einst. Und dabei habe ich dich nie belogen! Wenn du auch weinst. Du zurntest manchmal uber meine Kuhle. Ich mu? dir sagen: Damals warst du klug. Ich hatte stets die namlichen Gefuhle. Sie waren aber niemals stark genug. Du denkst, das klingt, als wollte ich mich loben und stunde stolz auf einer Art Podest. Ich stand nur fern von dir. Ich stand nicht oben. Du bist mir bose, weil du mich verla?t. Es gibt auch andre, die wie ich empfinden. Wir sind um soviel armer, als Ihr seid. Wir suchen nicht. Wir lassen uns blo? finden. Wenn wir Euch leiden sehn, packt uns der Neid. Ihr habt es gut. Denn Ihr durft alles fuhlen. Und wenn Ihr trauert, druckt uns nur der Schuh. Ach, unsere Seelen sitzen wie auf Stuhlen und sehn der Liebe zu. Ich hatte Furcht vor dir. Du stelltest Fragen. Ich brauchte dich und tat dir doch nur weh. Du wolltest Antwort. Sollte ich denn sagen: "Geh!" Es ist bequem, mit Worten zu erklaren. Ich tu es nur, weil du es so verlangst. Das Jahr war schon und wird nicht wiederkehren. Und wer kommt nun? Leb wohl! Ich habe Angst. Fauler Zauber Fruhmorgens in der Wanne geht es los. Man sitzt und wunscht sich, nie mehr aufzustehen, und ist zu faul, die Hahne zuzudrehen. Man mu?te baden. Doch man platschert blo?. Das Wasser steigt. Man starrt auf seine Zehen, als waren es platonische Ideen. Da irrt man sich. Sie sind nur etwas gro?. Man lachelt so, als roche man an Rosen, und ist verwundert, da? man lacheln kann. Denn man ist faul. Doch Lacheln greift nicht an. Ach, der Verstand ist noch in Unterhosen! Die Energie, der Kopf, der ganze Mann -- sie sind verreist, und keiner wei?, bis wann. Man sitzt und zahlt sich zu den Arbeitslosen. Man liegt und schlaft, auch wenn man i?t und geht. Und trollt durch Stra?en, summt ein dummes Zeilchen und schakert in den Garten mit den Veilchen. Fast wie ein Luftballon wird man verweht. Man zupft den Brief von Fee in tausend Teilchen. Und wirft ihn weg. Und wartet noch ein Weilchen, ob wenigstens der Wind den Brief versteht. So faul ist man! Und hat soviel zu tun. Und Uhren ticken rings m allen Taschen. Die Zeit entflieht und will, man soll sie haschen, und rennt sich fast die Sohlen von den Schuhn. Man ist zu faul, die Seele reinzuwaschen. Man wird die Stunden wie Bonbons vernaschen und schleicht nach Hause, um sich auszuruhn. Faulheit strengt an, als stemme man Gewichte. Man ist allein, und das ist kein Verkehr. Und Steineklopfen ist nicht halb so schwer. Man steht herum und steht dem Gluck im Lichte. Und da? man lachelt, spurt man gar nicht mehr. Vom Nichtstun wird nicht nur der Beutel leer... Das ist das Traurigste an der Geschichte. Ein Buchhalter schreibt seiner Mutter Heute erhielt ich die Wasche, Du Gute. Und unter Brudern, es wurde Zeit. Der Postbote kam in letzter Minute. Was sagst Du, mir sind die Kragen zu weit. Kein Wunder, fortwahrend die Sache mit Hilde. Ich heirate nicht bei diesem Gehalt. Ich hab's ihr erklart. Und nun ist sie im Bilde. Sie wartet nicht langer, sonst wird sie zu alt. Du schreibst, da? ich Deine Briefe nicht lase und Du nur noch Postkarten schicken wirst. Du schreibst, da? Du denkst, da? ich Dich verga?e. Wie Du Dich irrst... Wie gern ich Dir ofter und grundlicher schriebe und nicht blo? den ewigen Wochenbericht! Ich dachte, Du wu?test, da? ich Dich liebe. Im letzten Briefe, da wei?t Du es nicht. Da sitz ich nun standig und rechne und buche funfstellige Zahlen und werde kaum satt. Ob ich mir vielleicht mal was anderes suche? Am besten, in einer anderen Stadt? Ich bin doch nicht dumm, doch ich komm nicht vom Flecke. Ich lebe, aber man merkt es nicht sehr. Ich lebe auf einer Nebenstrecke. Das ist nicht nur traurig. Es fallt auch schwer. Du schreibst, da? am Sonntag die Breslauer kommen. Wie ist das denn ubrigens, hast Du Dir, ich bat Dich darum, eine Waschfrau genommen? Und wenn sie kommen, dann gru?e von mir! Und schick zum Geburtstag nicht wieder Geschenke! Du sparst es Dir ab. Denn ich kenne das schon. Und schreib ich zu wenig, so glaub mir, ich denke fast immer an Dich. Viele Gru?e. Dein Sohn. Ein Geizhals geht im Regen Der Fruhling gie?t den Regen durch ein Sieb. Die Veilchen stehen Hand in Hand und flennen. Wenn die erst wu?ten, was mir Dora schrieb. Sie sei zwar au?erst sparsam im Betrieb, doch trotzdem mu?ten wir uns, meint sie, trennen. Die Baume sind nur, wenn man hinschaut, kahl. Die Stra?e bluht, als war's zum erstenmal. Was alles grun ist, selbst die Autotaxen! Ich la? mir keine grauen Haare wachsen. Fur so etwas ist meine Brust zu schmal. Der Regen regnet fast wie dunner Zwirn. Der liebe Gott naht Blumen auf den Rasen. Ich hatte Rheumatismus im Gehirn und eine, schreibt sie mir, plissierte Stirn. "Und meine Seele lief sich bei dir Blasen." Herr Ober, bitte eine andre Frau! Ein Gluck, da? Fruhling wird. Die Luft weht lau. Und von den Wunden spurt man nur die Narbe. Die Welt ist grau, und Grau ist keine Farbe! Jetzt sind sogar die schwarzen Wolken blau. Die Blumen bluhn, und keiner kennt den Grund. Man atmet dreimal tief und ist gesund. Ich kann nur sagen: "Ora et labora." Ich argere mich nicht weiter uber Dora und kaufe mir am Ersten einen Hund. Nanu, da ist ja schon der Lietzensee. Jetzt geh ich heim und koche mir Kaffee und fre? ihn ganz allein, den guten Kuchen. Paul hat im Kino kostenlos Entree. Den konnte ich zum Abendbrot besuchen. Ballade vom Mi?trauen Plotzlich fuhlte er: "Ich mu? hinuber." Und er fuhr funf Stunden und stieg aus. Daraufhin lief er durch viele Stra?en. Denn er hatte Furcht vor ihrem Haus. Gegen Abend nahm er sich zusammen. Doch in ihren Fenstern war kein Licht. Wartend stand er auf der dunklen Stra?e. Und der Mond versank im Landgericht. Spater hielt ein Taxi vor der Ture. Und er dachte sich: "Das wird sie sein." Und sie war's! Mit irgend einem Manne trat sie hastig in das Haus hinein. Wieder stand er auf der leeren Stra?e. Und die Zimmer oben wurden hell. Schatten bogen sich auf den Gardinen. Aus entfernten Garten klang Gebell. Wahrend sich die Stunden uberholten, rauchte er und sa? auf einer Bank. Gegen Morgen fing es an, zu regnen. Trotzdem wurde ihm die Zeit nicht lang. Als es tagte, zerrte er die Briefe, die sie ihm geschrieben hatte, vor. Und er las, wie innig sie ihn liebe... Und er nickte zu dem Haus empor. Sechs Uhr fruh trat der Herr Stellvertreter aus der Tur und ging und pfiff ein Lied. Und der Mann, der auf der Bank sa?, dachte tief beschamt: "Wenn man mich nur nicht sieht." Oben offnete die Frau die Fenster, trat auf den Balkon und gahnte sehr. Da erhob er sich und ging zum Bahnhof. Sie erschrak und starrte hinterher. Vornehme Leute, 1200 Meter hoch Sie sitzen in den Grandhotels. Ringsum sind Eis und Schnee. Ringsum sind Berge, Wald und Fels. Sie sitzen in den Grandhotels und trinken immer Tee. Sie haben ihren Smoking an. Im Walde klirrt der Frost. Ein kleines Reh hupft durch den Tann. Sie haben ihren Smoking an und lauern auf die Post. Sie tanzen Blues im Blauen Saal, wobei es drau?en schneit. Es blitzt und donnert manches Mal. Sie tanzen Blues im Blauen Saal und haben keine Zeit. Sie schwarmen sehr fur die Natur und heben den Verkehr. Sie schwarmen sehr fur die Natur und kennen die Umgebung nur von Ansichtskarten her. Sie sitzen in den Grandhotels und sprechen viel von Sport. Doch einmal treten sie, im Pelz, sogar vors Tor der Grandhotels -- und fahren wieder fort! Gewisse Ehepaare Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen, sie sind zu zweit. Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen. Es ist soweit. Das Haar wird dunner, und die Haut wird gelber, von Jahr zu Jahr. Man kennt den andern besser als sich selber. Der Fall liegt klar. Man spricht durch Schweigen. Und man schweigt mit Worten. Der Mund lauft leer. Die Schweigsamkeit besteht aus neunzehn Sorten. (Wenn nicht aus mehr.) Vom Anblick ihrer Seelen und Krawatten wurden sie bos. Sie sind wie Grammophone mit drei Platten. Das macht nervos. Wie oft sah man einander beim Betrugen voll ins Gesicht! Man kann zur Not das eigne Herz belugen, das andre nicht. Sie lebten feig und wurden unansehnlich. Jetzt sind sie echt. Sie sind einander zum Erschrecken ahnlich. Und das mit Recht. Sie wurden stumpf wie Tiere hinterm Gitter. Sie flohen nie. Und manchmal steht vorm Kafige ein Dritter. Der argert sie. Nachts liegen sie gefangen in den Betten und stohnen sacht, wahrend ihr Traum aus Bett und Kissen Ketten und Sarge macht. Sie mogen gehen, sitzen oder liegen, sie sind zu zweit. Man sprach sich aus. Man hat sich ausgeschwiegen. Nun ist es Zeit... In der Seitenstra?e Hier ist es dunkel. Komm noch etwas naher. Hier ist es fast, als ware man im Wald. Was soll man andres tun als Europaer? Die Stadt ist gro?, und klein ist das Gehalt. Man liest manchmal in seltsamen Romanen von Inseln, wo fast keine Menschen sind. Dort gibt es Palmen statt der Stra?enbahnen. Und kleine Affen schaukeln sich im Wind. Und an das Ufer spulen manchmal Fasser. Darin ist Cornedbeef und Pilsner Bier. Dort haben es die Liebespaare besser! Wir sind nicht dort, mein Kerlchen, sondern hier. Hier stort man uns, als tate man's zum Spa?e. Die Stadte schrein und platzen vor Betrieb. Da stehn wir nun in einer Seitenstra?e und haben uns "nur zur Verrechnung" lieb. Es sieht fast aus, als wollten wir wen meucheln. Dabei ist unsere Absicht gar nicht bos. Ein bi?chen kussen ... Und ein bi?chen streicheln. Ach, wer sich liebt, den macht Berlin nervos. Was hilft das alles? Reizend war es heute. Vermutlich kriegst du wieder Krach zu Haus. Es ist, als wohnten hier gar keine Leute. Na ja, und ich mu? morgen zeitig raus. Ich bringe dich noch bis zur Haltestelle. Gleich ist es Zeit. Gleich kommt dein Autobus. Hast du mich lieb? Gib mir noch einen Ku?. Und Mittwoch sehn wir uns. Auf alle Falle. Nun aber Schlu?! Kurzgefa?ter Lebenslauf Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren. Er sitzt im All auf einem Baum und lacht. Ich wurde seinerzeit als Kind geboren, eh ich's gedacht. Die Schule, wo ich viel vergessen habe, bestritt seitdem den gro?ten Teil der Zeit. Ich war ein patentierter Musterknabe. Wie kam das blo?? Es tut mir jetzt noch leid. Dann gab es Weltkrieg, statt der Gro?en Ferien. Ich trieb es mit der Fu?artillerie. Dem Globus lief das Blut aus den Arterien. Ich lebte weiter. Fragen Sie nicht, wie. Bis dann die Inflation und Leipzig kamen. Mit Kant und Gotisch, Borse und Buro, mit Kunst und Politik und jungen Damen. Und sonntags regnete es sowieso. Nun bin ich beinah vierzig Jahre und habe eine kleine Versfabrik. Ach, an den Schlafen bluhn schon graue Haare, und meine Freunde werden langsam dick. Ich setze mich sehr gerne zwischen Stuhle. Ich sage an dem Ast, auf dem wir sitzen. Ich gehe durch die Garten der Gefuhle, die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen. Auch ich mu? meinen Rucksack selber tragen! Der Rucksack wachst. Der Rucken wird nicht breiter. Zusammenfassend la?t sich etwa sagen: Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter. Kleine Stadt am Sonntagmorgen Das Wetter ist recht gut geraten. Der Kirchturm traumt vom lieben Gott. Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten und auch ein bi?chen nach Kompott. Am Sonntag darf man lange schlafen. Die Gassen sind so gut wie leer. Zwei alte Tanten, die sich trafen, bestreiten rustig den Verkehr. Sie fuhren wieder mal die alten Gesprache, denn das halt gesund. Die Fenster gahnen sanft und halten sich die Gardinen vor dem Mund. Der neue Herr Provisor lauert auf sein gestarktes Oberhemd. Er flucht, weil es so lange dauert. Man merkt daran: Er ist hier fremd. Er will den Gottesdienst besuchen, denn das erheischt die Tradition. Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen. Pauline bringt das Hemd ja schon! Die Stunden machen kleine Schritte und heben ihre Fu?e kaum. Die Langeweile macht Visite. Die Tanten flustern uber Dritte. Und druben, auf des Marktes Mitte, schnarcht leise der Kastanienbaum. Exemplarische Herbstnacht Nachts sind die Stra?en so leer. Nur ganz mitunter markiert ein Auto Verkehr. Ein Rudel bunter, raschelnder Blatter jagt hinterher. Die Blatter jagen und hetzen. Und doch weht kein Wind. Sie rascheln wie Fetzen und hetzen und folgen geheimen Gesetzen, obwohl sie gestorben sind. Nachts sind die Stra?en so leer. Die Lampen brennen nicht mehr. Man geht und mochte nicht storen. Man konnte das Gras wachsen horen, wenn Gras auf den Stra?en war. Der Himmel ist kalt und weit. Auf der Milchstra?e hat's geschneit. Man hort seine Schritte wandern, als waren es Schritte von andern, und geht mit sich selbst zu zweit. Nachts sind die Stra?en so leer. Die Menschen legten sich nieder. Nun schlafen sie, treu und bieder. Und morgen fallen sie wieder ubereinander her. Die Heimkehr des verlorenen Sohnes Erst wollte er bis ans Mittelmeer. Er war schon auf halber Strecke und stieg im Schnee und in Innsbruck umher. Der Himmel war blau. Das gefiel ihm sehr. Und er staunte an jeder Ecke. Dann hatte er noch zehn Tage Zeit und wollte nach Nizza reisen. Er war vergnugt wie nicht gescheit und lachte und dachte: Die Welt ist zwar weit, doch ich werde ihr's schon beweisen. So kam der Tag, an dem er fuhr. Es war schon alles in Butter. Da blickte er plotzlich erstaunt auf die Uhr und pfiff auf Nizza und die Natur und reiste zu seiner Mutter. Die Fahrt erschien ihm wunderbar. Er winkte jedem Flu?chen. Es war schon uber ein volles Jahr, da? er nicht mehr zu Hause war. Und da schamte er sich ein bi?chen. Dann kam er an und stieg schnell aus, mit seinen Koffern und Taschen. Er kaufte Blumen und fuhr nach Haus und sagte versteckt hinterm Blumenstrau?: "Ich wollte dich uberraschen." Jetzt sa? er zwar nicht m Nizza und Cannes, doch er sa? in Mutters Zimmer. Sie schwieg und lachte dann und wann und erzahlte und brachte Kuchen an und betrachtete ihn immer ... Zehn ganze Tage blieb er hier! Bis zur allerletzten Minute. Dann fuhr er fort und winkte ihr. Sie stand verlassen am Bahnsteig 4 und sagte geruhrt: "Der Gute." Verzweiflung Nr. I Ein kleiner Junge lief durch die Stra?en und hielt eine Mark in der hei?en Hand. Es war schon spat, und die Kaufleute ma?en mit Seitenblicken die Uhr an der Wand. Er hatte es eilig. Er hupfte und summte: "Ein halbes Brot. Und ein Viertelpfund Speck." Das klang wie ein Lied. Bis es plotzlich verstummte. Er tat die Hand auf. Das Geld war weg. Da blieb er stehen und stand im Dunkeln. In den Ladenfenstern erlosch das Licht. Es sieht zwar gut aus, wenn die Sterne funkeln. Doch zum Suchen von Geld reicht das Funkeln nicht. Als wolle er immer stehenbleiben, stand er. Und war, wie noch nie, allein. Die Rolladen klapperten uber die Scheiben. Und die Laternen nickten ein. Er offnete immer wieder die Hande. Und drehte sie langsam hin und her. Dann war die Hoffnung endlich zu Ende. Er offnete seine Fauste nicht mehr... Der Vater wollte zu essen haben. Die Mutter hatte ein mudes Gesicht. Sie sa?en und warteten auf den Knaben. Der stand im Hof. Sie wu?ten es nicht. Der Mutter wurde allmahlich bange. Sie ging ihn suchen. Bis sie ihn fand. Er lehnte still an der Teppichstange und kehrte das kleine Gesicht zur Wand. Sie fragte erschrocken, wo er denn bliebe. Da brach er in lautes Weinen aus. Sein Schmerz war gro?er als ihre Liebe. Und beide traten traurig ins Haus. Hohere Tochter im Gesprach Die Eine sitzt. Die Andre liegt. Sie reden viel. Die Zeit verfliegt. Das scheint sie nicht zu storen. Die Eine liegt. Die Andre sitzt. Sie reden viel. Das Sofa schwitzt und mu? viel Dummes horen. Sie sind sehr wirkungsvoll gebaut und haben ausgesuchte Haut. Was mag der Meter kosten? Sie sind an allen Ecken rund. Sie sind bemalt, damit der Mund und die Figur nicht rosten. Ihr Duft erinnert an Geback. Das Duften ist ihr Lebenszweck, vom Scheitel bis zur Zehe. Bis beide je ein Mann mit Geld in seine gute Stube stellt. Das nennt man dann: Die Ehe. Sie knabbern Pralines und Zeit; von ihren Mannern, Hut und Kleid und keine Kinder kriegend. So leben sie im Grunde nur als 44er Figur, teils sitzend und teils liegend. Ihr Kopf ist hubsch und ziemlich hohl. Sie fuhlen sich trotzdem sehr wohl. Was la?t sich daraus schlie?en? Man schaut sie sich zwar gerne an, doch ganz gefielen sie erst dann, wenn sie das Reden lie?en. Ein Baum la?t gru?en Man reist von einer Stadt zur andern Stadt. Vier Schinkenbrote hat man schon gegessen. Der Zug fahrt gut. Die Fahrt geht glatt. Man rechnet aus, ob man Verspatung hat, und fuhlt sich frei von hohern Interessen. Man blickt durchs Fenster. Ganzlich ohne Zweck. Man konnte ebenso die Augen schlie?en. Dann schielt man nach dem Handgepack. Am Zug tanzt Schnee vorbei. Ein Dorf im Dreck. Und Rhomboide. Doch das sind sonst Wiesen. Man gahnt. Und ist zu faul, die Hand zu nehmen. Man uberlegt schon, ob man mude ist... Die Dame rechts soll sich was schamen! Wenn ihre Huften blo? nicht naher kamen! Wie schnell der Mensch das Mudesein vergi?t. Man uberlegt sich, ob man ihr entweiche. Sie lehnt sich an. Und tut, als war's im Traum. Da sieht man drau?en plotzlich eine Eiche! Es kann auch Ahorn sein. Das ist das Gleiche. Denn eins steht fest: Es ist ein Baum! Und da entsinnt man sich. Und ist entsetzt: Seit zwanzig Jahren sah man keine Felder! Das hei?t, man sah sie wohl. Doch nicht wie jetzt! Wann sah man denn ein Blumenbeet zuletzt? Und wann zum letzten Male Birkenwalder? Man hat vergessen, da? es Garten gibt. Und kleine Vogel drin, die abends floten. Und blaue Veilchen, die die Mutter liebt... Und wahrend sich die Dame naherschiebt, greift man gefa?t zu weitren Schinkenbroten. Wiegenlied, vaterlicherseits Schlaf ein, mein Kind! Schlaf ein, mein Kind! Man halt uns fur Verwandte. Doch ob wir es auch wirklich sind? Ich wei? es nicht, schlaf ein, mein Kind! Mama ist bei der Tante ... Schlaf ein, mein Kind! Sei still! Schlaf ein! Man kann nichts Klugres machen. Ich bin so gro?. Du bist so klein. Wer schlafen kann, darf glucklich sein. Wer schlafen darf, kann lachen. Nachts liegt man neben einer Frau, die sagt: La? mich in Ruhe! Sie liebt mich nicht. Sie ist so schlau. Sie hext mir meine Haare grau. Wer wei?, was ich noch tue. Schlaf ein, mein Kind! Mein Kindchen, schlaf! Du hast nichts zu versaumen. Man traumt vielleicht, man war ein Graf. Man traumt vielleicht, die Frau war brav. Es ist so schon, zu traumen... Man schuftet, liebt und lebt und fri?t und kann sich nicht erklaren, wozu das alles notig ist! Sie sagt, da? du mir ahnlich bist. Mag sich zum Teufel scheren! Der hat es gut, den man nicht weckt. Wer tot ist, schlaft am langsten. Wer wei?, wo deine Mutter steckt! Sei ruhig. Hab ich dich erschreckt? Ich wollte dich nicht angsten. Vergi? den Mond! Schlaf ein, mein Kind! Und la? die Sterne scheinen. Vergi? auch mich. Vergi? den Wind! Nun gute Nacht! Schlaf ein, mein Kind! Und, bitte, la? das Weinen ...! Kalenderspruch Vergi? in keinem Falle, auch dann nicht, wenn Vieles mi?lingt: Die Gescheiten werden nicht alle! (So unwahrscheinlich das klingt.) Genesis der Niedertracht Eines merkt man stundlich und taglich: Kinder sind hubsch und offen und gut, aber Erwachsene sind unertraglich. Manchmal nimmt uns das allen Mut. Bose und ha?liche alte Leute waren als Kinder fast tadellos. Nette und reizende Kinder von heute werden spater kleinlich und gro?. Wie ist das moglich? Was soll das hei?en? Sind denn die Kinder auch nur echt, wenn sie den Fliegen die Flugel ausrei?en? Sind denn auch schon die Kinder schlecht? Jeder Charakter ist durch Zwei teilbar, da Gut und Bose beisammen sind. Doch die Bosheit ist unheilbar, und die Gute stirbt als Kind. Lob des Einschlafens Man gahnt vergnugt und loscht die Lampe aus. Nur auf der Stra?e ist noch etwas Licht. Man legt sich nieder. Doch man schlaft noch nicht. Der Herr von nebenan kommt erst nach Haus. Man hort, wie er mit einer Dame spricht. Nun klappt man seine Augendeckel zu, und vor den Augen tanzen tausend Ringe. Man denkt noch rasch an Geld und solche Dinge. Im Nebenzimmer knarrt ein kleiner Schuh. Wenn doch die Dame in Pantoffeln ginge! Man legt den Kopf auf lauter kuhle Kissen und lachelt in den dunklen Raum hinein. Wie schon das ist: Am Abend mude sein und schlafen durfen und von gar nichts wissen! Und alle Sorgen sind wie Zwerge klein. Der Herr von nebenan ist froh und munter. Es klingt, als ob er ohne Anla? lacht. Man hebt die Lider schwer und senkt sie sacht, und schlie?t die Augen, - und die Welt geht unter! Dann sagt man sich personlich Gute Nacht. Wenn blo? der Schwarze dieses Mal nicht kame! Er steigt ins Bett und macht sich darin breit und geht erst wieder, wenn man furchtbar schreit. Man wunscht sich Traume, aber angenehme, und fur Gespenster hat man keine Zeit. Man war einmal ein Kind, ist das auch wahr? Und sagte muhelos: "Mein Herz ist rein." Das wurde heute nicht mehr moglich sein. Es geht auch so, auf eigene Gefahr. Man zahlt bis dreiundsiebzig. Und schlaft ein. Vorstadtstra?en Mit solchen Stra?en bin ich gut bekannt. Sie fangen an, als waren sie zu Ende. Trinkt Magermilch! steht gro? an einer Wand, als ob sich das hier nicht von selbst verstande. Es riecht nach Fisch, Kartoffeln und Benzin. In diesen Stra?en durfte niemand wohnen. Ein Fenster schielt durch schrage Jalousien. Und welke Blumen bluhn auf den Balkonen. Die Hauser bilden Tag und Nacht Spalier und haben keine weitern Interessen. Seit hundert Jahren warten sie nun hier. Auf wen sie warten, haben sie vergessen. Die Nacht fallt wie ein gro?es altes Tuch, von Licht durchlochert, auf die grauen Mauern. Ein paar Laternen gehen zu Besuch. Und vor den Kellern sieht man Katzen kauern. Die Hauser sind so traurig und so krank, weil sie die Armut auf den Stra?en trafen. Aus einem Hof dringt ganz von ferne Zank. Dann decken sich die Fenster zu und schlafen. So sieht die Welt in tausend Stadten aus! Und keiner wei?, wohin die Stra?en zielen. An jeder zweiten Ecke steht ein Haus, in dem sie Skat und Pianola spielen. Ein Mann mit Sorgen geigt aus dritter Hand. Ein Tisch fallt um. Die Wirtin holt den Besen. Trinkt Magermilch! steht gro? an einer Wand. (Doch in der Nacht kann das ja niemand lesen.) Elegie, ohne gro?e Worte Man kann sich selber manchmal gar nicht leiden und mochte sich vor Wut den Rucken drehn. Wer will, ob das berechtigt ist, entscheiden? Doch wer sich kennt, der wird mich schon verstehn. Wenn eine Stra?enbahn voruberfegte, kann es passieren, da? man sich hochst wundert, warum man sich nicht einfach drunterlegte ... Und solche Falle gibt es uber hundert. Man mu? sich stets die gleichen Hande waschen! Und wer Charakter hat, ist schon beschrankt! Womit soll man sich denn noch uberraschen? Man mu? schon gahnen, wenn man an sich denkt. Man hangt sich meterlang zum Hals heraus. In Worte la?t sich sowas gar nicht kleiden. Man blickt sich an - und halt den Blick nicht aus! Und kann sich (siehe oben!) selbst nicht leiden. Wie gerne ware man dann dies oder das! Ein Bild, ein Buch, im Wald ein Meilenstein, ein Buschwindroschen oder sonst etwas! Behut dich Gott, es hat nicht sollen sein. Jedoch auch solche Tage gehn herum. Und man fahrt fort, sich in die Brust zu werfen. Der Doktor nickt und sagt: Das sind die Nerven... Ja, wer zu klug wird, ist schon wieder dumm. Eine Mutter zieht Bilanz Mein Sohn schreibt mir so gut wie gar nicht mehr. Das hei?t, zu Ostern hat er mir geschrieben. Er denke gern an mich zuruck, schrieb er, und wurde mich, wie stets, von Herzen lieben. Das letztemal, als wir uns beide sahn, das war genau vor zweidreiviertel Jahren. Ich stehe manchmal an der Eisenbahn, wenn Zuge nach Berlin - dort wohnt er - fahren. Und einmal kaufte ich mir ein Billett und ware beinah nach Berlin gekommen! Doch dann begab ich mich zum Schalterbrett. Dort hat man das Billett zuruckgenommen. Seit einem Jahr, da hat er eine Braut. Das Bild von ihr will er schon lange schicken. Ob er mich kommen la?t, wenn man sie traut? Ich wurde ihnen gern ein Kissen sticken. Man wei? nur nicht, ob ihr sowas gefallt... Ob sie ihn wohl, wie er's verdiente, liebt? Mir ist manchmal so einzeln auf der Welt. Ob es auch zartlichere Sohne gibt? Wie war das schon, als wir zusammen waren! Im gleichen Haus... Und in der gleichen Stadt. Nachts lieg ich wach und hor die Zuge fahren. Ob er noch immer seinen Husten hat? Ich hab von ihm noch ein Paar Kinderschuhe. Nun ist er gro? und la?t mich so allein. Ich sitze still und habe keine Ruhe. Am besten war's, die Kinder blieben klein. Das Herz im Spiegel Der Arzt notierte eine Zahl. Er war ein grundlicher Mann. Dann sprach er streng: "Ich durchleuchte Sie mal", Und schleppte mich nebenan. Hier wurde ich zwischen kaltem Metall zum Foltern aufgestellt. Der Raum war finster wie ein Stall und au?erhalb der Welt. Dann knisterte das Rontgenlicht. Der Leuchtschirm wurde hell. Und der Doktor sah mit ernstem Gesicht mir quer durchs Rippenfell. Der Leuchtschirm war seine Staffelei. Ich stand vor Ergriffenheit stramm. Er zeichnete eifrig und sagte, das sei mein Orthodiagramm. Dann brachte er ganz feierlich einen Spiegel und zeigte mir den und sprach: "In dem Spiegel konnen Sie sich Ihr Wurzelwerk ansehn." Ich sah, wobei er mir alles beschrieb, meine Anatomie bei Gebrauch. Ich sah mein Zwerchfell im Betrieb und die atmenden Rippen auch. Und zwischen den Rippen schlug sonderbar ein schattenhaftes Gewachs. Das war mein Herz! Es glich aufs Haar einem zuckenden Tintenklecks. Ich mu? gestehn, ich war verstort. Ich stand zu Stein erstarrt. Das war mein Herz, das dir gehort, geliebte Hildegard? La? uns vergessen, was geschah, und mich ins Kloster gehn. Wer nie sein Herz im Spiegel sah, der kann das nicht verstehn. Kind, das Vernunftigste wird sein, da? du mich rasch vergi?t. Weil so ein Herz wie meines kein Geschenkartikel ist. Gefahrliches Lokal Mir traumte neulich, da? mein Stammcafe auf einer Insel unter Palmen stunde. Personlich kenne ich blo? Warnemunde. Doch Traume reisen gern nach Ubersee. Ich sa? am Fenster und versank in Schweigen. Wo sonst die Linie 56 halt, war eine Art von Urwald aufgestellt. Und Orang-Utans hingen in den Zweigen. Sie waren sicher noch nicht lange da. So leicht verandern sich die Meterma?e! Bevor ich kam, war's noch die Prager Stra?e. Man setzt sich hin, schon ist es Sumatra. Erst wollte ich den Oberkellner fragen, dann dachte ich, es hatte keinen Zweck. Was soll ein Kellner, namens Urbanek, selbst wenn er wollte, weiter dazu sagen? Dann ging die Tur. Das war der Doktor Uhl. Und hinter ihm erschien ein schwarzer Panther. Der setzte sich, als sei er ein Bekannter, an meinem Tisch auf einen leeren Stuhl. Ich fragte ihn betreten, ob er rauche. Er sah mich an. Und sagte keinen Ton. Dann kam der Wirt in eigener Person und kitzelte den seltenen Gast am Bauche. Der Ober brachte Erbspuree mit Speck. Er hatte gro?e Angst und ging auf Zehen. Der Panther lie? das gute Essen stehen und fra? den Kellner. Armer Urbanek! Von oben drang der Klang der Billardballe. Der schwarze Panther war noch beim Diner. Ich sa? besturzt in meinem Stammcafe. Und sah nur Wald. Und keine Haltestelle. Weil man mich dann zum Telephone rief (ein Kunde wollte mich geschaftlich sprechen), war ich genotigt, plotzlich aufzubrechen. Als ich zuruckkam, sah ich, da? ich schlief... Moblierte Melancholie Mancher Mann darf, wie er mochte, schlafen. Und er mochte selbstverstandlich gern! Andre Menschen will der Himmel strafen, und er macht sie zu moblierten Herrn. Er verschickt sie zu verkniffnen Damen. In Logis. Und manchmal in Pension. Blode Bilder wollen aus den Rahmen. Und die Mobel sagen keinen Ton. Selbst das Handtuch mochte sauber bleiben. Dreimal husten kostet eine Mark. Um die alten Schachteln zu beschreiben, ist kein noch so starkes Wort zu stark. Das Klavier, die Kopfe und die Stuhle sind aus Uberzeugung stets verstaubt. Und die Nutzanwendung der Gefuhle ist den Aftermietern nicht erlaubt. Und sie nicken nur noch wie die Puppen; denn der Mund ist nach und nach vereist. Untermieter sind Besatzungstruppen in dem Reiche, das Familie hei?t. Alles, was erlaubt ist, ist verboten. Wer die Liebe liebt, mu? in den Wald. Oder macht, noch besser, einen Knoten in sein Maskulinum. Und zwar bald. Die moblierten Herrn aus allen Landern stehen fremd und stumm in ihrem Zimmer. Nur die Ehe kann den Zustand andern. (Doch die Ehe ist ja noch viel schlimmer.) Der geregelte Zeitgenosse Hei, wie er die Zukunft auswendig wu?te! Er kannte die Hohe der Summe genau, die man den Kindern und seiner Frau nach seinem Tod auszahlen mu?te. Er war beruhmt als Vater und Gatte, der Leben und Sterben und Diebstahl und Brand versicherungsrechtlich geregelt hatte. Er hatte das Schicksal glatt in der Hand. Und wenn sich die Achse der Erde verboge: Er wu?te, wieviel er am ersten Mai (vorausgesetzt, da? er am Leben sei) in zwanzig Jahren Gehalt bezoge. Gewohnheit umgab ihn mit hohen Mauern. Sie ruckten immer naher heran. Und er begann, sich sehr zu bedauern. Nicht immer, aber dann und wann. Da half kein gesteigertes Innenleben. Er wu?te, was sie morgen besprachen und was sie einander zur Antwort gaben und wann und wie sie sich unterbrachen. Das Lieben und Atmen und Zeitunglesen, das wurde alles zu einem Amt. Er war doch mal ein Mensch gewesen! Das war vorbei, und er dachte: Verdammt! Verschiedentlich fa?te er Fluchtgedanken. Er dachte speziell an Amerika. Aber aus Angst, seine Frau konnte zanken, blieb er dann doch immer wieder da. Spruch in der Silvesternacht Man soll das Jahr nicht mit Programmen beladen wie ein krankes Pferd. Wenn man es allzu sehr beschwert, bricht es zu guter Letzt zusammen. Je uppiger die Plane bluhen, um so verzwickter wird die Tat. Man nimmt sich vor, sich zu bemuhen, und schlie?lich hat man den Salat! Es nutzt nicht viel, sich rotzuschamen. Es nutzt nichts, und es schadet blo?, sich tausend Dinge vorzunehmen. La?t das Programm! Und bessert euch drauflos! Das Genie Der Mensch, der in die Zukunft springt, der geht zugrunde. Und ob der Sprung mi?gluckt, ob er gelingt, - der Mensch, der springt, geht vor die Hunde. Im Auto uber Land An besonders schonen Tagen ist der Himmel sozusagen wie aus blauem Porzellan. Und die Federwolken gleichen wei?en, zart getuschten Zeichen, wie wir sie auf Schalen sahn. Alle Welt fuhlt sich gehoben, blinzelt glucklich schrag nach oben und bewundert die Natur. Vater ruft, direkt verwegen: "'n Wetter, glatt zum Eierlegen!" (Na, er renommiert wohl nur.) Und er steuert ohne Fehler uber Hugel und durch Taler. Tante Paula wird es schlecht. Doch die ubrige Verwandtschaft blickt begeistert in die Landschaft. Und der Landschaft ist es recht. Um den Kopf weht eine Brise von besonnter Luft und Wiese, dividiert durch viel Benzin. Onkel Theobald berichtet, was er alles sieht und sichtet. Doch man sieht's auch ohne ihn. Den Gesang nach Kraften pflegend und sich rhythmisch fortbewegend stromt die Menschheit durchs Revier. Immer rascher jagt der Wagen. Und wir horen Vatern sagen: "Dauernd Wald, und nirgends Bier." Aber schlie?lich hilft sein Suchen. Er kriegt Bier. Wir kriegen Kuchen. Und das Auto ruht sich aus. Tante schimpft auf die Gehalter. Und allmahlich wird es kalter. Und dann fahren wir nach Haus. Gedanken beim Uberfahrenwerden Halt, mein Hut! Ist das das Ende? Gro? ist so ein Autobus. Und wo hab ich meine Hande? Da? mir das passieren mu?. Artur wohnt gleich in der Nahe. Und es regnet. Hin ist hin. Wenn mich Dorothee so sahe! Gut, da? ich alleine bin. Hab ich die Theaterkarten, als ich fortging, eingesteckt? Pasternak wird auf mich warten. Der Vertrag war fast perfekt. Ist der Schreibtisch fest verschlossen? Ohne mich macht Schwarz bankrott. Gestern noch auf stolzen Rossen. Morgen schon beim lieben Gott. Bitte, nicht nach Hause bringen! Dorothee erschrickt zu sehr. Wer wird den Mephisto singen? Na, ich hor ihn ja nicht mehr. Und ich hab naturlich meinen guten blauen Anzug an. Anfangs wird sie furchtbar weinen. Und dann kommt der nachste Mann. Weitergehen! Das Gewimmel hat doch wirklich keinen Sinn. Hoffentlich gibt's keinen Himmel. Denn da passe ich nicht hin. Das Begrabnis erster Klasse, mit Musik und echtem Sarg... Dodo, von der Sterbekasse kriegst du zirka tausend Mark. Andre wurden gerne sterben. Noch dazu in voller Fahrt. Nur die Mobel wirst du erben. Wenn ich wenigstens gespart -- Dann erschien ein Arzt in Eile. Doch es hatte keinen Zweck. Anstandshalber blieb er eine Weile. Und dann ging er wieder weg. Prima Wetter Wo sind die Tage, die so traurig waren und deren Traurigkeit uns so bezwang? Die Sonne scheint. Das Jahr ist sich im klaren. Es ist, um schreiend aus der Haut zu fahren und als Ballon den blauen Himmel lang! Die grunen Baume sind ganz frisch gewaschen. Der Himmel ist aus riesenblauem Taft. Die Sonnenstrahlen spielen kichernd Haschen. Man sitzt und lachelt, zieht das Gluck auf Flaschen und lebt mit sich in bester Nachbarschaft. Man konnte, denkt man, wenn man wollte, fliegen. Vom Stuhle fort. Mit Kuchen und Kaffee. Auf wei?en Wolken wie auf Sofas liegen und sich gelegentlich vornuber biegen und denken: "Also das dort ist die Spree." Man konnte sich mit Blumen unterhalten und Wiesen streicheln wie sein Fraulein Braut. Man konnte sich in tausend Teile spalten und vor Begeisterung die Hande falten. Sie sind nur gar nicht mehr dafur gebaut. Man zieht sich voller Zweifel an den Haaren. Die Sonne scheint, als hatte es wieder Sinn. Wo sind die Tage, die so traurig waren? Es ist, um formlich aus der Haut zu fahren. Die gro?te Schwierigkeit ist nur: Wohin? Direktor Korner ist unaufmerksam Manchmal, wenn ernste Manner beisammen stehn und auch du stehst mit dabei, mochtest du leise beiseite gehn. Wohin? Einerlei. Du mochtest nur rasch den Bart ablegen und die Falten von deiner Stirn und das gro?e und kleine Gehirn und dich dann nicht mehr bewegen. Und es fehlte nur noch Mutters Schurze. Die war so weich und so hell. Die Kindheit litt an zu gro?er Kurze. Es ging zu schnell. Und wahrend du in dich verloren scheinst, stehen noch immer die Manner herum. Sie reden und reden, nur du bist stumm. Und sie fragen, was du dazu meinst. "Zu kurz!" sagst du, und du sagst das so, weil dir die Kindheit zu kurz erschien. Sie aber meinen den Zahlungstermin fur Schimmel & Co. Da ruft der eine, er steht breitbeinig und stemmt seinen Bauch: "Da waren wir ja handelseinig, Korner meint's auch!" Er hat, was du gesprochen hast, nicht kapiert, doch auch das hat sein Gutes. Hauptsache, da? es trotzdem pa?t. Und das tut es. Junggesellen sind auf Reisen Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise... Wir fuhren uber Frankfurt, Basel, Bern zum Genfer See. Und dann ein Stuck im Kreise. Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise. Jetzt sind wir in Luzern. Die Schweiz ist schon. Man mu? sich dran gewohnen. Man fahrt auf Berge. Und man fahrt auf Seen. Und manchmal schmerzt der Leib von all dem Schonen. Man trifft es oft, da? Mutter mit den Sohnen auf Reisen gehn. Das ist ein Gluck: mit seiner Mutter fahren! Weil Mutter doch die besten Frauen sind. Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren, und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als waren sie das Kind. Sie lassen sich die hochsten Gipfel zeigen. Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch. Sie konnen, wenn ein See ganz blau wird, schweigen und haben stets, wenn sie in Zuge steigen, Angst um das Umschlagtuch. Erst ist man sich noch etwas fremd. Wie immer, seit man fern voneinander leben mu?. Jetzt schlaft man, wie dereinst, im selben Zimmer. Und sagt: "Schlaf wohl!" Und loscht den Lampenschimmer. Und gibt sich einen Ku?. Doch eh man's lernt, ist es zu Ende! Wir bringen unsre Mutter bis nach Haus. Frau Haubold sagt, da? sie das reizend fande. Dann schutteln wir den Muttern kurz die Hande und fahren wieder in die Welt hinaus. Ganz vergebliches Gelachter Eines Tages fallt ihm plotzlich auf, da? er schon seit langem nicht mehr lachte. Und nun pruft er seinen Lebenslauf, was er denn inzwischen machte. Manchmal, wei? er noch, war alles Sunde, manchmal hat er wie ein Vieh geflucht. Manchmal suchte er fur alles Grunde, wie man Kragenknopfe sucht. Doch nun will er lustig sein und lachen! Fruher hat er das ganz gut gebracht. Und er wird es jetzt wie fruher machen, und er stellt sich hin - und lacht. Ach, es ist ein schreckliches Gelachter! Er erschrickt und wird schnell wieder stumm. Warum, fragt er sich, klang es nicht echter? Und er wei? es nicht, warum. Und er geht dorthin, wo viele sitzen, weil er hofft, er wurde dann wie sie. Und sie freuen sich an tausend Witzen -- nur er selber lachelt nie. Er beschlie?t, sich einmal zu vergeuden. Doch da spurt er, angesichts der Stadt, da? er mit der Freude und den Freuden so etwas wie Mitleid hat. Dieser falsche Hochmut druckt ihn nieder, und er sagt zu seiner Seele: Prost! Nicht mehr froh zu sein und noch nicht wieder, dafur wei? er keinen Trost. Schlie?lich springt er auf den Autobus und fahrt blindlings in die spate Nacht. Und er ahnt, da? er noch warten mu?, bis er ganz von selber wieder lacht. Trottoircafe bei Nacht Hinter sieben Palmenbesen, die der Wirt im Ausverkauf erstand, sitzt man und kann seine Zeitung lesen, und die Kellner lehnen an der Wand. An den Garderobenstandern schaukeln Hute, und der Abendwind mochte sie in Obst verandern. Aber Hute bleiben, was sie sind. Sterne machen Lichtreklame. Leider wei? man nicht genau fur wen. Und die Nacht ist keine feine Dame, sondern la?t uns ihr Gewolbe sehn. In der renommierten Kuche brat der dicke Koch Filet und Fisch. Und er liefert samtliche Geruche seiner Kuche gratis an den Tisch. Wenn man jetzt in einer Wiese lage, und ein Reh trat aus dem Wald, seine erste Frage ware diese: "Kastner, pst! Wie hoch ist Ihr Gehalt?" Also bleibt man traurig hocken und halt Palmen quasi fur Natur. Fliegen setzen sich auf su?e Brocken. Und der Mond ist nur die Rathausuhr. Sieben Palmen wedeln mit den Fachern, denn auch ihnen wird es langsam hei?. Und die Nacht sitzt dampfend auf den Dachern. Und ein Gast bestellt Vanille-Eis. Selbstmorder halten Asternbuketts Wie oft man in der Zeitung liest, da? der und der - weil er Geld unterschlug, zur Flucht zu wenig, furs Zuchthaus genug -- sich am Grabe der Mutter erschie?t. Die Selbstmorder sitzen am Elterngrab, auf der kleinen, grunen Bank, verstehen nicht mehr, wie sich alles begab, und fuhlen sich alt und krank. Sie sagten, ehe sie gingen, zu Haus (als jemand sie fragte, warum), sie brachten nur rasch ein paar Blumen hinaus, und nicht: sie brachten sich um. Die Selbstmorder halten ein Asternbukett und lesen den Text auf dem Stein: "Hier ruht unsre gute Mutter, Frau Z.", und denken, sie wird es verzeihn. Am anderen Ende der Ahornallee ist ein Begrabnis im Gang. Sie sehen Zylinder und fremdes Weh und horen Mannergesang. Die Selbstmorder lacheln die Mutter an, die unter dem Rasen ruht. Da? ein toter Mensch nicht mehr sehen kann, finden die Selbstmorder gut. Das Wetter ist ma?ig. Der Himmel ist grau. Sie haben vom Leben genug. Sie beichten alles der toten Frau, und das ist ein schoner Zug. Sie haben Pistolen zu sich gesteckt, weil sehr viel Schande droht. Und ehe man noch ihre Schuld entdeckt, schie?en sie sich tot... Wie oft man in der Zeitung liest, da? der und der -- weil er Geld unterschlug und seine Angst nicht langer ertrug -- sich am Grabe der Mutter erschie?t. Nachtliches Rezept fur Stadter Man nehme irgendeinen Autobus. Es kann nicht schaden, einmal umzusteigen. Wohin, ist gleich. Das wird sich dann schon zeigen. Doch man beachte, da? es Nacht sein mu?. In einer Gegend, die man niemals sah (das ist entscheidend fur dergleichen Falle), verlasse man den Autobus und stelle sich in die Finsternis und warte da. Man nehme allem, was zu sehn ist, Ma?. Den Toren, Giebeln, Baumen und Balkonen, den Hausern und den Menschen, die drin wohnen. Und glaube nicht, man tate es zum Spa?. Dann gehe man durch Stra?en. Kreuz und quer. Und folge keinem vorgefa?ten Ziele. Es gibt so viele Stra?en, ach so viele! Und hinter jeder Biegung sind es mehr. Man nehme sich bei dem Spaziergang Zeit. Er dient gewisserma?en hohern Zwecken. Er soll das, was vergessen wurde, wecken. Nach zirka einer Stunde ist's soweit. Dann wird es sein, als liefe man ein Jahr durch diese Stra?en, die kein Ende nehmen. Und man beginnt, sich seiner selbst zu schamen und seines Herzens, das verfettet war. Nun wei? man wieder, was man wissen mu?, statt da? man in Zufriedenheit erblindet: da? man sich in der Minderheit befindet! Dann nehme man den letzten Autobus, bevor er in der Dunkelheit verschwindet... Eine Frau spricht im Schlaf Als er mitten in der Nacht erwachte, schlug sein Herz, da? er davor erschrak. Denn die Frau, die neben ihm lag, lachte, da? es klang, als sei der Jungste Tag. Und er horte ihre Stimme klagen. Und er fuhlte, da? sie trotzdem schlief. Weil sie beide blind im Dunkeln lagen, sah er nur die Worte, die sie rief. "Warum totest du mich denn nicht schneller?" fragte sie und weinte wie ein Kind. Und ihr Weinen drang aus jenem Keller, wo die Traume eingemauert sind. "Wieviel Jahre willst du mich noch hassen?" rief sie aus und lag unheimlich still. "Willst du mich nicht weiterleben lassen, weil ich ohne dich nicht leben will?" Ihre Fragen standen wie Gespenster, die sich vor sich selber furchten, da. Und die Nacht war schwarz und ohne Fenster. Und schien nicht zu wissen, was geschah. Ihm (dem Mann im Bett) war nicht zum Lachen. Traume sollen wahrheitsliebend sein... Doch er sagte sich: "Was soll man machen!" und beschlo?, nachts nicht mehr aufzuwachen. Daraufhin schlief er getrostet ein. Lessing Das, was er schrieb, war manchmal Dichtung, doch um zu dichten schrieb er nie. Es gab kein Ziel. Er fand die Richtung. Er war ein Mann und kein Genie. Er lebte in der Zeit der Zopfe, und er trug selber seinen Zopf. Doch kamen seitdem viele Kopfe und niemals wieder so ein Kopf. Er war ein Mann, wie keiner wieder, obwohl er keinen Sabel schwang. Er schlug den Feind mit Worten nieder, und keinen gab's, den er nicht zwang. Er stand allein und kampfte ehrlich und schlug der Zeit die Fenster ein. Nichts auf der Welt macht so gefahrlich, als tapfer und allein zu sein! Mi?trauensvotum Ihr sagt, ihr konntet in uns lesen. Und nickt dazu. Und macht euch klein. Ihr sagt, auch ihr wart jung gewesen. Es kann ja sein. Ihr tragt Konfetti in den Barten und sagt, wir waren nicht allein. Und fanden in euch Weggefahrten. Es kann ja sein. Ihr hupft wie Lammer durch die Auen und tanzt mit Kindern Ringelreihn. Ihr sagt, wir durften euch vertrauen. Es kann ja sein. Ihr mogt uns lieben oder hassen, ihr treibt dergleichen nur aus Pflicht. Wir sollen uns auf euch verlassen? Ach, lieber nicht! Herbst auf der ganzen Linie Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen. Die bunten Laubgardinen wehn. Die Stra?en ahneln Korridoren, in denen Turen offenstehn. Das Jahr vergeht in Monatsraten. Es ist schon wieder fast vorbei. Und was man tut, sind selten Taten. Das, was man tut, ist Tuerei. Es ist, als ob die Sonne scheine. Sie la?t uns kalt. Sie scheint zum Schein. Man nimmt den Magen an die Leine. Er knurrt. Er will gefuttert sein. Das Laub verschie?t, wird immer gelber, nimmt Abschied vom Geast und sinkt. Die Erde dreht sich um sich selber. Man merkt es deutlich, wenn man trinkt. Wird man denn wirklich nur geboren, um wie die Jahre zu vergehn? Die Stra?en ahneln Korridoren, in denen Turen offenstehn. Die Stunden machen ihre Runde. Wir folgen ihnen Schritt fur Schritt. Und gehen langsam vor die Hunde. Man fuhrt uns hin. Wir laufen mit. Man gru?t die Welt mit kalten Mienen. Das Lacheln ist nicht ernst gemeint. Es wehen bunte Laubgardinen. Nun regnet's gar. Der Himmel weint. Man ist allein und wird es bleiben. Ruth ist verreist, und der Verkehr beschrankt sich blo? aufs Briefeschreiben. Die Liebe ist schon lange her! Das Spiel ist ganz und gar verloren. Und dennoch wird es weitergehn. Die Stra?en ahneln Korridoren, in denen Turen offenstehn. Ein Pessimist, knapp ausgedruckt Ein Pessimist ist, knapp ausgedruckt, ein Mann, dem nichts recht ist. Und insofern ist er verdrie?lich. Obwohl er sich, andrerseits, schlie?lich (und wenn uberhaupt) nur freuen kann, gerade weil alles schlecht ist! Einer von ihnen hat mir erklart, wie das sei und was ihn am meisten freute: "Im schlimmsten Moment, der Geburt, sind die Leute (hat er gesagt) schon dabei. Doch gerade das schonste Erlebnis erleben sie nie: ihr Begrabnis!" Abschied in der Vorstadt Wenn man frostelnd unter der Laterne steht, wo man tausend Male mit ihr stand... Wenn sie angstlich wie ein Kind ins Dunkel geht, winkt man lautlos mit der Hand. Denn man wei?: man winkt das letzte Mal. Und an ihrem Gange sieht man, da? sie weint. War die Stra?e stets so grau und stets so kahl? Ach, es fehlt blo?, da? der Vollmond scheint. Plotzlich denkt man an das Abendbrot und empfindet dies als ganzlich deplaciert. Ihre Mutter hat zwei Jahre lang gedroht. Heute folgt sie nun. Und geht nach Haus. Und friert. Lust und Trost und Lacheln tragt sie fort. Und man will sie rufen! Und bleibt stumm. Und sie geht und wartet auf ein Wort! Und sie geht und dreht sich nie mehr um. Atmospharische Konflikte Die Baume schielen nach dem Wetter. Sie prufen es. Dann murmeln sie: "Man wei? in diesem Jahre nie, ob nun raus mit die Blatter oder rin mit die Blatter oder wie?" Aus Warme wurde wieder Kuhle. Die Oberkellner werden bla? und fragen ohne Unterla?: "Also, raus mit die Stuhle oder rin mit die Stuhle oder was?" Die Parchen meiden nachts das Licht. Sie hocken Probe auf den Banken in den Alleen, wobei sie denken: "Raus mit die Gefuhle oder rin mit die Gefuhle oder nicht?" Der Lenz geht diesmal auf die Nerven und gar nicht, wie es hei?t, ins Blut. Wer liefert Sonne in Konserven? Na, gunstigen Falles wird doch noch alles gut. Es ist schon warm. Wird es so bleiben? Die Knospen springen im Galopp. Und auch das Herz will Bluten treiben. Drum, raus mit die Stuhle und rin mit die Gefuhle, als ob! Der Kummerer Der Kummerer ist zwar ein Mann, doch seine Mannlichkeit halt sich in Grenzen. Er nimmt sich zwar der Frauen an, doch andre Manner ziehn die Konsequenzen. Der Kummerer ist ein Subjekt, das Frauen, wenn es sein mu?, zwar bedichtet, hingegen auf den Endeffekt von vornherein und uberhaupt verzichtet. Er dient den Frauen ohne Lohn. Er liebt die Frau en gros, er liebt summarisch, Er liebt die Liebe mehr als die Person. Er hebt, mit einem Worte, vegetarisch! Er wiehert nicht. Er wird nicht wild. Er hilft beim Einkauf, denn er ist ein Kenner. Sein Blick macht aus der Frau ein Bild. Die andren Blicke werfen andre Manner. Die Kummerer sind nicht ganz neu. Auch von von Goethe wird uns das bekraftigt. Sein Clarchen war dem Egmont treu, doch der war meist mit Heldentum beschaftigt. So kam Herr Brackenburg ins Haus, vertrieb die Zeit und half beim Waschelegen. Am Abend warf sie ihn hinaus. Wer Goethes Werke kennt, der wei? weswegen. Die Kummerer sind sehr begehrt, weil sie bescheiden sind und nichts begehren. Sie wollen keinen Gegenwert. Sie wollen nichts als da sein und verehren. Sie heben euch auf einen Sockel, der euch zum Denkmal macht und formlich weiht. Dann blicken sie durch ihr Monokel und wundern sich, da? ihr unnahbar seid. Dann knien sie hin und beten an. Ihr gahnt und haltet euch mit Muhe munter. Zum Gluck kommt dann und wann ein Mann und holt euch von dem Sockel runter! Klassenzusammenkunft Sie trafen sich, wie ehemals, im ersten Stock des Kneiplokals. Und waren zehn Jahr alter. Sie tranken Bier. (Und machten Hupp!) Und wirkten wie ein Kegelklub. Und nannten die Gehalter. Sie sa?en da, die Beine breit, und sprachen von der Jugendzeit wie Wilde vom Theater. Sie hatten, wo man hinsah, Bauch. Und Ehefrau'n hatten sie auch. Und funfe waren Vater. Sie tranken rustig Glas auf Glas und hatten Kopfe blo? aus Spa? und nur zum Hutetragen. Sie waren laut und waren wohl aus einem Gu?, doch innen hohl, und hatten nichts zu sagen. Sie lobten schlie?lich haargenau die Korperformen ihrer Frau, den Busen und dergleichen. Erst drei?ig Jahr, und schon zu spat! Sie sa?en breit und aufgeblaht wie nicht ganz tote Leichen. Da, gegen Schlu?, erhob sich wer und sagte kurzerhand, da? er genug von ihnen hatte. Er wunsche ihnen sehr viel Bart und hundert Kinder ihrer Art und gehe jetzt zu Bette. - Den andern war es nicht ganz klar, warum der Kerl gegangen war. Sie strichen seinen Namen. Und machten einen Ausflug aus. Fur Sonntag fruh. Ins Jagerhaus. Doch dieses Mal mit Damen. Stiller Besuch Jungst war seine Mutter zu Besuch. Doch sie konnte nur zwei Tage bleiben. Und sie musse Ansichtskarten schreiben. Und er las in einem dicken Buch. Freilich war er nicht sehr aufmerksam. Er betrachtete die Autobusse und die goldnen Pavillons am Flusse und den Dampfer, der voruberschwamm. Seine Mutter hielt den Kopf gesenkt. Und sie schrieb gerade an den Vater: "Heute abend gehn wir ins Theater. Erich kriegte zwei Billetts geschenkt." Und er tat, als ob er flei?ig las. Doch er sah die Nahe und die Ferne, sah den Himmel und zehntausend Sterne und die alte Frau, die drunter sa?. Einsam sa? sie neben ihrem Sohn. Leise lachelnd. Ohne es zu wissen. Stadt und Sterne wirkten wie Kulissen. Und der Wirtshausstuhl war wie ein Thron. Ihn ergriff das Bild. Er blickte fort. Wenn sie mir schreibt, mu?te er noch denken, wird sie ihren Kopf genau so senken. Und dann las er. Und verstand kein Wort. Seine Mutter sa? am Tisch und schrieb. Ernsthaft ruckte sie an ihrer Brille, und die Feder kratzte in der Stille. Und er dachte: Gott, hab ich sie lieb! Rezitation bei Regenwetter Der Regen regnet sich nicht satt. Es regnet hoffnungslosen Zwirn. Wer jetzt 'ne dunne Schadeldecke hat, dem regnet's ins Gehirn. Im Rachen juckt's. Im Rucken zerrt's. Es bloken die Bakterienherden. Der Regen reicht allmahlich bis ans Herz. Was soll blo? daraus werden? Der Regen bohrt sich durch die Haut. Und dieser Trubsinn, der uns beugt, wird, wie so Manches, subkutan erzeugt. Wir sind poros gebaut. Seit Wochen rollen Wolkenfasser von Horizont zu Horizont. Der Neubau druben mit der braunen Front wird von dem Regen taglich blasser. Nun ist er blond. Die Sonne wurde eingemottet. Es ist, als lebte sie nicht mehr. Ach, die Alleen, durch die man traurig trottet, sind kalt und leer. Man kriecht ins Bett. Das ist gescheiter, als da? man klein im Regen steht. Das geht auf keinen Fall so weiter, wenn das so weiter geht. Kleine Sonntagspredigt Jeden Sonntag hat man Kummer und betrachtlichen Verdru?, weil man an die Montagsnummer seiner Zeitung denken mu?. Denn am Sonntag sind bestimmt zwanzig Morde losgewesen! Wer sich Zeit zum Lesen nimmt, mu? das montags alles lesen. Eifersucht und Niedertracht schweigen fast die ganze Woche. Aber Sonntag fruh bis nacht machen sie direkt Epoche. Sonst hat niemand Zeit dazu, sich mit sowas zu befassen. Aber sonntags hat man Ruh, und man kann sich gehenlassen. Endlich hat man einmal Zeit, geht spazieren, steht herum, sucht mit seiner Gattin Streit und bringt sie und alle um. Gibt es wirklich nichts Gescheitres, als sich, gleich gemeinen Mordern, mit den Seinen ohne weitres in das Garnichts zu befordern? Ach, die meisten Menschen sind nicht geeignet, nichts zu machen! Langeweile macht sie blind. Dann passieren solche Sachen. Lebten sie im Paradiese, ohne Pflicht und Ziel und Not, war die erste Folge diese: alle schlugen alle tot. Die Fabel von Schnabels Gabel Kannten Sie Christian Leberecht Schnabel? Ich habe ihn gekannt. Vor seiner Zeit gab es die vierzinkige, die dreizinkige und auch schon die zweizinkige Gabel. Doch jener Christian Leberecht Schnabel, das war der Mann, der in schlaflosen Nachten die einzinkige Gabel entdeckte, bzw. erfand. Das Einfachste ist immer das Schwerste. Die einzinkige Gabel lag seit Jahrhunderten auf der Hand. Aber Christian Leberecht Schnabel war eben der Erste, der die einzinkige Gabel erfand! Die Menschen sind wie die Kinder. Christian Leberecht Schnabel teilte mit seiner Gabel das Schicksal aller Entdecker, bzw. Erfinder. Einzinkige Gabeln, wurde Schnabeln erklart, seien nichts wert. Sie entbehrten als Teil des Bestecks jeden praktischen Zwecks, und man konne, sagte man Schnabeln, mit seiner Gabel nicht gabeln. Die Menschen glaubten tatsachlich, da? Schnabel etwas Konkretes bezweckte, als er die einzinkige Gabel erfand, bzw. entdeckte! Ha! Ihm ging es um nichts Reelles. (Und deshalb ging es ihm schlecht.) Ihm ging es um Prinzipielles! Und insofern hatte Schnabel mit der von ihm erfundenen Gabel naturlich recht. Modernes Marchen Sie waren so sehr ineinander verliebt, wie es das nur noch in Buchern gibt. Sie hatte kein Geld. Und er hatte keins. Da machten sie Hochzeit und lachten sich eins. Er war ohne Amt. So blieben sie arm. Und speisten zweimal in der Woche warm. Er nannte sie trotzdem: "Mein Schmetterling." Sie schenkte ihm Kinder, so oft es nur ging. Sie wohnten mobliert und waren nie krank. Die Kinder schliefen im Kleiderschrank. Zu Weihnachten malten sie kurzerhand Geschenke mit Buntstiften an die Wand. Und a?en Brot, als war's Konfekt, und spielten: Wie Gansebraten schmeckt. Dergleichen starkt wohl die Phantasie. Drum wurde der Mann, blitzblatz! ein Genie. Schrieb schone Romane. Verdiente viel Geld und wurde der reichste Mann auf der Welt. Erst waren sie stolz. Doch dann tat's ihnen leid, denn der Reichtum schadet der Heiterkeit. Sie schenkten das Geld einem Waisenkind. Und wenn sie nicht gestorben sind... Die Gro?eltern haben Besuch Fur seine Kinder hat man keine Zeit. (Man darf erst sitzen, wenn man nicht mehr gehn kann.) Erst bei den Enkeln ist man dann soweit, da? man die Kinder ungefahr verstehn kann. Spielt hubsch mit Sand und backt auch Sandgeback! Ihr seid so fern und trotzdem in der Nahe, als ob man uber einen Abgrund weg in einen fremden bunten Garten sahe. Spielt brav mit Sand und baut euch Illusionen! Ihr und wir Alten wissen ja Bescheid: Man darf sie bauen, aber nicht drin wohnen. Ach, bleibt so klug, wenn ihr erwachsen seid! Wir mochten euch auch spater noch beschutzen. Denn da ist vieles, was euch dann bedroht. Doch unser Wunsch wird uns und euch nichts nutzen. Wenn ihr erwachsen seid, dann sind wir tot. Ein Kubikkilometer genugt Ein Mathematiker hat behauptet, da? es allmahlich an der Zeit sei, eine stabile Kiste zu bauen, die tausend Meter lang, hoch und breit sei. In diesem einen Kubikkilometer hatten, schrieb er im wichtigsten Satz, samtliche heute lebenden Menschen (das sind zirka zwei Milliarden) Platz! Man konnte also die ganze Menschheit in eine Kiste steigen hei?en und diese, vielleicht in den Kordilleren, in einen der tiefsten Abgrunde schmei?en. Da lagen wir dann, fast unbemerkbar, als wurfelformiges Paket. Und Gras konnte uber die Menschheit wachsen. Und Sand wurde daraufgeweht. Kreischend zogen die Geier Kreise. Die riesigen Stadte stunden leer. Die Menschheit lage in den Kordilleren. Das wu?te dann aber keiner mehr. 1936
2007-2009