Gustav Meyrink. Der Golem
Leipzig
Kurt Wolff Verlag
1916
Vierter Abdruck. Dezember 1915
Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag Leipzig
Kapitelverzeichnis
Schlaf
Tag
I
Prag
Punsch
Nacht
Wach
Schnee
Spuk
Licht
Not
Angst
Trieb
Weib
List
Qual
Mai
Mond
Frei
Schlu?
Schlaf
Das Mondlicht fallt auf das Fu?ende meines Bettes und liegt dort wie
ein gro?er, heller, flacher Stein.
Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine
rechte Seite fangt an zu verfallen, - wie ein Gesicht, das dem Alter
entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, - dann
bemachtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trube, qualvolle
Unruhe.
Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in
meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehortem, wie Strome von
verschiedener Farbe und Klarheit zusammenflie?en.
Ich hatte uber das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von vorne
beginnend durch meinen Sinn:
"Eine Krahe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stuck Fett aussah, und
dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krahe dort
nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krahe, die sich dem
Stein genahert, so verlassen wir - wir, die Versucher, - den Asketen Gotama,
da wir den Gefallen an ihm verloren haben."
Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stuck Fett, wachst ins
Ungeheuerliche in meinem Hirn:
Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flu?bett und hebe glatte Kiesel
auf.
Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, uber die ich nachgruble
und nachgruble und doch mit ihnen nichts anzufangen wei?, - dann schwarze
mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche eines Kindes,
plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.
Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer fallen
sie mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht
bannen.
Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen
auf rings um mich her.
Manche qualen sich schwerfallig ab, sich aus dem Sande ans Licht
emporzuarbeiten - wie gro?e schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut
zuruckkommt, - und als wollten sie alles daransetzen, meine Blicke auf sich
zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen.
Andere - erschopft - fallen kraftlos zuruck in ihre Locher und geben es
auf, je zu Worte zu kommen.
Zuweilen fahre ich empor aus dem Dammer dieser halben Traume und sehe
fur einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fu?ende
meiner Decke liegen wie einen gro?en, hellen, flachen Stein, um blind von
neuem hinter meinem schwindenden Bewu?tsein herzutappen, ruhelos nach jenem
Stein suchend, der mich qualt - der irgendwo verborgen im Schutte meiner
Erinnerung liegen mu? und aussieht wie ein Stuck Fett.
Eine Regenrohre mu? einst neben ihm auf der Erde gemundet haben, male
ich mir aus - stumpfwinklig abgebogen, die Rander von Rost zerfressen, - und
trotzig will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um meine
aufgescheuchten Gedanken zu belugen und in Schlaf zu lullen.
Es gelingt mir nicht.
Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet
eine eigensinnige Stimme in meinem Innern - unermudlich wie ein
Fensterladen, den der Wind in regelma?igen Zwischenraumen an die Mauer
schlagen la?t: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der wie
Fett aussehe.
Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebensachlich, so
schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder auf
und beginnt hartnackig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber doch
nicht der Stein, der wie ein Stuck Fett aussieht. -
Langsam beginnt sich meiner ein unertragliches Gefuhl von Hilflosigkeit
zu bemachtigen.
Wie es weiter gekommen ist, wei? ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich uberwaltigt und geknebelt, meine
Gedanken?
Ich wei? nur, mein Korper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. -
Wer ist jetzt "ich", will ich plotzlich fragen; da besinne ich mich,
da? ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen konnte;
dann furchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das
endlose Verhor uber den Stein und das Fett beginnen.
Und so wende ich mich ab.
Tag
Da stand ich plotzlich in einem dusteren Hofe und sah durch einen
rotlichen Torbogen gegenuber - jenseits der engen, schmutzigen Stra?e -
einen judischen Trodler an einem Gewolbe lehnen, das an den Mauerrandern mit
altem Eisengerumpel, zerbrochenen Werkzeugen, verrosteten Steigbugeln und
Schlittschuhen und vielerlei anderen abgestorbenen Sachen behangen war.
Und dieses Bild trug das qualend Eintonige an sich, das alle jene
Eindrucke kennzeichnet, die tagtaglich so und so oft wie Hausierer die
Schwelle unserer Wahrnehmung uberschreiten, und rief in mir weder Neugierde
noch Uberraschung hervor.
Ich wurde mir bewu?t, da? ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung
zu Hause war.
Auch diese Empfindung hinterlie? mir trotz ihres Gegensatzes zu dem,
was ich doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt,
keinerlei tieferen Eindruck. - -
Ich mu? einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
einem Stuck Fett gehort oder gelesen haben, drangte sich mir plotzlich der
Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer emporstieg
und mir uber das speckige Aussehen der Steinschwellen fluchtige Gedanken
machte.
Da horte ich Schritte die oberen Treppen uber mir vorauslaufen, und als
ich zu meiner Tur kam, sah ich, da? es die vierzehnjahrige, rothaarige
Rosina des Trodlers Aaron Wassertrum gewesen war.
Ich mu?te dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rucken gegen das
Stiegengelander und bog sich lustern zuruck.
Ihre schmutzigen Hande hatte sie um die Eisenstange gelegt, - zum Halt
- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem truben Halbdunkel
hervorleuchteten.
Ich wich ihren Blicken aus.
Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lacheln und diesem wachsernen
Schaukelpferdgesicht.
Sie mu? schwammiges, wei?es Fleisch haben wie der Axolotl, den ich
vorhin im Salamanderkafig bei dem Vogelhandler gesehen habe, fuhlte ich.
Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwartig wie die eines Kaninchens.
Und ich sperrte auf und schlug rasch die Tur hinter mir zu. - -
Von meinem Fenster aus konnte ich den Trodler Aaron Wassertrum vor
seinem Gewolbe stehen sehen.
Er lehnte am Eingang der dunklen Wolbung und zwickte mit einer
Bei?zange an seinen Fingernageln herum.
War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte
keine Ahnlichkeit mit ihr.
Unter den Judengesichtern, die ich Tag fur Tag in der Hahnpa?gasse
auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stamme unterscheiden, die
sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen
verwischen lassen, wie sich ol und Wasser vermengen wird. Da darf man nicht
sagen: die dort sind Bruder oder Vater und Sohn.
Der gehort zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles,
was sich aus den Gesichtszugen lesen la?t.
Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trodler ahnlich sahe!
Diese Stamme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der
sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, - aber sie
verstehen ihn geheimzuhalten vor der Au?enwelt, wie man ein gefahrliches
Geheimnis hutet.
Kein einziges la?t ihn durchblicken, und in dieser Ubereinstimmung
gleichen sie ha?erfullten Blinden, die sich an ein schmutzgetranktes Seil
klammern: der eine mit beiden Fausten, ein anderer nur widerwillig mit einem
Finger, alle aber von aberglaubischer Furcht besessen, da? sie dem Untergang
verfallen mussen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich von den
ubrigen trennen.
Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch absto?ender
ist, als der der andern. Dessen Manner engbrustig sind und lange Huhnerhalse
haben mit vorstehendem Adamsapfel.
Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie
unter brunstigen Qualen, diese Manner, - und kampfen heimlich gegen ihre
Geluste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von immerwahrender
widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.
Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina uberhaupt in
verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trodler Wassertrum bringen konnte.
Nie habe ich sie doch in der Nahe des Alten gesehen oder bemerkt, da?
sie jemals einander etwas zugerufen hatten.
Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder druckte sich in den
dunklen Winkeln und Gangen unseres Hauses umher.
Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner fur eine nahe Verwandte
oder zumindest Schutzbefohlene des Trodlers, und doch bin ich uberzeugt, da?
kein einziger einen Grund fur solche Vermutungen anzugeben vermochte.
Ich wollte meine Gedanken von Rosina losrei?en und sah von dem offenen
Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpa?gasse.
Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefuhlt, wandte er plotzlich
sein Gesicht zu mir empor.
Sein starres, gra?liches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Beruhrung
ihres Netzes spurt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
Ich wu?te es nicht.
An den Mauerrandern seines Gewolbes hangen unverandert Tag fur Tag,
jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
Mit geschlossenen Augen hatte ich sie hinzeichnen konnen: hier die
verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier gemalt,
mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande
verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes halb
vermodertes Gerumpel.
Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so da?
niemand die Schwelle des Gewolbes uberschreiten kann, eine Reihe runder
eiserner Herdplatten. -
Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier
und da einmal ein Vorubergehender stehen und fragte nach dem Preis des einen
oder andern, geriet der Trodler in heftige Erregung.
In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippen mit der Hasenscharte
empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverstandliches in einem
gurgelnden, stolpernden Ba? hervor, da? dem Kaufer die Lust weiter zu fragen
verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen
abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen Mauern,
die vom Nebenhause an mein Fenster sto?en.
Was konnte er dort nur sehen?
Das Haus steht doch mit dem Rucken gegen die Hahnpa?gasse, und seine
Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Stra?e gekehrt.
Zufallig schienen die Raume, die nebenan in derselben Stockhohe wie die
meinigen liegen - ich glaube, sie gehoren zu einem winkligen Atelier - in
diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern horte ich
plotzlich eine mannliche und eine weibliche Stimme miteinander reden.
Unmoglich konnte das aber der Trodler von unten aus wahrgenommen haben!
- -
Vor meiner Tur bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
Rosina, die drau?en im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, da? ich sie
doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
halbwuchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tur
offnen werde, und ich spure formlich den Hauch seines Hasses und seine
schaumende Eifersucht bis herauf zu mir.
Er furchtet sich naher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er
wei? sich von ihr abhangig wie ein hungriger Wolf von seinem Warter und
mochte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die Zugel
schie?en lassen! - - -
Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
Stichel hervor.
Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig
genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.
Das trube, dustere Leben, das an diesem Hause hangt, la?t mein Gemut
nicht stillwerden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr alter
als Rosina.
An ihren Vater, der Hostienbacker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
erinnern, und jetzt sorgt fur sie, glaube ich, ein altes Weib.
Ich wu?te nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im
Hause wohnen wie Kroten in ihrem Schlupfwinkel.
Sie sorgt fur die beiden Jungen, das hei?t: sie gewahrt ihnen
Unterkunft; dafur mussen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen
oder erbetteln. -
Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken,
denn erst spat abends kommt die Alte heim.
Leichenwascherin soll sie sein.
Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft
harmlos im Hof zu dritt spielen.
Die Zeit aber ist lang vorbei.
Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmadel her.
Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden
kann, dann schleicht er sich vor meine Tur und wartet mit verzerrtem
Gesicht, da? sie heimlich hierher komme.
Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste drau?en in
dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend
vorgebeugt.
Manchmal bricht dann durch die Stille plotzlich ein wilder Larm.
Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine
ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfullt, irrt wie ein wildes
Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell, das er, vor
Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, aussto?t, klingt so schauerlich, da?
einem das Blut in den Adern stockt.
Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet - irgendwo in
einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt - in blinder Raserei,
immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen sein zu
mussen, da? nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.
Und gerade diese unaufhorliche Qual des Kruppels ist, ahnte ich, das
Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
einzulassen.
Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwacher, so ersinnt Loisa
immer wieder besondere Scheu?lichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu
entfachen.
Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen
und locken den Rasenden heimtuckisch hinter sich her in dunkle Gange, wo sie
aus rostigen Fa?reifen, die in die Hohe schnellen, wenn man auf sie tritt,
und eisernen Rechen - mit den Spitzen nach oben gekehrt - bosartige Fallen
errichtet haben, in die er sturzen mu? und sich blutig fallt.
Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs au?erste
anzuspannen, auf eigene Faust etwas Hollisches aus.
Dann andert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als
fande sie plotzlich Gefallen an ihm.
Mit ihrer ewig lachelnden Miene teilt sie dem Kruppel hastig Dinge mit,
die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich dazu
eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverstandliche Zeichensprache
ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von
Ungewi?heit und verzehrenden Hoffnungen verstricken mu?. -
Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so
heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, da? ich glaubte,
jeden Augenblick wurde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
Der Schwei? lief ihm ubers Gesicht vor ubermenschlicher Anstrengung,
den Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilungen zu erfassen.
Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf
den finsteren Stiegen eines halb versunkenen Hauses, das in der Fortsetzung
der engen, schmutzigen Hahnpa?gasse liegt, - bis er die Zeit versaumt hatte,
sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.
Und als er spat abends halbtot vor Hunger und Aufregung heim wollte,
hatte ihn die Pflegemutter langst ausgesperrt. - - -
Ein frohliches Frauenlachen drang aus dem ansto?enden Atelier durch die
Mauern heruber zu mir.
Ein Lachen! - In diesen Hausern ein frohliches Lachen? Im ganzen Getto
wohnt niemand, der frohlich lachen konnte.
Da fiel mir ein, da? mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler
Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr hatte ihm das Atelier teuer
abgemietet - offenbar, um mit der Erwahlten seines Herzens unbelauscht
zusammenkommen zu konnen.
Nach und nach, jede Nacht, mu?ten nun, damit niemand im Hause etwas
merke, die kostbaren Mobel des neuen Mieters heimlich Stuck fur Stuck
hinaufgeschafft werden.
Der gutmutige Alte hatte sich vor Vergnugen die Hande gerieben, als er
es mir erzahlte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt
angefangen habe: keiner der Mitbewohner konne auch nur eine Ahnung von dem
romantischen Liebespaar haben.
Und von drei Hausern aus sei es moglich, unauffallig in das Atelier zu
gelangen. - Sogar durch eine Fallture gabe es einen Zugang!
Ja, wenn man die eiserne Tur des Bodenraumes aufklinke, - und das sei
von druben aus sehr leicht, - konne man an meiner Kammer, vorbei zu den
Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benutzen ...
Wieder klingt das frohliche Lachen heruber und la?t in mir die
undeutliche Erinnerung an eine luxuriose Wohnung und an eine adlige Familie
auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertumern kleine
Ausbesserungen vorzunehmen. -
Plotzlich hore ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche
erschreckt.
Die eiserne Bodentur klirrt heftig, und im nachsten Augenblick sturzt
eine Dame in mein Zimmer.
Mit aufgelostem Haar, wei? wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff
uber die blo?en Schultern geworfen.
"Meister Pernath, verbergen Sie mich, - um Gottes Christi willen! -
fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!"
Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tur abermals aufgerissen und
sofort wieder zugeschlagen. -
Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trodlers Aaron Wassertrum wie
eine scheu?liche Maske hereingegrinst. -
Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Schein des
Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fu?ende meines Bettes. Noch liegt der
Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der Name Pernath steht
in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? - Athanasius Pernath?
Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, da? er mir so genau
passe, wo ich doch eine hochst eigentumliche Kopfform habe.
Und ich sah in den fremden Hut hinein - damals und - - ja, ja, dort
hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem wei?en Futter:
ATHANASIUS PERNATH
.
Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefurchtet, ich wu?te nicht
warum.
Da fahrt plotzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer
von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe, auf
mich los, gleich einem Pfeil.
Schnell male ich mir das scharfe, su?lich grinsende Profil der roten
Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise, dem Pfeil auszuweichen, der
sich sogleich in der Finsternis verliert.
Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch starker als die
stumpfsinnige plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in
meinem Zimmer in der Hahnpa?gasse geborgen sein werde, kann ich ganz ruhig
sein.
I
Wenn ich mich nicht getauscht habe in der Empfindung, da? jemand in
einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe heraufkommt,
in der Absicht, mich zu besuchen, so mu? er jetzt ungefahr auf dem letzten
Stiegenabsatz stehen.
Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine
Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur des
oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, mu?
er, muhsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Turschild lesen.
Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
Eingang.
Da offnete sich die Ture, und er trat ein.
Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab,
noch sagte er ein Wort der Begru?ung.
So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fuhlte ich, und ich fand es
ganz selbstverstandlich, da? er so und nicht anders handelte.
Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
Dann blatterte er lange drin herum.
Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form
von Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefullt.
Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete
darauf.
Das Kapitel hie? "Ibbur", "die Seelenschwangerung", entzifferte ich.
Das gro?e, in Gold und Rot ausgefuhrte Initial "I" nahm fast die Halfte
der ganzen Seite ein, die ich unwillkurlich uberflog, und war am Rande
verletzt.
Ich sollte es ausbessern.
Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in
alten Buchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dunnen Goldes zu
bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelotet waren und mit den Enden um die
Rander des Pergaments griffen.
Also mu?te, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten
sein?
Wenn das der Fall war, mu?te auf der nachsten Seite das "I" verkehrt
stehen?
Ich blatterte um und fand meine Annahme bestatigt.
Unwillkurlich las ich auch diese Seite durch und die gegenuberliegende.
Und ich las weiter und weiter.
Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
deutlicher. Und es ruhrte mein Herz an wie eine Frage.
Worte stromten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen
auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie buntgekleidete
Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie schillernder
Dunst in der Luft und gaben der nachsten Raum. Jede hoffte eine kleine
Weile, da? ich sie erwahlen wurde und auf den Anblick der Kommenden
verzichten.
Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
schimmernden Gewandern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
Manche wie Koniginnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider
gefarbt, - mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit ha?licher
Schminke verdeckt.
Ich sah an ihnen vorbei und nach den kommenden, und mein Blick glitt
uber lange Zuge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewohnlich und
ausdrucksarm, da? es unmoglich schien, sie dem Gedachtnis einzupragen.
Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und
riesenhaft wie ein Erzkolo?.
Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu
mir.
Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Korper, und sie deutete
stumm auf den Puls ihrer linken Hand.
Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fuhlte, es war das Leben einer
ganzen Welt in ihr.
Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen,
und immer naher brauste der Zug.
Jetzt horte ich den hallenden Gesang der Verzuckten dicht vor mir, und
meine Augen suchten das verschlungene Paar.
Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und sa?, halb
mannlich, halb weiblich, - ein Hermaphrodit - auf einem Throne von
Perlmutter.
Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
darein hatte der Wurm der Zerstorung geheimnisvolle Runen genagt.
In einer Staubwolke kam eilig hinterdreingetrappelt eine Herde kleiner,
blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem
Gefolge fuhrte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde
stromten, etliche, die kamen aus Grabern, - Tucher vor dem Gesicht.
Und blieben sie vor mir stehen, lie?en sie plotzlich ihre Hullen fallen
und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, da? ein eisiger
Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zuruckstaute wie ein Strom, in
den Felsblocke vom Himmel herniedergefallen sind - plotzlich und mitten in
sein Bette. -
Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte
es ab, und sie trug einen Mantel aus flie?enden Tranen. -
Maskenzuge tanzten voruber, lachten und kummerten sich nicht um mich.
Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zuruck.
Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es ein
Spiegel.
Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
zogernd, bald blitzschnell, da? sich meiner ein gespenstiger Trieb
bemachtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern, mit den Achseln zu
zucken und die Mundwinkel zu verziehen.
Da sto?en ihn ungeduldig nachdrangende Gestalten zur Seite, die alle
vor meine Blicke wollen.
Doch keines der Wesen hat Bestand.
Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen
Tone nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Mund entstromen.
Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine
Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich
auch abmuhte. Die mich qualte mit brennenden, unverstandlichen Fragen.
Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und
ohne Widerhall.
Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos,
wie jegliches Ding einen gro?en Schatten hat und viele kleine Schatten, doch
diese Stimme hatte keine Echos mehr, - lange, lange schon sind sie wohl
verweht und verklungen. - - -
Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den
Handen, da war mir, als hatte ich suchend in meinem Gehirn geblattert und
nicht in einem Buche! - -
Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor
meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. -
Ich blickte auf.
Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
Fortgegangen!?
Wird er es holen, wenn es fertig ist?
Oder sollte ich es ihm bringen? -
Aber ich konnte mich nicht erinnern, da? er gesagt hatte, wo er wohne.
Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedachtnis zuruckrufen, doch es
mi?lang.
Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? - Und welche
Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. - Alle Bilder, die
ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
zusammenzusetzen vermochte.
Ich schlo? die Augen und pre?te die Hand auf die Lider, um einen
winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
Nichts, nichts.
Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tur, wie
ich es getan - vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt biegt
er um die Ecke, jetzt schreitet er uber den Ziegelsteinboden, liest jetzt
drau?en mein Turschild "Athanasius Pernath" und jetzt tritt er herein.
Vergebens.
Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
wollte in mir erwachen.
Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wunschte mir im Geiste die
Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblo?t gewesen,
ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmuckt oder nicht, konnte ich mich
entsinnen.
Da kam mir ein seltsamer Einfall.
Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den
Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zuruck in mein
Zimmer.
Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und als ich die
Tur offnete, da sah ich, da? meine Kammer voll Dammerung lag. War es denn
nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
Wie lange mu?te ich da gegrubelt haben, da? ich nicht bemerkte, wie
spat es ist!
Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und
konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. -
Wie sollte es mir auch glucken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
Meine Haut, meine Muskeln, mein Korper erinnerten sich plotzlich, ohne
es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht wunschte
und nicht beabsichtigte.
Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehorten!
Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, als ich
ein paar Schritte im Zimmer machte.
Das ist der Gang eines Menschen, der bestandig im Begriffe ist,
vornuber zu fallen, sagte ich mir.
Ja, ja, ja, so war sein Gang!
Ganz deutlich wu?te ich: so ist er.
Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
Backenknochen und schaute aus schragstehenden Augen.
Ich fuhlte es und konnte mich doch nicht sehen.
Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in die
Tasche und holte ein Buch hervor.
Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. -
Da plotzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin
ich. Ich, ich.
Athanasius Pernath.
Grausen und Entsetzen schuttelten mich, mein Herz raste zum
Zerspringen, und ich fuhlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem
Gehirn herumgetastet, haben von mir abgelassen.
Noch spurte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Beruhrung. -
Nun wu?te ich, wie der Fremde war, und ich hatte ihn wieder in mir
fuhlen konnen, - jeden Augenblick - wenn ich nur gewollt hatte; aber sein
Bild mir vorzustellen, da? ich es vor mir
sehen
wurde Auge in Auge - das
vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie konnen.
Es ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
Linien ich nicht erfassen kann - in die ich selber hineinschlupfen mu?, wenn
ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewu?t werden will
- -
In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; - in diese
wollte ich das Buch sperren und erst, wenn der Zustand der geistigen
Krankheit von mir gewichen sein wurde, wollte ich es wieder hervorholen und
an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen "I" gehen.
Und ich nahm das Buch vom Tisch.
Da war mir, als hatte ich es gar nicht angefa?t; ich griff die Kassette
an: dasselbe Gefuhl. Als mu?te das Tastempfinden eine lange, lange Strecke
voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewu?tsein mundete, als
seien die Dinge durch eine jahresgro?e Zeitschicht von mir entfernt und
gehorten einer Vergangenheit an, die langst an mir vorubergezogen!
Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit
dem fettigen Stein zu qualen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich nicht
gesehen. Und ich wei?, da? sie aus dem Reiche des Schlafes stammt. Aber was
ich erlebt, das war wirkliches Leben, - darum konnte sie mich nicht sehen
und sucht vergeblich nach mir, fuhle ich.
Prag
Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dunnen,
fadenscheinigen Uberziehers aufgeschlagen, und ich horte, wie ihm vor Kalte
die Zahne aufeinanderschlugen.
Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte
ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinuber in meine Wohnung zu kommen.
Er aber lehnte ab.
"Ich danke Ihnen, Meister Pernath," murmelte er frostelnd, "leider habe
ich nicht mehr so viel Zeit ubrig; - ich mu? eilends in die Stadt. - Auch
wurden wir bis auf die Haut na?, wenn wir jetzt auf die Gasse treten wollten
- schon nach wenigen Schritten! - - Der Platzregen will nicht schwacher
werden!"
Die Wasserschauer fegten uber die Dacher hin und liefen an den
Gesichtern der Hauser herunter wie ein Tranenstrom.
Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da druben im vierten
Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen uberrieselt, aussah, als seien
seine Scheiben aufgeweicht, - undurchsichtig und hockerig geworden wie
Hausenblase.
Ein gelber Schmutzbach flo? die Gasse herab, und der Torbogen fullte
sich mit Vorubergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten
wollten.
"Dort schwimmt ein Brautbukett", sagte plotzlich Charousek und deutete
auf einen Strau? aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser vorbeigetrieben
kam.
Daruber lachte jemand hinter uns laut auf.
Als ich mich umdrehte, sah ich, da? es ein alter, vornehm gekleideter
Herr mit wei?em Haar und einem aufgedunsenen, krotenartigen Gesicht gewesen
war.
Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zuruck und brummte etwas
vor sich hin.
Unangenehmes ging von dem Alten aus; - ich wandte meine Aufmerksamkeit
von ihm ab und musterte die mi?farbigen Hauser, die da vor meinen Augen wie
verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
Ohne Uberlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem
Boden dringt.
An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden
Uberrest eines fruheren, langgestreckten Gebaudes, hat man sie angelehnt -
vor zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rucksicht auf die
ubrigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit
zuruckspringender Stirn; - ein andres daneben: vorstehend wie ein Eckzahn.
Unter dem truben Himmel sahen sie aus, als lagen sie im Schlaf, und man
spulte nichts von dem tuckischen, feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen
ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt und ihr
leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.
In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in
mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden des
Nachts und im fruhesten Morgengrauen fur sie gabe, wo sie erregt eine
lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fahrt da ein
schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklaren la?t, Gerausche
laufen uber ihre Dacher und fallen in den Regenrinnen nieder, - und wir
nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu
forschen.
Oft traumte mir, ich hatte diese Hauser belauscht in ihrem spukhaften
Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, da? sie die heimlichen,
eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fuhlens entau?ern
und es wieder an sich ziehen konnen, - es tagsuber den Bewohnern, die hier
hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit Wucherzinsen wieder
zuruckzufordern.
Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen,
wie Wesen - nicht von Muttern geboren, - die in ihrem Denken und Tun wie aus
Stucken wahllos zusammengefugt scheinen, im Geiste an mir voruberziehen, so
bin ich mehr denn je geneigt zu glauben, da? solche Traume in sich dunkle
Wahrheiten bergen, die mir im Wachsein nur noch wie Eindrucke von farbigen
Marchen in der Seele fortglimmen.
Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
kunstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Getto ein
kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem
gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches
Zahlenwort hinter die Zahne schob.
Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte,
in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so
mu?ten auch, dunkt mich, alle diese
Menschen
entseelt in einem Augenblick
zusammenfallen, loschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein
nebensachliches Streben, vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem einen,
bei einem andern gar nur ein dumpfes Warten auf etwas ganzlich Unbestimmtes,
Haltloses - in ihrem Hirn aus.
Was ist dabei fur ein immerwahrendes, schreckhaftes Lauern in diesen
Geschopfen!
Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie
fruh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem Atem
- wie auf ein Opfer, das doch nie kommt.
Und hat es wirklich einmal den Anschein, als trate jemand in ihren
Bereich, irgendein Wehrloser, an dem sie sich bereichern konnten, dann fallt
plotzlich eine lahmende Angst uber sie her, scheucht sie in ihre Winkel
zuruck und la?t sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
Niemand scheint schwach genug, da? ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
seiner zu bemachtigen.
"Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe
genommen ist", sagte Charousek zogernd und sah mich an. -
Wie konnte er wissen, woran ich dachte? -
So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, da? sie imstande sind,
auf das Gehirn des Nebenstehenden uberzuspringen wie spruhende Funken,
fuhlte ich.
"- - - wovon sie nur leben mogen?" sagte ich nach einer Weile.
"Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionar!"
Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
Fur einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen
gestockt, und man horte blo? das Zischen des Regens.
Was er nur damit sagen will: "Mancher unter ihnen ist ein Millionar!?"
Wieder war es, als hatte Charousek meine Gedanken erraten. Er wies nach
dem Trodlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des Eisengerumpels in
flie?enden, braunroten Pfutzen vorbeispulte.
"Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionar, - fast ein Drittel
der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr Pernath?!"
Mir blieb formlich der Atem im Mund stecken. "Aaron Wassertrum! Der
Trodler Aaron Wassertrum Millionar?!"
"Oh, ich kenne ihn genau", fuhr Charousek verbissen fort, und als hatte
er nur darauf gewartet, da? ich ihn frage. "Ich kannte auch seinen Sohn, den
Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehort? Von Dr. Wassory, dem - beruhmten
- Augenarzt? - Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt begeistert von ihm
gesprochen, - von dem gro?en - - Gelehrten. Niemand wu?te damals, da? er
seinen Namen abgelegt und fruher Wassertrum gehei?en. - Er spielte sich
gerne auf den weitabgewandten Mann der Wissenschaft hinaus, und wenn einmal
auf Herkunft die Rede kam, warf er bescheiden und tiefbewegt so mit halben
Worten hin, da? sein Vater noch aus dem Getto stamme, - sich aus den
niedrigsten Anfangen heraus unter Kummer aller Art und unsaglichen Sorgen
empor ans Licht habe arbeiten mussen.
Ja! Unter Kummer und Sorgen!
Unter
wessen
Kummer und unsaglichen Sorgen aber und mit welchen
Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!
Ich aber wei?, was es mit dem Getto fur eine Bewandtnis hat!" Charousek
fa?te meinen Arm und schuttelte ihn heftig.
"Meister Pernath, ich bin so arm, da? ich es selbst kaum mehr begreife;
ich mu? halbnackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin doch
Student der Medizin, - bin doch ein gebildeter Mensch!"
Er ri? seinen Uberzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, da? er
weder Hemd noch Rock anhatte und den Mantel uber der nackten Haut trug.
"Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmachtigen,
angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, - und noch heute ahnt keiner, da?
ich, ich der eigentliche Urheber war.
Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der
seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord getrieben
hat. - Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug, sage ich Ihnen. Ich allein
habe den Plan erdacht und das Material zusammengetragen, habe die Beweise
geliefert und leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebaude Dr.
Wassorys gelockert, bis der Zustand erreicht war, wo kein Geld der Erde,
keine List des Gettos mehr vermocht hatten, den Zusammenbruch, zu dem es nur
noch eines unmerklichen Ansto?es bedurfte, abzuwenden.
Wissen Sie, so - so wie man Schach spielt.
Gerade so wie man Schach spielt.
Und niemand wei?, da? ich es war!
Den Trodler Aaron Wassertrum, den la?t wohl manchmal eine furchtbare
Ahnung nicht schlafen, da? einer, den er nicht kennt, der immer in seiner
Nahe ist und den er doch nicht fassen kann, - ein anderer als Dr. Savioli -
die Hand im Spiele gehabt haben musse.
Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu
schauen vermogen, so fa?t er es doch nicht, da? es Gehirne gibt, die
auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren, vergifteten
Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold und Edelsteinen
vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen."
Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
"Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er
Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. -
Diesmal wird es ein Konigslaufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen Zug
bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung
wu?te.
Wer sich mit mir in ein solches Konigslaufergambit einla?t, der hangt
in der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Faden, -
an Faden, die ich zupfe, - horen Sie wohl, die
ich
zupfe, und mit dessen
freiem Willen ist's dahin."
Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
"Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, da? Sie so voll
Ha? sind?"
Charousek wehrte heftig ab:
"Lassen wir das - fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen
hat! - Oder wunschen Sie, da? wir ein andres Mal daruber sprechen? - Der
Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?"
Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plotzlich ganz ruhig wird. Ich
schuttelte den Kopf.
"Haben Sie jemals gehort, wie man heutzutage den grunen Star heilt? -
Nicht? - So mu? ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau
verstehen, Meister Pernath!
Horen Sie zu: Der ›grune Star‹ also ist eine bosartige Erkrankung des
Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
Fortschreiten des Ubels Einhalt zu tun, namlich die sogenannte Iridektomie,
die darin besteht, da? man aus der Regenbogenhaut des Auges ein keilformiges
Stuckchen herauszwickt.
Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
Blendungserscheinungen, die furs ganze Leben bleiben; der Proze? des
Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
Mit der Diagnose des grunen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
Es gibt namlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurucktreten, und in solchen Fallen
darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch
niemals mit Bestimmtheit sagen, da? sein Vorganger, der andrer Meinung
gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben musse.
Hat aber einmal die erwahnte Iridektomie, die sich naturlich genauso an
einem gesunden Auge wie an einem kranken ausfuhren la?t, stattgefunden, so
kann man unmoglich mehr feststellen, ob fruher wirklich gruner Star
vorgelegen hat oder nicht.
Und auf diese und noch andere Umstande hatte Dr. Wassory einen
scheu?lichen Plan aufgebaut.
Unzahlige Male - besonders an Frauen - konstatierte er grunen Star, wo
harmlose Sehstorungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die ihm
keine Muhe machte und viel Geld eintrug.
Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehorte zum
Ausplundern auch keine Spur von Mut mehr!
Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft seine Opfer
zerfleischen konnte.
Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! - Begreifen Sie?! Ohne das geringste
wagen zu mussen!
Durch eine Menge fauler Veroffentlichungen in Fachblattern hatte sich
Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen
verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anstandig
waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewu?t.
Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die
naturliche Folge.
Kam nun jemand mit geringfugigen Sehstorungen zu ihm und lie? sich
untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tuckischer Planma?igkeit zu
Werke.
Zuerst stellte er das ubliche Krankenverhor an, notierte aber geschickt
immer nur, um fur alle Falle gedeckt zu sein, jene Antworten, die eine
Deutung auf grunen Star zulie?en.
Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine fruhere Diagnose
vorlage.
Gesprachsweise lie? er einflie?en, da? ein dringender Ruf aus dem
Auslande behufs wichtiger wissenschaftlicher Ma?nahmen an ihn ergangen sei
und er daher schon morgen verreisen musse. -
Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie moglich.
Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
Wenn das Verhor voruber und die ubliche bange Frage des Patienten, ob
Grund zur Befurchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen
ersten Schachzug.
Er setzte sich dem Kranken gegenuber, lie? eine Minute verstreichen und
sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
"Erblindung beider Augen ist bereits in der allernachsten Zeit wohl
unvermeidlich!"
Die Szene, die naturgema? folgte, war entsetzlich.
Oft fielen die Leute in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich
in wilder Verzweiflung zu Boden.
Das Augenlicht verlieren, hei?t alles verlieren.
Und wenn der wiederum ubliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die
Knie Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar
keine Hilfe mehr gabe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
verwandelte sich selbst in jenen - Gott, der helfen konnte!
Alles, alles in der Welt ist wie ein Schachzug, Meister Pernath! -
Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
einzige, was vielleicht Rettung bringen konne, und mit einer wilden,
gierigen Eitelkeit, die plotzlich uber ihn kam, erging er sich mit einem
Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die alle
mit dem vorliegenden eine ungemein gro?e Ahnlichkeit gehabt hatten, - wie
unzahlige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts verdankten und
dergleichen mehr.
Er schwelgte formlich in dem Gefuhl, fur eine Art hoheren Wesens
gehalten zu werden, in dessen Hande das Wohl und Wehe seines Mitmenschen
gelegt ist.
Das hilflose Opfer aber sa?, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen
vor ihm, Angstschwei? auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die Rede
zu fallen, aus Furcht: ihn - den einzigen, der noch Hilfe bringen konnte -
zu erzurnen.
Und mit den Worten, da? er zur Operation leider erst in einigen Monaten
schreiten konne, wenn er von seiner Reise wieder zuruck sei, schlo? Dr.
Wassory seine Rede.
Hoffentlich - man solle in solchen Fallen immer das Beste hoffen - sei
es dann nicht zu spat, sagte er.
Naturlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklarten, da? sie
unter gar keinen Umstanden auch nur einen Tag langer warten wollten, und
baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenarzten in der Stadt sonst
wohl als Operateur in Betracht kommen konnte.
Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden
Schlag fuhrte.
Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten
des Grams und lispelte schlie?lich bekummert, ein Eingriff seitens eines
andern
Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges mit
elektrischem Licht, und das musse - der Patient wisse ja selbst, wie
schmerzhaft es sei - wegen der blendenden Strahlen geradezu verhangnisvoll
wirken.
Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, da? so manchem von ihnen
gerade in der Iridektomie die notige Ubung fehle - durfe, eben weil er
wiederum von neuem untersuchen musse, gar nicht vor Ablauf langerer Zeit,
bis sich die Sehnerven wieder erholt hatten, zu einem chirurgischen Eingriff
schreiten."
Charousek ballte die Fauste.
"Das nennen wir in der Schachsprache ›Zugzwang‹, lieber Meister
Pernath! - - Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, - ein erzwungener Zug
nach dem andern.
Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr.
Wassory, er moge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise
verschieben und die Operation selber vornehmen. - Es handle sich doch um
mehr als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst, jeden
Augenblick erblinden zu mussen, sei ja das Schrecklichste, was es geben
konne.
Und je mehr das Scheusal sich straubte und jammerte: ein Aufschub
seiner Reise konne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto hohere Summen
boten freiwillig die Kranken.
Schien schlie?lich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und
fugte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken
konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
Schaden zu, jenes immerwahrende Gefuhl des Geblendetseins, das das Leben zu
stetiger Qual gestalten mu?te, die Spuren des Schurkenstreiches aber ein fur
allemal verwischte.
Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht
nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch
jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, - es befriedigte
gleichzeitig seine ma?lose Geldgier und fronte seiner Eitelkeit, wenn die
ahnungslosen, an Korper und Vermogen geschadigten Opfer zu ihm wie zu einem
Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.
Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Getto und seinen zahllosen,
unscheinbaren, jedoch unuberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von
Kindheit an gelernt hat, auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der jeden
Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine Beziehungen und
Vermogensverhaltnisse erriet und durchschaute, - nur ein solcher -
"Halbhellseher" mochte man es beinahe nennen, - konnte jahrelang derartige
Scheu?lichkeiten veruben.
Und ware ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch,
wurde es bis ins hohe Alter weiterbetrieben haben, um schlie?lich als
ehrwurdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
kunftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu
genie?en, bis - bis endlich auch uber ihn das gro?e Verrecken hinweggezogen
ware.
Ich aber wuchs ebenfalls im Getto auf, und auch mein Blut ist mit jener
Atmosphare hollischer List gesattigt, und so vermochte ich ihn zu Fall zu
bringen, - so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, - wie aus
heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der
Entlarvung, - ihn schob ich vor und haufte Beweis auf Beweis, bis der Tag
anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte.
Da beging die Bestie Selbstmord! - Gesegnet sei die Stunde!
Als hatte mein Doppelganger neben ihm gestanden und ihm die Hand
gefuhrt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich
absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte
stehenlassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche
Diagnose des grunen Stars zu stellen, - absichtlich und mit dem gluhenden
Wunsche, da? es dieses Amylnitrit sein mochte, das ihm den letzten Sto?
geben sollte.
Der Gehirnschlag hatte ihn getroffen, hie? es in der Stadt.
Amylnitrit totet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
Gerucht nicht aufrechterhalten werden."
Charousek starrte plotzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein
tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel nach
der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trodlerladen lag.
"Jetzt ist er allein," murmelte er, "ganz allein mit seiner Gier und -
und - und mit der Wachspuppe!"
Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
War er wahnsinnig? Es mu?ten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
erfinden lie?en.
Gewi?, gewi?! Er hat alles erfunden, getraumt!
Es kann nicht wahr sein, was er da uber den Augenarzt Grauenhaftes
erzahlt hat. Er ist schwindsuchtig, und die Fieber des Todes kreisen in
seinem Hirn.
Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine
Gedanken in eine freundliche Richtung lenken.
Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung
das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein
Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tur hereingeschaut
hatte.
Dr. Savioli! Dr. Savioli! - ja, ja, so war auch der Name des jungen
Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flusternd anvertraut
als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet hatte.
Dr. Savioli! - Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine
Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit
schreckhaften Vermutungen, die auf mich einsturmten.
Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzahlen, was
ich damals erlebt, da sah ich, da? ein heftiger Hustenanfall sich seiner
bemachtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie
er sich muhsam mit den Handen an der Mauer stutzend in den Regen
hinaustappte und mir einen fluchtigen Gru? zunickte.
Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, - fuhlte ich, - das
unfa?bare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen schleicht
Tag und Nacht und sich zu verkorpern sucht.
Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plotzlich schlagt es sich
nieder in einer Menschenseele, - wir ahnen es nicht, - da, dort, und ehe wir
es fassen konnen, ist es gestaltlos geworden und alles langst voruber.
Und nur noch dunkle Worte uber irgendein entsetzliches Geschehnis
kommen an uns heran.
Mit einem Schlage begriff ich diese ratselhaften Geschopfe, die rings
um mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs
Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt - - so, wie vorhin
das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal voruberschwamm.
Mir war, als starrten die Hauser alle mit tuckischen Gesichtern voll
namenloser Bosheit auf mich heruber, - die Tore: aufgerissene schwarze
Mauler, aus denen die Zungen ausgefault waren, - Rachen, die jeden
Augenblick einen gellenden Schrei aussto?en konnten, so gellend und
ha?erfullt, da? es uns bis ins Innerste erschrecken mu?te.
Was hatte zum Schlu? noch der Student uber den Trodler gesagt? - Ich
flusterte mir seine Worte vor: - Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit
seiner Gier und - - seiner Wachspuppe.
Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
Es mu? ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, - eines
jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu uberfallen pflegt, die
man nicht versteht, und die einen, wenn sie spater unerwartet sichtbar
werden, so tieferschrecken konnen wie die Dinge von ungewohnter Form, auf
die plotzlich ein greller Lichtstreif fallt.
Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck,
den mir Charouseks Erzahlung verursacht hatte, abzuschutteln.
Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich
gelacht hatte.
Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenuber.
Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zugen zuckte vor
Erregung.
Unwillkurlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, da? sie wie
gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die druben jenseits der Gasse
stand, ihr immerwahrendes Lacheln um die Lippen.
Der Alte war bemuht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, da? sie es wohl
wu?te, aber sich benahm, als verstunde sie nicht.
Endlich hielt es der Alte nicht langer aus, watete auf den Fu?spitzen
hinuber und hupfte mit lacherlicher Elastizitat wie ein gro?er schwarzer
Gummiball uber die Pfutzen.
Man schien ihn zu kennen, denn ich horte allerhand Glossen fallen, die
darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch um
den Hals, mit blauer Militarmutze, die Virginia hinter dem Ohr, machte mit
grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
Ich begriff nur, da? sie den Alten in der Judenstadt den "Freimaurer"
nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen
wollten, der sich an halbwuchsigen Madchen zu vergehen pflegt, aber durch
intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. - - -
Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte druben im Dunkel des
Hausflures verschwunden.
Punsch
Wir hatten das Fenster geoffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen
Zimmer stromen zu lassen.
Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mantel, die
an der Ture hingen, da? sie leise hin und her schwankten.
"Prokops wurdige Haupteszierde mochte am liebsten davonfliegen", sagte
Zwakh und deutete auf des Musikers gro?en Schlapphut, der die breite Krempe
bewegte wie schwarze Flugel.
Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
"Er will," sagte er, "er will wahrscheinlich - - -"
"Er will zum ›Loisitschek‹ zur Tanzmusik", nahm ihm Vrieslander das
Wort vorweg.
Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klangen, die die
dunne Winterluft her uber die Dacher trug.
Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als
zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und
gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
"An Bein-del von Ei-sen
recht alt
"An Stran-zen net gar
a so kalt
"Messinung, a' Raucherl
und Rohn
"und immerrr nurr putz-en - - -
"Wie gro?artig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!" und
Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
"Und stok-en sich Aufzug
und Pfiff
"Und schmallern an eisernes
G'suff.
"Juch, -
"Und Handschuhkren, Harom net san - -
"Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim ›Loisitschek‹ der
meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grunen Augenschirm, und ein
geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und grolt den Text dazu", erklarte
mir Zwakh. "Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke gehen, Meister
Pernath. Spater vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu Ende sind, - was
meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?"
"Ja, ja, kommen Sie nachher mit uns", sagte Prokop und klinkte das
Fenster zu, - "man mu? so etwas gesehen haben."
Dann tranken wir den hei?en Punsch und hingen unsern Gedanken nach.
Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
"Sie haben uns formlich von der Au?enwelt abgeschnitten, Josua,"
unterbrach Zwakh die Stille, "seit Sie das Fenster geschlossen haben, hat
niemand mehr ein Wort gesprochen."
"Ich dachte nur daruber nach, als vorhin die Mantel so flogen, wie
seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt," antwortete Prokop
schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: "Es sieht gar
so wunderlich aus, wenn Gegenstande plotzlich zu flattern anheben, die sonst
immer tot daliegen. Nicht? - Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz
zu, wie gro?e Papierfetzen, - ohne da? ich vom Winde etwas spurte, denn ich
stand durch ein Haus gedeckt, - in toller Wut im Kreise herumjagten und
einander verfolgten, als hatten sie sich den Tod geschworen. Einen
Augenblick spater schienen sie sich beruhigt zu haben, aber plotzlich kam
wieder eine wahnwitzige Erbitterung uber sie, und in sinnlosem Grimm rasten
sie umher, drangten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem besessen
auseinander zu stieben und schlie?lich hinter einer Ecke zu verschwinden.
Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem
Pflaster liegen und klappte ha?erfullt auf und zu, als sei ihr der Atem
ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
Lebewesen auch so etwas Ahnliches waren wie solche Papierfetzen? - Ob nicht
vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher "Wind" auch uns hin und her
treibt und unsre Handlungen bestimmt, wahrend wir in unserer Einfalt glauben
unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes ware als ein ratselhafter
Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: Wei?t du, von wannen er
kommt und wohin er geht? - - - Traumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen
in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist
geschehen, als da? ein kalter Luftzug unsere Hande traf?"
"Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen?"
sagte Zwakh und sah den Musiker mi?trauisch an.
"Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzahlt wurde, - schade, da?
Sie so spat kamen und sie nicht mit anhorten, - hat ihn so nachdenklich
gestimmt", meinte Vrieslander.
"Eine Geschichte von einem Buche?"
"Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam
aussah. - Pernath wei? nicht, wie er hei?t, wo er wohnt, was er wollte, und
obwohl sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch
nicht recht schildern."
Zwakh horchte auf.
*"Das ist sehr merkwurdig," sagte er nach einer Pause, "war der Fremde
vielleicht bartlos, und hatte er schragstehende Augen?"
"Ich glaube," antwortete ich, "das hei?t, ich - ich - wei? es ganz
bestimmt. Kennen Sie ihn denn?"
Der Marionettenspieler schuttelte den Kopf. "Er erinnerte mich nur an
den ›Golem‹."
Der Maler Vrieslander lie? sein Schnitzmesser sinken:
"Golem? - Ich habe schon so viel davon reden horen. Wissen Sie etwas
uber den Golem, Zwakh?"
"Wer kann sagen, da? er uber den Golem etwas
wisse?
", antwortete Zwakh
und zuckte die Achseln. "Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines
Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plotzlich wieder
aufleben la?t. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die
Geruchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so ubertrieben und aufgebauscht,
da? sie schlie?lich an der eigenen Unglaubwurdigkeit zugrunde gehen. Der
Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zuruck, sagt
man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da
einen kunstlichen Menschen - den sogenannten Golem - verfertigt haben, damit
er ihm als Diener helfe die Glocken in der Synagoge lauten, und allerhand
grobe Arbeit tue.
Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein
dumpfes, halbbewu?tes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es hei?t, auch das nur
tagsuber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter
den Zahnen stak und die freien siderischen Krafte des Weltalls herabzog.
Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
Munde des Golem zu nehmen versaumt, da ware dieser in Tobsucht verfallen, in
der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hatte zerschlagen, was ihm in den
Weg gekommen.
Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
Und da sei das Geschopf leblos niedergesturzt. Nichts blieb von ihm
ubrig als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch druben in der
Altneusynagoge gezeigt wird."
"Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen
worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht
haben," warf Prokop ein, "moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu
einer
Laterna magica
bedient."
"Jawohl, keine Erklarung ist abgeschmackt genug, da? sie bei den
Heutigen nicht Beifall fande," fuhr Zwakh unbeirrt fort. - "Eine
Laterna
magica
!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen
nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick hatte
durchschauen mussen!
Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zuruckfuhren
la?t, da? aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel
sein Wesen treibt und damit zusammenhangt, dessen bin ich sicher. Von
Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, und niemand
kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das periodische
Auftauchen des Golem zuruckblicken als gerade ich!"
Zwakh hatte plotzlich aufgehort zu reden, und man fuhlte mit ihm, wie
seine Gedanken in vergangene Zeiten zuruckwanderten.
Wie er, den Kopf aufgestutzt, dort am Tische sa? und beim Scheine der
Lampe seine roten, jugendlichen Backchen fremdartig von dem wei?en Haar
abstachen, verglich ich unwillkurlich im Geiste seine Zuge mit den
maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
Seltsam, wie ahnlich ihnen der alte Mann doch sah!
Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
Manche Dinge der Erde konnen nicht loskommen voneinander, fuhlte ich,
und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir voruberziehen lie?, da schien
es mir mit einemmal gespenstisch und ungeheuerlich, da? ein Mensch wie er,
obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren genossen hatte und
Schauspieler hatte werden sollen, plotzlich wieder zu dem schabigen
Marionettenkasten zuruckkehren konnte, um nun abermals auf die Jahrmarkte zu
ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorvater kummerliches
Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken Verbeugungen machen und
schlafrigen Erlebnisse vorfuhren zu lassen.
Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben
mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich in
Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos
gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum halt er sie jetzt so liebevoll und
kleidet sie stolz in Flitter.
"Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzahlen?" forderte Prokop den Alten
auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen
Wunsches seien.
"Ich wei? nicht, wo ich anfangen soll," meinte der Alte zogernd, "die
Geschichte mit dem Golem la?t sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin
sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch konne
er ihn nicht schildern. Ungefahr alle dreiunddrei?ig Jahre wiederholt sich
ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders Aufregendes an sich
tragt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, fur das weder eine Erklarung
noch eine Rechtfertigung ausreicht:
Immer wieder begibt es sich namlich, da? ein vollkommen fremder Mensch,
bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus, aus der Richtung
der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehullt,
gleichma?igen und eigentumlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden
Augenblick vornuber fallen, durch die Judenstadt schreitet und plotzlich -
unsichtbar wird.
Gewohnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
Ein andermal hei?t es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben
und sei zu dem Punkte zuruckgekehrt, von dem er ausgegangen: einem uralten
Hause in der Nahe der Synagoge.
Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hatten ihn um eine Ecke auf
sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich
entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt sich
in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und -
schlie?lich ganz verschwunden.
Vor Sechsundsechzig Jahren nun mu? der Eindruck, den er hervorgebracht,
besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich - ich war noch ein ganz
kleiner Junge -, da? man das Gebaude in der Altschulgasse damals von oben
bis unten durchsuchte.
Es wurde auch festgestellt, da? wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
Gitterfenster vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
Aus allen Fenstern hatte man Wasche gehangt, um von der Gasse aus einen
Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur
gekommen.
Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem
Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die
Nahe des Fensters gelangt, da ri? das Seil, und der Ungluckliche
zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schadel. Und als spater der Versuch
nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten uber die Lage des
Fensters derart auseinander, da? man davon abstand.
Ich selber begegnete dem ›Golem‹ das erste Mal in meinem Leben vor
ungefahr dreiunddrei?ig Jahren.
Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten
fast aneinander.
Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein
mu?. Man tragt doch um Gottes willen nicht immerwahrend, tagaus tagein die
Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
In jenem Augenblick aber, bestimmt - ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im
selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und
jener Unbekannte ging an mir voruber. Eine Sekunde spater drang eine Flut
bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen
besturmten, ob ich ihn gesehen hatte.
Und als ich antwortete, da fuhlte ich, da? sich meine Zunge wie aus
einem Krampfe loste, von dem ich vorher nichts gespurt hatte.
Ich war formlich uberrascht, da? ich mich bewegen konnte, und deutlich
kam mir zum Bewu?tsein, da? ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines
Herzschlags lang - in einer Art Starrkrampf befunden haben mu?te.
Uber all das habe ich oft und lange nachgedacht, und mich dunkt, ich
komme der Wahrheit am nachsten, wenn ich sage: Immer einmal in der Zeit
eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die
Judenstadt, befallt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der uns
verhullt bleibt, und la?t wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines
charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vorjahrhunderten hier
gelebt hat und nach Form und Gestaltung durstet.
Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde fur Stunde, und wir nehmen
es nicht wahr. Horen wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel
nicht, bevor sie das Holz beruhrt und es mitschwingen macht.
Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
innewohnendes Bewu?tsein, - ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein Kristall
nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswachst.
Wer wei? das?
Wie in schwulen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur
Unertraglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, konnte es da nicht
sein, da? auch auf die stetige Anhaufung jener niemals wechselnden Gedanken,
die hier im Getto die Luft vergiften, eine plotzliche, ruckweise Entladung
folgen mu?? - eine seelische Explosion, die unser Traumbewu?tsein ans
Tageslicht peitscht, um - dort den Blitz der Natur - hier ein Gespenst zu
schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in allem und jedem das Symbol der
Massenseele unfehlbar offenbaren mu?te, wenn man die geheime Sprache der
Formen nur richtig zu deuten verstunde?
Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankunden,
so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende
Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblatternde Bewurf
einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen
gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich Zuge starrer Gesichter. Der
Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und drangt dem
argwohnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare Intelligenz, die
sich lichtscheu verborgen halt, werfe ihn herab und ube sich in heimlichen
Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. - Ruht das Auge auf
eintonigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut, bemachtigt sich unser
die unerfreuliche Gabe, uberall mahnende, bedeutsame Formen zu sehen, die in
unsern Traumen ins Riesengro?e auswachsen. Und immer zieht sich durch solche
schemenhaften Versuche der angesammelten Gedankenherden, die Walle der
Alltaglichkeit zu durchnagen, fur uns wie ein roter Faden die qualvolle
Gewi?heit, da? unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern
Willen ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden
konne.
Wie ich nun vorhin Pernath bestatigen horte, da? ihm ein Mensch
begegnet sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der "Golem" vor
mir, wie ich ihn damals gesehen.
Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklarliches
nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich schon
einmal in meinen Kinderjahren verspurt, als die ersten spukhaften Au?erungen
des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knupft sich an einen
Abend, an dem der Brautigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und in
der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
Es wurde damals Blei gegossen - zum Scherz - und ich stand mit offenem
Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, - in meiner wirren,
kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem Golem, von dem
ich meinen Gro?vater oft hatte erzahlen horen, und bildete mir ein, jeden
Augenblick musse die Tur aufgehen und der Unbekannte eintreten.
Meine Schwester leerte dann den Loffel mit dem flussigen Metall in das
Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
Mit welken, zitternden Handen holte mein Gro?vater den blitzenden
Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
hinzudrangen, aber man wehrte mich ab.
Spater, als ich alter geworden, erzahlte mir mein Vater, es ware damals
das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt
gewesen, - glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von
unheimlicher Ahnlichkeit mit den Zugen des "Golem", da? sich alle entsetzt
hatten.
Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten
der Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus
Kaiser Rudolfs Zeiten, daruber. Er hat sich mit Kabbala befa?t und meint,
jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedma?en sei vielleicht nichts
anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der
bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, musse das Phantasie- oder
Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner zuerst
lebendig
gedacht
habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte, und das nun in
regelma?igen Zeitabschnitten, bei den gleichen astrologischen
Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden - wiederkehre, vom Triebe
nach stofflichem Leben gequalt.
Auch Hillels verstorbene Frau hatte den "Golem" von Angesicht zu
Angesicht erblickt und ebenso wie ich gefuhlt, da? man sich im Starrkrampf
befindet, solange das ratselhafte Wesen in der Nahe weilt.
Sie sagte, sie sei felsenfest uberzeugt gewesen, da? es damals nur ihre
eigene Seele habe sein konnen, die - aus dem Korper getreten - ihr einen
Augenblick gegenubergestanden und mit den Zugen eines fremden Geschopfes ins
Gesicht gestarrt hatte.
Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemachtigt, habe
sie doch keine Sekunde die Gewi?heit verlassen, da? jener andere nur ein
Stuck ihres eignen Innern sein konnte." -
"Es ist unglaublich", murmelte Prokop in Gedanken verloren.
Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grubeln versunken.
Da klopfte es an die Ture und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
bringt und was ich sonst noch notig habe, trat ein, stellte den tonernen
Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber
noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.
Als sei ein neuer Einflu? mit der Alten zur Tur hereingeschlupft, an
den man sich erst gewohnen mu?te.
"Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen sieht",
sagte plotzlich Zwakh ganz unvermittelt. "Dieses erstarrte, grinsende
Lacheln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die Gro?mutter,
dann die Mutter! - Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe
Name Rosina; - es ist immer eine die Auferstehung der andern."
"Ist Rosina nicht die Tochter des Trodlers Aaron Wassertrum?" fragte
ich.
"Man spricht so", meinte Zwakh, - - "Aaron Wassertrum aber hat manchen
Sohn und manche Tochter, von denen man nicht wei?. Auch bei Rosinas Mutter
wu?te man nicht, wer ihr Vater gewesen, - auch nicht, was aus ihr geworden
ist. - Mit funfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und war seitdem nicht
mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen, soweit ich
mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause begangen wurde.
Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals
sie
den halbwuchsigen Jungen im
Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, - ich sehe ihn ofter, - doch sein Name ist
mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, sie hat sie
alle fruhzeitig under die Erde gebracht. Ich erinnere mich aus jener Zeit
uberhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein
Gedachtnis treiben. So hat es damals einen halbblodsinnigen Menschen
gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und den Gasten gegen ein paar
Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier schnitt. Und wenn man ihn betrunken
machte, geriet er in eine unsagliche Traurigkeit, und unter Tranen und
Schluchzen schnitzelte er, ohne aufzuhoren, immer das gleiche scharfe
Madchenprofil, bis sein ganzer Papiervorrat verbraucht war.
Aus Zusammenhangen zu schlie?en, die ich langst vergessen, hatte er -
fast ein Kind noch - eine gewisse Rosina, wohl die Gro?mutter der heutigen,
so heftig geliebt, da? er den Verstand daruber verlor.
Wenn ich die Jahre zuruckzahle, kann es keine andere als die Gro?mutter
der jetzigen Rosina gewesen sein." - - -
Zwakh schwieg und lehnte sich zuruck.
Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer
wieder zum selben Punkt zuruck, fuhr es mir durch den Sinn, und ein
ha?liches Bild, das ich einmal mit angesehen - eine Katze mit verletzter
Gehirnhalfte im Kreise herumtaumelnd - trat vor mein Auge.
"Jetzt kommt der Kopf", horte ich plotzlich den Maler Vrieslander mit
heller Stimme sagen.
Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
schnitzen.
Eine schwere Mudigkeit legte sich mir uber die Augen, und ich ruckte
meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
Das Wasser fur den Punsch brodelte im Kessel, und Josua Prokop fullte
wiederum die Glaser. Leise, ganz leise klangen die Klange der Tanzmusik
durch das geschlossene Fenster; - manchmal verstummten sie vollends, dann
wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs verlor oder
zu uns von der Gasse emportrug.
Ob ich denn nicht ansto?en wolle, fragte mich nach einer Weile der
Musiker.
Ich aber gab keine Antwort, - so vollkommen war mir der Wille, mich zu
bewegen, abhanden gekommen, da? ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu
offnen, verfiel.
Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich
meiner bemachtigt hatte. Und ich mu?te hinuber auf Vrieslanders funkelndes
Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Spane bi?, - um die
Gewi?heit zu erlangen, da? ich wach sei.
In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzahlte wieder allerlei
wunderliche Geschichten uber Marionetten und krause Marchen, die er fur
seine Puppenspiele erdacht.
Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der
Gattin eines Adeligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu
Besuch komme.
Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums hohnische,
triumphierende Miene. -
Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
uberlegte ich, - dann hielt ich es nicht der Muhe fur wert und fur
belanglos. Auch wu?te ich, da? mein Wille versagen wurde, wollte ich jetzt
den Versuch machen zu sprechen.
Plotzlich sahen die drei am Tisch aufmerksam zu mir heruber, und Prokop
sagte ganz laut: "Er ist eingeschlafen", - so laut, da? es fast klang, als
ob es eine Frage sein sollte.
Sie redeten mit gedampfter Stimme weiter, und ich erkannte, da? sie von
mir sprachen.
Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf,
das von der Lampe niederflo?, und der spiegelnde Schein brannte mir in den
Augen.
Es fiel ein Wort wie: "irr sein", und ich horchte auf die Rede, die in
der Runde ging.
"Gebiete, wie das vom ›Golem‹ sollte man vor Pernath nie beruhren,"
sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, "als er vorhin von dem Buche Ibbur
erzahlte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich mochte wetten,
er hat alles nur getraumt."
Zwakh nickte: "Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem
Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tucher Decke
und Wande bespannen und der durre Zunder der Vergangenheit fu?hoch den Boden
bedeckt; ein fluchtiges Beruhren nur und schon schlagt das Feuer aus allen
Ecken."
"War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst
vierzig sein", sagte Vrieslander.
"Ich wei? es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen
mag und was fruher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
altfranzosischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart.
Vor vielen vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter Arzt gebeten, ich
mochte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in
diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kummern und mit Fragen nach fruheren
Zeiten beunruhigen wurde, aussuchen." - Wieder sah Zwakh bewegt zu mir
heruber. - "Seit jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitaten aus und
schneidet Gemmen und hat sich damit einen kleinen Wohlstand gegrundet. Es
ist ein Gluck fur ihn, da? er alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhangt,
vergessen zu haben scheint. Fragen Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen,
die die Vergangenheit in seiner Erinnerung wachrufen konnten, - wie oft hat
mir das der alte Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer,
wir haben so eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Muhe
eingemauert, mochte ich's nennen, - so wie man eine Unglucksstatte
einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knupft." - - -
Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein
Schlachter auf ein wehrloses Tier und pre?te mir mit rohen, grausamen Handen
das Herz zusammen.
Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, - ein Ahnen, als ware
mir etwas genommen worden und als hatte ich in meinem Leben eine lange
Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. Und
nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergrunden.
Jetzt lag des Ratsels Losung offen vor mir und brannte mich
unertraglich wie eine blo?gelegte Wunde.
Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
nachzuhangen, - dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende
Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzuganglicher Gemacher
gesperrt, - das beangstigende Versagen meines Gedachtnisses in Dingen, die
meine Jugendzeit betrafen, - alles das fand mit einem Male seine furchtbare
Erklarung: ich war wahnsinnig gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte
das - "Zimmer" verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemachern meines
Gehirns bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden
Lebens gemacht.
Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wieder zu gewinnen!
Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, - nie wurde ich sie erkennen
konnen: eine verschnittene Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden
Wurzel spro?t. Gelange es mir auch, den Eingang in jenes verschlossene
"Zimmer" zu erzwingen, mu?te ich nicht abermals den Gespenstern, die man
darein gebannt, in die Hande fallen?!
Die Geschichte von dem Golem, die Zwakh vor einer Stunde erzahlte, zog
mir durch den Sinn, und plotzlich erkannte ich einen riesengro?en,
geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne Zugang, in
dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem bedeutungsvollen Traum.
Ja! auch in meinem Falle "wurde der Strick rei?en", wollte ich
versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
unbeschreiblich Erschreckendes fur mich an.
Ich fuhlte: es sind da Dinge - unfa?bare - zusammengeschmiedet und
laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen wohin der Weg fuhrt,
nebeneinander her.
Auch im Getto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden
kann, - ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die
Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu tragen! - - -
Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte
unter der Klinge des Messers.
Es tat mir fast weh, wie ich es horte, und ich sah hin, ob es denn
nicht bald zu Ende sei.
Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als
habe er Bewu?tsein und spahe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen
lange auf mir, befriedigt, da? sie mich endlich gefunden.
Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte
unverwandt auf das holzerne Antlitz.
Eine Weile schien das Messer des Malers zogernd etwas zu suchen, dann
ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plotzlich gewannen die Zuge des
Holzklotzes schreckhaftes Leben.
Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
gebracht.
Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
Sekunde gedauert, und ich spurte, da? mein Herz zu schlagen aufhorte und
angstlich flatterte.
Dennoch blieb ich mir - wie damals - des Gesichtes bewu?t.
Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Scho? und spahte
umher.
Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte
meinen Schadel.
Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Miene und horte seine
Worte: Um Gottes willen, das ist ja der Golem!
Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt
das Schnitzwerk entrei?en, doch der wehrte sich und rief lachend:
"Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mi?lungen." Und er wand sich
los, offnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
Da schwand mein Bewu?tsein, und ich tauchte in eine tiefe Finsternis,
die von schimmernden Goldfaden durchzogen war, und als ich, wie es mir
schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst horte ich das Holz
klappernd auf das Pflaster fallen. - - -
"Sie haben so fest geschlafen, da? Sie nicht merkten, wie wir Sie
schuttelten," - sagte Josua Prokop zu mir, "der Punsch ist aus, und Sie
haben alles versaumt."
Der hei?e Schmerz uber das, was ich vorhin mitangehort, ubermannte mich
wieder, und ich wollte aufschreien, da? ich nicht getraumt habe, als ich
ihnen von dem Buche Ibbur erzahlte - und es aus der Kassette nehmen und
ihnen zeigen konne.
Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung
allgemeinen Aufbruches, die meine Gaste ergriffen hatte, nicht durchdringen.
Zwakh hangte mir mit Gewalt den Mantel und und rief:
"Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre
Lebensgeister erfrischen."
Nacht
Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterfuhren lassen.
Ich spurte den Geruch des Nebels, der von der Stra?e ins Haus drang,
deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren einige
Schritte vorausgegangen, und man horte, wie sie drau?en vor dem Torweg
mitsammen sprachen.
"Er mu? rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum
Teufelholen."
Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich buckte
und die Marionette suchte.
"Freut mich, da? du den dummen Kopf nicht finden kannst", brummte
Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete
grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen - wie er das Feuer eines
Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte
sich noch tiefer hinab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
"Still doch! Hort ihr denn nichts?"
Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und lauschten
in den Schacht hinab.
Nichts.
"Was war's denn?" flusterte endlich der alte Marionettenspieler; doch
sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
Einen Augenblick - kaum einen Herzschlag lang - hatte es mir
geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte - fast
unhorbar. Wie ich eine Sekunde spater daruber nachdachte, war alles vorbei;
nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und loste sich
langsam in ein unbestimmtes Gefuhl des Grauens auf.
Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
"Gehen wir; was stehen wir da herum!" mahnte Vrieslander.
Wir schritten die Hauserreihe entlang.
Prokop folgte nur widerwillig.
"Meinen Hals mocht ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
Todesangst."
Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fuhlte, da? etwas wie leise
dammernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
Bald darauf standen wir vor einem rotverhangten Schenkenfenster.
"SALON LOISITSCHEK".
"Heinte gro?es Konzehr"
stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, offnete sich die
Eingangstur nach innen, und ein vierschrotiger Kerl mit gewichstem schwarzem
Haar, ohne Kragen - eine grunseidene Krawatte um den blo?en Hals geschlungen
und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszahnen geschmuckt - empfing
uns mit Bucklingen.
"Ja, ja, das sin mir Gastah. - - - Pane Schaffranek, rasch einen
Tusch!" setzte er, uber die Schulter in das von Menschen uberfullte Lokal
gewendet, hastig seinem Willkommensgru? hinzu.
Ein klimperndes Gerausch, wie wenn eine Ratte uber Klaviersaiten liefe,
war die Antwort.
"Ja, ja, das sin mir Gastah, das sin mir Gastah. Da schaut man",
murmelte der Vierschrotige immerwahrend eifrig vor sich hin, wahrend er uns
aus den Manteln half.
"Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
versammelt", beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene, als
im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Gelander und eine
zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar
vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
Schwaden bei?enden Tabakrauches lagerten uber den Tischen, hinter denen
die langen Holzbanke an den Wanden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten
waren: Dirnen von den Schanzen, ungekammt, schmutzig, barfu?, die festen
Bruste kaum verhullt von mi?farbigen Umhangetuchern, Zuhalter daneben mit
blauen Militarmutzen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhandler mit haarigen
Fausten und schwerfalligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine stumme
Sprache der Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen Augen und
blatternarbige Kommis mit karierten Hosen.
"Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schon
ungestort sein", krachzte die feiste Stimme des Vierschrotigen, und eine
Rollwand, beklebt mit kleinen, tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor
den Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten.
Schnarrende Klange einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
verloschen.
Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
Totenstille, als hielte alles den Atem an.
Mit erschreckender Deutlichkeit horte man plotzlich wie die eisernen
Gasstabe fauchend die flachen herzformigen Flammen aus ihren Mundern in die
Luft bliesen - - dann fiel die Musik uber das Gerausch her und verschlang
es.
Als waren sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame
Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
Mit langem, wallendem, wei?en Prophetenbart, ein schwarzseidenes
Kappchen - wie es die alten judischen Familienvater tragen - auf dem
Kahlkopf, die blinden Augen milchblaulich und glasern - starr zur Decke
gerichtet - sa? dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit
durren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm in
speckglanzendem, schwarzen Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an Hals
und Armen - ein Sinnbild erheuchelter Burgermoral - ein schwammiges
Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Scho?.
Ein wildes Gestolper von Klangen drangte sich aus den Instrumenten,
dann sank die Melodie ermattet zur blo?en Begleitung herab.
Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und ri? den Mund weit
auf, da? man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der Brust
herauf rang sich ihm, von seltsamen hebraischen Rochellauten begleitet, ein
wilder Ba?:
"Roo - n - te, blau - we Stern - -"
"Rititit" (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
"Roonte blaue Steern
Horndlach ess i' ach geern";
"Rititit"
"Rotboart, Grienboart
allerlaj Stern" - -
"Rititit, rititit."
Die Paare traten zum Tanze an.
"Es ist das Lied vom ›chomezigen Borchu‹", erklarte uns lachelnd der
Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnloffel, der sonderbarerweise
mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. "Vor wohl hundert Jahren
oder mehr noch hatten zwei Backergesellen, Rotbart und Grunbart, am Abend
des ›Schabbes Hagodel‹ das Brot - Sterne und Hornchen - vergiftet, um ein
ausgiebiges Sterben in der Judenstadt hervorzurufen; aber der ›Meschores‹ -
der Gemeindediener - war infolge gottlicher Erleuchtung noch rechtzeitig
draufgekommen und konnte die beiden Verbrecher der Stadtpolizei uberliefern.
Zur Erinnerung an die wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals
die ›Landonim‹ und ›Bocherlech‹ jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als
Bordellquadrille horen."
"Rititit - Rititit"
"Roote blaue Steern - - - -" immer hohler und fanatischer erscholl das
Gebell des Greises.
Plotzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmahlich in den
Rhythmus des bohmischen "Schlapak" - eines schleifenden Schiebetanzes -
uber, bei dem die Paare die schwitzigen Wangen innig aneinander pre?ten.
"So recht. Bravo. Ah da! fang, hep, hep!" rief von der Estrade ein
schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem Harfenisten
zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstuck in der Richtung. Es
erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es uber das Tanzgewuhl
hinblitzte; da war es plotzlich verschwunden. Ein Strolch - sein Gesicht kam
mir so bekannt vor; ich glaube, es mu? derselbe gewesen sein, der neulich
bei dem Regengu? neben Charousek gestanden - hatte seine Hand hinter dem
Busentuch seiner Tanzerin, wo er sie bisher hartnackig ruhen gehabt,
hervorgezogen - ein Griff in die Luft mit affenhafter Geschwindigkeit, ohne
auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und die Munze war geschnappt.
Nicht ein Muskel zuckte im Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in
der Nahe grinsten leise.
"Wahrscheinlich einer vom ›Bataillon‹, nach der Geschicklichkeit zu
schlie?en", sagte Zwakh lachend.
"Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom ›Bataillon‹ gehort",
fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem
Marionettenspieler zu, da? ich es nicht sehen sollte. - Ich verstand gar
wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich fur krank.
Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzahlen. Irgend etwas.
Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir hei? vom Herzen
in die Augen. Wenn er wu?te, wie weh mir sein Mitleid tat!
Ich uberhorte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine
Worte einleitete, - ich wei? nur, mir war, als verblute ich langsam. Mir
wurde immer kalter und starrer, wie vorhin, als ich als holzernes Gesicht
auf Vrieslanders Scho? gelegen hatte. Dann war ich plotzlich mitten drin in
der Erzahlung, die mich fremdartig umfing, - einhullte, wie ein lebloses
Stuck aus einem Lesebuch.
Zwakh begann:
"Die Erzahlung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon.
- - - No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller Warzen
und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jungling kannte er nichts als
Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er sich durch
Stundengeben muhsam erwarb, mu?te er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie
grune Wiesen aussehen und Hecken und Hugel voll Blumen und Walder, erfuhr
er, glaube ich, nur aus Buchern. Und wie wenig von Sonnenschein in Prags
schwarze Gassen fallt, wissen Sie ja selbst.
Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
selbstverstandlich.
Nun, und mit der Zeit wurde er ein beruhmter Rechtsgelehrter. So
beruhmt, da? alle Leute - Richter und alte Advokaten - zu ihm fragen kamen,
wenn sie irgend etwas nicht wu?ten. Dabei lebte er armlich wie ein Bettler
in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof schaute.
So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
Wissenschaft wurde allmahlich Sprichwort im ganzen Lande. Da? ein Mann wie
er weichen Herzensempfindungen zuganglich sein konnte, zumal sein Haar schon
anfing wei? zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem
als von Jurisprudenz sprechen gehort zu haben, hatte wohl keiner geglaubt.
Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen gluht die Sehnsucht am
hei?esten.
An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
Hochstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: - als namlich Seine
Majestat der Kaiser von Wien aus ihn zum Rector magnificus an unserer
Universitat ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich mit einem
jungen, bildschonen Fraulein aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.
Und wirklich schien von da an das Gluck bei Dr. Hulbert eingezogen zu
sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge
Gattin auf Handen, und jeden Wunsch zu erfullen, den er ihr nur irgend von
den Augen abzulesen vermochte, war seine hochste Freude.
In seinem Gluck verga? er jedoch keineswegs, wie es wohl so mancher
andere getan hatte, seine leidenden Mitmenschen. "Mir hat Gott meine
Sehnsucht gestillt," soll er einmal gesagt haben, - "er hat mir ein
Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir
hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen
gegeben, das die Erde tragt. Und so will ich, da? ein Schimmer von diesem
Gluck, soweit es in meiner Macht steht, auch auf andere fallt." - - -
Und so kam es, da? er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm
wie seines eigenen Sohnes. Vermutlich in der Erwagung, wie wohl ihm selbst
ein solch gutes Werk getan hatte, ware es ihm am eigenen Leib und Leben in
den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun auf Erden
manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht
gleich der einer fluchwurdigen, weil wir wohl doch nicht richtig
unterscheiden konnen zwischen dem, was giftigen Samen in sich tragt und was
heilsamen, so begab es sich auch hier, da? aus Dr. Hulberts mitleidsvollem
Werk das bitterste Leid fur ihn selbst spro?.
Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem
Studenten, und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, da? sie der Rektor
gerade in dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum
Zeichen seiner Liebe mit einem Strau? Rosen als Geburtstagsprasent zu
uberraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat uber Wohltat
gehauft hatte.
Man sagt, da? die blaue Muttergottesblume fur immer ihre Farbe
verlieren kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein
Hagelwetter verkundet, plotzlich auf sie fallt; gewi? ist, da? die Seele des
alten Mannes fur immer erblindete an dem Tage, wo sein Gluck in Scherben
ging. Am selben Abend noch sa? er, er, der bis dahin nicht gewu?t, was
Unma?igkeit ist, hier beim "Loisitschek" - fast bewu?tlos vom Fusel - bis
zum Morgengrauen. Und der "Loisitschek" wurde seine Heimstatte fur den Rest
seines zerstorten Lebens. Im Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines
Neubaus, im Winter hier auf den holzernen Banken.
Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte belie? man ihm
stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst beruhmten
Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, da? man Argernis nahme an seinem Wandel.
Allmahlich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Grundung jener seltsamen
Gemeinschaft, die man noch heutigentags "das Bataillon" nennt.
Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk fur alle
die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein
entlassener Strafling daran zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert
splitternackt hinaus auf den Altstadter Ring - und das Amt auf der
sogenannten "Fischbanka" sah sich genotigt, einen Anzug beizustellen. Sollte
eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so heiratete sie
schnell einen Strolch, der bezirkszustandig war, und wurde dadurch ansassig.
Hundert solcher Auswege wu?te Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenuber
stand die Polizei machtlos da. - Was diese Ausgesto?enen der menschlichen
Gesellschaft "verdienten", ubergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer
der gemeinsamen Kassa, aus der der notige Lebensunterhalt bestritten wurde.
Niemals lie? sich auch nur einer die geringste Unehrlichkeit zuschulden
kommen. Mag sein, da? angesichts dieser eisernen Disziplin der Name "das
Bataillon" entstand.
Punktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglucks jahrte, das
den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim "Loisitschek" eine
seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrangt standen sie hier: Bettler,
Vagabunden, Zuhalter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine
lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. - Und dann erzahlte ihnen
Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die beiden Musikanten sitzen,
gerade unter dem Kronungsbilde Seiner Majestat des Kaisers, seine
Lebensgeschichte: - wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und
spater
Rektor magnificus
geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit
dem Busch Rosen in der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, - zur Feier
ihres Geburtstages und zugleich zum Gedachtnis jener Stunde, da er dereinst
um sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, - da
versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen.
Dann geschah es wohl zuweilen, da? irgendein liederliches Frauenzimmer ihm
verschamt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume
in die Hand legte.
Von den Zuhorern ruhrte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen
sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter
und drehten unsicher die Finger.
Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der
Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.
Sein Leichenbegangnis sehe ich noch heute vor mir. Das "Bataillon"
hatte sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie moglich zu gestalten.
Voran ging der Pedell der Universitat in vollem Ornat: in den Handen
das purpurne Kissenpolster mit der guldenen Kette darauf und hinter dem
Leichenwagen in unabsehbarer Reihe - - das "Bataillon" barfu?,
schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes
verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem
Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
Auf seinem Grabe, drau?en im Friedhof, steht ein wei?er Stein, darein
sind drei Figuren gemei?elt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Raubern.
Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau habe das
Denkmal errichtet. - - -
Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen,
danach bekommt jeder vom "Bataillon" mittags "beim Loisitschek" umsonst eine
Suppe; zu diesem Zwecke hangen hier am Tisch die Loffel an den Ketten, und
die ausgehohlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt
die Kellnerin und spritzt mit einer gro?en, blechernen Spritze die Bruhe
hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als "vom Bataillon", so
zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zuruck.
Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch
die ganze Welt
."
Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie.
Die letzten Satze, die Zwakh gesprochen, wehten uber mein Bewu?tsein hinweg.
Ich sah noch, wie er seine Hande bewegte, um das Vor- und Zuruckschieben
eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings
um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so
gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge voruber, da? ich in Momenten ganz
mich selbst verga? und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk.
Das Zimmer war ein einziges Menschengewuhl geworden. Oben auf der
Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fracken. Wei?e Manschetten, blitzende
Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnuren. Im Hintergrund ein
Damenhut mit lachsfarbigen Strau?enfedern.
Durch die Stabe des Gelanders stierte das verzerrte Gesicht Loisas
hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da
und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rucken dicht, ganz dicht, an der
Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
Die Gestalten hielten plotzlich im Tanzen inne: der Wirt mu?te ihnen
etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch,
aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fuhlte es
deutlich. Und doch lag der Ausdruck hamischer wilder Freude in dem Gesicht
des Wirtes.
- - - - In der Eingangstur steht mit einem Mal der Polizeikommissar in
Uniform. Er hatte die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. Hinter
ihm ein Kriminalschutzmann.
"Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke.
Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!"
Es klingt wie Kommandos.
Der Vierschrotige gibt keine Antwort, aber das hamische Grinsen bleibt
in seinen Zugen.
Blo? starrer ist es geworden.
Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
Die Gesichter sind plotzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen
herab und geht langsam auf den Kommissar zu.
Die Augen des Kriminalschutzmannes hangen gebannt an den
heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben
und la?t den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Fu?en und wieder
zuruck schweifen.
Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich uber das
Gelander gebeugt und verbei?en das Lachen hinter ihren grauseidenen
Taschentuchern.
Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstuck ins Auge und spuckt einem
Madchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
Der Polizeikommissar hat sich verfarbt und starrt in der Verlegenheit
immerwahrend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
Er kann den gleichgultigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
Er bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
Die Totenstille im Lokal wird immer qualender.
"So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Handen auf den
Steinsargen liegen in den gotischen Kirchen", flustert der Maler Vrieslander
mit einem Blick auf den Kavalier.
Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: "Ah - Hm." - - - er
kopiert die Stimme des Wirtes: "Ja, ja, das sin mir Gastah - da schaut man."
Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, da? die Glaser klirren; die
Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand
und zerschellt. Der vierschrotige Wirt meckert uns erlauternd und
ehrfurchtsvoll zu: "Seine Durchlaucht Exzellenz Furst Ferri Athenstadt."
Der Furst hat dem Beamten eine Visitkarte hingehalten. Der Armste nimmt
sie, salutiert wiederholt und schlagt die Hacken zusammen.
Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter
geschehen wird.
Der Kavalier spricht wieder:
"Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, - ah - sind meine
lieben Gaste." Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlassigen Armbewegung
auf das Gesindel, "wunschen Sie, Herr Kommissar, - ah - vielleicht
vorgestellt zu werden?"
Der Kommissar verneint mit erzwungenem Lacheln, stottert verlegen etwas
von "leidiger Pflichterfullung" und rafft sich schlie?lich zu den Worten
auf: "Ich sehe ja, da? es hier anstandig zugeht."
Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund
auf den Damenhut mit der Strau?enfeder zu und zerrt im nachsten Augenblick
unter dem Jubel der jungen Adligen - Rosina am Arm herunter in den Saal.
Sie schwankt vor Trunkenheit und halt die Augen geschlossen. Der gro?e,
kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa Strumpfe
und - einen Herrenfrack auf dem blo?en Korper.
Ein Zeichen: Die Musik fallt ein wie rasend - - - "Rititit - Rititit" -
- - und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, als
er Rosina gesehen, an der Wand druben ausgesto?en hat. - -
Wir wollen gehen.
Zwakh ruft nach der Kellnerin.
Der allgemeine Larm verschlingt seine Worte.
Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
Der Rittmeister halt die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich
langsam mit ihr im Takt.
Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
Dann murmelt es von den Banken: "Der Loisitschek, der Loisitschek", die
Halse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch
seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem
blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine
Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, - hangt
schmachtend an der Brust des Fursten Athenstadt.
Ein su?licher Walzer quillt aus der Harfe.
Wilder Ekel vor dem Leben schnurt mir die Kehle zusammen.
Mein Blick sucht voll Angst die Ture: der Kommissar steht dort
abgewendet, um nichts zu sehen, und flustert hastig mit dem
Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
Die beiden spahen hinuber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelahmt - das Gesicht kalkwei?
und verzerrt vor Entsetzen - stehen bleibt.
Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das
Bild, wie "Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, - uber das
Kanalgitter gebeugt - und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor."
Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzahne, da? es wie ein
Klumpen meinen Gaumen erfullt und ich kein Wort hervorbringen kann.
Ich kann die Finger nicht sehen, wei?, da? sie unsichtbar sind, und
doch empfinde ich sie wie etwas Korperliches.
Und klar steht es in meinem Bewu?tsein: sie gehoren zu der
gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpa?gasse das Buch
"Ibbur" gegeben hat.
"Wasser, Wasser!" schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
"In seine Wohnung schaffen, Arzt holen - der Archivar Hillel kennt sich
aus in solchen Dingen - - zu ihm bringen!" beraten sie murmelnd.
Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
Vrieslander tragen mich hinaus.
Wach
Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen, und ich horte, wie
Mirjam, die Tochter des Archivars Hillel, ihn angstlich ausfragte und er sie
zu beruhigen trachtete.
Ich gab mir keine Muhe hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
erriet mehr, als ich es in Worten verstand, da? Zwakh erzahlte, mir sei ein
Unfall zugesto?en und sie kamen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und
mich wieder zu Bewu?tsein zu bringen.
Noch immer konnte ich kein Glied ruhren, und die unsichtbaren Finger
hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefuhl des
Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wu?te genau, wo ich war und was mit
mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, da? man mich wie
einen Toten hinauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels
niedersetzte und - allein lie?.
Eine ruhige, naturliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
einer langen Wanderung genie?t, erfullte mich.
Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben
sich die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab,
der von der Gasse heraufschimmerte.
Alles kam mir selbstverstandlich vor und ich wunderte mich weder
daruber, da? Hillel mit einem judischen siebenflammigen Sabbatleuchter
eintrat, noch, da? er mir gelassen "guten Abend" wunschte wie jemandem,
dessen Kommen er erwartet hatte.
Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas
Besonderes bemerkt hatte, - trotzdem wir einander oft drei- bis viermal in
der Woche auf den Stiegen begegnet waren, - fiel mir plotzlich stark an ihm
auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstande auf der Kommode
zurechtruckte und schlie?lich mit dem Leuchter einen zweiten, gleichfalls
siebenflammigen anzundete.
Namlich: sein Ebenma? an Leib und Gliedern und der schmale, feine
Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerzen sah, nicht alter sein
als ich: hochstens 45 Jahre zahlen.
"Du bist um einige Minuten fruher gekommen", - begann er nach einer
Weile - "als anzunehmen war, sonst hatte ich die Lichter schon vorher
angezundet." - Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre und
richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf jemand, der
mir zu Haupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte.
Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen Satz.
Sofort lie?en die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der
Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich:
Niemand au?er Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
Sein "Du" und die Bemerkung, da? er mich erwartet habe, hatten also mir
gegolten!?
Viel befremdender als diese beiden Umstande an sich wirkte es auf mich,
da? ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung daruber zu
empfinden.
Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lachelte freundlich,
wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen Sessel
wies, und sagte:
"Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
gespenstischen Dinge - die Kischuph - auf den Menschen; das Leben kratzt und
brennt wie ein harener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen Welt
sind mild und erwarmend."
Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hatte erwidern sollen.
Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir gegenuber
und fuhr gelassen fort: "Auch ein silberner Spiegel, hatte er Empfindung,
litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glanzend geworden, gibt
er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne Leid und Erregung."
"Wohl dem Menschen", setzte er leise hinzu, "der von sich sagen kann:
Ich bin geschliffen." - Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich
horte ihn einen hebraischen Satz murmeln:
"Lischuosecho Kiwisi Adoschem."
Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:
"Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach
gemacht. Im Psalm David hei?t es:
"Da sprach ich in mir selbst:
jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist
es, welche diese Veranderung gemacht hat
."
Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstatten, so wahnen sie, sie
hatten den Schlaf abgeschuttelt, und wissen nicht, da? sie ihren Sinnen zum
Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, als
der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein wahres Wachsein und
das ist das, dem Du dich jetzt naherst. Sprich den Menschen davon und sie
werden sagen, Du seist krank, denn sie konnen dich nicht verstehen. Darum
ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu reden.
Sie fahren dahin wie ein Strom -
Und sind wie ein Schlaf,
Gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird -
Das des Abends abgehauen wird und verdorret.
"
"Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir
das Buch "Ibbur" gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?", wollte
ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken in Worte
fassen konnte:
"Nimm an, der Mann, der zu Dir kam und den Du den Golem nennst, bedeute
die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf
Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
Wie denkst Du mit dem Auge? Jede Form, die Du siehst, denkst Du mit dem
Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst."
Ich fuhlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen,
sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein
uferloses Meer.
Ruhevoll fuhr Hillel fort:
"Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod
sind dasselbe."
"- - kann nicht mehr sterben?" - Ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
"Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg
des Todes. Du hast das Buch "Ibbur" genommen und darin gelesen. Deine Seele
ist schwanger geworden vom Geist des Lebens", horte ich ihn reden.
"Hillel, Hillel, la? mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den
des Sterbens!", schrie alles wild in mir auf.
Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
"Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des
Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: "Ehe Gott die
Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie die
geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen
die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, und diese
strich Gott aus dem Buche der Lebenden." Du aber
gehst
einen Weg und hast
ihn aus freiem Willen beschritten, - wenn Du es jetzt auch selbst nicht mehr
wei?t: Du bist berufen von dir selbst. Gram' dich nicht: allmahlich, wenn
das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
Wissen und Erinnerung sind
dasselbe.
"
Der freundliche, fast liebenswurdige Ton, in den Hillels Rede
ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fuhlte mich geborgen
wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich wei?.
Ich blickte auf und sah, da? mit einemmal viele Gestalten im Zimmer
waren und uns im Kreis umstanden: einige in wei?en Sterbegewandern, wie sie
die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an
den Schuhen - aber Hillel fuhr mir mit der Hand uber die Augen, und die
Stube war wieder leer.
Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende
Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten konne in mein Zimmer.
Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam
nicht, und ich geriet stattdessen in einen sonderbaren Zustand, der weder
Traumen war, noch Wachen, noch Schlafen.
Das Licht hatte ich ausgeloscht, aber trotzdem war alles in der Stube
so deutlich, da? ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei
fuhlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen qualvollen
Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ahnlicher Verfassung befindet.
Nie vorher in meinem Leben ware ich imstande gewesen, so scharf und
prazis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit durchstromte
meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih' und Glied wie eine Armee,
die nur auf meine Befehle wartete.
Ich brauchte blo? zu rufen, und sie traten vor mich und erfullten, was
ich wunschte.
Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu
schneiden versucht hatte, - ohne damit zurechtzukommen, da sich die vielen
zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszugen decken
wollten, die ich mir vorgestellt, - fiel mir ein, und im Nu sah ich die
Losung vor mir und wu?te genau, wie ich den Stichel zu fuhren hatte, um der
Struktur der Masse gerecht zu werden.
Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrucke und Traumgesichter,
von denen ich oft nicht gewu?t: waren es Ideen oder Gefuhle, sah ich mich
jetzt plotzlich als Herr und Konig im eigenen Reich.
Rechenexempel, die ich fruher nur mit Achzen und auf dem Papier hatte
bewaltigen konnen, fugten sich mir mit einem Mal im Kopf spielend zum
Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fahigkeit, das zu
sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen,
Gegenstande oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch
derlei Werkzeuge nicht zu losen waren: - philosophische Probleme und
ahnliches -, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehor, wobei die
Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers ubernahm.
Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
Was ich tausendmal im Leben achtlos als blo?es Wort an meinem Ohr hatte
vorubergehen lassen, stand wertgetrankt bis in die tiefste Faser vor mir;
was ich "auswendig" gelernt, "erfa?te" ich mit einem Schlag als mein
"Eigen"tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen nackt vor
mir.
Die "hohen" Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienratlich
biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab
behandelt hatten, - demutig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze und
entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin Krucken
fur - einen noch frecheren Schwindel.
Traumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
gesprochen?
Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und
selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich uberzeugt hat,
da? der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, wuhlte
ich mich wieder in die Kissen.
Und wie ein Spurhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
Ratsel, die mich rings umgaben.
Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zuruckzugelangen, bis
zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus - glaubte ich - konnte es
mir moglich sein, jenen Teil meines Daseins zu uberblicken, der fur mich,
durch eine seltsame Fugung des Schicksals in Finsternis gehullt lag.
Aber wie sehr ich mich auch bemuhte, ich kam nicht weiter, als da? ich
mich wie einst in dem dusteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch den
Torbogen den Trodlerladen des Aaron Wassertrum unterschied - als ob ich ein
Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt hatte, immer
gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schurfen in
den Schachten der Vergangenheit, da begriff ich plotzlich mit leuchtender
Klarheit, da? in meiner Erinnerung wohl die breite Heerstra?e der
Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge winzig
schmaler Fu?steige, die wohl bisher den Hauptpfad standig begleitet hatten,
von mir jedoch nicht beachtet worden waren. "Woher", schrie es mir fast in
die Ohren, "hast du denn die Kenntnisse, dank derer du jetzt dein Leben
fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt - und Gravieren und all das
andere? Lesen, schreiben, sprechen - und essen - und gehen, atmen, denken
und fuhlen?"
Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein
Leben zuruck.
Ich zwang mich in verkehrter aber ununterbrochener Reihenfolge zu
uberlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag
vor diesem und so weiter?
Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt - - jetzt! Jetzt!
Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem Vergessen
trennte, mu?te uberflogen sein - da trat ein Bild vor mich, das ich auf der
Ruckwanderung meiner Gedanken ubersehen hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit
der Hand uber die Augen - genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.
Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe
der Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch
zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die
verlorene Heimat zuruckfuhren: das, was mit feiner, kaum sichtbarer Schrift
in unserem Korper eingraviert ist, und nicht die scheu?liche Narbe, die die
Raspel des au?eren Lebens hinterla?t, - birgt die Losung der letzten
Geheimnisse.
So, wie ich zuruckfinden konnte in die Tage meiner jugend, wenn ich in
der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornahme von Z bis A, um dort
anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, - so, begriff ich,
mu?te ich auch wandern konnen in die andere ferne Heimat, die jenseits allen
Denkens liegt.
Eine Weltkugel an Arbeit walzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules
trug eine Zeitlang das Gewolbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein,
und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und wie
Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas bat: "La?
mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit mir die
entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt", so gabe es vielleicht einen
dunklen Weg - dammerte mir - von dieser Klippe weg.
Ein tiefer Argwohn, der Fuhrerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
vertrauen, beschlich mich plotzlich. Ich legte mich gerade und verschlo? mit
den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die Sinne.
Um jeden Gedanken zu toten.
Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon
mastete sich der nachste an seinem Fleische. Ich fluchtete in den brausenden
Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem Fu?; ich verbarg
mich im Hammerwerk meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie hatten
mich entdeckt.
Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte:
"Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlussel zur Kunst des
Vergessens gehort unseren Brudern, die den Pfad des Todes wandeln; du aber
bist geschwangert vom Geiste des - Lebens."
Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin
auf: der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, machtig,
gleich einem Erdbeben, - der andere in unendlicher Ferne: der
Hermaphrodit
auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz
.
Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand uber meine
Augen, und ich schlummerte ein.
Schnee
"Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und hochster Angst.
Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, - oder
besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. - Ich hatte keine Ruhe
sonst.
Sagen Sie keiner Menschenseele, da? ich Ihnen geschrieben habe. Auch
nicht, wohin Sie heute gehen werden!
Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir - "neulich" - (Sie werden durch
diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten,
wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich furchte mich, meinen Namen
darunter zu setzen) - so viel Vertrauen eingeflo?t, und weiter, da? Ihr
lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, - alles das gibt mir
den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen
kann, zu wenden.
Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche
auf dem Hradschin."
Eine Ihnen bekannte Dame.
Wohl eine Viertelstunde lang sa? ich da und hielt den Brief in der
Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her
umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, - weggeweht von dem
frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam
lachelnd und verhei?ungsvoll - ein Fruhlingskind - auf mich zu. Ein
Menschenherz suchte Hilfe bei mir. - Bei mir! Wie sah meine Stube plotzlich
so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte so zufrieden
drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch
herumsitzen und behaglich kichernd Tarock spielen.
Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum
und Glanz.
So sollte der morsche Baum noch Fruchte tragen?
Ich fuhlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher
schlafen gelegen in mir - verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele,
verschuttet von dem Geroll, das der Alltag hauft, wie eine Quelle losbricht
aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
Und ich
wu?te
so gewi?, wie ich den Brief in der Hand hielt, da? ich
wurde helfen konnen, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab
mir die Sicherheit.
Wieder und wieder las ich die Stelle: "und weiter, da? Ihr lieber
seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat - - -"; - mir stand der Atem
still. Klang das nicht wie Verhei?ung: "Heute noch wirst du mit mir im
Paradiese sein?" Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt
mir das Geschenk entgegen:
die Ruckerinnerung, nach der ich durstete
, -
wurde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben helfen, der sich
hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!
"Ihr lieber seliger Vater" - -, wie fremdartig die Worte klangen, als
ich sie mir vorsagte! - Vater! - Einen Augenblick sah ich das mude Gesicht
eines alten Mannes mit wei?em Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe
auftauchen - fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; - - dann
kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens
schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit vertraumt? Ich blickte auf
die Uhr: Gott sei Lob, erst halb funf.
Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und
schritt die Treppen hinab. Was kummerte mich heute das Geraune der dunklen
Winkel, die bosartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von
ihnen aufstiegen: "Wir lassen dich nicht, - du bist unser, - wir wollen
nicht, da? du dich freust - das ware noch schoner, Freude hier im Haus!"
Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gangen und
Ecken her um mich gelegt mit wurgenden Handen: heute wich er vor dem
lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels
Tur.
Sollte ich eintreten?
Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders
heute, - so, als
durfe
ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die
Hand des Lebens vorwarts, die Stiegen hinab. - -
Die Gasse lag wei? im Schnee.
Ich glaube, da? viele Leute mich gegru?t haben; ich erinnere mich
nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fuhlte ich an die Brust, ob ich
den Brief auch bei mir truge:
Es ging eine Warme von der Stelle aus. - -
Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengange auf dem
Altstadter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll
Eiszapfen hing, hinuber uber die steinerne Brucke mit ihren Heiligenstatuen
und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
Unten schaumte der Flu? voll Ha? gegen die Fundamente.
Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehohlten Sandstein der heiligen
Luitgard mit "den Qualen der Verdammten" darin: dicht lag der Schnee auf den
Lidern der Bu?enden und den Ketten an ihren betend erhobenen Handen.
Torbogen nahmen mich auf und entlie?en mich, Palaste zogen langsam an
mir voruber, mit geschnitzten, hochmutigen Portalen, darinnen Lowenkopfe in
bronzene Ringe bissen.
Auch hier uberall Schnee, Schnee. Weich, wei? wie das Fell eines
riesigen Eisbaren.
Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
teilnahmslos zu den Wolken empor.
Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vogel war.
Als ich die unzahligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so
breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um Schritt
die Stadt mit ihren Dachern und Giebeln vor meinem Sinn. - - -
Schon schlich die Dammerung die Hauserreihen entlang, da trat ich auf
den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel.
Fu?stapfen - die Rander mit Krusten aus Eis - fuhrten hin zum Nebentor.
Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Tone
eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tranentropfen der Schwermut
fielen sie in die Verlassenheit.
Ich horte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die
Kirchenture mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar
blinkte in starrer Ruhe heruber zu mir durch den grunen und blauen Schimmer
sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstuhle
niedersank. Funken spruhten aus roten, glasernen Ampeln.
Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
Ich lehnte mich in eine Bank. Mein Blut ward seltsam still in diesem
Reich der Regungslosigkeit.
Ein Leben ohne Herzschlag erfullte den Raum - ein heimliches,
geduldiges Warten.
Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
Da! - Aus weiter, weiter Ferne drang das Gerausch von Pferdehufen
gedampft, kaum merklich an mein Ohr, wollte naher kommen und verstummte.
Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufallt. - - -
Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine
zarte, schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm beruhrt.
"Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt
mir, hier in den Betstuhlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen
mu?."
Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nuchterner Klarheit. Der
Tag hatte mich plotzlich angefa?t.
"Ich wei? gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, da?
Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht
haben."
Ich stotterte ein paar banale Worte.
"- - Aber ich wu?te keinen andern Ort, wo ich sicherer vor
Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns gewi?
niemand nachgegangen."
Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll
Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpa?gasse fluchtete. Ich
war auch nicht erstaunt daruber, denn ich hatte niemand anderen erwartet.
Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dammerung der
Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte.
Ihre Schonheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am
liebsten ware ich vor ihr niedergefallen und hatte ihre Fu?e geku?t, da? sie
es war, der ich helfen sollte, da? sie mich dazu erwahlt hatte.
"Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, - wenigstens solange
wir hier sind - die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben", sprach
sie gepre?t weiter, "ich wei? auch gar nicht, wie Sie uber solche Dinge
denken - -"
"Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem
Leben war ich so vermessen, da? ich mich Richter gedunkt hatte uber meine
Mitmenschen", war das einzige, was ich hervorbrachte.
"Ich danke Ihnen, Meister Pernath", sagte sie warm und schlicht. "Und
jetzt horen Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht
helfen oder wenigstens einen Rat geben konnen." - Ich fuhlte, wie eine wilde
Angst sie packte, und horte ihre Stimme zittern. - "Damals - - im Atelier -
- - damals brach die schreckliche Gewi?heit uber mich herein, da? jener
grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespurt hat. - Schon durch Monate
war mir aufgefallen, da?, wohin ich auch immer ging, - ob allein, oder mit
meinem Gatten, oder mit - - - mit - mit Dr. Savioli, - stets das
entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trodlers irgendwo in der Nahe
auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen.
Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aber um so
qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir die Schlinge um
den Hals!
Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein
armseliger Trodler wie dieser Aaron Wassertrum uberhaupt vermochte -
schlimmsten Falles konnte es sich nur um eine geringfugige Erpressung oder
dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen wei?, wenn der Name
Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli halt mir etwas geheim, um mich zu
beruhigen, - irgend etwas Furchtbares, was ihn oder mich das Leben kosten
kann.
Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte:
da? ihn
der Trodler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!
- Ich
wei?
es, ich spure es in jeder Faser meines Korpers: es geht etwas vor, das
sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. - Was hat
dieser Morder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschutteln?
Nein, nein, ich sehe das nicht langer mit an; ich mu? etwas tun. Irgend
etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt."
Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie lie? mich
nicht zu Ende sprechen.
"Und in den letzten Tagen nahm der Alp, der mich zu erwurgen droht,
immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plotzlich erkrankt, - ich kann
mich nicht mehr mit ihm verstandigen - darf ihn nicht besuchen, wenn ich
nicht stundlich gewartigen soll, da? meine Liebe zu ihm entdeckt wird -; er
liegt in Delirien, und das einzige, was ich erkunden konnte, ist, da? er
sich im Fieber von einem Scheusal verfolgt wahnt, dessen Lippen von einer
Hasenscharte gespalten sind: - Aaron Wassertrum!
Ich wei?, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher - konnen Sie
sich das vorstellen? - wirkt es auf mich, ihn jetzt gelahmt vor einer
Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nahe eines grauenhaften Wurgengels
empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu
Dr. Savioli bekenne, alles von mir wurfe, wenn ich ihn doch so liebe -:
alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber -" sie schrie es formlich
heraus, da? es widerhallte von den Chorgalerien, - "ich
kann
nicht! - Ich
hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Madel! Ich
kann
doch mein
Kind nicht hergeben! - Glauben Sie denn, mein Mann lie?e es mir?! Da, da,
nehmen Sie das, Meister Pernath" - sie ri? im Wahnwitz ein Taschchen auf,
das vollgestopft war mit Perlenschnuren und Edelsteinen - "und bringen Sie
es dem Verbrecher; - ich wei?, er ist habsuchtig - er soll sich alles holen,
was ich besitze, aber mein Kind soll er mir lassen. - Nicht wahr, er wird
schweigen? - So reden Sie doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein
Wort, da? Sie mir helfen wollen!"
Es gelang mir mit gro?ter Muhe, die Rasende wenigstens so weit zu
beruhigen, da? sie sich auf eine Bank niederlie?.
Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre,
zusammenhanglose Satze.
Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so da? ich selbst kaum verstand,
was mein Mund redete, - Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum
da? sie geboren waren.
Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Monchsstatue in
der Wandnische. Ich redete und redete. Allmahlich verwandelten sich die Zuge
der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Uberzieher mit
hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen
und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Monch wieder da. Meine
Pulse schlugen zu laut.
Die ungluckliche Frau hatte sich uber meine Hand gebeugt und weinte
still.
Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde,
als ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals ubermachtig
erfullte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
"Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe,
Meister Pernath", fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. "Es waren
ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben - und die ich nie vergessen
konnte die vielen Jahre hindurch - -"
Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
"- - Sie nahmen Abschied von mir - ich wei? nicht mehr, weshalb und
wieso, ich war ja noch ein Kind, - und Sie sagten so freundlich und doch so
traurig:
›Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie
je im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr,
da?
ich
es dann sein darf, der Ihnen hilft.‹ - Ich habe mich damals
abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit
Sie meine Tranen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote
Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals trug, aber
ich schamte mich, weil das gar so lacherlich gewesen ware." - - -
Erinnerung
!
- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer
wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich -
unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Madchen in wei?em Kleid und
ringsum die dunkle Wiese eines Schlo?parks, von alten Ulmen umsaumt.
Deutlich sah ich es wieder vor mir. - -
Ich mu?te mich verfarbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
fortfuhr: "Ich wei? ja, da? Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds
entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und - und ich danke Ihnen
dafur."
Mit aller Kraft bi? ich die Zahne zusammen und jagte den heulenden
Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zuruck.
Ich verstand: Eine gnadige Hand war es gewesen, die die Riegel vor
meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewu?tsein
geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herubergetragen: Eine
Liebe, die fur mein Herz zu stark gewesen, hatte fur Jahre mein Denken
zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der Balsam fur meinen wunden
Geist geworden.
Allmahlich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins uber mich und kuhlte
die Tranen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und
stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lachelnd der in die Augen sehen,
die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
Wieder horte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
Hufe. - - -
Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus
geschichteten Bergen von Tannenbaumen raunte es von Flitter und silbernen
Nussen und vom kommenden Christfest.
Auf dem Rathausplatz an der Mariensaule murmelten bei Kerzenglanz die
alten Bettelweiber mit den grauen Kopftuchern der Muttergottes ihren
Rosenkranz.
Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell,
von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Buhne eines
Marionettentheaters.
Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und
daran an der Schnur einen Totenschadel, ritt klappernd auf holzernem
Schimmel uber die Bretter.
In Reihen fest aneinander gedrangt starrten die Kleinen - die
Pelzmutzen tief uber die Ohren gezogen - mit offenem Munde hinauf und
lauschten gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein
Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
"Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
Der Kerl war mager wie ein Dichter
Und hatte bunte Lappen an
Und torkelte und schnitt Gesichter." - - -
Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz
mundete. Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der
Finsternis vor einem Anschlagzettel.
Ein Mann hatte ein Streichholz angezundet, und ich konnte einige Zeilen
bruchstuckweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewu?tsein ein paar
Worte auf:
Vermi?t!
1000 fl Belohnung
Alterer Herr... schwarz gekleidet...
......... Signalement:
... fleischiges, glattrasiertes Gesicht......
...... Haarfarbe: wei?.........
.. Polizeidirektion... Zimmer Nr....
Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein
in die lichtlosen Hauserreihen.
Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen
Himmelsweg uber den Giebeln.
Friedvoll schweiften meine Gedanken zuruck in den Dom, und die Ruhe
meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz heruber,
schneidend klar - als stunde sie dicht an meinem Ohr - die Stimme des
Marionettenspielers durch die Winterluft:
"Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hing an einem Seidenbande
Und funkelte im Fruhrotschein." - - -
Spuk
Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir
das Gehirn zermartert, wie ich "ihr" Hilfe bringen konnte.
Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen,
ihm zu erzahlen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber
jedesmal verwarf ich den Entschlu?.
Er stand im Geist so riesengro? vor mir, da? es eine Entweihung schien,
ihn mit Dingen, die das au?ere Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder
kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in Wirklichkeit
alles das erlebt hatte, was nur eine kurze Spanne Zeit zurucklag und doch so
seltsam verbla?t schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des
verflossenen Tages.
Hatte ich nicht doch getraumt? Durfte ich - ein Mensch, dem das
Unerhorte geschehen war, da? er seine Vergangenheit vergessen hatte, - auch
nur eine Sekunde lang als Gewi?heit annehmen, wofur als einziger Zeuge blo?
meine Erinnerung die Hand aufhob?
Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel
lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in
personlicher Beruhrung gewesen!
Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie
umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, da? ein unsagliches Weh an
meinem Herzen fra??
Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da lie? ich wieder los; ich sah
voraus, was kommen wurde: Hillel wurde mir mild uber die Augen fahren und -
- - nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung zu begehren.
"Sie" vertraute auf mich und meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie
sich fuhlte, mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte, -
sie
empfand sie sicherlich als riesengro?!
Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit - ich zwang mich, kalt und
nuchtern zu denken; - ihn jetzt - mitten in der Nacht zu storen? - es ging
nicht an. So wurde nur ein Verruckter handeln.
Ich wollte die Lampe anzunden; dann lie? ich es wieder sein: der
Abglanz des Mondlichts fiel von den Dachern gegenuber herein in mein Zimmer
und gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich furchtete, die Nacht konnte
noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe
anzuzunden, nur um den Tag zu erwarten, - eine leise Angst sagte mir, der
Morgen rucke dadurch in unerlebbare Ferne.
Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
Friedhof lagen die Reihen verschnorkelter Giebel dort oben - Leichensteine
mit verwitterten Jahreszahlen, geturmt uber die dunklen Modergrufte, diese
"Wohnstatten", darein sich das Gewimmel der Lebenden Hohlen und Gange
genagt.
Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise
zu wundern begann, warum ich denn nicht aufschrake, wo doch ein Gerausch von
verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.
Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze
Achzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zogernd schlich.
Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde formlich kleiner, so
pre?te sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens, zu horen.
Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig
abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr
eigener Verrater ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedruckt, das drohende Gefuhl
in der Kehle, da? druben einer stand, genauso wie ich und dasselbe tat.
Ich lauschte und lauschte:
Nichts.
Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
Lautlos - auf den Zehenspitzen - stahl ich mich an den Sessel bei
meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zundete sie an.
Dann uberlegte ich: Die eiserne Speicherture drau?en auf dem Gang, die
zum Atelier Saviolis fuhrte, ging nur von druben aufzuklinken.
Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenformiges Stuck Draht, das unter
meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlosser springen leicht
auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
Und was wurde dann geschehen?
Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, -
vielleicht in Kasten wuhlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu
bekommen, legte ich mir zurecht.
Ob es viel nutzen wurde, wenn ich dazwischen trat?
Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
Warten auf den Morgen zerfetzen!
Und schon stand ich vor der eisernen Bodenture, druckte dagegen, schob
vorsichtig den Haken ins Schlo? und horchte. Richtig: Ein schleifendes
Gerauch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
Im nachsten Augenblick schnellte der Riegel zuruck.
Ich konnte das Zimmer uberblicken und sah, obwohl es fast finster war
und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem schwarzem Mantel
entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, - eine Sekunde lang unschlussig,
wohin sich wenden, - eine Bewegung machte, als wolle er auf mich lossturzen,
sich dann den Hut vom Kopf ri? und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
"Was suchen Sie hier!" wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
"Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!" Die Stimme kam mir
bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trodlers Wassertrum.
Automatisch blies ich die Kerze aus.
Das Zimmer lag halbdunkel da - nur von dem schimmrigen Dunst, der aus
der Fensternische hereindrang, matt erhellt - genau wie meines, und ich
mu?te meine Augen aufs au?erste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten,
hektischen Gesicht, das plotzlich uber dem Mantel auftauchte, die Zuge des
Studenten Charousek erkennen konnte.
"Der Monch!" drangte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit
einem Mal die Vision, die ich gestern im Dom gehabt!
Charousek! Das war der
Mann, an den ich mich wenden sollte!
- Und ich horte seine Worte wieder, die
er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: "Aaron Wassertrum wird
es schon erfahren, da? man mit vergifteten, unsichtbaren Nadeln durch Mauern
stechen kann. Genau an dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will."
Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wu?te er ebenfalls, was
sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewohnlicher Stunde lie? fast darauf
schlie?en, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.
Er war ans Fenster geeilt und spahte hinter dem Vorhang hinunter auf
die Gasse.
Ich erriet: er furchtete, Wassertrum konne den Lichtschein meiner Kerze
wahrgenommen haben.
"Sie denken gewi?, ich sei ein Dieb, da? ich nachts hier in einer
fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath," fing er nach langem Schweigen
mit unsicherer Stimme an, "aber ich schwore Ihnen - -"
Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
Und um ihm zu zeigen, da? ich keinerlei Mi?trauen gegen ihn hegte, in
ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzahlte ich ihm mit kleinen
Einschrankungen, die ich fur notig hielt, welche Bewandtnis es mit dem
Atelier habe, und da? ich furchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in
Gefahr, den erpresserischen Gelusten des Trodlers in irgendwelcher Art zum
Opfer zu fallen.
Aus der hoflichen Weise, mit der er mir zuhorte, ohne mich mit Fragen
zu unterbrechen, entnahm ich, da? er das meiste bereits wu?te, wenn auch
vielleicht nicht in Einzelheiten.
"Es stimmt schon", sagte er grubelnd, als ich zu Ende gekommen war.
"Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die Gurgel
fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material
beisammen. Weshalb wurde er sich sonst noch hier immerwahrend herumdrucken!
Ich ging namlich gestern, sagen wir mal: ›zufallig‹ durch die Hahnpa?gasse,"
erklarte er, als er meine fragende Miene bemerkte, "da fiel mir auf, da?
Wassertrum erst lange - scheinbar unbefangen - vor dem Tor unten auf und ab
schlenderte, dann aber, als er sich unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus
bog. Ich ging ihm sofort nach und tat so, als wollte ich Sie besuchen, das
hei?t, ich klopfte bei Ihnen an, und dabei uberraschte ich ihn, wie er
drau?en an der eisernen Bodentur mit einem Schlussel herumhantierte.
Naturlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls
als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen ubrigens nicht zu Hause gewesen zu
sein, denn es offnete niemand.
Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich,
da? jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier
heimlich ein Absteigequartier besa?e. Da Dr. Savioli schwerkrank liegt,
reimte ich mir das ubrige zurecht.
Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
Wassertrum fur alle Falle zuvorzukommen", schlo? Charousek und deutete auf
ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; "es ist alles, was ich an
Schriftstucken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden.
Wenigstens habe ich in samtlichen Truhen und Schranken gestobert, so gut das
in der Finsternis ging."
Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
unwillkurlich auf einer Fallture am Boden haften. Ich entsann mich dabei
dunkel, da? Zwakh mir irgendwann erzahlt hatte, ein geheimer Zugang fuhre
von unten herauf ins Atelier.
Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
"Wo sollen wir die Briefe aufheben?", fing Charousek wieder an. "Sie,
Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Getto, die Wassertrum
harmlos vorkommen, - warum gerade
ich,
das - hat - seine - besonderen -
Grunde", - (ich sah, da? sich seine Zuge in wildem Ha? verzerrten, wie er so
den letzten Satz formlich zerbi? -) "und Sie halt er fur - -" Charousek
erstickte das Wort "verruckt" mit einem raschen, erkunstelten Husten, aber
ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefuhl,
"ihr" helfen zu konnen, machte mich so gluckselig, da? jede Empfindlichkeit
ausgeloscht war.
Wir kamen schlie?lich uberein, das Paket bei mir zu verstecken, und
gingen hinuber in meine Kammer.
Charousek war langst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
entschlie?en, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte
an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fuhlte
ich, aber was? was?
Einen Plan fur den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hatte?
Das allein konnte es nicht sein. Charousek lie? den Trodler sowieso
nicht aus den Augen, daruber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich
an den Ha? dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand
nicht.
Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Rei?en am Zugel
spurt und nicht wei?, welches Kunststuck er machen soll, den Willen seines
Herrn nicht erfa?t.
Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
Jede Faser in mir verneinte.
Die Vision des Monchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern
der Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um
Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefuhle nicht ohne weiteres
zu verachten. Geheime Krafte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war
gewi?: ich empfand es zu ubermachtig, als da? ich auch nur den Versuch
gemacht hatte, es wegzuleugnen.
Buchstaben zu
empfinden,
sie nicht nur mit den Augen in Buchern zu
lesen, - einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir ubersetzt, was
die Instinkte ohne Worte raunen, darin mu? der Schlussel liegen, sich mit
dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verstandigen, begriff ich.
"Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und horen nicht",
fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklarung dazu ein.
"Schlussel, Schlussel, Schlussel", wiederholten mechanisch meine
Lippen, derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte
ich plotzlich.
"Schlussel, Schlussel - -?" Mein Blick fiel auf den krummen Draht in
meiner Hand, der mir vorhin zum Offnen der Speicherture gedient hatte, und
eine hei?e Neugier, wohin wohl die viereckige Falltur aus dem Atelier fuhren
konnte, peitschte mich auf.
Und ohne zu uberlegen, ging ich nochmals hinuber in Saviolis Atelier
und zog an dem Griffring der Fallture, bis es mir schlie?lich gelang, die
Platte zu heben.
Zuerst nichts als Dunkelheit.
Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste
Finsternis.
Ich stieg hinunter.
Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Handen die Mauern entlang, aber
es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, -
Windungen, Ecken und Winkel, - Gange geradeaus, nach links und nach rechts,
Reste einer alten Holzture, Wegteilungen und dann wieder Stufen, Stufen,
Stufen hinauf und hinab.
Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde uberall.
Und noch immer kein Lichtstrahl. -
Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hatte!
Endlich flacher, ebener Weg.
Aus dem Knirschen unter meinen Fu?en schlo? ich, da? ich auf trockenem
Sand dahinschritt.
Es konnte nur einer jener zahllosen Gange sein, die scheinbar ohne
Zweck und Ziel unter dem Getto hinfuhren bis zum Flu?.
Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit
unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Lauften, und die Bewohner
Prags hatten von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
Das Fehlen jeglichen Gerauschs zu meinen Haupten sagte mir, da? ich
mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben
ist, befinden mu?te, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere
Stra?en oder Platze uber mir hatten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.
Eine Sekunde lang wurgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
herumging!? In ein Loch sturzte, mich verletzte, ein Bein brach und nicht
mehr weiter gehen konnte?!
Was geschah dann mit
ihren
Briefen in meiner Kammer? Sie mu?ten
unfehlbar Wassertrum in die Hande fallen.
Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines
Helfers und Fuhrers verknupfte, beruhigte mich unwillkurlich.
Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes
und hielt den Arm in die Hohe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen,
falls der Gang niedriger wurde.
Von Zeit zu Zeit, dann immer ofter stie? ich oben mit der Hand an, und
endlich senkte sich das Gestein so tief herab, da? ich mich bucken mu?te, um
durchzukommen.
Potzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
Ich blieb stehen und starrte hinauf.
Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
merklicher Schimmer von Licht.
Mundete hier ein Schacht, vielleicht aus irgendeinem Keller herunter?
Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Handen in Kopfeshohe um
mich herum: die Offnung war genau viereckig und ausgemauert.
Allmahlich konnte ich darin als Abschlu? die schattenhaften Umrisse
eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, seine
Stabe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwangen.
Ich
stand
jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
Offenbar endeten hier die Uberbleibsel einer eisernen Wendeltreppe,
wenn mich das Gefuhl meiner Finger nicht tauschte?
Lang, unsagbar lang mu?te ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
konnte, dann klomm ich empor.
Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Mannshohe uber der
andern.
Sonderbar: die Treppe stie? oben gegen eine Art horizontalen Getafels,
das aus regelma?igen, sich schneidenden Linien den Lichtschein
herabschimmern lie?, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung
besser unterscheiden zu konnen, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem
Erstaunen, da? sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den
Synagogen findet, bildeten.
Was mochte das nur sein?
Plotzlich kam ich dahinter: es war eine Falltur, die an den Kanten
Licht durchlie?! Eine Falltur aus Holz in Gestalt eines Sternes.
Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, druckte sie
aufwarts und stand im nachsten Moment in einem Gemach, das von grellem
Mondschein erfullt war.
Es war ziemlich klein, vollstandig leer bis auf einen Haufen Gerumpel
in der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
Eine Ture oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
benutzt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern
immer wieder von neuem absuchte.
Die Gitterstabe des Fensters standen zu eng, als da? ich den Kopf hatte
durchstecken konnen, so viel aber sah ich:
Das Zimmer befand sich ungefahr in der Hohe eines dritten Stockwerks,
denn die Hauser gegenuber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich
tiefer.
Das eine Ufer der Stra?e unten war fur mich noch knapp sichtbar, aber
infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe
Schlagschatten getaucht, die es mir unmoglich machten, Einzelheiten zu
unterscheiden.
Zum Judenviertel mu?te die Gasse unbedingt gehoren, denn die Fenster
druben waren samtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur
im Getto kehren die Hauser einander so seltsam den Rucken.
Vergebens qualte ich mich ab herauszubringen was das wohl fur ein
sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitenturmchen der griechischen
Kirche sein? Oder gehorte es irgendwie zur Altneusynagoge?
Die Umgebung stimmte nicht.
Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den
kleinsten Aufschlu? gegeben hatte. - Die Wande und die Decke waren kahl,
Bewurf und Kalk langst abgefallen und weder Nagellocher, noch Nagel, die
verraten hatten, da? der Raum einst bewohnt gewesen.
Der Boden lag fu?hoch bedeckt mit Staub, als hatte ihn seit Jahrzehnten
kein lebendes Wesen betreten.
Das Gerumpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in
tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.
Dem au?eren Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knauel geballt.
Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
Ich tastete mit dem Fu? hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen
Teil davon in die Nahe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer ubers
Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam
aufrollte.
Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
Ein Metallknopf vielleicht?
Allmahlich wurde mir klar: ein Armel von sonderbarem, altmodischem
Schnitt hing da aus dem Bundel heraus.
Und eine kleine wei?e Schachtel, oder dergleichen lag darunter,
lockerte sich unter meinem Fu? und zerfiel in eine Menge fleckiger
Schichten.
Ich gab ihr einen leichten Sto?: Ein Blatt flog ins Helle.
Ein Bild?
Ich buckte mich: ein Pagad!
Was mir eine wei?e Schachtel geschienen, war ein Tarockspiel.
Ich hob es auf.
Konnte es etwas Lacherlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
gespenstischen Ort!
Merkwurdig, da? ich mich zum Lacheln zwingen mu?te. Ein leises Gefuhl
von Grauen beschlich mich.
Ich suchte nach einer banalen Erklarung, wie die Karten wohl
hierhergekommen sein konnten, und zahlte dabei mechanisch das Spiel. Es war
vollstandig: 78 Stuck. Aber schon wahrend des Zahlens fiel mir etwas auf:
Die Blatter waren wie aus Eis.
Eine lahmende Kalte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket
geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so
erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nuchternen
Erklarung:
Mein dunner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
unterirdischen Gangen, die grimmige Winternacht, die Steinwande, der
entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinflo?: -
sonderbar genug, da? ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der
ich mich die ganze Zeit befunden, mu?te mich daruber hinweggetauscht haben.
-
Ein Schauer nach dem andern jagte mir uber die Haut. Schicht um Schicht
drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Korper ein.
Ich fuhlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen
Knochens bewu?t wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.
Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Fu?en und nicht das
Schlagen mit den Armen. Ich bi? die Zahne zusammen, um ihr Klappern nicht zu
horen.
Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hande auf den
Scheitel legt.
Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betaubenden Schlaf des
Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel einhullen
kam.
Die Briefe, in meiner Kammer -
ihre
Briefe! brullte es in mir auf: man
wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre
Rettung in meine Hande gelegt! - Hilfe! - Hilfe! Hilfe! -
Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die ode Gasse, da?
es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben,
durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen
Knochen schlagen sollte, um mich zu erwarmen.
Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich sturzte darauf
zu und zog sie mit schlotternden Handen uber meine Kleider.
Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von
uraltmodischem, seltsamem Schnitt.
Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
Dann kauerte ich mich in dem gegenuberliegenden Mauerwinkel zusammen
und spurte meine Haut langsam, langsam warmer werden. Nur das schauerliche
Gefuhl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. Regungslos
sa? ich da und lie? meine Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen,
- der Pagad, - lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen.
Unverwandt mu?te ich sie anstarren.
Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den hebraischen
Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfrankisch gekleidet, den
grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, wahrend der
andere abwarts deutete.
Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ahnlichkeit mit
meinem, dammerte mir ein Verdacht auf? - Der Bart - er pa?te so gar nicht zu
einem Pagad, - - ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem
Rest des Gerumpels, um den qualenden Anblick los zu sein.
Dort lag sie jetzt und schimmerte - ein grauwei?er, unbestimmter Fleck
- zu mir heruber aus dem Dunkel.
Mit Gewalt zwang ich mich zu uberlegen, was ich zu beginnen hatte, um
wieder in meine Wohnung zu kommen:
Den Morgen abwarten! Unten die Vorubergehenden vom Fenster aus anrufen,
damit sie mir von au?en mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
heraufbrachten! - Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gange
zuruckzufinden, wurde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende
Gewi?heit. -
Oder, falls das Fenster zu hoch lage, da? sich jemand vom Dach
mit einem Strick
- -? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich:
jetzt wu?te ich, wo ich war:
Ein Zimmer ohne Zugang - nur mit einem
vergitterten Fenster
- das altertumliche Haus in der Altschulgasse, das
jeder mied! -
schon einmal vor vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem
Strick vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen, und der Strick
war gerissen und - Ja: ich war in dem Haus, in dem der gespenstische Golem
jedesmal verschwand!
Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkampfen konnte, lahmte
jedes Weiterdenken und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der
da so eisig aus der Ecke heruberwehte, sagte es mir vor, schneller und
schneller, mit pfeifendem Atem - es half nicht mehr: dort druben der
wei?liche Fleck - die Karte - sie quoll auf zu blasigem Klumpen, tastete
sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zuruck in die
Finsternis. - Tropfende Laute - halb gedacht, geahnt, halb wirklich - im
Raum und doch au?erhalb um mich herum und doch anderswo, - tief im eigenen
Herzen und wieder mitten im Zimmer - erwachten: Gerausche, wie wenn ein
Zirkel fallt und mit der Spitze im Holz stecken bleibt!
Immer wieder: Der wei?liche Fleck - - - der wei?liche Fleck - -! Eine
Karte, eine erbarmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir
ins Hirn hinein - - - umsonst - - jetzt hat er sich dennoch - dennoch
Gestalt erzwungen - der Pagad - und hockt in der Ecke und stiert heruber zu
mir mit
meinem eigenen Gesicht.
Stunden und Stunden kauerte ich da - unbeweglich - in meinem Winkel,
ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! - Und er druben:
ich selbst.
Stumm und regungslos.
So starrten wir uns in die Augen, - einer das gra?liche Spiegelbild des
andern. - - -
Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter
Tragheit uber den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks
in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden? -
Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, da? er
sich auflosen wollte in dem Morgendammerschein, der ihm vom Fenster her zu
Hilfe kam.
Ich hielt ihn fest.
Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben - um das
Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehort. - -
Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in
sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinuber zu ihm und steckte
ihn in die Tasche - den Pagad.
Immer noch war die Gasse unten od und menschenleer.
Ich durchstoberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte
lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals.
Tote Dinge und
doch so merkwurdig bekannt.
Und auch die Mauern - wie die Risse und Sprunge dann deutlich wurden! -
wo hatte ich sie nur gesehen?
Ich nahm das Kartenpackchen zur Hand - es dammerte mir auf: hatte ich
die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
Es war ein uraltes Tarockspiel. Mit hebraischen Zeichen. - Nummer 12
mu? der "Gehenkte" sein, uberkam's mich wie halbe Erinnerung. - Mit dem Kopf
abwarts? Die Arme auf dem Rucken? - Ich blatterte nach: Da! Da war er.
Dann wieder, halb Traum, halb Gewi?heit, tauchte ein Bild vor mir auf:
Ein geschwarztes Schulhaus,
bucklig, schief, ein murrisches Hexengebaude,
die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen. -
- - Wir sind mehrere halbwuchsige Jungen - ein verlassener Keller ist
irgendwo - - -
Dann sah ich an meinem Korper herab und wurde wieder irre: Der
altmodische Anzug war mir vollig fremd.
Der Larm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch als ich
hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an
einem Eckstein.
Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
Zwei alte Weiber kamen langsam die Stra?e dahergetrottet, und ich
zwangte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
Mit offenem Mund glotzten sie in die Hohe und berieten sich. Aber als
sie mich sahen, stie?en sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
Sie haben mich fur den Golem gehalten, begriff ich.
Und ich erwartete, da? ein Zusammenlauf von Menschen entstehen wurde,
denen ich mich verstandlich machen konnte, aber wohl eine Stunde verging,
und nur hie und da spahte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu
mir, um sofort in Todesschreck wieder zuruckzufahren.
Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
Polizisten kamen - die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gange
ein Stuck weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.
Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von
Licht hinab?
Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern
gekommen war, fort - uber ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch
versunkene Keller - erklomm eine Treppenruine und stand plotzlich - - im
Hausflur des
schwarzen Schulhauses,
das ich vorhin wie im Traum gesehen.
Sofort sturzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Banke,
bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plarrender Gesang, ein
Junge, der Maikafer in der Klasse losla?t, Lesebucher mit zerquetschten
Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen. Jetzt wu?te ich mit
Gewi?heit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. - Aber ich lie? mir keine
Zeit nachzudenken und eilte heim.
Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
verwachsener alter Jude mit wei?en Schlafenlocken. Kaum hatte er mich
erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Handen und heulte laut hebraische
Gebete herunter.
Auf den Larm hin mu?ten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Hohlen
gesturzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los.
Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser,
entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwalzen.
Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: - ich trug noch
immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her uber meinem
Anzug, und die Leute glaubten, den "Golem" vor sich zu haben.
Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und ri? mir die modrigen
Fetzen vom Leibe.
Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stocken und geifernden
Maulern schreiend an mir voruber.
Licht
Einigemal im Lauf des Tages hatte ich an Hillels Ture geklopft; - es
lie? mir keine Ruhe: ich mu?te ihn sprechen und fragen, was alle diese
seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hie? es, er sei noch nicht zu
Hause.
Sowie er heimkame vom judischen Rathaus, wollte mich seine Tochter
sofort verstandigen. -
Ein sonderbares Madchen ubrigens, diese Mirjam!
Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
Eine Schonheit, so fremdartig, da? man sie im ersten Moment gar nicht
fassen kann, - eine Schonheit, die einen stumm macht, wenn man sie ansieht,
und ein unerklarliches Gefuhl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit in einem
erweckt.
Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verlorengegangen sein
mussen, ist dieses Gesicht geformt, grubelte ich mir zurecht, wie ich es so
im Geiste wieder vor mir sah.
Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wahlen mu?te, um es als
Gemme festzuhalten und dabei den kunstlerischen Ausdruck richtig zu wahren:
Schon an dem rein Au?erlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der
Augen, der alles ubertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. - Wie erst
die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgema? in eine Kamee
bannen, ohne sich in die stumpfsinnige Ahnlichkeitsmacherei der kanonischen
"Kunst"richtung festzurennen!
Nur durch ein Mosaik lie? es sich losen, erkannte ich klar, aber was
fur Material wahlen? Ein Menschenleben gehorte dazu, das passende zusammen
zu finden. - -
Wo nur Hillel blieb!
Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
Merkwurdig, wie er mir in den wenigen Tagen - und ich hatte ihn doch,
genaugenommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, - ins Herz
gewachsen war.
Ja, richtig: die Briefe -
ihre
Briefe - wollte ich doch besser
verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal langer von zu
Hause fort sein sollte.
Ich nahm sie aus der Truhe: - in der Kassette wurden sie sicherer
aufbewahrt sein.
Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
hinschauen, aber es war zu spat.
Den Brokatstoff um die blo?en Schultern gelegt - so wie ich ›sie‹ das
erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer fluchtete aus Saviolis Atelier -
blickte sie mir in die Augen.
Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung
unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:
Deine
Angelina.
Angelina!!!
Wie ich den Namen aussprach, zerri? der Vorhang, der meine Jugendjahre
vor mir verbarg, von oben bis unten.
Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu mussen. Ich krallte die
Finger in die Luft und winselte, - bi? mich in die Hand: - - nur wieder
blind sein, Gott im Himmel, - den Scheintot weiterleben, wie bisher, flehte
ich.
Das Weh stieg mir in den Mund. - Quoll. - Schmeckte seltsam su?, - wie
Blut. - -
Angelina!!
Der Name kreiste in meinen Adern und wurde - zu unertraglicher
gespenstischer Liebkosung.
Mit einem gewaltsamen Ruck ri? ich mich zusammen und zwang mich - mit
knirschenden Zahnen - das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr daruber
wurde!
Herr
daruber!
Wie heute nacht uber das Kartenblatt.
Endlich: Schritte! Mannertritte.
Er kam!
Voll Jubel eilte ich zur Tur und ri? sie auf.
Schemajah Hillel stand Strau?en und hinter ihm - ich machte mir leise
Vorwurfe, da? ich es als Enttauschung empfand - mit roten Backchen und
runden Kinderaugen: der alte Zwakh.
"Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath",
fing Hillel an.
Ein kaltes "Sie"?
Frost. Schneidender, ertotender Frost lag plotzlich im Zimmer.
Betaubt, mit halbem Ohr, horte ich hin, was Zwakh, atemlos vor
Aufregung, auf mich losplapperte:
"Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander
hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, mit einem
Mord begonnen" - Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
Zwakh schuttelte mich: "Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath?
Unten hangt doch gro?machtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken
Zottmann, den ›Freimaurer‹ - na, ich meine doch den
Lebensversicherungsdirektor Zottmann, - soll man ermordet haben. Der Loisa -
hier im Haus - ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina: spurlos
verschwunden. - Der Golem - der Golem - es ist ja haarstraubend."
Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er
mich so unverwandt an?
Ein verhaltenes Lacheln zuckte plotzlich um seine Mundwinkel.
Ich verstand. Es galt mir.
Am liebsten ware ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.
Au?er mir in meinem Entzucken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was
zuerst bringen? Glaser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.)
Zigarren? - Endlich fand ich Worte: "Aber warum setzt ihr euch denn nicht?!"
- Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. - - -
Zwakh fing an, sich zu argern: "Warum lacheln Sie denn immerwahrend,
Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, da? der Golem spukt? Mir scheint. Sie
glauben uberhaupt nicht an den Golem?"
"Ich wurde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor
mir sahe", antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. - Ich
verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: "Das Zeugnis von Hunderten von
Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? - Aber warten Sie nur, Hillel, denken
Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt geben! Ich
kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft hinter sich her."
"Die Haufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares",
erwiderte Hillel. Er sprach im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die
Scheiben hinab auf den Trodlerladen - "Wenn der Tauwind weht, ruhrt sich's
in den Wurzeln. In den su?en wie, in den giftigen."
Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.
"Wenn der Rabbi nur reden wollte, der konnte uns Dinge erzahlen, da?
einem die Haare zu Berge stunden", warf er halblaut hin.
Schemajah drehte sich um.
"Ich bin nicht ›Rabbi‹, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin
nur ein armseliger Archivar im judischen Rathaus und fuhre die
Register uber
die Lebendigen und die Toten
."
Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fuhlte ich. Auch der
Marionettenspieler schien es unterbewu?t zu empfinden, - er wurde still, und
eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.
"Horen Sie mal, Rabbi -, verzeihen Sie: ›Herr Hillel‹, wollte ich
sagen", - fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang
auffallend ernst, "ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen mir
ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mogen, oder nicht durfen - - -"
Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas - er trank
nicht; vielleicht verbot es ihm das judische Ritual.
"Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh."
"- - Wissen Sie etwas uber die judische Geheimlehre, die Kabbala,
Hillel?"
"Nur wenig."
"Ich habe gehort, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala
lernen kann: den ›Sohar‹ - -"
"Ja, den Sohar - das Buch des Glanzes."
"Sehen Sie, da hat man's", schimpfte Zwakh los. "Ist es nicht eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit, da? eine Schrift, die angeblich die
Schlussel zum Verstandnis der Bibel und zur Gluckseligkeit enthalt -"
Hillel unterbrach ihn: "- nur einige Schlussel."
"Gut, immerhin einige! - also, da? diese Schrift infolge ihres hohen
Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zuganglich ist? In einem
einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie ich mir habe
erzahlen lassen? Und uberdies chaldaisch, aramaisch, hebraisch - oder was
wei? ich wie - geschrieben? - Habe
ich
zum Beispiel je im Leben Gelegenheit
gehabt, diese Sprachen zu lernen oder nach London zu kommen?"
"Haben Sie denn alle Ihre Wunsche so hei? auf dieses Ziel gerichtet?"
fragte Hillel mit leisem Spott.
"Offen gestanden - nein", gab Zwakh einigerma?en verwirrt zu.
"Dann sollten Sie sich nicht beklagen", sagte Hillel trocken, "wer
nicht nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, - wie ein
Erstickender nach Luft, - der kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen."
"Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem samtliche Schlussel zu den
Ratseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige", scho? es mir durch den
Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich immer noch
in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden konnte, hatte
Zwakh sie bereits ausgesprochen.
Hillel lachelte wieder sphinxhaft:
"Jede Frage, die ein Mensch tun
kann, ist im selben Augenblick beantwortet, in dem er sie geistig gestellt
hat."
"Verstehen
Sie,
was er damit meint?", wandte sich Zwakh an mich.
Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels
Rede zu verlieren.
Schemajah fuhr fort:
"Das ganze Leben ist
nichts
anderes als formgewordene Fragen, die den
Keim der Antwort in sich tragen - und Antworten, die schwanger gehen mit
Fragen. Wer irgend etwas anderes drin sieht, ist ein Narr."
Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
"Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder
anders versteht."
"Gerade
darauf
kommt es an", sagte Hillel freundlich. "Alle Menschen
uber
einen
Loffel zu - kurieren, ist lediglich Vorrecht der Arzte. Der
Fragende erhalt
die
Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur
den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere judischen Schriften sind
blo? aus Willkur nur in Konsonanten geschrieben? - Jeder hat
sich selbst
die
geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur fur ihn allein bestimmten
Sinn erschlie?en, - soll nicht das lebendige Wort zum toten Dogma
erstarren."
Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
"Das sind
Worte
, Rabbi,
Worte!
Pagad Ultimo will ich hei?en, wenn ich
daraus klug werde."
Pagad!!
- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor
Entsetzen beinahe vom Stuhl.
Hillel wich meinen Augen aus.
"Pagad ultimo? Wer wei?, ob Sie nicht wirklich so hei?en, Herr Zwakh!"
- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. "Man soll seiner
Sache niemals allzu sicher sein. - Ubrigens, da wir gerade von Karten
sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarock?"
"Tarock? Naturlich. Von Kindheit an."
"Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen konnen, in dem
die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst Tausende Male in der Hand
gehabt haben."
"Ich? In der Hand gehabt? Ich?" - Zwakh griff sich an den Kopf.
"Jawohl,
Sie!
Ist es Ihnen niemals aufgefallen, da? das Tarockspiel 22
Trumpfe hat, - genausoviel, wie das hebraische Alphabet Buchstaben? Zeigen
unsere bohmischen Karten nicht zum Uberflu? noch Bilder dazu, die
offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der Teufel, das Letzte Gericht?
- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, da? Ihnen das Leben die
Antworten in die Ohren schreien soll? - - Was Sie allerdings nicht zu wissen
brauchen, ist, da?
›Tarok‹
oder
›Tarot‹
soviel bedeutet wie die judische
›Tora‹
= das Gesetz, oder das altagyptische
›Tarut‹
= ›die Befragte‹, und in
der uralten Zendsprache das Wort:
›tarisk‹
= ›ich verlange die Antwort‹. -
Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen,
das Tarock stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. - Und so, wie der Pagad
die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste Figur in seinem
eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelganger: - - der hebraische Buchstabe
Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit der einen Hand zum Himmel
zeigt und mit der andern abwarts: das hei?t also: ›So wie es oben ist, ist
es auch unten; so wie es unten ist, ist es auch oben.‹ - Darum sagte ich
vorhin: Wer wei?, ob Sie wirklich Zwakh hei?en und nicht: ›Pagad‹ - berufen
Sie's nicht," - Hillel blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie
sich unter seinen Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutung auftat - "berufen
Sie's nicht, Herr Zwakh!
Man kann da in finstere Gange geraten
, aus denen
noch keiner zuruckfand, der nicht -
einen Talisman bei sich trug.
Die
Uberlieferung erzahlt, da? einmal drei Manner hinabgestiegen seien ins Reich
der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur der dritte,
Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst
begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst begegnet, z.
B. Goethe, gewohnlich auf einer Brucke, oder sonst einem Steig, der von
einem Ufer eines Flusses zum andern fuhrt, - hat sich selbst ins Auge
geblickt und ist
nicht
wahnsinnig geworden. Aber dann war's eben nur eine
Spiegelung des eigenen Bewu?tseins und nicht der wahre Doppelganger: nicht
das, was man ›den Hauch der Knochen‹, den ›Habal Garmin‹ nennt, von dem es
hei?t:
Wie er in die Grube fuhr, unverweslich, im Gebein, so wird er
auferstehn am Tage des Letzten Gerichts.
" - Hillels Blick bohrte sich immer
tiefer in meine Augen - "Unsere Gro?mutter sagen von ihm: ›
er wohnt
hoch
uber der Erde
in einem Zimmer ohne Ture, nur mit einem Fenster
, von dem aus
eine Verstandigung mit den Menschen unmoglich ist. Wer ihn zu bannen und zu
- - verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst." - - - Was
schlie?lich das Tarock betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: Fur jeden
Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trumpfe richtig verwendet,
der gewinnt die Partie - - -. Aber kommen Sie jetzt, Herr Zwakh! Gehen wir,
Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus, und es bleibt nichts
mehr ubrig fur ihn selbst."
Not
Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten
die Schneesterne - winzige Soldaten in wei?en, zottigen Mantelchen -
hintereinander her an den Scheiben voruber - minutenlang - immer in
derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders
bosartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einemmal dick satt,
schienen aus ratselhaften Grunden einen Wutanfall zu bekommen und sausten
wieder zuruck, bis ihnen von oben und unten neue feindliche Armeen in die
Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel auflosten.
Monate schien mir zuruckzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
erlebt hatte, und waren nicht taglich einigemal immer neue krause Geruchte
uber den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben lie?en,
ich glaube, ich hatte mich in Augenblicken des Zweifels verdachtigen konnen,
das Opfer eines seelischen Dammerzustandes gewesen zu sein.
Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach in
schreienden Farben hervor, was mir Zwakh uber den noch immer unaufgeklarten
Mord an dem sogenannten "Freimaurer" erzahlt hatte.
Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir
nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschutteln
konnte, - fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem
Kanalgitter ein unheimliches Gerausch gehort zu haben geglaubt, hatten wir
den Burschen beim "Loisitschek" gesehen. Allerdings lag kein Anla? vor, den
Schrei unter der Erde, der uberdies geradesogut eine Sinnestauschung gewesen
sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu deuten. - - -
Das Schneegestober vor meinen Augen blendete mich und ich fing an,
alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder
auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht
entworfen hatte, mu?te sich vortrefflich auf den blaulich leuchtenden
Mondstein da ubertragen lassen. - Ich freute mich: es war ein angenehmer
Zufall, da? sich etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden
hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende gab dem Stein gerade das
richtige Licht und die Konturen pa?ten so genau, als habe ihn die Natur
eigens geschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams feinem Profil zu
werden.
Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die
den agyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des
Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender
Deutlichkeit ins Gedachtnis zuruckrufen konnte, regte mich kunstlerisch
stark an, aber allmahlich entdeckte ich nach den ersten Schnitten eine
solche Ahnlichkeit mit der Tochter Schemajah Hillels, da? ich meinen Plan
umstie?. - - -
- Das Buch Ibbur! -
Erschuttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfa?bar, was in der kurzen
Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
Wie jemand, der sich plotzlich in eine unabsehbare Sandwuste versetzt
sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengro?en Einsamkeit
bewu?t, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.
Konnte ich je mit einem Freund - Hillel ausgenommen - davon reden, was
ich erlebt?
Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nachte die
Erinnerung wiedergekehrt, da? mich all meine Jugendjahre - von fruher
Kindheit angefangen - ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert hatte,
aber die Erfullung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm gekommen und
erdruckte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.
Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
Geschehene in seiner vollen markverbrennenden Lebendigkeit als
Gegenwart
empfinden mu?te.
Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genu? auskosten:
Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinuber zu gehen in
mein Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das
Geschenk der Unsichtbaren, lag!
Wie lang war's her, da hatte es meine Hand beruhrt, als ich Angelinas
Briefe dazuschlo?!
Dumpfes Drohnen drau?en, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehauften
Schneemassen von den Dachern hinab vor die Hauser warf, gefolgt von Pausen
tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.
Ich wollte weiterarbeiten, - da plotzlich stahlscharfe Hufschlage unten
die Gasse entlang, da? man's formlich Funken spruhen sah.
Das Fenster zu offnen und hinauszuschauen, war unmoglich: Muskeln aus
Eis verbanden seine Rander mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur
Halfte wei? verweht. Ich sah nur, da? Charousek scheinbar ganz friedlich
neben dem Trodler Wassertrum stand - sie mu?ten soeben ein Gesprach
mitsammen gefuhrt haben - sah, wie die Verbluffung, die sich in ihrer beider
Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken
entzogen war, anstarrten.
Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. - Sie selbst konnte
es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren - in der
Hahnpa?gasse! - vor aller Leute Augen! Es ware hellichter Wahnsinn gewesen.
- Aber was sollte ich zu ihrem Gatten sagen, wenn er's ware und mich auf den
Kopf zu fragte?
Leugnen, naturlich leugnen.
Hastig legte ich mir die Moglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte
sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, - von Wassertrum - da? sie hier
gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht:
wahrscheinlich, da? sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir bestellt habe. -
- - Da! wutendes Klopfen an meiner Tur und - Angelina stand vor mir.
Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied war
aus.
Dennoch lehnte sich irgend etwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich
brachte es nicht fertig, zu glauben, da? das Gefuhl, ihr helfen zu konnen,
mich belogen haben sollte.
Ich fuhrte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und
sie verbarg, todmude wie ein Kind, ihren Kopf an meiner Brust.
Wir horten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie
der rote Schein uber die Dielen huschte, aufflammte und erlosch - aufflammte
und erlosch - aufflammte und erlosch - - -
"Wo ist das Herz aus rotem Stein - - -" klang es in meinem Innern. Ich
fuhr auf: Wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
Und ich forschte sie aus, - vorsichtig, leise, ganz leise, da? sie
nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht beruhre.
Bruchstuckweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es
mir zusammen wie ein Mosaik:
"Ihr Gatte wei? - -?"
"Nein, noch nicht; er ist verreist."
Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; - Charousek hatte es richtig
erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie
hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff ich.
Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit
Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, da?
- - da? - er wollte, da? sich Dr. Savioli - - ein Leid antue.
Sie kenne jetzt auch die Grunde von Wassertrums wildem besinnungslosem
Ha?: "Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod
getrieben."
Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunterlaufen,
dem Trodler alles verraten: da?
Charousek
den Schlag gefuhrt hatte - aus dem
Hinterhalt - und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war - - -. "Verrat!
Verrat!" heulte es mir ins Hirn, "du willst also den armen schwindsuchtigen
Charousek, der
dir
helfen wollte und
ihr,
der Rachsucht dieses Halunken
preisgeben?" - Und es zerri? mich in blutende Halften. - Dann sprach ein
Gedanke eiskalt und gelassen die Losung aus: "Narr! Du hast es doch in der
Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, hinunter zu
laufen und sie dem Trodler durch die Gurgel zu jagen, da? die Spitze hinten
zum Genick herausschaut."
Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
Ich forschte weiter:
"Und Dr. Savioli?"
Kein Zweifel, da? er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht
rettete. Die Krankenschwestern lie?en ihn nicht aus den Augen, hatten ihn
mit Morphium betaubt, aber vielleicht erwacht er plotzlich - vielleicht
gerade jetzt - und - und - nein, nein, sie musse fort, durfe keine Sekunde
Zeit mehr versaumen, - sie wolle ihrem Gatten schreiben, ihm alles
eingestehen, - solle er ihr das Kind nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn
sie hatte Wassertrum damit die einzige Waffe aus der Hand geschlagen, die er
besa?e und mit der er drohe.
Sie wolle das Geheimnis selbst enthullen, ehe er es verraten konne.
"Das werden Sie
nicht
tun, Angelina!" schrie ich und dachte an die
Feile und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude uber meine Macht.
Angelina wollte sich losrei?en: ich hielt sie fest.
"Nur noch eins: Uberlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trodler so ohne
weiteres glauben?"
"Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht
auch ein Bild von mir, - alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier
versteckt war."
Briefe? Bild? Schreibtisch? - ich wu?te nicht mehr, was ich tat: ich
ri? Angelina an meine Brust und ku?te sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf
die Augen.
Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
Dann hielt ich sie an ihren schmalen Handen und erzahlte ihr mit
fliegenden Worten, da? der Todfeind Wassertrums - ein armer bohmischer
Student - die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hatte und sie in
meinem Besitz seien und fest verwahrt.
Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Ku?te
mich. Rannte zur Tur. Kehrte wieder um und ku?te mich wieder.
Dann war sie verschwunden.
Ich stand wie betaubt und fuhlte noch immer den Atem ihres Mundes an
meinem Gesicht.
Ich horte wie die Wagenrader uber das Pflaster donnerten und den
rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute spater war alles still. Wie ein Grab.
Auch in mir.
Plotzlich knarrte die Tur leise hinter mir, und Charousek stand im
Zimmer:
"Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie
schienen es nicht zu horen."
Ich nickte nur stumm.
"Hoffentlich nehmen Sie nicht an, da? ich mich mit Wassertrum versohnt
habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?" - Charouseks hohnisches
Lacheln sagte mir, da? er nur einen grimmigen Spa? machte. - "Sie mussen
namlich wissen: Das Gluck ist mir hold; die Kanaille da unten fangt an, mich
in ihr Herz zu schlie?en, Meister Pernath. - - Es ist eine seltsame Sache,
das mit der Stimme des Blutes", setzte er leise - halb fur sich - hinzu.
Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hatte
etwas uberhort. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.
"Er wollte mir einen Mantel schenken", fuhr Charousek laut fort. "Ich
habe naturlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut genug.
- Und dann hat er mir Geld aufgedrangt."
"Sie haben es angenommen?!", wollte es mir herausfahren, aber ich hielt
noch rasch meine Zunge im Zaum.
Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
"Das Geld habe ich selbstverstandlich angenommen."
Mir wurde ganz wirr im Kopf!
"- an - genommen?", stammelte ich.
"Ich hatte nie gedacht, da? man auf Erden eine so reine Freude
empfinden kann!" - Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine
Fratze. - "Ist es nicht ein erhebendes Gefuhl, im Haushalt der Natur
›Mutterchens Vorsehung‹ okonomischen Finger allenthalben in Weisheit und
Umsicht walten zu sehen!?" - Er sprach wie ein Pastor und klimperte dabei
mit dem Geld in seiner Tasche, - "wahrlich, als hehre Pflicht empfinde ich
es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller und Pfennig
dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzufuhren."
War er betrunken? Oder wahnsinnig?
Charousek anderte plotzlich den Ton:
"Es liegt eine satanische Komik darin, da? Wassertrum sich die - Arznei
selber bezahlt. Finden Sie nicht?"
Eine Ahnung dammerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg,
und mir graute vor seinen fiebernden Augen.
"Ubrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
laufenden Geschafte. Vorhin, die Dame, das war
›sie‹
doch? Was ist ihr denn
eingefallen, hier offentlich vorzufahren?"
Ich erzahlte Charousek, was geschehen war.
"Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Handen", unterbrach er
mich freudig, "sonst hatte er nicht heute morgen abermals das Atelier
durchsucht. - Merkwurdig, da? Sie ihn nicht gehort haben!? Eine volle Stunde
lang war er druben."
Ich staunte, woher er alles so genau wissen konne, und sagte es ihm.
"Darf ich?" - als Erklarung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch,
zundete sie an und erlauterte: "Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tur offnen,
bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabakrauch aus der
Richtung. Es ist das vielleicht das einzige Naturgesetz, das Herr Wassertrum
genau kennt, und fur alle Falle hat er in der Stra?enmauer des Ateliers -
das Haus gehort ihm, wie Sie wissen - eine kleine, versteckte, offene Nische
anbringen lassen: eine Art Ventilation, und darin ein rotes Fahnchen. Wenn
nun jemand das Zimmer betritt oder verla?t, das hei?t: die Zugtur offnet, so
merkt es Wassertrum unten an dem heftigen Flattern des Fahnchens. Allerdings
wei?
ich
es ebenfalls," setzte Charousek trocken hinzu, "wenn's mir drum zu
tun ist, und kann es von dem Kellerloch
vis-a-vis
, in dem zu hausen ein
gnadiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. - Der
niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des wurdigen
Patriarchen, aber auch mir seit Jahren gelaufig."
"Was fur einen ubermenschlichen Ha? Sie gegen ihn haben mussen, da? Sie
so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie
sagen!" warf ich ein.
"Ha??" Charousek lachelte krampfhaft. "Ha?? - Ha? ist kein Ausdruck.
Das Wort, das meine Gefuhle gegen ihn bezeichnen konnte, mu? erst geschaffen
werden. - Ich hasse, genaugenommen, auch gar nicht
ihn.
Ich hasse sein Blut.
Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein
Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen flie?t, - und" - er bi?
die Zahne zusammen - "das kommt ›zuweilen‹ vor hier im Getto." Unfahig
weiter zu sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. -
Ich horte wie er sein Keuchen unterdruckte. Wir schwiegen beide eine Weile.
"Hallo, was ist denn das?" fuhr er plotzlich auf und winkte mir hastig:
"Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?"
Wir spahten vorsichtig hinter den Vorhangen hinunter:
Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trodlerladens und bot,
soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen
kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an.
Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Hohle
zuruck.
Gleich darauf sturzte er wieder hervor - totenbla? - und packte Jaromir
an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. - Mit einem Mal lie?
Wassertrum los und schien zu uberlegen. Nagte wutend an seiner gespaltenen
Oberlippe. Warf einen grubelnden Blick zu uns herauf und zog dann Jaromir am
Arm friedlich in seinen Laden.
Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig
werden zu konnen mit ihrem Handel.
Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und
ging seines Weges.
"Was halten Sie davon?", fragte ich. "Es scheint nichts Wichtiges zu
sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand
versilbert."
Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
Tisch.
Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr
nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
"Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. - Unterbrechen Sie mich,
Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich
darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst
nachher wie Ernuchterung. Ein Mensch mit Schamgefuhl soll in kuhlen Worten
reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder - oder ein Dichter. -
Seit die Welt steht, war's niemand eingefallen, vor Leid die ›Hande zu
ringen‹, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als besonders ›plastisch‹
ausgetuftelt hatten."
Ich begriff, da? er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich
Ruhe zu bekommen.
Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervos lief er im Zimmer auf und
ab, fa?te alle moglichen Gegenstande an und stellte sie zerstreut zuruck an
ihren Platz.
Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
"Aus den kleinsten unwillkurlichen Bewegungen eines Menschen verrat
sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ›ihm‹ ahnlich sehen und als
seine
gelten,
aber doch sind sie nicht vom selben Stamme - man kann mich
nicht tauschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, da? Dr. Wassory sein Sohn ist,
aber ich habe es - ich mochte sagen - gerochen.
Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
Beziehungen Wassertrum zu mir steht," - sein Blick ruhte eine Sekunde
forschend auf mir, - "besa? ich diese Gabe. Man hat mich mit Fu?en getreten,
mich geschlagen, da? es wohl keine Stelle an meinem Korper gibt, die nicht
wu?te, was rasender Schmerz ist, - hat mich hungern und dursten lassen, bis
ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals
konnte ich diejenigen hassen, die mich peinigten. Ich
konnte
einfach nicht.
Es war kein Platz mehr in mir fur Ha?. - Verstehen Sie? Und doch war mein
ganzes Wesen getrankt damit.
Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan - ich will damit
sagen, da? er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch
irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb:
ich wei? das genau, - und doch richtete sich alles, was an Rachsucht und Wut
in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!
Merkwurdig ist, da? ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack
gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zuruck. Aber
stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustur versteckt,
durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor
unerklarlichem Ha?gefuhl schwarz vor den Augen wurde.
Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt,
das sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in
Beruhrung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich mu? wohl jede seiner
Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen und wie er Sachen anfa?t, hustet
und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewu?t
auswendig
gelernt
haben, bis sich's mir in die Seele fra?, da? ich uberall die Spuren davon
auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstucke erkennen
kann.
Spater wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstande
von mir, blo? weil mich der Gedanke qualte, seine Hand konne sie beruhrt
haben, - andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie
Freunde, die ihm Boses wunschten."
Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins
Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.
"Als dann ein paar mitleidige Lehrer fur mich gesammelt hatten und ich
Philosophie und Medizin studierte - auch nebenbei selbst denken lernte -, da
kam mir langsam die Erkenntnis, was Ha? ist:
Wir konnen nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von
uns selbst ist.
Und wie ich spater dahinter kam, - nach und nach alles erfuhr: was
meine Mutter war - und - und noch sein mu?, wenn - wenn sie noch lebt, - und
da? mein eigener Leib" - er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht
sehen sollte, - "voll ist von
seinem
eklen Blut - nun ja, Pernath, - warum
sollen Sie's nicht wissen:
er ist mein Vater!
- da wurde mir klar, wo die
Wurzel lag. - - - Zuweilen kommt's mir sogar wie ein geheimnisvoller
Zusammenhang vor, da? ich schwindsuchtig bin und Blut spucken mu?: mein
Korper wehrt sich gegen alles, was von
›ihm‹
ist, und sto?t es mit Abscheu
von sich.
Oft hat mich mein Ha? bis in den Traum begleitet und zu trosten gesucht
mit Geschichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ›ihm‹ zufugen
durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden
Beigeschmack des - Unbefriedigtseins in mir hinterlie?en.
Wenn ich uber mich selbst nachdenke und mich wundern mu?, da? es so gar
niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, - ja nicht einmal
als antipathisch zu empfinden imstande ware, au?er ›ihn‹ und seinen Stamm, -
beschleicht mich oft das widerliche Gefuhl: ich konnte das sein, was man
einen ›guten Menschen‹ nennt. Aber zum Gluck ist es nicht so. - Ich sagte
Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
Und glauben Sie nur ja nicht, da? ein trauriges Schicksal mich
verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich uberdies erst
in spateren Jahren) - ich habe
einen
Freudentag erlebt, der weit in den
Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergonnt ist. Ich wei? nicht,
ob Sie kennen, was innere, echte, hei?e Frommigkeit ist, - ich hatte es bis
dahin auch nicht gekannt - als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich
selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und sah, wie ›er‹ die Nachricht
bekam, - sie ›stumpfsinnig‹, wie ein Laie, der die echte Buhne des Lebens
nicht kennt, hatte glauben mussen, - hinnahm, wohl eine Stunde lang
teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote Hasenscharte nur ein ganz klein
bi?chen hoher uber die Zahne gezogen als sonst und den Blick so gewi? - - so
- so - so eigenartig nach innen gekehrt, - - - - da fuhlte ich den
Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. - - Kennen Sie das Gnadenbild
der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder und
die Finsternis des Paradieses hullte meine Seele ein." -
- - - Wie ich Charousek so dastehen sah, die gro?en, traumerischen
Augen voll Tranen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit
des dunklen Pfades, den die Bruder des Todes gehen.
Charousek fuhr fort:
"Die au?eren Umstande, die meinen Ha? ›rechtfertigen‹ oder in den
Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen
konnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: - Tatsachen sehen
sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie sind das
aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das
nur der Schwachsinnige fur das Wesentliche eines Gelages halt. - Wassertrum
hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln, die seinesgleichen
Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu Willen zu sein, - wenn es nicht noch viel
schlimmer war. Und dann - - nun ja - und dann hat er sie an - ein
Freudenhaus verkauft, - - - so etwas ist nicht schwer, wenn man Polizeirate
zu Geschaftsfreunden hat, - aber nicht etwa, weil er ihrer uberdrussig
gewesen ware, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines Herzens: an
dem
Tage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewu?t wurde, wie hei?
er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da scheinbar
widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht
auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trodlerbude
gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des ›Hergebenmussens‹.
Er mochte den Begriff ›haben‹ am liebsten in sich hineinfressen und konnte
er sich uberhaupt ein Ideal ausdenken, so war's das, sich dereinst in den
abstrakten Begriff ›Besitz‹ aufzulosen. - -
Und da ist es damals riesengro? in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
Angst: "seiner selbst nicht mehr sicher" zu sein, - nicht: etwas an Liebe
geben zu
wollen,
sondern geben zu
mussen:
die Gegenwart eines Unsichtbaren
in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er mochte, da? es sein
Wille sein sollte, heimlich in Fesseln schlug. - So war der Anfang. Was dann
folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht mechanisch zubei?en mu?, - ob er
will oder nicht - wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit
voruberschwimmt.
Das Verschachern meiner Mutter ergab sich fur Wassertrum als naturliche
Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die
Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. - - - Verzeihen
Sie, Meister Pernath," - Charouseks Stimme klang plotzlich so hart und
nuchtern, da? ich erschrak, - "verzeihen Sie, da? ich so furchtbar gescheit
daherrede, aber wenn man an der Universitat ist, kommt einem eine Menge
vertrottelter Bucher unter die Hande; unwillkurlich verfallt man dann in
eine teppenhafte Ausdrucksweise." -
Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lacheln; innerlich verstand ich
gar wohl, da? er mit dem Weinen kampfte.
Irgendwie mu? ich ihm helfen, uberlegte ich, wenigstens seine bitterste
Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm
unauffallig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
"Wenn Sie spater einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf
als Arzt ausuben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek"; sagte
ich, um dem Gesprach eine versohnliche Richtung zu geben, - "machen Sie bald
Ihr Doktorat?"
"Demnachst. Ich bin es meinen Wohltatern schuldig. Zweck hat's ja
keinen, denn meine Tage sind gezahlt."
Ich wollte den ublichen Einwand machen, da? er doch wohl zu schwarz
sehe, aber erwehrte lachelnd ab:
"Es ist das beste so. Es mu? uberdies kein Vergnugen sein, den
Heilkomodianten zu mimen und sich zu guterletzt noch als diplomierter
Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. - - Andererseits", setzte er
mit seinem galligen Humor hinzu, "wird mir leider jedes weitere segensreiche
Wirken hier im Diesseits-Getto ein fur allemal abgeschnitten sein." Er griff
nach seinem Hut. "Jetzt will ich aber nicht langer storen. Oder ware noch
etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen
Sie mich jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie
hangen einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, da? ich Sie besuchen
soll. Zu mir in den Keller durfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum
wurde sofort Verdacht schopfen, da? wir zusammenhalten. - Ich bin ubrigens
sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, da? die Dame zu
Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hatte Ihnen ein Schmuckstuck
zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, spielen Sie eben den
Rabiaten."
Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die
Banknote aufzudrangen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom
Fensterbrett und sagte: "Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stuck die Treppen
hinunter. - Hillel erwartet mich", log ich.
Er stutzte:
"Sie sind mit ihm befreundet?"
"Ein wenig. Kennen Sie ihn? - - Oder mi?trauen Sie ihm", - ich mu?te
unwillkurlich lacheln - "vielleicht auch?"
"Da sei Gott vor!"
"Warum sagen Sie das so ernst?"
Charousek zogerte und dachte nach:
"Ich wei? selbst nicht warum. Es mu? etwas Unbewu?tes sein: so oft ich
ihm auf der Stra?e begegne, mochte ich am liebsten vom Pflaster
heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie
tragt. - Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in
jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen
hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch informiert
sind, als Geizhals und heimlicher Millionar und ist doch unsagbar arm."
Ich fuhr entsetzt auf: "arm?"
"Ja, womoglich noch armer als ich. Das Wort ›nehmen‹ kennt er, glaub'
ich, uberhaupt nur aus Buchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem
›Rathaus‹ kommt, dann laufen die judischen Bettler vor ihm davon, weil sie
wissen, er wurde dem nachsten besten von ihnen seinen ganzen karglichen
Gehalt in die Hand drucken und ein paar Tage spater - samt seiner Tochter
selber verhungern. - Wenn's wahr ist, was eine uralte talmudische Legende
behauptet: da? von den zwolf judischen Stammen zehn verflucht sind und zwei
hellig, so verkorpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern
zusammen. - Haben Sie noch nie bemerkt, wie Wassertrum samtliche Farben
spielt, wenn Hillel an ihm voruber geht? Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen
Sie,
solches
Blut
kann
sich gar nicht vermischen; da kamen die Kinder tot
zur Welt. Vorausgesetzt, da? die Mutter nicht schon fruher vor Entsetzen
sturben. - Hillel ist ubrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht
herantraut; - er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das
Unbegreifliche, das vollkommen Unentratselbare, fur ihn bedeutet. Vielleicht
wittert er in ihm auch den Kabballsten."
Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
"Glauben Sie, da? es heutzutage noch Kabballsten gibt - da? uberhaupt
an der Kabbala etwas sein konnte?", fragte ich, gespannt, was er wohl
antworten wurde, aber er schien nicht zugehort zu haben.
Ich wiederholte meine Frage.
Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tur des Treppenhauses, die aus
Kistendeckeln zusammengenagelt war:
"Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar judische aber arme
Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den
kleinen Madchen, kommt der Rappel uber ihn: dann bindet er sie an den Daumen
zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwangt sie in einen alten
Huhnerkafig und unterweist sie im ›Gesang‹, wie er es nennt, damit sie
spater ihren Lebensunterhalt selbst erwerben konnen, - das hei?t, er lehrt
sie die verrucktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstucke, die
er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dammer seines Seelenzustandes fur -
preu?ische Schlachthymnen oder dergleichen halt."
Wirklich tonte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
Fiedelbogen kratzte furchterlich hoch und immerwahrend in ein und demselben
Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendunne Kinderstimmen sangen
dazu:
"Frau Pick,
Frau Hock,
Frau Kle - pe - tarsch,
se stehen beirenond
und schmusen allerhond - -"
Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mu?te wider Willen
hellaut auflachen.
"Schwiegersohn Schaffranek - seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
Gurkensaft glaschenweise an die Schuljugend - lauft den ganzen Tag in den
Buros herum", fuhr Charousek grimmig fort, "und erbettelt sich alte
Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die
zufallig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und
schneidet sie durch. Die ungestempelten Halften klebt er zusammen und
verkauft sie als neu. Anfangs bluhte das Geschaft und warf manchmal fast
einen - Gulden im Tag ab, aber schlie?lich kamen die Prager judischen
Gro?industriellen dahinter - und machen es jetzt selber. Sie schopfen den
Rahm ab."
"Wurden
Sie
Not lindern, Charousek, wenn Sie uberflussiges Geld
hatten?" fragte ich rasch. - Wir standen vor Hillels Tur und ich klopfte an.
"Halten Sie mich fur so gemein, da? Sie glauben konnen, ich tate es
nicht?", fragte er verblufft zuruck.
Mirjams Schritte kamen naher, und ich wartete, bis sie die Klinke
niederdruckte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:
"Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafur, aber mich
mu?ten
Sie
fur gemein halten, wenn ich's unterlie?e."
Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschuttelt und
die Tur hinter mir zugezogen. Wahrend mich Mirjam begru?te, lauschte ich,
was er tun wurde.
Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging
langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am
Gelander halten mu?. - - -
Es war das erste Mal, da? ich Hillels Zimmer besuchte.
Es sah schmucklos aus wie ein Gefangnis. Der Boden peinlich sauber und
mit wei?em Sand bestreut. Nichts an Mobeln als zwei Stuhle und ein Tisch und
eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wanden. - - -
Mirjam sa? mir gegenuber am Fenster, und ich bossierte an meinem
Modellierwachs.
"Mu? man denn ein Gesicht
vor sich
haben, um die Ahnlichkeit zu
treffen?", fragte sie schuchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.
Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wu?te nicht, wohin
die Augen richten in ihrer Qual und Scham uber die jammervolle Stube, und
mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, da? ich mich nicht langst darum
gekummert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
Aber irgend etwas mu?te ich doch antworten!
"Nicht so sehr, um die Ahnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen,
ob man innerlich auch richtig gesehen hat", - ich fuhlte, noch wahrend ich
sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.
Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man musse die
au?ere Natur studieren, um kunstlerisch schaffen zu konnen, stumpfsinnig
nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war
mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkonnen hinter
geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlagt, -
die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner
wirklich besitzt.
Wie konnte ich auch nur von der
Moglichkeit
sprechen, die unfehlbare
Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
nachmessen zu wollen!
Mirjam schien Ahnliches zu denken, nach dem Erstaunen in ihren Mienen
zu schlie?en.
"Sie durfen es nicht so wortlich nehmen", entschuldigte ich mich.
Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form
vertiefte.
"Es mu? unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
ubertragen?"
"Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens."
Pause.
"Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?" fragte sie.
"Sie ist doch fur Sie bestimmt, Mirjam."
"Nein, nein; das geht nicht, - - das - das - -", - ich sah, wie ihre
Hande nervos wurden.
"Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?",
unterbrach ich sie schnell, "ich wollte, ich durfte mehr fur Sie tun."
Hastig wandte sie das Gesicht ab.
Was hatte ich da gesagt! Ich mu?te sie aufs tiefste verletzt haben. Es
hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.
Konnte ich es noch beschonigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?
Ich nahm einen Anlauf:
"Horen Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. - Ich schulde
Ihrem Vater so unendlich viel, - Sie konnen das gar nicht ermessen - -"
Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
"-ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben."
"Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmachtig waren? Das war doch
selbstverstandlich."
Ich fuhlte: sie wu?te nicht, welches Band mich mit ihrem Vater
verknupfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu
verraten, was er ihr verschwieg.
"Weit hoher als au?ere Hilfe, dachte ich, ist die innere zu stellen. -
Ich meine die, die aus dem geistigen Einflu? eines Menschen auf den andern
uberstrahlt. - Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? - Man kann
jemand auch seelisch heilen, nicht nur korperlich, Mirjam."
"Und das hat - -?"
"Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!" - ich fa?te sie an der Hand, -
"begreifen Sie nicht, da? es mir da ein Herzenswunsch sein mu?, wenn schon
nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht, wie Sie, irgendeine Freude
zu bereiten? - Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! - Gibt's
denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfullen konnte?"
Sie schuttelte den Kopf: "Sie glauben, ich fuhle mich unglucklich
hier?"
"Gewi? nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
abnehmen konnte? Sie sind verpflichtet - horen Sie! - verpflichtet, mich
daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern
traurigen Gasse, wenn Sie nicht mu?ten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und -
-"
"Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath", unterbrach sie mich
lachelnd, "was fesselt Sie an das Haus?"
Ich stutzte. - Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich
hier? Ich konnte es mir nicht erklaren, was fesselt dich an das Haus?
wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklarung finden und
verga? einen Augenblick ganz, wo ich war. - Dann stand ich plotzlich
entruckt irgendwo hoch oben - in einem Garten - roch den zauberhaften Duft
von bluhenden Holunderdolden, - sah herab auf die Stadt - - -
"Habe ich eine Wunde beruhrt? Hab' ich Ihnen weh getan?", kam Mirjams
Stimme von weit, weit her zu mir.
Sie hatte sich uber mich gebeugt und sah mir angstlich forschend ins
Gesicht.
Ich mu?te wohl lange starr dagesessen haben, da? sie so besorgt war.
Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plotzlich
gewaltsam Bahn, uberflutete mich, und ich schuttete Mirjam mein ganzes Herz
aus.
Ich erzahlte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein
ganzes Leben beisammen war und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich
stand und auf welche Weise ich aus einer Erzahlung Zwakhs erfahren hatte,
da? ich in fruheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine
Vergangenheit beraubt worden war, - wie in letzter Zeit Bilder in mir wach
geworden, die in jenen Tagen wurzeln mu?ten, immer haufiger und haufiger,
und da? ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich
von neuem zerrei?en wurde.
Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mu?te: - meine
Erlebnisse in den unterirdischen Gangen und all das ubrige, verschwieg ich
ihr.
Sie war dicht zu mir geruckt und horte mit einer tiefen atemlosen
Teilnahme zu, die mir unsaglich wohl tat.
Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. - Gewi? wohl:
Hillel war ja noch da, aber fur mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken,
das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich
mich sehnte.
Ich sagte es ihr und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem
er ihr Vater war.
Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm - "und doch bin ich
wie durch eine Glaswand von ihm getrennt," vertraute sie mir an, "die ich
nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. - Wenn ich ihn als
Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des
Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der
Brust, und blaue leuchtende Strahlen gingen von seinen Schlafen aus. - Ich
glaube, seine Liebe ist von der Art, die ubers Grab hinausgeht, und zu gro?,
als da? wir sie fassen konnten. - Das hat auch meine Mutter immer gesagt,
wenn wir heimlich uber ihn sprachen." - - Sie schauderte plotzlich und
zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zuruck:
"Seien Sie ruhig, es ist nichts. Blo? eine Erinnerung. Als meine Mutter
starb - nur ich wei?, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein
kleines Madchen, - glaubte ich vor Schmerz ersticken zu mussen, und ich lief
zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte
doch nicht, weil alles gelahmt war in mir - und - und da - - - - mir lauft's
wieder eiskalt uber den Rucken, wenn ich daran denke - sah er mich lachelnd
an, ku?te mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand uber die Augen. - - -
- Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, da? ich meine Mutter
verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Trane konnte ich
vergie?en, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand
Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein
Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte,
lachelte er jedesmal leise und ich fuhlte, wie das Entsetzen durch die Menge
fuhr, als sie es sahen."
"Und sind Sie glucklich, Mirjam? Ganz glucklich? Liegt nicht zugleich
etwas Furchtbares fur Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das
hinausgewachsen ist uber alles Menschentum?", fragte ich leise.
Mirjam schuttelte freudig den Kopf:
"Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. - Als Sie mich vorhin
fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hatte und warum wir hier wohnten,
mu?te ich fast lachen. Ist denn die Natur schon? Nun ja, die Baume sind grun
und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schoner
vorstellen, wenn ich die Augen schlie?e. Mu? ich denn, um sie zu sehen, auf
einer Wiese sitzen? - Und das bi?chen Not und - und - und Hunger? Das wird
tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten."
"Das Warten?", fragte ich erstaunt.
"Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie
aber ein ganz, ganz armer Mensch. - Da? das so wenige kennen?! Sehen Sie,
das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre.
Ich hatte wohl fruher ein paar Freundinnen - Judinnen naturlich, wie ich -,
aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich
sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache
Spa?, und als sie merkten, wie ernst es mir war und da? ich auch unter
Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so
bezeichnen: das gesetzma?ige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern
eher das Gegenteil, - hatten sie mich am liebsten fur verruckt gehalten,
aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, da? ich ziemlich gelenkig bin im
Denken, hebraisch und aramaisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim
lesen kann, und was dergleichen Nebensachlichkeiten mehr sind. Schlie?lich
fanden sie ein Wort, das uberhaupt nichts mehr ausdruckt: sie nannten mich
›uberspannt‹.
Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, da? das Bedeutsame - das
Wesentliche - fur mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das
Wunder
und blo? das Wunder sei und nicht Vorschriften uber Moral und Ethik,
die nur versteckte Wege sein konnen, um zum Wunder zu gelangen, - so wu?ten
sie nur mit Gemeinplatzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen
einzugestehen, da? sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was
ebensogut im burgerlichen Gesetzbuch stehen konnte. Wenn sie das Wort
›Wunder‹ nur horten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verloren den Boden
unter den Fu?en, sagten sie.
Als ob es etwas Herrlicheres geben konnte, als den Boden unter den
Fu?en zu verlieren!
Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, horte ich
einmal meinen Vater sagen, - dann, dann erst fangt das Leben an. - Ich wei?
nicht, was er mit dem ›Leben‹ meinte, aber ich fuhle zuweilen, da? ich eines
Tages so wie: ›erwachen‹ werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in
welchen Zustand hinein. Und Wunder mussen dem vorhergehen, denke ich mir
immer.
›Hast du denn schon welche erlebt, da? du fortwahrend darauf wartest?‹
fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie
plotzlich froh und siegesgewi?. Sagen Sie, Herr Pernath, konnen
Sie
solche
Herzen verstehen? Da? ich
doch
Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, -
winzig kleine -", - Mirjams Augen glanzten, - "wollte ich ihnen nicht
verraten, - - -"
Ich horte, wie Freudentranen ihre Stimme fast erstickten.
"- aber
Sie
werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate", - Mirjam
wurde ganz leise - "haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot
mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wu?te ich: jetzt
ist die Stunde da! - Und dann sa? ich hier und wartete und wartete, bis ich
vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und - und dann, wenn's mich
plotzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Stra?en, so
rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater
heimkam. Und - und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal weniger, aber
immer soviel, da? ich das Notigste einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden
mitten auf der Stra?e; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute traten
darauf, rutschten aus daruber, aber keiner bemerkte ihn. - Das machte mich
zuweilen so ubermutig, da? ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in
der Kuche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom
Himmel gefallen sei."
- Ein Gedanke scho? mir durch den Kopf, und ich mu?te aus Freude
daruber lacheln. -
Sie sah es.
"Lachen Sie nicht, Herr Pernath", flehte sie. "Glauben Sie mir, ich
wei?, da? diese Wunder wachsen werden und da? sie eines Tages -"
Ich beruhigte sie: "Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie
denn! Ich bin unendlich glucklich, da? Sie nicht sind wie die andern, die
hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's -
wir
rufen in solchen Fallen: Gott sei Dank! - einmal anders kommt."
Sie streckte mir die Hand hin:
"Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, da? Sie mir -
oder uns - helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, da? Sie mir die Moglichkeit,
ein Wunder zu erleben, rauben wurden, wenn Sie es taten?"
Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
Da ging die Tur und Hillel trat ein.
Mirjam umarmte ihn; und er begru?te mich. Herzlich und voll
Freundschaft, aber wieder mit dem kuhlen "Sie".
Auch schien etwas wie leise Mudigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu
lasten. - Oder irrte ich mich?
Vielleicht kam es nur von der Dammerung, die in der Stube lag.
"Sie sind gewi? hier, mich um Rat zu fragen", fing er an, als Mirjam
uns allein gelassen hatte, "in der Sache, die die fremde Dame betrifft - -?"
Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
"Ich wei? es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse
an, weil er mir merkwurdig verandert vorkam. Er hat mir alles erzahlt. In
der Uberfulle seines Herzens. Auch, da? - Sie ihm Geld geschenkt haben." Er
sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf hochst seltsame
Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:
"Gewi?, es hat dadurch ein paar Tropfen Gluck mehr vom Himmel geregnet
- und - und in diesem - Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber -,"
er dachte eine Weile nach, - "aber manchmal schafft man sich und anderen nur
Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber
Freund! Da ware es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlosen. - Oder glauben
Sie nicht?"
"Geben
Sie
denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen,
Hillel?", fragte ich.
Er schuttelte lachelnd den Kopf: "Mir scheint, Sie sind uber Nacht ein
Talmudist geworden, da? Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten.
Da ist freilich schwer streiten."
Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum
verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
"Ubrigens, um zu dem Thema zuruckzukommen", fuhr er in verandertem Tone
fort, "ich glaube nicht, da? Ihrem Schutzling - ich meine die Dame -
augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es
hei?t zwar: ›der kluge Mann baut vor‹, aber der Klugere, scheint mir, wartet
ab und ist auf alles gefa?t. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, da?
Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das mu? dann von ihm ausgehen,
- ich tue keinen Schritt,
er
mu? heruberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist
gleichgultig - und dann will ich mit ihm reden. An
ihm
wird's sein, sich zu
entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine
Hande in Unschuld."
Ich versuchte angstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und
eigentumlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem
schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
"Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns", fielen mir Mirjams
Worte ein.
Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drucken und - gehen.
Er begleitete mich bis vor die Ture und, als ich die Treppe hinaufging
und mich noch einmal umdrehte, sah ich, da? er stehen geblieben war und mir
freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen mochte und
nicht kann.
Angst
Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
Wirtsstube "Zum alten Ungelt" essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh,
Vrieslander und Prokop bis spat in die Nacht beisammen sa?en und einander
verruckte Geschichten erzahlten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel
der Vorsatz von mir ab, - wie wenn mir Hande ein Tuch oder sonst etwas, was
ich am Leibe getragen, abgerissen hatten.
Es lag eine Spannung in der Luft, uber die ich mir keine Rechenschaft
geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich
im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich ubertrug, da? ich vor
Unruhe anfangs kaum wu?te, was ich zuerst tun sollte: Licht anzunden, hinter
mir abschlie?en, mich niedersetzen oder auf und ab gehen.
Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt?
War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte?
War Wassertrum vielleicht hier?
Ich griff hinter die Gardinen, offnete den Schrank, tat einen Blick ins
Nebenzimmer: - niemand.
Auch die Kassette stand unverruckt an ihrem Platz.
Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen,
um ein fur allemal die Sorge um sie los zu sein?
Schon suchte ich nach dem Schlussel in meiner Westentasche - aber mu?te
es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen fruh.
Erst Licht machen!
Ich konnte die Streichholzer nicht finden.
War die Tur abgesperrt? - Ich ging ein paar Schritte zuruck. Blieb
wieder stehen.
Warum mit einemmal die Angst?
Ich wollte mir Vorwurfe machen, da? ich feig sei: - die Gedanken
blieben stecken. Mitten im Satz.
Eine wahnwitzige Idee uberfiel mich plotzlich: rasch, rasch auf den
Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und "dem" den
Schadel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, -
- wenn - wenn es in die Nahe kam.
"Es ist doch niemand hier," sagte ich mir laut und argerlich vor, "hast
du dich denn je im Leben gefurchtet?"
Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dunn und schneidend
wie Ather.
Wenn ich
irgend
etwas
gesehen
hatte: das Gra?lichste, was man sich
vorstellen kann, - im Nu ware die Furcht von mir gewichen.
Es kam nichts.
Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
Nichts.
Uberall lauter wohlbekannte Dinge: Mobel, Truhen, die Lampe, das Bild,
die Wanduhr - leblose, alte, treue Freunde.
Ich hoffte, sie wurden sich vor meinen Blicken verandern und mir Grund
geben, eine Sinnestauschung als Ursache fur das wurgende Angstgefuhl in mir
zu finden.
Auch das nicht. - Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr
fur das herrschende Halbdunkel, als da? es naturlich gewesen ware.
"Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst", fuhlte ich. "Sie
trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen."
Warum tickt die Wanduhr nicht? -
Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
Ich ruttelte am Tisch und wunderte mich, da? ich das Gerausch horen
konnte.
Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! - Nicht einmal das! Oder
das Holz im Ofen aufknallen wollte: - das Feuer war erloschen.
Und immerwahrend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft - pausenlos,
luckenlos, wie das Rinnen von Wasser.
Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
verzweifelte daran, es je uberdauern zu konnen. - Der Raum voll Augen, die
ich nicht sehen, - voll von planlos wandernden Handen, die ich nicht greifen
konnte.
"Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lahmende
Schrecknis des unfa?baren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken
die Grenzen zerfri?t", begriff ich dumpf.
Ich stellte mich steif hin und wartete.
Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht lie? "es" sich verleiten
und schlich von ruckwarts an mich heran - und ich konnte es ertappen?!
Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
Dasselbe markverzehrende "Nichts", das
nicht war
und doch das Zimmer
mit seinem grausigen Leben erfullte.
Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
"Es wurde mit mir gehen", wu?te ich sofort mit unabweisbarer
Sicherheit. Auch, da? es mir nichts nutzen konnte, wenn ich Licht machte,
sah ich ein, - dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug, bis ich es
gefunden hatte.
Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen
nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und
als sie sich endlich doch ein schwindsuchtiges Dasein erkampft hatte, blieb
sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch
besser.
Ich loschte wieder aus und warf mich angezogen ubers Bett. Zahlte die
Schlage meines Herzens: eins, zwei, drei - vier ... bis tausend, und immer
von neuem - Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken
wurden und das Haar sich mir straubte: keine Sekunde der Erleichterung.
Auch nicht eine einzige.
Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge
kamen: "Prinz", "Baum", "Kind", "Buch" - und sie krampfhaft zu wiederholen,
bis sie plotzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit
nackt mir gegenuberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mu?te, in
ihre Bedeutung zuruckzufinden: P-r-i-n-z? - B-u-ch?
War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? - Ich tastete an mir
herum.
Aufstehen!
Mich in den Sessel setzen!
Ich lie? mich in den Lehnstuhl fallen.
Wenn doch endlich der Tod kame!
Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fuhlen! "Ich - will -
nicht - ich will - nicht!", schrie ich. "Hort ihr denn nicht?!"
Kraftlos fiel ich zuruck.
Konnte es nicht fassen, da? ich immer noch lebte.
Unfahig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor
mich hin.
"Weshalb er mir nur die Korner so beharrlich hinreicht?", ebbte ein
Gedanke auf mich zu, zog sich zuruck und kam wieder. Zog sich zuruck. Kam
wieder.
Langsam wurde mir endlich klar, da? ein seltsames Wesen vor mir stand -
vielleicht schon, seit ich hier sa?, dagestanden hatte - und mir die Hand
hinstreckte:
Ein graues, breitschultriges Geschopf, in der Gro?e eines gedrungen
gewachsenen Menschen, auf einen spiralformig gedrehten Knotenstock aus
wei?em Holz gestutzt.
Wo der Kopf hatte sitzen mussen, konnte ich nur einen Nebelballen aus
fahlem Dunst unterscheiden.
Ein truber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
Erscheinung aus.
Ein Gefuhl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung.
Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drangte
sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form
geronnen.
Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich wurde wahnsinnig werden vor
Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen konnte, -
warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren - und doch zog es mich wie ein
Magnet, da? ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und
darin forschte nach Augen, Nase und Mund.
Aber so sehr ich mich auch abmuhte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
gluckte es mir, Kopfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wu?te
ich, da? sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
Sie zerrannen auch stets - fast in derselben Sekunde, in der ich sie
geschaffen hatte.
Nur die Form eines agyptischen Ibiskopfs blieb noch am langsten
bestehen.
Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit,
zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter
langsamen Atemzugen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige
Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Fu?e beruhrten Knochenstumpen den
Boden, von denen das Fleisch - grau und blutleer - auf Spannenbreite zu
wulstigen Randern emporgezogen war.
Regungslos hielt das Geschopf mir seine Hand hin.
Kleine Korner lagen dann. Bohnengro?, von roter Farbe und mit schwarzen
Punkten am Rande.
Was sollte ich damit?!
Ich fuhlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir - eine
Verantwortung, die weit hinausging uber alles Irdische, - wenn ich jetzt
nicht das Richtige tat.
Zwei Waagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben
Weltgebaudes, schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich - auf
welche von beiden ich ein Staubchen warf: die sank zu Boden.
Das
war das furchtbare Lauern ringsum!, verstand ich. "Keinen Finger
ruhren!", riet mir mein Verstand, - "und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht
kommen sollte und mich erlosen aus dieser Qual." -
Auch dann hattest du deine Wahl getroffen: du hattest die Korner
abgelehnt,
raunte es in mir. Hier gibt's kein Zuruck.
Hilfesuchend blickte ich um mich, ob mir denn kein Zeichen wurde, was
ich tun sollte. Nichts.
Auch
in
mir kein Rat, kein Einfall - alles tot, gestorben.
Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
furchtbaren Augenblick, erkannte ich. - -
Es mu?te bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wande meines
Zimmers nicht mehr unterscheiden.
Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich horte, da? jemand Schranke
ruckte, Schubladen aufri? und polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums
Stimme zu erkennen, wie er in seinem rochelnden Ba? wilde Fluche ausstie?;
ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das Rascheln einer Maus. -
Ich schlo? die Augen:
Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir voruber. Die Lider
zugedruckt - starre Totenmasken: - mein eigenes Geschlecht, meine eigenen
Vorfahren.
Immer dieselbe Schadelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien,
so stand es auf aus seinen Gruften, - mit glattem gescheiteltem Haar,
gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperucken und in Ringe
gezwangten Schopfen - durch Jahrhunderte heran, bis die Zuge mir bekannter
und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht zusammenflossen: - das
Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach.
Dann loste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum
auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wu?te, vor mir der
graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden
Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
Die des einen Kreises gehullt in Gewander mit violettem Schimmer, die
des anderen mit rotlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem,
unnaturlich schmachtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tuchern
verborgen.
Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, da? der Zeitpunkt der
Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Kornern: - und da
sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rotlichen Kreises ging. -
Sollte ich die Korner zuruckweisen?: Das Zittern ergriff den blaulichen
Kreis; - ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da - in
derselben Stellung: regungslos wie fruher.
Sogar sein Atem hatte aufgehort.
Ich hob den Arm, wu?te noch immer nicht, was ich tun sollte, und -
schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, da? die Korner uber den
Boden hinrollten.
Einen Moment, so jah wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
Bewu?tsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu sturzen, - dann stand ich
fest auf den Fu?en.
Das graue Geschopf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rotlichen
Kreises.
Die blaulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet;
sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten
stumm - es sah aus wie ein Schwur - zwischen Zeigefinger und Daumen die
roten Korner in die Hohe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand
geschlagen hatte.
Ich horte, wie drau?en Hagelschauer gegen die Fenster tobten und
brullender Donner die Luft zerri?:
Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste uber die
Stadt hinweg. Vom Flu? her drohnten durch das Heulen des Sturms in
rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschusse, die das Brechen der
Eisdecke auf der Moldau verkundeten. Die Stube loderte im Licht der
ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fuhlte mich plotzlich so
schwach, da? mir die Knie zitterten und ich mich setzen mu?te.
"Sei ruhig," sagte deutlich eine Stimme neben mir, "sei ganz ruhig, es
ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschutzung." -
Allmahlich lie? das Unwetter nach, und der betaubende Larm ging uber in
das eintonige Trommeln der Schlo?en auf die Dacher.
Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, da? ich nur mehr mit
stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
"Den ihr suchet, der ist nicht hier."
Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, dann kam der Name
"Henoch"
vor, aber ich verstand das ubrige nicht: der Wind trug das Stohnen der
berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse heruber.
Dann loste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
Hieroglyphen auf seiner Brust - sie waren dieselben Buchstaben wie die der
ubrigen - und fragte mich, ob ich sie lesen konne.
Und als ich - lallend vor Mudigkeit, - verneinte, streckte er die
Handflache gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf
meiner
Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:
CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. - - - Und ich
fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, in
der Hillel mir die Zunge gelost, nicht mehr gekannt hatte.
Trieb
Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum,
da? ich mir Zeit zu den Mahlzeiten lie?.
Ein unwiderstehlicher Drang nach au?erer Tatigkeit hatte mich von fruh
bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.
Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind
daruber gefreut.
Auch der Buchstabe "I" in dem Buche Ibbur war ausgebessert.
Ich lehnte mich zuruck und lie? ruhevoll all die kleinen Geschehnisse
der heutigen Stunden an mir voruberziehen:
Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu
mir ins Zimmer gesturzt kam mit der Meldung, die steinerne Brucke sei in der
Nacht eingesturzt. -
Seltsam: - Eingesturzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die
Korner - - - nein, nein, nicht daran denken; es konnte einen Anstrich von
Nuchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir
vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von selbst
wieder erwachte, - nur nicht daran ruhren.
Wie lange war's her, da ging ich noch uber die Brucke, sah die
steinernen Statuen - und jetzt lag sie, die Brucke, die Jahrhunderte
gestanden, in Trummern.
Es stimmte mich beinahe wehmutig, da? ich nie mehr meinen Fu? auf sie
setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die
alte, geheimnisvolle, steinerne Brucke.
Stundenlang hatte ich, wahrend ich an der Gemme schnitt, daruber
nachdenken mussen, und so selbstverstandlich, als hatte ich es nie vergessen
gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch in
spatern Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern, die
jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern, aufgeblickt.
Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste - und meinen Vater und meine
Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte
ich mich nicht mehr erinnern.
Ich wu?te, es wurde plotzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
Die Empfindung, da? sich mit einemmal alles naturlich und einfach in
mir abwickelte, war so behaglich.
Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, - es
war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, da? es aussah, nun, wie eben
ein altes, mit wertvollen Initialen geschmucktes Pergamentbuch aussieht -
schien es mir ganz selbstverstandlich.
Ich konnte nicht begreifen, da? es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
hatte!
Es war in hebraischer Sprache geschrieben, vollkommen unverstandlich
fur mich.
Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen wurde?
Die Freude am Leben, die wahrend der Arbeit heimlich in mich eingezogen
war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und
verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrucks wieder uberfallen
wollten.
Rasch nahm ich Angelinas Bild - ich hatte die Widmung, die darunter
stand, abgeschnitten - und ku?te es.
Es war das alles so toricht und widersinnig, aber warum nicht einmal
von - Gluck traumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran
freuen, wie uber eine Seifenblase?
Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfullung gehen, was mir da die
Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmoglich, da?
ich uber Nacht ein beruhmter Mann wurde? Ihr ebenburtig, wenn auch nicht an
Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenburtig? Ich dachte an die Gemme Mirjams:
wenn mir noch andere so gelangen wie diese - kein Zweifei, selbst die ersten
Kunstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen.
Und nur einen Zufall angenommen: der Gatte Angelinas sturbe plotzlich?
Mir wurde hei? und kalt: ein winziger Zufall - und meine Hoffnung, die
verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dunnen Faden, der stundlich
rei?en konnte, hing das Gluck, das mir dann in den Scho? fallen mu?te.
War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge,
von denen die Menschheit gar nicht ahnte, da? sie uberhaupt existierten?
War es
kein
Wunder, da? binnen weniger Wochen kunstlerische Fahigkeiten
in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit uber den Durchschnitt
erhoben?
Und ich stand doch erst am
Anfang
des Weges!
Hatte
ich
denn kein Anrecht auf Gluck?
Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
Ich ubertonte das: "Ja" in mir: - nur noch eine Stunde traumen - eine
Minute - ein kurzes Menschendasein!
Und ich traumte mit offenen Augen:
Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von
allen Seiten mit farbigen Wasserfallen. Baume aus Opal standen in Gruppen
beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie
der Flugel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkenspruhregen uber
unabsehbare Wiesen voll hei?em Sommerduft.
Mich durstete, und ich kuhlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der
Bache, die uber Felsblocke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
Schwuler Hauch strich uber Hange, ubersat mit Bluten und Blumen, und
machte mich trunken mit den Geruchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen,
Seidelbast - - -
Unertraglich! Unertraglich! Ich verloschte das Bild. - Mich durstete.
Das waren die Qualen des Paradieses.
Ich ri? die Fenster auf und lie? den Tauwind an meine Stirne wehen.
Es roch nach kommendem Fruhling - - -
Mirjam!
Ich mu?te an Mirjam denken.
Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten mussen, um nicht
umzufallen, als sie mir erzahlen gekommen, ein Wunder sei geschehen, ein
wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstuck gefunden in dem Brotlaib, den der
Backer vom Gang aus durchs Gitter ins Kuchenfenster gelegt. - - -
Ich griff nach meiner Borse. - Hoffentlich war es heute nicht schon zu
spat, und ich kam noch zurecht,
ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern!
Taglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie
es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfullt war sie von dem
"Wunder" gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie
aufgewuhlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plotzlich ohne
au?ern Grund - nur unter dem Einflu? ihrer Erinnerung - totenbla? geworden
war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem blo?en Gedanken, ich konnte
in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite bis ins
Grenzenlose ging.
Und wenn ich mir die letzten, dunklen Worte Hillels ins Gedachtnis rief
und in Zusammenhang damit brachte, uberlief es mich eiskalt.
Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung fur mich, - der Zweck
heiligt die Mittel
nicht,
das sah ich ein.
Und was, wenn uberdies das Motiv: "helfen zu wollen" nur
scheinbar
"rein" war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Luge dahinter
verborgen?: der selbstgefallige, unbewu?te Wunsch, in der Rolle des Helfers
zu schwelgen?
Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
Da? ich Mirjam viel zu oberflachlich beurteilt hatte, war klar.
Schon als die Tochter Hillels mu?te sie anders sein als andere Madchen.
Wie hatte ich nur so vermessen sein konnen, auf solch torichte Weise in
ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch uber meinem eigenen
stand!
Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
agyptischen Dynastie pa?te und selbst fur diese noch viel zu vergeistigt
war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hatte mich warnen
mussen.
"Nur der ganz Dumme mi?traut dem au?ern Schein", hatte ich irgendwo
einmal gelesen. - Wie richtig! Wie richtig!
Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen,
da? ich es gewesen war, der die Dukaten Tag fur Tag ins Brot geschmuggelt
hatte?
Der Schlag kame zu plotzlich. Wurde sie betauben.
Ich durfte das nicht wagen, mu?te behutsamer vorgehen.
Das "Wunder" irgendwie abschwachen? Statt das Geld ins Brot zu stecken,
es auf die Treppenstufe zu legen, da? sie es finden mu?te, wenn sie die Tur
aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes
wurde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem
Wunderbaren allmahlich wieder ins Alltagliche heruberlenkte, trostete ich
mich.
Ja! Das war das Richtige.
Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
Schamrote stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn
alle andern Mittel versagten.
Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versaumen!
Ein guter Einfall kam mir: Ich mu?te Mirjam zu etwas ganz
Absonderlichem bewegen, sie fur ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung
rei?en, da? sie andere Eindrucke bekam.
Wir wurden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte
uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?
Vielleicht interessierte es sie, die eingesturzte Brucke zu
besichtigen?
Oder der alte Zwakh oder eine ihrer fruheren Freundinnen sollte mit ihr
fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden wurde, da? ich mit dabei sei.
Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen. - - -
An der Turschwelle rannte ich einen Mann beinahe uber den Haufen.
Wassertrum!
Er mu?te durchs Schlusselloch hereingespaht haben, denn er stand
gebuckt, als ich mit ihm zusammengesto?en war.
"Suchen Sie mich?", fragte ich barsch.
Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmoglichen
Jargon; dann bejahte er.
Ich forderte ihn auf, naher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb
am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe
Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus
seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.
Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nahe gesehen. Seine
grauenhafte Ha?lichkeit war es nicht, die einen so abstie?; (sie machte mich
eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschopf, dem die Natur selbst
bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fu? ins Gesicht getreten
hatte) - etwas anderes, Unwagbares, das von ihm ausging, trug die Schuld
daran.
Das "Blut", wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
Unwillkurlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem
Eintritt gereicht hatte.
So wenig auffallig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben,
denn er mu?te sich plotzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des Hasses
in seinen Zugen zu unterdrucken.
"Hubsch ham Se's hier", fing er endlich stockend an, als er sah, da?
ich ihm nicht den Gefallen tat, das Gesprach zu beginnen.
Im Widerspruch zu seinen Worten schlo? er dabei die Augen, vielleicht,
um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, da? es seinem Gesicht
einen harmloseren Ausdruck verleihen wurde?
Man konnte ihm deutlich anhoren, welche Muhe er sich gab, hochdeutsch
zu reden.
Ich fuhlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was
er weiter sagen wurde.
In seiner Verlegenheit griff er nach der
Feile,
die - wei? Gott wieso -
noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkurlich
sofort wie von einer Schlange gebissen zuruck. Ich staunte innerlich uber
seine unterbewu?te seelische Feinfuhligkeit.
"Freilich, naturlich, es gehort zum Geschaft, da? man's fein hat,"
raffte er sich auf, zu sagen, "wenn man - so noble Besuche bekommt." Er
wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf
mich machten, hielt es aber offenbar noch fur verfruht und schlo? sie
schnell wieder.
Ich wollte ihn in die Enge treiben: "Sie meinen die Dame, die neulich
hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!"
Er zogerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und
zerrte mich ans Fenster.
Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich
daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Hohle
gerissen hatte.
Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
"Was glauben Sie, Herr Pernath, la?t sich da noch was machen?"
Es war eine goldene Uhr mit so stark verbeulten Deckeln, da? es fast
aussah, als hatte sie jemand mit Absicht verbogen.
Ich nahm ein Vergro?erungsglas: die Scharniere waren zur Halfte
abgerissen und innen - stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich
und noch uberdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam
entzifferte ich:
K-rl Zott-mann.
Zottmann? Zottmann? - Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann?
Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
"Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehause,
da stinkt's."
"Braucht man nur gerade zu klopfen - hochstens ein paar Lotstellen. Das
kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum."
"Ich leg' doch Wert darauf, da? es eine solide Arbeit wird. Was man so
sagt: kunstlerisch", unterbrach er mich hastig. Fast angstlich.
"Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt -"
"Viel daran liegt!" Seine Stimme schnappte uber vor Eifer. "Ich will
sie doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemandem zeig', will ich
sagen konnen: schauen Sie mal her,
so
arbeitet der Herr von Pernath."
Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwartigen
Schmeicheleien formlich ins Gesicht.
"Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein."
Wassertrum wand sich in Krampfen: "Das gibt's nicht. Das will ich
nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die nachste Woche is Zeit genug. Das ganze Leben
mocht' ich mir Vorwurfe machen, da? ich Ihnen gedrangt hab'."
Was wollte er nur, da? er so au?er sich geriet? - Ich machte einen
Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas
Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu - fur den
Fall, da? Wassertrum mir nachblicken sollte.
Als ich zuruckkam, fiel mir auf, da? er sich verfarbt hatte.
Ich musterte ihn scharf, lie? aber meinen Verdacht sofort fallen:
Unmoglich! Er
konnte
nichts gesehen haben.
"Also, dann vielleicht nachste Woche", sagte ich, um seinem Besuch ein
Ende zu machen.
Er schien mit einemmal keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
setzte sich.
Im Gegensatz zu fruher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit
offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf.
Pause.
"Die Duksel hat Ihnen naturlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen
machen, wenn's heraus kommt. Waas?" sprudelte er plotzlich ohne jede
Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Es lag etwas merkwurdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er
von einer Sprechweise in die andere ubergehen - von Schmeicheltonen
blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es fur sehr
wahrscheinlich, da? die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im
Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mu?ten, wenn er nur die geringste
Waffe gegen sie besa?.
Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tur setzen, war
mein erster Gedanke; dann uberlegte ich, ob es nicht kluger sei, ihn
zuvorderst einmal grundlich auszuhorchen.
"Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;" - ich
bemuhte mich, ein moglichst dummes Gesicht zu machen - "Duksel? Was ist das:
Duksel?"
"Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?", fuhr er mich grob an. "Die
Hand werden Sie aufheben mussen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht.
Verstehen Sie mich?! Das sag
ich
Ihnen!" - Er fing an zu schreien: "Mir ins
Gesicht hinein werden Sie nicht abschworen, da? ›sie‹ von da druben" - er
deutete mit dem Daumen nach dem Atelier - "zu Ihnen heribber geloffen is mit
en Teppich an und - sonst nix!"
Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust
und schuttelte ihn:
"Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?"
Aschfahl sank er in den Stuhl zuruck und stotterte:
"Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch blo?."
Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen.
Horchte nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
Dann setzte ich mich ihm dicht gegenuber, in der festen Absicht, die
Sache, soweit sie Angelina betraf, ein fur allemal mit ihm ins reine zu
bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die
Feindseligkeiten zu eroffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu
verschie?en.
Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf
den Kopf zu, da? Erpressungen irgendwelcher Art - ich betonte das Wort -
mi?glucken mu?ten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen
erharten konnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es ware
uberhaupt im Bereiche der Moglichkeit, da? es je zu einer solchen kame) -
bestimmt
zu entziehen wissen wurde. Angelina stunde mir viel zu nahe, als
da? ich sie nicht in der Stunde der Not retten wurde, koste es, was es
wolle,
sogar einen Meineid!
Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis
zur Nase auseinander, er fletschte die Zahne und kollerte wie ein Truthahn
mir immer wieder in die Rede hinein: "Will ich denn was von die Duksel? So
horen Sie doch zu!" - Er war au?er sich vor Ungeduld, da? ich mich nicht
beirren lie?. - "Um den Savioli is mir's zu tun, um den gottverfluchten
Hund, - den - den -", fuhr es ihm plotzlich brullend heraus.
Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich
ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefa?t und fixierte wieder meine
Weste.
"Horen Sie zu, Pernath;" er zwang sich, die kuhle, abwagende
Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen, "Sie reden fort von der Duk - - von
der Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem -
mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun?" Er bewegte die Hande vor
meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedruckt, als hielte
er eine Prise Salz darin - "soll
sie
sich das selber abmachen, die Duksel. -
Ich bin e Weltmann und Sie sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide.
Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernath?!"
Ich horchte erstaunt auf:
"Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?"
Wassertrum wich aus:
"Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus."
"Sie wollen ihn ermorden!" schrie ich.
Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
"Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komodie vorspielen!"
Ich deutete auf die Tur. "Schauen Sie, da? Sie hinauskommen."
Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum
Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich
ihn nie fur fahig gehalten hatte:
"Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbuchel ist voll. Wenn Sie
gescheit gewesen waren -: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg?!
Jetzt -
mach - ich - mit - Ihnen allen dreien"
- er deutete mit einer Geste des
Erdrosselns an, womit er es meinte -
"Pre?colleeh".
Seine Mienen druckten eine so satanische Grausamkeit aus und er schien
seiner Sache so sicher zu sein, da? mir das Blut in den Adern erstarrte. Er
mu?te eine Waffe in Handen haben, von der ich nichts ahnte, die auch
Charousek nicht kannte. Ich fuhlte den Boden unter mir wanken.
"Die Feile! Die Feile!"
horte ich es in meinem Hirn flustern. Ich
schatzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch - zwei Schritte bis zu
Wassertrum - - ich wollte zuspringen - - - da stand wie aus dem Boden
gewachsen Hillel auf der Schwelle.
Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
Ich sah nur - wie durch Nebel -, da? Hillel unbeweglich stehen blieb
und Wassertrum Schritt fur Schritt bis an die Wand zuruckwich.
Dann horte ich Hillel sagen:
"Sie kennen doch, Aaron, den Satz:
Alle Juden sind Burgen fureinander?
Machen Sie's einem nicht zu schwer." - Er fugte ein paar hebraische Worte
hinzu, die ich nicht verstand.
"Was haben Sie das netig, an der Ture zu schnuffeln?" geiferte der
Trodler mit bebenden Lippen.
"Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kummern!" -
wieder schlo? Hillel mit einem hebraischen Satz, der diesmal wie eine
Drohung klang. Ich erwartete, da? es zu einem Zank kommen wurde, aber
Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, uberlegte einen Augenblick und ging
dann trotzig hinaus.
Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den
Gang hinaus. Ich wollte die Ture schlie?en gehen: er hielt mich mit einer
ungeduldigen Handbewegung zuruck.
Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des
Trodlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel
hinaus und machte ihm Platz.
Wassertrum wartete, bis er au?er Horweite war, dann knurrte er mich
verbissen an:
"Geben Se mer meine Uhr zoruck."
Weib
Wo nur Charousek blieb?
Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer lie? er sich nicht
blicken.
Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder
sah er es vielleicht nicht?
Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, da? der Sonnenstrahl,
der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung
fiel.
Das Eingreifen Hillels - gestern - hatte mich ziemlich beruhigt.
Bestimmt wurde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzug ware.
Uberdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden
zuruckgekehrt, - ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er
unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
fruhmorgens gesehen - - -
Unertraglich, das ewige Warten!
Die milde Fruhlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem
Nebenzimmer hereinstromte, machte mich krank vor Sehnsucht.
Dies schmelzende Tropfen von den Dachern! Und wie die feinen
Wasserschnure im Sonnenlicht glanzten!
Es zog mich hinaus an unsichtbaren Faden. Voll Ungeduld ging ich in der
Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
Dieses suchtige Keimen einer Ungewissen Verliebtheit in meiner Brust,
es wollte nicht weichen.
Die ganze Nacht uber hatte es mich gequalt. Einmal war es Angelina
gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar ganz
harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam abermals
Angelina und ku?te mich; ich roch den Duft ihres Haares, und ihr weicher
Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren entblo?ten Schultern -
und sie wurde zu Rosina, die mit trunkenen, halbgeschlossenen Augen tanzte -
im Frack - nackt; - - - und alles in einem Halbschlaf, der doch genau so
gewesen war wie Wachsein. Wie ein su?es, verzehrendes, dammeriges Wachsein.
Gegen Morgen stand dann mein Doppelganger an meinem Bett, der
schattenhafte Habal Garmin, "der Hauch der Knochen", von dem Hillel
gesprochen, - und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
mu?te
mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen wurde nach irdischen oder
jenseitigen Dingen, und er
wartete
nur darauf, aber der Durst nach dem
Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwule meines Blutes und
versickerte im durren Erdreich meines Verstandes. - Ich schickte das Phantom
weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und es schrumpfte zusammen
zu dem Buchstaben "Aleph", wuchs wieder empor, stand da als das Kolo?weib,
splitternackt, wie ich es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit dem Pulse
gleich einem Erdbeben, und beugte sich uber mich, und ich atmete den
betaubenden Geruch ihres hei?en Fleisches ein.
Kam denn Charousek immer noch nicht? - Die Glocken sangen von den
Kirchturmen.
Eine Viertelstunde wollte ich noch warten - dann aber hinaus! Durch
belebte Stra?en voll festtagig gekleideter Menschen schlendern, mich in das
frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schone Frauen sehen
mit koketten Gesichtern und schmalen Handen und Fu?en.
Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufallig, entschuldigte ich
mich vor mir selbst.
Ich holte das altertumliche Tarockspiel vom Bucherbord, um mir die Zeit
rascher zu vertreiben. -
Vielleicht lie? sich aus den Bildern Anregung schopfen zum Entwurf
einer Kamee?
Ich suchte nach dem Pagad.
Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
Ich blatterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in
Nachdenken uber ihren verborgenen Sinn. Besonders der "Gehenkte", - was
konnte er nur bedeuten?:
Ein Mann hangt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf nach
abwarts, die Arme auf den Rucken gebunden, den rechten Unterschenkel uber
das linke Bein verschrankt, da? es aussieht wie ein Kreuz uber einem
verkehrten Dreieck?
Unverstandliches Gleichnis.
Da! - Endlich! Charousek kam.
Oder doch nicht?
Freudige Uberraschung, es war Mirjam.
"Wissen Sie, Mirjam, da? ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und
Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?" Es war nicht ganz die
Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken daruber. - "Nicht wahr,
Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im Herzen,
da? Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen mussen."
"- spazierenfahren?", wiederholte sie derart verblufft, da? ich laut
auflachen mu?te.
"Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?"
"Nein, nein, aber - -," sie suchte nach Worten, "unerhort merkwurdig.
Spazierenfahren!"
"Durchaus nicht merkwurdig, wenn Sie sich vorhalten, da? es
Hunderttausende von Menschen tun - eigentlich ihr ganzes Leben nichts
anderes tun."
"Ja,
andere
Menschen!" gab sie, immer noch vollstandig uberrumpelt, zu.
Ich fa?te ihre beiden Hande:
"Was
andere
Menschen an Freude erleben durfen, mochte ich, da? Sie,
Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Ma?e genie?en."
Sie wurde plotzlich leichenbla?, und ich sah an der starren Taubheit
ihres Blickes, woran sie dachte. Es gab mir einen Stich.
"Sie durfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam," redete ich
ihr zu, "das - das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen - aus - aus
Freundschaft?"
Sie horte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
"Wenn es Sie nicht so angriffe, konnte ich mich mit Ihnen freuen, aber
so? Wissen Sie, da? ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? - Um - um - wie
soll ich nur sagen? - um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es nicht
wortlich auf, aber -: ich wollte, das Wunder ware nie geschehen."
Ich erwartete, sie wurde mir widersprechen, aber sie nickte nur in
Gedanken versunken.
"Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?" Sie raffte sich auf:
"Manchmal mochte ich beinahe auch, es ware nicht geschehen."
Es klang wie ein Hoffnungsstrahl fur mich. - "Wenn ich mir denken
soll," sie sprach ganz langsam und traumverloren, "da? Zeiten kommen
konnten, wo ich ohne solche Wunder leben mu?te - - -."
"Sie konnen doch uber Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr
-," fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich das
Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, - "ich meine: Sie konnen plotzlich auf
naturliche Weise Ihrer Sorgen enthoben werden, und die Wunder, die Sie dann
erleben, wurden geistiger Art sein: - innere Erlebnisse."
Sie schuttelte den Kopf und sagte hart: "Innere Erlebnisse sind keine
Wunder. Erstaunlich genug, da? es Menschen zu geben scheint, die uberhaupt
keine haben. - Seit meiner Kindheit, Tag fur Tag, Nacht fur Nacht, erlebe
ich -" (sie brach mit einem Ruck ab, und ich erriet, da? noch etwas anderes
in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben
unsichtbarer Geschehnisse, ahnlich den meinigen) - "aber das gehort nicht
hierher. Selbst, wenn einer aufstunde und machte Kranke gesund durch
Handauflegen, ich konnte es kein Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff
- die Erde - beseelt wird vom Geist und die Gesetze der Natur zerbrechen,
dann ist das geschehen, wonach ich mich sehne, seit ich denken kann. - Mir
hat einmal mein Vater gesagt: es gabe zwei Seiten der Kabbala: eine magische
und eine abstrakte, die sich niemals zur Deckung bringen lie?en. Wohl konne
die magische die abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt.
Die magische ist ein
Geschenk,
die andere
kann
errungen werden, wenn auch
nur mit Hilfe eines Fuhrers." Sie nahm den ersten Faden wieder auf: "Das
Geschenk
ist es, nach dem ich durste; was ich mir erringen kann, ist mir
gleichgultig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es konnten
Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder leben
mu?te," - ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und Jammer
zerfleischten mich, - "ich glaube, ich sterbe jetzt schon angesichts der
blo?en Moglichkeit."
"Ist das der Grund, weshalb auch Sie wunschten, das Wunder ware nie
geschehen?", forschte ich.
"Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich - ich - ", sie dachte
einen Augenblick nach, "war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form
zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen erklaren? Nehmen Sie einmal
an, blo? als Beispiel, ich hatte seit Jahren jede Nacht ein und denselben
Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich jemand - sagen wir:
ein Bewohner einer andern Welt - belehrt und mir nicht nur an einem
Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmahlichen Veranderungen zeigt, wie
weit ich von der magischen Reife, ein ›Wunder‹ erleben zu konnen, entfernt
bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen, wie sie mich einmal tagsuber
beschaftigen, derart Aufschlu? gibt, da? ich es jederzeit nachprufen kann.
Sie werden mich verstehen: Ein solches Wesen ersetzt einem an Gluck alles,
was sich auf Erden ausdenken la?t; es ist fur mich die Brucke, die mich mit
dem ›Druben‹ verbindet, ist die Jakobsleiter, auf der ich mich uber die
Dunkelheit des Alltags erheben kann ins Licht, - ist mir Fuhrer und Freund,
und alle meine Zuversicht, da? ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine
Seele geht, nicht verirren kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf
›ihn‹, der mich noch nie belogen hat. - Da mit einem Mal, entgegen allem,
was er mir gesagt hat, kreuzt ein ›Wunder‹ mein Leben! Wem soll ich jetzt
glauben? War das, was mich die vielen Jahre uber ununterbrochen erfullt hat,
eine Tauschung? Wenn ich daran zweifeln mu?te, ich sturzte kopfuber in einen
bodenlosen Abgrund. - Und doch ist das Wunder geschehen! Ich wurde
aufjauchzen vor Freude, wenn -"
"Wenn - - -?" unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie selbst
das erlosende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
"- wenn ich erfuhre, da? ich mich geirrt habe, - da? es gar kein Wunder
war! Aber ich wei? so genau, wie ich wei?, da? ich hier sitze, ich ginge
zugrunde daran"; (mir blieb das Herz stehen) - "zuruckgerissen werden, vom
Himmel wieder herab mussen auf die Erde? Glauben Sie, da? das ein Mensch
ertragen kann?"
"Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe", sagte ich ratlos vor Angst.
"Meinen Vater? Um Hilfe?" - sie blickte mich verstandnislos an - "wo es
nur zwei Wege fur mich gibt, kann er da einen dritten finden? - - Wissen
Sie, was die einzige Rettung fur mich ware? Wenn
mir
das geschahe, was Ihnen
geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was hinter mir liegt: mein
ganzes Leben bis zum heutigen Tag - vergessen konnte. - Ist es nicht
merkwurdig: was Sie als Ungluck empfinden, ware fur mich das hochste Gluck!"
Wir schwiegen beide noch eine lange Zeit. Dann ergriff sie plotzlich
meine Hand und lachelte. Beinahe frohlich.
"Ich will nicht, da? Sie sich meinetwegen gramen;" - (sie trostete mich
- mich!) - "vorhin waren Sie so voll Freude und Gluck uber den Fruhling
drau?en, und jetzt sind Sie die Betrubnis selbst. Ich hatte Ihnen uberhaupt
nichts sagen sollen. Rei?en Sie es aus Ihrem Gedachtnis und denken Sie
wieder so heiter wie vorhin! - Ich bin ja so froh -"
"Sie? Froh? Mirjam?", unterbrach ich sie bitter.
Sie machte ein uberzeugtes Gesicht: "Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu
Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich angstlich, - ich wei? nicht
warum: ich konnte das Gefuhl nicht loswerden, da? Sie in einer gro?en Gefahr
schweben", - ich horchte auf - "aber, statt mich daruber zu freuen, Sie
gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und - -"
Ich zwang mich zur Lustigkeit: "und das konnen Sie nur gutmachen, wenn
Sie mit mir ausfahren." (Ich bemuhte mich, so viel Ubermut wie moglich in
meine Stimme zu legen:) "Ich mochte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir
nicht gelingt, Ihnen die truben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie
wollen: Sie sind noch lange kein agyptischer Zauberer, sondern vorlaufig nur
ein junges Madchen, dem der Tauwind noch manchen bosen Streich spielen
kann."
Sie wurde plotzlich ganz lustig:
"Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie
noch nie gesehen! - Ubrigens ›Tauwind‹: bei uns Judenmadchen lenken
bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen es
naturlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. - Mir ja nicht", setzte sie
ernsthafter hinzu, "meine Mutter hat bos gestreikt, als sie den gra?lichen
Aaron Wassertrum heiraten sollte."
"Was? Ihre Mutter? Den Trodler da unten?"
Mirjam nickte. "Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. - Fur den
armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag."
"Armer Mensch, sagen Sie?" fuhr ich auf. "Der Kerl ist ein Verbrecher."
Sie wiegte nachdenklich den Kopf: "Gewi?, er ist ein Verbrecher. Aber
wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, mu? ein Prophet
sein."
Ich ruckte neugierig naher;
"Wissen Sie Genaueres uber ihn? Mich interessiert das. Aus ganz
besonderen - -"
"Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hatten, Herr Pernath,
wu?ten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich
als Kind sehr oft drin war. - Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist denn
das so merkwurdig? - Gegen mich war er immer freundlich und gutig. Einmal
sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen gro?en blitzenden Stein, der
mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. Meine Mutter sagte, es sei
ein Brillant, und ich mu?te ihn naturlich sofort zurucktragen.
Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann ri? er ihn mir
aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch
gesehen, wie ihm dabei die Tranen aus den Augen sturzten; ich konnte auch
damals schon genug Hebraisch, um zu verstehen, was er murmelte: ›Alles ist
verflucht, was meine Hand beruhrt.‹ - - Es war das letzte Mal, da? ich ihn
besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert, zu ihm zu
kommen. Ich wei? auch warum: Hatte ich ihn nicht zu trosten versucht, ware
alles beim alten geblieben, so aber, weil er mir unendlich leid tat und ich
es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. - - - Sie verstehen das
nicht, Herr Pernath? Es ist doch so einfach: er ist ein Besessener, - ein
Mensch, der sofort mi?trauisch, unheilbar mi?trauisch wird, wenn jemand an
sein Herz ruhrt. Er halt sich fur noch viel ha?licher, als er in
Wirklichkeit ist, - wenn das uberhaupt moglich sein kann, und darin wurzelt
sein ganzes Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hatte ihn gern gehabt,
vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr
viele Leute. Der einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war
er
.
Uberall wittert er Verrat und Ha?.
Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, da? er
ihn vom Sauglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder
Eigenschaft von Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu
einem Punkte gelangte, wo sein Mi?trauen hatte einsetzen konnen, oder ob es
im judischen Blute lag: alles, was an Liebesfahigkeit in ihm lebte, auf
seinen Nachkommen auszugie?en - in jener instinktiven Furcht unserer Rasse:
wir konnten aussterben und eine Mission nicht erfullen, die wir vergessen
haben, die aber dunkel in uns fortlebt, - wer kann das wissen!
Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines
Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen raumte er dem Kinde jedes
Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstatigkeit hatte
beitragen konnen, um ihm kunftige seelische Leiden zu ersparen.
Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzau?erung ein
mechanischer Reflex.
Aus jedem Geschopf so viel Freude und Genu? fur sich selbst
herauspressen, wie nur irgend moglich, und dann die Schale sofort als
nutzlos wegzuwerfen: das war ungefahr das Abc seines weitblickenden
Erziehungssystems.
Da? das Geld als Standarte und Schlussel zur ›Macht‹ dabei eine erste
Rolle spielte, konnen Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er selbst
den eigenen Reichtum sorgsam geheim halt, um die Grenzen seines Einflusses
in Dunkel zu hullen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn Ahnliches zu
ermoglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar armlichen Lebens
zu ersparen: er durchtrankte ihn mit der infernalischen Luge von der
›Schonheit‹, brachte ihm die au?ere und innere Gebarde der Asthetik bei,
lehrte ihn
au?erlich
: die Lilie auf dem Felde heucheln und
innerlich
ein
Aasgeier sein.
Naturlich war das mit der ›Schonheit‹ wohl kaum eigene Erfindung von
ihm - vermutlich die ›Verbesserung‹ eines Ratschlags, den ihm ein Gebildeter
gegeben hatte.
Da? ihn sein Sohn spater verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm
er niemals ubel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur
Pflicht:
denn seine
Liebe war selbstlos, und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte: -
von der Art, die ubers Grab hinausgeht."
Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre
Gedanken stumm weiterspann, horte es an dem veranderten Klang ihrer Stimme,
als sie sagte:
"Seltsame Fruchte wachsen auf dem Baume des Judentums."
"Sagen Sie, Mirjam," fragte ich, "haben Sie nie davon gehort, da?
Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich wei? nicht mehr,
wer es mir erzahlt hat, - es war vielleicht nur ein Traum - -"
"Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgro?e
Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten Gerumpel,
auf seinem Strohsack schlaft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer
abgewuchert, hei?t es, blo? weil sie einem Madchen - einer Christin -
ahnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte gewesen sein soll."
"Charouseks Mutter!" drangte es sich mir auf.
"Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?"
Mirjam schuttelte den Kopf. "Wenn Ihnen daran liegt, - soll ich mich
erkundigen?"
"Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgultig", (ich sah
an ihren blitzenden Augen, da? sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte
nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor), "aber was mich viel mehr
interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin fluchtig sprachen. Ich
meine das ›vom Tauwind‹. - Ihr Vater wurde Ihnen doch gewi? nicht
vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?"
Sie lachte lustig auf. "Mein Vater? Wo denken Sie hin!"
"Nun, das ist ein gro?es Gluck fur mich."
"Wieso?" fragte sie arglos.
"Weil ich dann noch Chancen habe."
Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen,
da? sie rot wurde.
Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
"Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich mussen Sie
einweihen, wenn's einmal so weit ist. - Oder gedenken Sie uberhaupt ledig zu
bleiben?"
"Nein! nein! nein!" - sie wehrte so entschlossen ab, da? ich
unwillkurlich lachelte - "einmal mu? ich ja doch heiraten."
"Naturlich! Selbstverstandlich!"
Sie wurde nervos wie ein Backfisch.
"Konnen Sie denn nicht eine Minute ernsthaft bleiben, Herr Pernath?" -
Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht, und sie setzte sich wieder. - "Also:
wenn ich sage, ich mu? doch einmal heiraten, so meine ich damit, da? ich mir
zwar bis jetzt den Kopfuber die naheren Umstande nicht zerbrochen habe, den
Sinn des Lebens aber gewi? nicht verstunde, wenn ich annehmen wurde, ich sei
als Weib auf die Welt gekommen, um kinderlos zu bleiben."
Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren
Zugen.
"Es gehort mit zu meinen Traumen", fuhr sie leise fort, "mir
vorzustellen, da? es ein Endziel sei, wenn zwei Wesen zu einem verschmelzen,
- zu dem, was - - haben Sie nie von dem agyptischen Osiriskult gehort? - zu
dem verschmelzen, was der ›Hermaphrodit‹ als Symbol bedeuten mag."
Ich horchte gespannt auf: "Der Hermaphrodit -?"
"Ich meine: Die magische Vereinigung von mannlich und weiblich im
Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! - Nein, nicht als
Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -
kein
Ende hat."
"Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden," fragte ich
erschuttert, "den Sie suchen? - Kann es nicht sein, da? er in einem fernen
Land lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?"
"Davon wei? ich nichts"; sagte sie einfach, "ich kann nur warten. Wenn
er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, - was ich nicht glaube, weshalb
ware ich dann hier im Getto angebunden? - oder durch die Klufte
gegenseitigen Nichterkennens - und ich finde ihn nicht, dann hat mein Leben
keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Damons.
- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon," flehte sie, "wenn man den
Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon einen ha?lichen, irdischen
Beigeschmack, und ich mochte nicht -"
Sie brach plotzlich ab.
"Was mochten Sie nicht, Mirjam?"
Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
"Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!"
Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
Ungestumes Klopfen. Dann:
Angelina!
Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zuruck:
"Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes - Frau Grafin
-"
"Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Uberall das Pflaster
aufgerissen. Wann werden Sie einmal in eine menschenwurdige Gegend siedeln,
Meister Pernath? Drau?en schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, da? es
einem die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte
wie ein alter Frosch, - - ubrigens wissen Sie, da? ich gestern bei meinem
Juwelier war und er gesagt hat: Sie seien der gro?te Kunstler, der feinste
Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der gro?ten, die je
gelebt haben?!" - Angelina plauderte wie ein Wasserfall, und ich war
verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden, blauen Augen, die kleinen Fu?e in
den winzigen Lackstiefeln, sah das kapriziose Gesicht aus dem Wust von
Pelzwerk leuchten und die rosigen Ohrlappchen.
Sie lie? sich kaum Zeit auszuatmen.
"An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu
Hause zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen?
Wir fahren zuerst - ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst einmal -
warten Sie - - ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz: irgendwohin ins
Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt.
Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann essen Sie bei mir, -
und dann schwatzen wir bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf warten
Sie denn? - Eine warme, ganz weiche Decke ist unten: da wickeln wir uns ein
bis an die Ohren und kuscheln uns zusammen, bis uns siedhei? wird."
Was sollte ich nur sagen?! "Soeben habe ich mit der Tochter meines
Freundes eine Spazierfahrt verabredet - -"
Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe
ich aussprechen konnte.
Ich begleitete sie bis vor die Tur, obschon sie mich freundlich
abwehren wollte.
"Horen Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht
so sagen, wie ich an Ihnen hange - - und da? ich tausendmal lieber mit Ihnen
- -"
"Sie durfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath," drangte sie,
"adieu und viel Vergnugen!"
Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah,
da? der Glanz in ihren Augen erloschen war.
Sie eilte die Treppe hinunter, und das Leid schnurte mir die Kehle
zusammen.
Mir war, als hatte ich eine Welt verloren.
Wie im Rausch sa? ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab
durch die menschenuberfullten Stra?en.
Eine Brandung des Lebens rings um mich, da? ich, halb betaubt, nur noch
die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir voruberhuschte,
unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke
Zylinderhute, wei?e Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa Halsschleife, der
klaffend in die Rader bei?en wollte, schaumende Rappen, die uns
entgegensausten in silbernen Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde
Schalen voll Perlschnuren und funkelnden Geschmeiden, - Seidenglanz um
schlanke Madchenhuften.
Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, lie? mich die Warme von
Angelinas Korper doppelt sinnverwirrend empfinden.
Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn
wir an ihnen voruberjagten.
Dann ging's im Schritt uber das Quai, das eine einzige Wagenreihe war,
an der eingesturzten steinernen Brucke vorbei, umstaut vom Gewuhl gaffender
Gesichter.
Ich blickte kaum hin: - das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, - alles, alles war mir unendlich
viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrummer dort unten den
antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. -
Parkwege. Dann - gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter
den Hufen der Pferde, nasse Luft, blatterlose Baumriesen voll von
Krahennestern, totes Wiesengrun mit wei?lichen Inseln schwindenden Schnees,
alles zog an mir vorbei wie getraumt.
Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgultig, kam Angelina auf Dr.
Savioli zu sprechen.
"Jetzt, wo die Gefahr voruber ist", sagte sie mit entzuckender,
kindlicher Unbefangenheit, "und ich wei?, da? es ihm auch wieder besser
geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gra?lich langweilig
vor. - Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen zumachen und
untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen
sind so. Sie gestehen es blo? nicht ein. Oder sie sind so dumm, da? sie es
selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?" Sie horte gar nicht hin, was
ich darauf antwortete. "Ubrigens sind mir die Frauen vollstandig
uninteressant. Sie durfen es naturlich nicht als Schmeichelei auffassen:
aber - wahrhaftig, die blo?e Nahe eines sympathischen Mannes ist mir im
kleinen Finger lieber als das anregendste Gesprach mit einer noch so
gescheiten Frau. Es ist ja schlie?lich doch alles dummes Zeug, was man da
zusammenschwatzt. - Hochstens: das bi?chen Putz - na und! Die Moden wechseln
ja nicht gar so haufig. - - Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?", fragte sie
plotzlich kokett, da? ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
mu?te, nicht ihr Kopfchen zwischen meine Hande zu nehmen und sie in den
Nacken zu kussen, - "sagen Sie, da? ich leichtsinnig bin!"
Sie schmiegte sich noch dichter an und hangte sich in mich ein.
Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit
strohumwickelten Zierstauden, die aussahen in ihren Hullen wie Rumpfe von
Ungeheuern mit abgehauenen Gliedern und Hauptern.
Leute sa?en auf Banken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
steckten die Kopfe zusammen.
Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war
Angelina doch so vollstandig anders, als sie bisher in meiner Einbildung
gelebt hatte! - Als sei sie erst heute fur mich in die Gegenwart geruckt!
War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche
getrostet hatte?
Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
Der Wagen bog uber eine feuchte Wiese.
Es roch nach erwachender Erde.
"Wissen Sie, - - Frau - -?"
"Nennen Sie mich doch Angelina", unterbrach sie mich leise.
"Wissen Sie, Angelina, da? - da? ich heute die ganze Nacht von Ihnen
getraumt habe?", stie? ich gepre?t hervor.
Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus
meinem ziehen, und sah mich gro? an. "Merkwurdig! Und ich von Ihnen! - Und
in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht."
Wieder stockte das Gesprach, und beide errieten wir, da? wir auch
dasselbe getraumt hatten.
Ich fuhlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich
an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. -
- -
Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den wei?en,
duftenden Handschuh zuruck, horte, wie ihr Atem heftig wurde, und pre?te
toll vor Liebe meine Zahne in ihren Handballen.
- - Stunden spater ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel
hinab der Stadt zu. Planlos wahlte ich die Stra?en und ging lange, ohne es
zu wissen, im Kreise herum.
Dann stand ich am Flu? uber eisernes Gelander gebeugt und starrte hinab
in die tosenden Wellen.
Noch immer fuhlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das
steinerne Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied
voneinander genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden
Ulmenblattern darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor
kurzem, den Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den frosteldnen,
dammrigen Park ihres Schlosses.
Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
traumen.
Die Wasser brausten uber das Wehr und ihr Rauschen verschlang die
letzten, aufmurrenden Gerausche der schlafengehenden Stadt.
Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und
aufblickte, lag der Flu? in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von der
schweren Nacht erdruckt, schwarzgrau dahinstromte und der Gischt des
Staudamms als wei?er, blendender Streifen schrag hinuber zum andern Ufer
lief.
Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zuruck zu mussen in mein
trauriges Haus.
Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich fur immer zum Fremdling
in meiner Wohnstatte gemacht.
Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mu?te
das Gluck voruber sein - und nichts blieb davon als eine wehe, schone
Erinnerung.
Und dann?
Dann war ich heimatlos hier und druben, diesseits und jenseits des
Flusses.
Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das
Schlo? werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das finstere
Getto ging. - - - Ich schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war,
tappte mich durch den dichten Nebel an Hauserreihen entlang und uber
schlummernde Platze, sah schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame
Schilderhauser und die Schnorkel von Barockfassaden. Der matte Schimmer
einer Laterne wuchs zu riesigen, phantastischen Ringen in verblichenen
Regenbogenfarben aus dem Dunst heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge
und zerging hinter mir in der Luft.
Mein Fu? tastete breite, steinerne Stufenflachen, mit Kies bestreut. Wo
war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwarts fuhrt?
Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Aste eines Baumes
hangen heruber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich
hinter der Nebelwand. -
Ein paar morsche, dunne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen Abgrund,
der mir meine Fu?e verbirgt.
Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne - irgendwo
- ratselhaft - zwischen Himmel und Erde. - - -
Ich mu?te fehlgegangen sein. Es konnte nur die "alte Schlo?stiege" sein
neben den Hangen der Furstenbergschen Garten - - -
Dann lange Strecken lehmiger Erde. - Ein gepflasterter Weg.
Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen,
steifen Zipfelmutze: "die Daliborka" = der Hungerturm, in dem Menschen einst
verschmachteten, derweilen Konige unten im "Hirschgraben" das Wild hetzten.
Ein schmales, gewundenes Ga?chen mit Schie?scharten, ein Schneckengang,
kaum breit genug, die Schultern durchzulassen - und ich stand vor einer
Reihe von Hauschen, keines hoher als ich.
Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dacher greifen.
Ich war in die "Goldmachergasse" geraten, wo im Mittelalter die
alchimistischen Adepten den Stein der Weisen gegluht und die Mondstrahlen
vergiftet haben.
Es ruhrte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
Aber ich fand die Mauerlucke nicht mehr, die mich eingelassen, - stie?
an ein Holzgatter.
Es nutzt nichts, ich mu? jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt,
sagte ich mir. Sonderbar, da? hier ein Haus die Gasse abschlie?t - gro?er
als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen, es
je bemerkt zu haben.
Es mu? wohl wei? getuncht sein, da? es so hell aus dem Nebel leuchtet?
Ich gehe durch das Gatter uber den schmalen Gartenstreif, drucke das
Gesicht an die Scheiben: - alles finster. Ich klopfe ans Fenster. - Da geht
drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch eine
Tur mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube, bleibt
stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten
und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in
den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt auf mich.
Der Schatten seiner Backenknochen fallt ihm auf die Augenhohlen, da? es
aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
Er sieht mich offenbar nicht.
Ich klopfe ans Glas.
Er hort mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
Zimmer.
Ich warte vergebens.
Klopfe ans Haustor: niemand offnet. - - -
Es blieb mir nichts ubrig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang
aus der Gasse endlich fand.
Ob es nicht am besten ware, ich ginge noch unter Menschen, uberlegte
ich. - Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins "alte Ungelt",
wo sie bestimmt sein wurden -, um meine verzehrende Sehnsucht nach Angelinas
Kussen wenigstens fur ein paar Stunden zu ubertauben? Rasch mache ich mich
auf den Weg.
Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten
Tisch herum, - alle drei: wei?e dunnstielige Tonpfeifen zwischen den Zahnen,
und das Zimmer voll Rauch.
Man konnte kaum ihre Gesichtszuge unterscheiden, so schluckten die
dunkelbraunen Wande das sparliche Licht der altmodischen Hangelampe ein.
In der Ecke die spindeldurre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit
ihrem ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben
Entenschnabelnase!
Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Turen, so da? die Stimmen
der Gaste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
heruberdrangen.
Vrieslander, seinen kegelformigen Hut mit der geraden Krempe auf dem
Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe
unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Hollander aus einem vergessenen
Jahrhundert.
Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken
gesteckt, klapperte unaufhorlich mit seinen gespenstisch langen
Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmuhte, der bauchigen
Arakflasche das Purpurmantelchen einer Marionette umzuhangen.
"Das wird Babinski", erklarte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. "Sie
wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzahlen Sie Pernath rasch, wer
Babinski war!"
"Babinski war", begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von
seiner Arbeit aufzusehen, "einst ein beruhmter Raubmorder in Prag. - Viele
Jahre betrieb er sein schandliches Handwerk, ohne da? es jemand bemerkt
hatte. Nach und nach jedoch fiel es in den besseren Familien auf, da? bald
dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder
blicken lie?. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewisserma?en
ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen brauchte, so durfte
wiederum nicht au?er acht gelassen werden, da? das Ansehen in der
Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen konnte.
Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Tochter
handelte.
Uberdies verlangte die Hochachtung vor sich selbst, da? man auf ein
burgerliches Zusammenleben in der Familie nach au?en hin das notige Gewicht
legte.
Die Zeitungsrubriken: "Kehre zuruck, alles ist verziehen" wuchsen immer
mehr und mehr, - ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die meisten
Berufsmorder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, - und erregten
schlie?lich die allgemeine Aufmerksamkeit.
In dem lieblichen Dorfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch
seine unverdrossene Tatigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein
Hauschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Gartchen davor mit bluhenden
Geranien.
Da es ihm seine Einkunfte nicht gestatteten, sich zu vergro?ern, sah er
sich genotigt, um die Leichen seiner Opfer unauffallig bestatten zu konnen,
statt eines Blumenbeetes - wie er es gern gesehen hatte - einen
grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umstanden angemessen: zweckma?igen
Grabhugel anzulegen, der sich muhelos verlangern lie?, wenn es der Betrieb
oder die Saison erforderte.
Auf dieser Weihestatte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages
Last und Muhen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf
seiner Flote allerlei schwermutige Weisen zu blasen." - -
"Halt!" unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlussel aus der
Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:
"Zimzerlim zambusla - deh."
"Waren Sie denn dabei, da? Sie die Melodie so genau kennen?", fragte
Vrieslander erstaunt.
Prokop warf ihm einen bitterbosen Blick zu: "Nein. Dazu hat Babinski zu
fruh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, mu? ich als Komponist doch am
besten wissen. Ihnen steht daruber kein Urteil zu: Sie sind nicht
musikalisch. - - Zimzerlim - zambusla - busla - deh."
Zwakh horte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlussel wieder
einsteckte, und fuhr dann fort:
"Das bestandige Wachsen des Hugels erweckte allmahlich Verdacht bei den
Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich
von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der guten Gesellschaft
erwurgte, gebuhrt das Verdienst, dem selbstsuchtigen Treiben des Unholdes
ein fur allemal Schranken gesetzt zu haben:
Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden
Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den Strang
und beauftragte zugleich die Firma Gebruder Leipen - Seilwaren en gros und
en detail - die notigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche
fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsarar gegen
Quittung auszuhandigen.
Nun fugte es sich aber, da? der Strick ri? und Babinski zu
lebenslanglichem Gefangnis begnadigt wurde.
Zwanzig Jahre verbu?te der Raubmorder hinter den Mauern von Sankt
Pankraz, ohne da? je ein Vorwurf uber seine Lippen gekommen ware; - noch
heute ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob uber seine vorbildliche
Auffuhrung, ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres
Allerhochsten Landesherrn ab und zu die Flote zu blasen; -"
Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlussel, aber Zwakh
wehrte ihm.
"- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pfortners im Kloster der
›Barmherzigen Schwestern‹.
Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging
ihm dank der gro?en, wahrend seines fruheren Wirkungskreises erworbenen
Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so da? ihm
hinlanglich Mu?e blieb, Herz und Geist an guter, sorgfaltig ausgewahlter
Lekture zu lautern.
Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
Sooft ihn die Oberin Samstagabends ins Wirtshaus schickte, damit er
sein Gemut ein wenig erheitere, jedesmal kam er punktlich vor Anbruch der
Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral stimme
ihn trube und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte mache die
Landstra?e unsicher, da? es fur jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit
sei, rechtzeitig die Schritte heimwarts zu lenken.
Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
eingerissen, kleine Figurchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle umhangen
hatten und den Raubmorder Babinski darstellten.
Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.
Gewohnlich aber standen sie in den Laden unter Glassturzen, und uber
nichts konnte sich Babinski so emporen, als wenn er eines derartigen
Wachsbildes ansichtig wurde.
›Es ist im hochsten Grade unwurdig und zeugt von einer Gemutsroheit
sondersgleichen, einem Menschen bestandig die Verfehlungen seiner Jugendzeit
vor Augen zu fuhren,‹ pflegte Babinski in solchen Fallen zu sagen ›und es
ist tief zu bedauern, da? von Seiten der Obrigkeit nichts geschieht, so
offenkundigem Unfug zu steuern.‹
Noch auf dem Totenbette au?erte er sich in ahnlichem Sinne.
Nicht vergebens, denn bald darauf verfugte die Behorde die Einstellung
des Handels mit den argerniserregenden Babinskischen Statuetten." - - -
- - - Zwakh tat einen machtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle
drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der
farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Trane im Auge zerdruckte.
- "Na, und Sie geben nichts zum besten, au?er - naturlich - da? Sie aus
Dankbarkeit fur den uberstandenen Kunstgenu? die Zeche berappen,
wertgeschatzter Kollege und Gemmenschneider?", fragte mich Vrieslander nach
einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.
Ich erzahlte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
Als ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das wei?e Haus
erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den Zahnen,
und als ich schlo?, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und rief:
"Das ist doch rein - -! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath
am eigenen Kadaver. - A propos, der Golem von damals - Sie wissen: die Sache
hat sich aufgeklart."
"Wieso aufgeklart?" fragte ich baff.
"Sie kennen doch den verruckten judischen Bettler ›Haschile‹? Nein? Nun
also: dieser Haschile war der Golem."
"Ein Bettler der Golem?"
"Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittag ging das Gespenst
seelenvergnugt bei hellichtem Sonnenschein in seinem beruchtigten
altmodischen Anzug aus dem XVII. Jahrhundert durch die Salnitergasse
spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glucklich
eingefangen."
"Was soll das hei?en? Ich verstehe kein Wort!" fuhr ich auf.
"Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, hore
ich, vor langerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. - Ubrigens, um auf das
wei?e Haus auf der Kleinseite zuruckzukommen: die Sache ist furchtbar
interessant. Es geht namlich eine alte Sage, da? dort oben in der
Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und auch
da blo? ›Sonntagskindern‹. Man nennt es ›die Mauer zur letzten Laterne‹. Wer
bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen gro?en, grauen Stein, - dahinter
sturzt es jah ab in die Tiefe in den Hirschgraben, und Sie konnen von Gluck
sagen, Pernath, da? Sie keinen Schritt weiter gemacht haben: Sie waren
unfehlbar hinuntergefallen und hatten samtliche Knochen gebrochen.
Unter dem Stein, hei?t es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von
dem Orden der ›Asiatischen Bruder‹, die angeblich Prag gegrundet haben, als
Grundstein fur ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der Tage
ein Mensch bewohnen wird - besser gesagt ein Hermaphrodit - ein Geschopf,
das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen
im Wappen tragen, - nebenbei: der Hase war das Symbol des Osiris, und
daher
stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.
Bis die Zeit gekommen ist, hei?t es, halt Methusalem in eigener Person
Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn mit
ihm zeugt: den sogenannten Armilos. - Haben Sie noch nie von diesem Armilos
erzahlen horen? - Sogar wie er aussehen wurde, wei? man - das hei?t, die
alten Rabbiner wissen es; - wenn er auf die Welt kame: Haare aus Gold wurde
er haben, ruckwarts zum Schopf gebunden, dann: zwei Scheitel, sichelformige
Augen und Arme bis herunter zu den Fu?en."
"Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen", brummte Vrieslander und
suchte nach einem Bleistift.
"Also: Pernath, wenn Sie einmal das Gluck haben sollten, ein
Hermaphrodit zu werden und
en passant
den vergrabenen Schatz zu finden,"
schlo? Prokop, "dann vergessen Sie nicht, da? ich stets Ihr bester Freund
gewesen bin!"
- Mir war nicht zum Spa?machen zumute, und ich fuhlte ein leises Weh im
Herzen.
Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wu?te, denn
er kam mir rasch zu Hilfe:
"Jedenfalls ist es hochst merkwurdig, fast unheimlich, da? Pernath
gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so eng
verknupft ist. - Da sind Zusammenhange, aus deren Umklammerung sich ein
Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die Fahigkeit hat,
Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. - Ich kann mir nicht
helfen: das
Ubersinnliche
ist doch das Reizvollste! - Was meint ihr?"
Vrieslander und Prokop waren ernst geworden, und jeder von uns hielt
eine Antwort fur uberflussig.
"Was meinen Sie, Eulalia?" wiederholte Zwakh, zuruckgewendet, seine
Frage.
Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
errotete und sagte:
"Aber gahn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer."
"Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag uber", fing
Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, "nicht
einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwahrend hab' ich an die
Rosina denken mussen, wie sie im Frack getanzt hat."
"Ist sie wieder aufgefunden worden?", fragte ich.
"›Aufgefunden‹ ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch fur ein langeres
Engagement gewonnen! - Vielleicht hat sie dem Herrn Kommissar - damals ›beim
Loisitschek‹, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt - fieberhaft
tatig und tragt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in der Judenstadt
bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie ubrigens schon geworden in der
kurzen Zeit."
"Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann blo?
dadurch, da? sie ihn verliebt sein la?t in sich: es ist zum Staunen", warf
Zwakh hin. "Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu konnen, ist der arme
Bursche, der Jaromir, uber Nacht Kunstler geworden. Er geht in den
Wirtshausern herum und schneidet Silhouetten fur Gaste aus, die sich auf
diese Art portratieren lassen."
Prokop, der den Schlu? uberhort hatte, schmatzte mit den Lippen:
"Wirklich? Ist sie so hubsch geworden, die Rosina? - Haben Sie ihr
schon ein Ku?chen geraubt, Vrieslander?"
Die Kellnerin sprang sofort auf und verlie? indigniert das Zimmer.
"Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig notig, - Tugendanfalle! Pah!",
brummte Prokop argerlich hinter ihr drein.
"Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen.
Und au?erdem war der Strumpf gerade fertig", beschwichtigte ihn Zwakh.
Der Wirt brachte neuen Grog und die Gesprache fingen allmahlich an,
eine schwule Richtung zu nehmen. Zu schwul, als da? sie mir nicht ins Blut
gegangen waren bei meiner fiebrigen Stimmung.
Ich straubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschlo? und
an Angelina zuruckdachte, um so hei?er brauste es mir in den Ohren.
Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
Der Nebel war durchsichtiger geworden, spruhte feine Eisnadeln auf
mich, war aber immer noch so dicht, da? ich die Stra?entafeln nicht lesen
konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.
Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da horte
ich meinen Namen rufen:
"Herr Pernath! Herr Pernath!"
Ich blickte um mich, in die Hohe:
Niemand!
Ein offenes Haustor, daruber diskret eine kleine, rote Laterne, gahnte
neben mir auf, und eine helle Gestalt - schien mir - stand tief im Flur
darin.
Wieder: "Herr Pernath! Herr Pernath!" Im Flusterton.
Ich trat erstaunt in den Gang, - da schlangen sich warme Frauenarme um
meinen Hals, und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
offnenden Turspalt fiel, da? es Rosina war, die sich hei? an mich pre?te.
List
Ein grauer, blinder Tag.
Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos,
bewu?tlos, wie ein Scheintoter.
Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen
einzuheizen.
Kalte Asche lag im Ofen.
Staub auf den Mobeln.
Der Fu?boden nicht gekehrt.
Frostelnd ging ich auf und ab.
Widerwartiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein
Mantel, meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
Ich ri? das Fenster auf, schlo? es wieder: - der kalte, schmutzige
Hauch von der Stra?e war unertraglich.
Spatzen mit durchna?tem Gefieder hockten regungslos drau?en auf den
Dachrinnen.
Wohin ich blickte, mi?farbene Verdrossenheit. Alles in mir war
zerrissen, zerfetzt.
Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl - wie fadenscheinig es war! Die
Ro?haare quollen hervor aus den Randern.
Man mu?te es zum Tapezierer schicken - - ach was, sollte es so bleiben
- noch ein odes Menschenleben hindurch, bis alles zu Gerumpel zerfiel!
Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese
Zwirnlappen an den Fenstern!
Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
sehen, und der ganze graue, zermurbende Jammer war voruber - ein fur
allemal.
Ja! Das war das gescheiteste! Ein Ende machen.
Heute noch.
Jetzt noch - vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. - Ein
ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In der
nassen Erde liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu haben.
Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen wollte und ihre freche Luge von
der Freude des Daseins einem ins Herz funkeln.
Nein! ich lie? mich nicht mehr narren, wollte nicht langer der
Spielball sein eines tappischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob
und dann wieder in Pfutzen stie?, blo? damit ich die Verganglichkeit alles
Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich langst wu?te, was jedes Kind wei?,
jeder Hund auf der Stra?e wei?.
Arme, arme Mirjam! Wenn ich
ihr
wenigstens helfen konnte.
Es hie?, einen Entschlu? fassen, einen ernsten, unabanderlichen
Beschlu?, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen
konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.
Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich
des Unverweslichen?
Zu nichts, zu gar, gar nichts.
Nur dazu vielleicht, da? ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die
Erde als unmogliche Qual empfand.
Da gab es nur noch eins.
Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen
hatte.
Ja, nur
so
ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
Alles, was ich besa? - die paar Edelsteine in der Schublade dazu, -
zusammenschnuren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre
wenigstens wurde es die Sorge ums tagliche Leben von ihr nehmen. Und einen
Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie stand mit dem
"Wunder".
Er allein konnte ihr helfen.
Ich fuhlte: ja, er wurde Rat wissen fur sie.
Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn
ich jetzt auf die Bank ging - in einer Stunde konnte alles in Ordnung
gebracht sein.
Und dann noch einen Strau? roter Rosen kaufen fur Angelina! - - - - es
schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. - Nur noch einen Tag, einen
einzigen Tag mochte ich leben!
Um dann abermals dieselbe wurgende Verzweiflung mitmachen zu mussen?
Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie Befriedigung
uber mich, da? ich mir nicht nachgegeben hatte.
Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, - wollte sie
fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon vorgenommen.
Ich ha?te die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich ware zum Morder
geworden durch sie.
Wer kam mich denn da wieder storen?
Es war der Trodler.
"Nur en Augenblick, Herr von Pernath", bat er fassungslos, als ich ihm
bedeutete, da? ich keine Zeit hatte. "Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur
a paar Worte."
Der Schwei? lief ihm ubers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
"Kann man hier auch ungestort mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
mocht' nicht, da? der - der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch
lieber die Tur ab, oder geh'mer besser ins Nebenzimmer", - er zog mich in
seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flusterte heiser:
"Ich hab mir's uberlegt, wissen Sie, - das von neilich. Es is besser
so. Es kommt nix hereaus dabei. Gut. Voruber is voruber."
Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne,
solche Anstrengung kostete es ihn.
"Das freut mich, Herr Wassertrum," sagte ich, so freundlich ich konnte,
"das Leben ist zu trub, als da? man es sich gegenseitig noch mit Ha?
verbittern sollte."
"Rein, als ob man ein gedrucktes Buch reden hort," grunzte er
erleichtert, wuhlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr
mit den verbogenen Sprungdeckeln hervor, "und damit Sie sehen, ich mein's
ehrlich, mussen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk."
"Was fallt Ihnen denn ein," wehrte ich ab, "Sie werden doch wohl nicht
glauben -", da fiel mir ein, was Mirjam uber ihn gesagt hatte, und ich
streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu kranken.
Er achtete nicht darauf, wurde plotzlich wei? wie die Wand, lauschte
und rochelte:
"Da! Da! Hab' ich's doch gewu?t. Schon wieder der Hillel! Er klopft."
Ich horchte, ging ins andere Zimmer zuruck und zog zu seiner Beruhigung
die Verbindungstur hinter mir halb zu.
Es war diesmal nicht Hillel.
Charousek
trat ein, legte, wie zum
Zeichen, da? er wisse,
wer
nebenan sei, den Finger an die Lippen und
uberschuttete mich in der nachsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
sagen wurde, mit einem Schwall von Worten:
"Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur
die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrucken, da? ich Sie allein und
wohlauf zu Hause antreffe." - - - Er sprach wie ein Schauspieler, und seine
schwulstige, unnaturliche Redeweise stand in so krassem Gegensatz zu seinem
verzerrten Gesicht, da? ich ein tiefes Grauen vor ihm empfand.
"Niemals hatte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu
Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewi? schon des ofteren auf der Stra?e
erblickt haben, - doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft
huldreich die Hand gereicht.
Da? ich heute vor Sie hintreten kann mit wei?em Kragen und in sauberem
Anzug, - wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider -
ach - meist verkannten Menschen unserer Stadt. Ruhrung ubermannt mich, wenn
ich seiner gedenke.
Selber in bescheidenen Verhaltnissen, hat er dennoch eine offene Hand
fur Arme und Bedurftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem Laden
stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten und
ihm stumm die Hand zu drucken.
Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich voruberging, schenkte mir
Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen
Anzug kaufen zu konnen.
Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltater war? -
Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt
hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlagt: Es war - Herr Aaron
Wassertrum!" - -
- - Ich verstand naturlich, da? Charousek seine Komodie auf den
Trodler, der nebenan lauschte, gemunzt hatte, wenn mir auch unklar blieb,
was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei
geeignet, den mi?trauischen Wassertrum hinters Licht zu fuhren. Charousek
erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich dachte, schuttelte
grinsend den Kopf, und auch seine nachsten Worte sollten mir wahrscheinlich
sagen, da? er seinen Mann genau kenne und wisse, wie dick er auftragen
durfe.
"Jawohl! Herr - Aaron - Wassertrum! Es druckt mir fast das Herz ab, da?
ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, und
beschwore Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, da? ich hier war und Ihnen
alles erzahlt habe. - Ich wei?, die Selbstsucht der Menschen hat ihn
verbittert und tiefes, unheilbares - ach, leider nur zu gerechtfertigtes
Mi?trauen in seine Brust gepflanzt.
Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefuhl sagt mir, es ist am besten:
Herr Wassertrum erfahrt nie - auch aus meinem Munde nicht - wie hoch ich von
ihm denke. - Es hie?e das: Zweifel in sein ungluckliches Herz saen. Und das
sei ferne von mir. Lieber soll er mich fur undankbar halten.
Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglucklicher und wei? von
Kindesbeinen an, was es hei?t, einsam und verlassen in der Welt zu stehen!
Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mutterlein habe
ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie mu? fruhzeitig gestorben
sein -" Charouseks Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, -
"und war, wie ich bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten
Naturen, die nie sagen konnen, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch
Herr Aaron Wassertrum gehort.
Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter - ich
trage das Blatt bestandig auf der Brust - und darin steht, da? sie meinen
Vater, obschon er ha?lich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie
ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
Dennoch scheint sie es nie gesagt zu haben. - Vielleicht aus ahnlichen
Grunden, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen konnte - und wenn
mir das Herz daruber brache - was ich fur ihn an Dankbarkeit fuhle.
Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
erraten kann, denn die Satze sind fast unleserlich vor Tranenspuren: mein
Vater - sein Andenken moge vergehen im Himmel und auf Erden! - mu?
scheu?lich an meiner Mutter gehandelt haben."
- Charousek fiel plotzlich auf die Knie, da? der Boden drohnte, und
schrie in so markerschutternden Tonen, da? ich nicht wu?te, spielte er noch
immer Komodie oder war er wahnsinnig geworden:
"Du Allmachtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier
auf meinen Knien liege ich vor Dir: verflucht, verflucht, verflucht sei mein
Vater in alle Ewigkeit!"
Er bi? das letzte Wort formlich entzwei und horchte eine Sekunde lang
mit aufgerissenen Augen.
Dann feixte er wie der Satan. Auch mir schien es, als hatte Wassertrum
nebenan leise gestohnt.
"Verzeihen Sie, Meister," fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
erstickter Stimme fort, "verzeihen Sie, da? es mich ubermannt hat, aber es
ist mein Gebet fruh und spat, der Allmachtige wolle es fugen, da? mein
Vater, wer immer er auch sein moge, dereinst das gra?lichste Ende nehme, das
sich ausdenken la?t."
Ich wollte unwillkurlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach
mich rasch:
"Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
vorzutragen habe:
Herr Wassertrum besa? einen Schutzling, den er uber die Ma?en ins Herz
geschlossen hatte, - es durfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es hei?t
sogar, es sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst
hatte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hie? er:
Wassory, Dr. Theodor Wassory.
Die Tranen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir
sehe. Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als hatte mich ein unmittelbares
Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknupft."
Charousek schluchzte, als konne er vor Ergriffenheit kaum
weitersprechen.
"Ach, da? dieser Edeling von der Erde gehen mu?te! - Ach! Ach!
Was auch der Grund gewesen sein mag, - ich habe ihn nie erfahren, - er
hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe
gerufen wurden - - ach, ach, zu spat - zu spat - zu spat! Und als ich dann
allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit Kussen
bedeckte, da - warum soll ich es nicht eingestehen, Meister Pernath? - es
war ja doch kein Diebstahl - da nahm ich eine Rose von der Brust der Leiche
und eignete mir das Flaschchen an, mit dessen Inhalt der Ungluckliche seinem
bluhenden Leben ein schnelles Ende bereitet hatte."
Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
"Beides lege ich hier auf Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die
Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.
Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
herbeiwunschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach
meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Flaschchen, und es gab mir einen
seligen Trost, zu wissen:
ich brauchte nur die Flussigkeit auf ein Tuch zu
gie?en und einzuatmen
und schwebte schmerzlos hinuber in die Gefilde, wo
mein lieber, guter Theodor ausruht von den Muhsalen unseres Jammertales.
Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, - und deswegen bin ich
hergekommen - nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
Sagen Sie, Sie hatten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory
nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hatten, nie zu nennen, -
vielleicht von einer Dame.
Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein
teures Andenken fur mich war.
Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es
ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird
jetzt
ihm
gehoren, und dennoch ahnt er nicht, da?
ich
der Geber bin.
Es liegt darin zugleich auch fur mich etwas unendlich Su?es.
Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus
vieltausendmal bedankt."
Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flusterte mir, als ich noch
immer nicht verstand, kaum horbar etwas zu.
"Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stuckchen
hinunterbegleiten", sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen
Lippen las, und ging mit ihm hinaus.
Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und
ich wollte mich von Charousek verabschieden.
"Ich kann mir denken, was Sie mit der Komodie bezweckt haben. - - Sie -
Sie wollen, da? sich Wassertrum mit dem Flaschchen vergiftet!" Ich sagte es
ihm ins Gesicht.
"Freilich", gab Charousek aufgeraumt zu.
"Und
dazu,
glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?"
"Durchaus nicht notig."
"Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie
vorhin!"
Charousek schuttelte den Kopf:
"Wenn Sie jetzt zuruckgehen, werden Sie sehen, da? er sie bereits
eingesteckt hat."
"Wie konnen Sie das nur annehmen?", fragte ich erstaunt. "Ein Mensch
wie Wassertrum wird sich niemals umbringen, - ist viel zu feig dazu -
handelt nie nach plotzlichen Impulsen."
"Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht", unterbrach
mich Charousek ernst. "Hatte ich in alltaglichen Worten geredet, wurden Sie
vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher
berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsfotter! Glauben
Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Satze hatte ich Ihnen hinzeichnen
konnen. - Kein ›Kitsch‹ wie es die Maler nennen, ist niedertrachtig genug,
als da? er nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tranen entlockte - sie
ins Herz trifft! Glauben Sie denn, man hatte nicht langst samtliche Theater
mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn es anders ware? An der
Sentimentalitat erkennt man die Kanaille. Tausende armer Teufel konnen
verhungern, da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Buhne,
als Bauerntrampel verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die
Schlo?hunde. - - Wenn Vaterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen
hat, was ihm soeben noch - Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird
wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst
unendlich bedauernswert vorkommt. - In solchen Momenten des gro?en Misereres
bedarf es blo? eines leisen Ansto?es, - und fur den werde ich sorgen - und
selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es mu? nur zur Hand sein!
Theodorchen hatte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, wenn ich's ihm nicht
so bequem gemacht hatte."
"Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch", rief ich entsetzt.
"Empfinden Sie denn gar kein - - -"
Er hielt mir schnell den Mund zu und drangte mich in eine Mauernische!
"Still! Da ist er!"
Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stutzend, kam Wassertrum die
Stiege herunter und wankte an uns voruber.
Charousek schuttelte mir fluchtig die Hand und schlich ihm nach. - -
Als ich in mein Zimmer zuruckgekehrt war, sah ich, da? die Rose und das
Flaschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr
des Trodlers auf dem Tisch lag.
"Acht Tage musse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen konne; es sei
das die ubliche Kundigungsfrist", hatte man mir auf der Bank gesagt.
Man solle den Direktor holen, denn ich sei in gro?ter Eile und gedachte
in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
Er sei nicht zu sprechen und konne an den Gepflogenheiten der Bank auch
nichts andern, hie? es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit
mir an den Schalter getreten war, hatte daruber gelacht.
Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. - - -
Ich war so niedergeschlagen, da? ich mir gar nicht bewu?t wurde, wie
lange ich schon vor der Ture eines Kaffeehauses auf und nieder geschritten
sein mochte.
Endlich trat ich ein, blo? um den widerwartigen Kerl mit dem Glasauge
los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in
meiner Nahe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
herumsuchte, als habe er etwas verloren.
Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
speckglanzende Hosen, die ihm wie Sacke um die Beine schlotterten. Auf
seinem linken Stiefel war ein eiformiger, gewolbter Lederfleck aufgesteppt,
da? es aussah, als truge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.
Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und lie? sich an
einem Nebentisch nieder.
Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
Portemonnai, da sah ich einen gro?en Brillanten an seinen wulstigen
Metzgerfingern aufblitzen.
Stunden und Stunden sa? ich in dem Kaffeehaus und glaubte vor innerer
Nervositat wahnsinnig werden zu mussen, - aber wohin sollte ich gehen? Nach
Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gra?licher als das andere.
Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
trockene, unaufhorliche Gerausper eines halbblinden Zeitungstigers mir
gegenuber, ein storchbeiniger Infanteneleutnant, der abwechselnd in der Nase
bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den
Schnurrbart kammte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafter, verschwitzter,
schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter
gellem Gekreisch ihre Trumpfe mit dem Faustknochel hinschlugen, bald unter
Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln
doppelt und dreifach sehen zu mussen! Es sog mir langsam das Blut aus den
Adern. -
Es wurde allmahlich dunkel und ein plattfu?iger, knieweicher Kellner
tastete mit einer Stange nach den Gaslustern, um sich endlich kopfschuttelnd
zu uberzeugen, da? sie nicht brennen wollten.
So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
Wolfsblick des Glasaugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung
versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die langst ausgetrunkene
Kaffeetasse tauchte.
Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestulpt, da? ihm die Ohren
fast waagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
Es war nicht mehr auszuhalten.
Ich zahlte und ging.
Als ich die Glastur hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die
Klinke aus der Hand - Ich drehte mich um:
Wieder der Kerl!
Argerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt
zu, da drangte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
"Da hort denn doch alles auf!" schrie ich ihn an.
"Nach rechts geht's," sagte er kurz.
"Was soll das hei?en?"
Er fixierte mich frech:
"Sie sind der Pernath!"
"Sie wollen wahrscheinlich sagen:
Herr
Pernath?"
Er lachte nur hamisch:
"Alsdann keine Faxen jetz! Sie gah'n Sie mit!"
"Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?", fuhr ich auf.
Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zuruck und zeigte vorsichtig
auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
"So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?"
"Sie werden sich's schonn erfahrrahn. Auf dem Dapartemant", erwiderte
er grob. "Alla marsch jetz!"
Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
"Nix da!"
Wir gingen zur Polizei.
Ein Gendarm fuhrte mich vor eine Tur.
ALOIS OTSCHIN
Polizeirat
las ich auf der Porzellantafel.
"Sie kannen sich eintratten", sagte der Gendarm.
Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsatzen standen einander
gegenuber.
Ein paar verkraxte Stuhle dazwischen.
Das Bild des Kaisers an der Wand.
Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
Sonst nichts im Zimmer.
Ein Klumpfu? und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen
Hosen hinter dem linken Schreibpult.
Ich horte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in bohmischer
Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten
Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
Er war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
Manier, bevor er anfing zu reden, die Zahne zu fletschen wie jemand, der in
grelles Sonnenlicht schaut.
Dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglasern zusammen, was ihm
den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
"Sie hei?en Athanasius Pernath und sind" - er blickte auf ein Blatt
Papier, auf dem nichts stand - "Gemmenschneider."
Sofort kam Leben in den Klumpfu? unter dem anderen Schreibtisch: er
wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich horte das Rauschen einer Schreibfeder.
Ich bejahte:
"Pernath. Gemmenschneider."
"No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr - - - Pernath, - jawohl
Pernath. Ja wohl ja." - Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von
erstaunlicher Liebenswurdigkeit, als hatte er die erfreulichste Nachricht
von der Welt bekommen, streckte mir beide Hande entgegen und bemuhte sich in
lacherlicher Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.
"Also, Herr Pernath, erzahlen Sie mir einmal, was treiben Sie so den
ganzen Tag?"
"Ich glaube, da? Sie das nichts angeht, Herr Otschin", antwortete ich
kalt.
Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr blitzschnell
los:
"Seit wann hat die Grafin ihr Verhaltnis mit dem Savioli?"
Ich war auf etwas Ahnliches gefa?t gewesen und zuckte nicht mit der
Wimper.
Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widerspruche zu
verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug,
ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zuruck, da? ich den Namen
Savioli nie gehort hatte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei,
und da? sie schon ofter Kameen bei mir bestellt habe.
Ich fuhlte trotzdem genau, da? der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn
belog, und innerlich schaumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu
konnen.
Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich,
deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flusterte mir
ins Ohr:
"Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie
retten, Athanasius! Aber Sie mussen mir alles sagen uber die Grafin. - Horen
Sie: alles."
Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. "Was meinen Sie damit: Sie
wollen mich retten?", fragte ich laut.
Der Klumpfu? stampfte argerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde
aschgrau im Gesicht vor Ha?. Zog die Lippe empor. Wartete. - Ich wu?te, da?
er gleich wieder losspringen wurde; (sein Verbluffungssystem erinnerte mich
an Wassertrum) und wartete ebenfalls, - sah, da? ein Bocksgesicht, der
Inhaber des Klumpfu?es, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte - - dann
schrie mich der Polizeirat plotzlich gellend an:
"Morder".
Ich war sprachlos vor Verbluffung.
Mi?mutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zuruck.
Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten uber meine Ruhe,
versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
aufforderte, Platz zu nehmen.
"Sie verweigern also, uber die Grafin die von mir gewunschte Auskunft
zu geben, Herr Pernath?"
"Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem
Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann
bin ich felsenfest uberzeugt, da? es eine Verleumdung ist, wenn man der
Grafin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten."
"Sind Sie bereit, das zu beeiden?"
Mir stockte der Atem. "Ja! Jederzeit."
"Gut. Hm."
Eine langere Pause entstand, wahrend der Polizeirat angestrengt
nachzugrubeln schien.
Als er mich wieder anblickte, lag ein komodiantenhafter Zug von
Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkurlich mu?te ich an Charousek
denken, wie er dann mit tranenerstickter Stimme anfing:
"Mir konnen Sie es doch sagen, Athanasius, - mir, dem alten Freund
Ihres Vaters -
mir,
der Sie auf den Armen getragen hat -" ich konnte das
Lachen kaum verbei?en: er war hochstens zehn Jahre alter als ich - "nicht
wahr, Athanasius, es war Notwehr?"
Das Bocksgesicht erschien abermals.
"Was war Notwehr?", fragte ich verstandnislos.
"Das mit dem - - -
Zottmann!"
schrie mir der Polizeirat einen Namen ins
Gesicht.
Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der
Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
Ich fuhlte, wie mir alles Blut zum Herzen stromte: Der grauenhafte
Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu
lenken.
Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zahne und kniff
die Augen zusammen:
"Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?"
"Das ist alles ein Irrtum. Ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen
horen Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklaren, Herr Polizeirat - -!", schrie
ich.
"Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Grafin",
unterbrach er mich rasch: "ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre
Lage damit."
"Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Grafin ist
unschuldig."
Er bi? die Zahne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
"Schreiben Sie: - Also, Pernath gesteht den Mord an dem
Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein."
Mich packte eine besinnungslose Wut.
"Sie Polizeikanaille!" brullte ich los, "was unterstehen Sie sich?!"
Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
Im nachsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
Handschellen angelegt.
Der Polizeirat blahte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
"Und die Uhr da?", - er hielt plotzlich die verbeulte Uhr in der Hand,
- "hat der ungluckliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder
nicht?"
Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu
Protokoll: "Die Uhr hat mir heute vormittag der Trodler Aaron Wassertrum -
geschenkt."
Ein wieherndes Gelachter brach los, und ich sah, wie der Klumpfu? und
der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch
auffuhrten.
Qual
Die Hande gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem
Bajonett, mu?te ich durch die abendlich beleuchteten Stra?en gehen.
Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber
rissen die Fenster auf, drohten mit Kochloffeln herunter und schimpften
hinter mir drein.
Schon von weitem sah ich den massigen Steinwurfel des Gerichtsgebaudes
mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:
"Die strafende Gerechtigkeit ist die Beschirmung aller Braven."
Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach
Kuche stank.
Ein vollbartiger Mann mit Sabel, Beamtenrock und -mutze, barfu? und die
Beine in langen, um die Knochel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf,
stellte die Kaffeemuhle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl
mir, mich auszuziehen.
Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand,
und fragte mich, ob ich - Wanzen hatte.
Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es
sei gut, ich konnte mich wieder ankleiden.
Man fuhrte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gange, in denen
vereinzelt gro?e, graue, verschlie?bare Kisten in den Fensternischen
standen.
Eiserne Turen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten,
uber jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand
entlang.
Ein hunenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwarter - das erste
ehrliche Gesicht seit Stunden - sperrte eine der Turen auf, schob mich in
eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Offnung und schlo?
hinter mir ab.
Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
Mein Knie stie? an einen Blechkubel.
Endlich erwischte ich - der Raum war so eng, da? ich mich kaum umdrehen
konnte - eine Klinke, und stand in - einer Zelle.
Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsacken an den Mauern.
Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand lie? den
matten Schein des Nachthimmels herein.
Unertragliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfullte
den Raum.
Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewohnt hatten, sah ich, da? auf
drei der Pritschen - die vierte war leer - Menschen in grauen
Straflingskleidern sa?en; die Arme auf die Knie gestutzt und die Gesichter
in den Handen vergraben.
Keiner sprach ein Wort.
Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
Eine Stunde.
Zwei - drei Stunden!
Wenn ich drau?en einen Schritt zu horen glaubte, fuhr ich auf:
Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
vorzufuhren.
Jedesmal war es eine Tauschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
Schritte auf dem Gang.
Ich ri? mir den Kragen auf - glaubte, ersticken zu mussen.
Ich horte, wie ein Gefangener nach dem andern sich achzend ausstreckte.
"Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?", fragte ich voll
Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner
eigenen Stimme.
"Es geht net", antwortete es murrisch von einem der Strohsacke heruber.
Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett
in Brusthohe lief quer hin - - - zwei Wasserkruge - - - Stucke von
Brotrinden.
Muhsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstaben und pre?te
das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintoniger, schwarzgrauer
Nachtnebel vor meinen Augen.
Die kalten Eisenstabe schwitzten.
Es mu?te bald Mitternacht sein.
Hinter mir horte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu
konnen: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stohnte manchmal halblaut
auf.
Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
Ich zahlte mit bebenden Lippen:
Eins, zwei, drei! - Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mu?te
die Dammerung kommen. Es schlug weiter:
Vier? funf? - Der Schwei? trat mir auf die Stirn. - Sechs!! - Sieben -
- - es war
elf
Uhr.
Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
horen.
Allmahlich legten sich meine Gedanken zurecht:
Wassertrum hat mir die Uhr des vermi?ten Zottmann zugespielt, um mich
in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. - Er mu?te also selbst
der Morder sein; wie hatte er sonst in den Besitz der Uhr kommen konnen?
Wurde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, hatte er
sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die fur die Entdeckung
des Vermi?ten offentlich ausgesetzt waren. - Das konnte aber nicht sein: die
Plakate klebten noch immer an den Stra?enecken, wie ich deutlich auf meinem
Weg ins Gefangnis gesehen hatte. - - -
Da? der Trodler mich angezeigt haben mu?te, war klar.
Ebenso: da? er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf,
unter einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhor wegen Savioli?
Andererseits ging daraus hervor, da? Wassertrum Angelinas Briefe
noch
nicht
in Handen hatte.
Ich grubelte nach - - -
Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir,
als ware ich selbst dabei gewesen.
Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in
der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit
seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstoberte, - konnte sie nicht
sogleich offnen, da ich den Schlussel bei mir trug, und war - - - vielleicht
gerade jetzt daran, sie in seiner Hohle aufzubrechen.
In wahnsinniger Verzweiflung ruttelte ich an den Gitterstaben, sah
Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wuhlte -
Wenn ich nur Charousek benachrichtigen konnte, da? er Savioli
wenigstens rechtzeitig warnen ging!
Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung
musse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und
ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine
infernalische Schlauheit kam der Trodler nicht auf; "Ich werde ihn genau in
der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will",
hatte Charousek schon einmal gesagt.
In der nachsten Minute wieder verwarf ich alles, und eine wilde Angst
packte mich: Wie, wenn Charousek zu spat kam?
Dann war Angelina verloren. - - -
Ich bi? mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue,
da? ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; - - - ich schwor es
mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich
wieder auf freiem Fu? sein wurde.
Ob ich von eigener Hand starb oder am Galgen - was lag mir daran!
Da? der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben wurde, wenn ich ihm
die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen
erzahlte, - keinen Augenblick zweifelte ich daran.
Bestimmt morgen schon mu?te ich frei sein; zumindest wurde das Gericht
auch Wassertrum wegen Mordverdachts verhaften lassen.
Ich zahlte die Stunden und betete, da? sie rascher vergehen mochten;
starrte hinaus in den schwarzlichen Dunst.
Nach unsaglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und
zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes,
riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch
die
Zeiger fehlten;
- neuerliche Qual.
Dann schlug es funf.
Ich horte, wie die Gefangenen erwachten und gahnend eine Unterhaltung
in bohmischer Sprache fuhrten.
Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem
Brett herunter und - sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche,
gegenuber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und
musterten mich geringschatzig.
"Defraudant? Was?", fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stie?
ihn mit dem Ellenbogen an.
Der Gefragte brummte irgend etwas verachtlich, kramte in seinem
Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
Dann schuttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
bespiegelte sich darin und kammte sich mit den Fingern das Haar in die
Stirn.
Hierauf trocknete er das Papier mit zartlicher Sorgfalt ab und
versteckte es wieder unter der Pritsche.
"Pan Pernath, Pan Pernath", murmelte Loisa dabei bestandig mit
aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
"Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerko", sagte der
Ungekammte, dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines
tschechischen Wieners und machte mir spottisch eine halbe Verbeugung:
"Erlaubens mich vorzustellen: Vossatka ist mein Name. Der schwarze Vossatka.
- Brandstiftung", setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.
Der Frisierte spuckte zwischen den Zahnen durch, blickte mich eine
Weile verachtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
"Einbruch."
Ich schwieg.
"No, und zweng wos fur einen Verdachto sin Sie hier, Herr Graf?" fragte
der Wiener nach einer Pause.
Ich uberlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: "Wegen Raubmord".
Die beiden fuhren verblufft auf, der spottische Ausdruck auf ihren
Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen
fast wie aus einem Munde:
"Raschpakt, Raschpakt."
Als sie sahen, da? ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in
die Ecke zuruck und unterhielten sich flusternd miteinander.
Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prufte schweigend die
Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschuttelnd zu seinem Freund
zuruck.
"Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
haben?" fragte ich Loisa unauffallig.
Er nickte. "Ja, schon lang."
Wieder vergingen einige Stunden.
Ich schlo? die Augen und stellte mich schlafend.
"Herr Pernath. Herr Pernath!" horte ich plotzlich ganz leise Loisas
Stimme.
"Ja?" - - - Ich tat, als erwachte ich.
"Herr Pernath?, bitte entschuldigen Sie, - bitte - bitte, wissen Sie
nicht, was die Rosina macht? - Ist sie zu Hause?", stotterte der arme
Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzundeten Augen an
meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hande verkrampfte.
"Es geht ihr gut. Sie - sie ist jetzt Kellnerin beim - - alten Ungelt",
log ich.
Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
Zwei Straflinge hatten auf einem Brett Blechtopfe mit hei?em Wurstabsud
stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten
nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher fuhrte mich zum
Untersuchungsrichter.
Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
schritten.
"Glauben Sie, ist es moglich, da? ich heute noch freigelassen werde?",
fragte ich den Aufseher beklommen.
Ich sah, wie er mitleidig ein Lacheln unterdruckte. "Hm. Heute noch? Hm
- - Gott, - moglich ist ja alles." -
Mir wurde eiskalt.
Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tur und einen Namen:
KARL FREIHERR VON LEISETRETER
Untersuchungsrichter
Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
Aufsatzen.
Ein alter, gro?er Mann mit wei?em, geteiltem Vollbart, schwarzem
Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.
"Sie sind Herr Pernath?"
"Jawohl."
"Gemmenschneider?"
"Jawohl."
"Zelle Nr. 70?"
"Jawohl."
"Des Mordes an Zottmann verdachtig?"
"Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter - -"
"
Des Mordes an Zottmann verdachtig?
"
"Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber - -"
"Gestandig?"
"Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
unschuldig!"
"
Gestandig?
"
"Nein."
"Dann verhange ich Untersuchungshaft uber Sie. - Fuhren Sie den Mann
hinaus, Gefangenwarter."
"Bitte, so horen Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, - ich mu?
unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen -
-"
Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
Der Herr Baron schmunzelte. -
"Fuhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwarter."
Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch sa? ich in der
Zelle.
Um zwolf Uhr durften wir taglich hinunter in den Gefangnishof und mit
anderen Untersuchungsgefangenen und Straflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis
herumgehen auf der nassen Erde.
Miteinander zu reden, war verboten.
In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen
Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
An den Mauern wuchsen kummerliche Ligusterstauden, die Blatter fast
schwarz vom fallenden Ru?.
Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues
Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.
Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grufte zu Brot, Wasser und
Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen.
Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
Ob ich Zeugen hatte, da? mir "Herr" Wassertrum angeblich die Uhr
geschenkt habe?
"Ja: Herrn Schemajah Hillel - - das hei?t - nein" (ich erinnerte mich,
er war nicht dabei gewesen) - - "aber Herr Charousek" - (nein, auch er war
ja nicht dabei).
"Kurz: also niemand war dabei?"
"Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter."
Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:
"Fuhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwarter!" - - -
Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mu?te, war voruber. Entweder Wassertrums
Racheplan war langst gegluckt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich
mir.
Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.
Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, da? sich
das Wunder erneuere, - wie sie fruh am Morgen, wenn der Backer kam,
hinauslief und mit bebenden Handen das Brot untersuchte, - wie sie
vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.
Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf
das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und
verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken mochten zu Hillel dringen und
ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlosen von der Qual
des Hoffens auf ein Wunder.
Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir
die Brust fast zersprang, - um das Bild meines Doppelgangers vor mich zu
zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken konnte als einen Trost.
Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den
Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und
ich wollte aufschreien vor Jubel, da? jetzt alles wieder gut wurde, aber er
war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam
zu erscheinen. - - -
Da? ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
Zellengenossen.
Sie wu?ten es nicht.
Sie hatten noch nie welche bekommen - allerdings ware auch niemand da,
der ihnen schreiben konnte, sagten sie.
Der Gefangenwarter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen.
Meine Nagel waren rissig geworden vom Abbei?en und mein Haar
verwildert, denn Schere, Kamm und Burste gab es nicht.
Auch kein Wasser zum Waschen.
Fast ununterbrochen kampfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war
mit Soda gewurzt statt mit Salz. - - Eine Gefangnisvorschrift, um dem
"Uberhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen."
Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintonigkeit.
Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual.
Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plotzlich
einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein
wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen
und stumpfsinnig weiter zu warten - zu warten - zu warten.
Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen uber die
Wande und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Sabel und
Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer
hatte.
Furchtete man vielleicht im Landesgericht, es konne eine Kreuzung
fremder
Insektenrassen entstehen?
Mittwoch vormittags kam gewohnlich ein Schweinskopf herein mit
Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: der Gefangnisarzt Dr. Rosenblatt, und
uberzeugte sich, da? alle vor Gesundheit strotzten.
Und wenn einer sich beschwerte, gleichgultig woruber, so verschrieb er
- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
Einmal kam auch der Landgerichtsprasident mit - ein hochgewachsener,
parfumierter Halunke der "guten Gesellschaft", dem die gemeinsten Laster im
Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob - alles in Ordnung sei: "ob
sich noch immer kaner derhenkt hobe", wie sich der Frisierte ausdruckte.
Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er
einen Satz hinter den Gefangenwarter gemacht und mir einen Revolver
vorgehalten. - "Was ich denn wolle", schrie er mich an.
Ob Briefe fur mich da seien, fragte ich hoflich. Statt der Antwort
bekam ich einen Sto? vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich
darauf das Weite suchte. Auch der Herr Prasident zog sich zuruck und hohnte
durch den Turausschnitt: - ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekame
ich in diesem Leben keine Briefe.
Ich hatte mich langst an die schlechte Luft und die Hitze gewohnt und
frostelte bestandig. Selbst, wenn die Sonne schien.
Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt, aber ich
achtete nicht darauf. Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein
Wegelagerer, das nachste Mal ein Falschmunzer oder ein Hehler, die
hereingefuhrt wurden.
Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
Gegen das Wuhlen der Sorge um Mirjam verbla?ten alle au?eren
Begebenheiten.
Nur
ein
Ereignis hatte sich mir tiefer eingepragt - es verfolgte mich
zuweilen als Zerrbild bis in den Traum:
Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu
starren, da fuhlte ich plotzlich, da? mich ein spitzer Gegenstand in die
Hufte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, da? es die Feile gewesen
war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte.
Sie mu?te schon lange dort gesteckt haben, sonst hatte sie der Mann in der
Flurstube gewi? bemerkt.
Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte
keinen Augenblick, da? nur Loisa sie genommen haben konnte.
Einige Tage spater holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock
tiefer unterzubringen.
Es durfe nicht sein, da? zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
Verbrechens beschuldigt waren, wie er und ich, in der gleichen Zelle sa?en,
hatte der Gefangenwarter gesagt.
Aus ganzem Herzen wunschte ich, es mochte dem armen Burschen gelingen,
sich mit Hilfe der Feile zu befreien.
Mai
Auf meine Frage, welches Datum denn ware - die Sonne schien so warm wie
im Hochsommer und der mude Baum im Hof trieb ein paar Knospen - hatte der
Gefangenwarter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflustert, es sei der
15. Mai. Eigentlich durfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den
Gefangenen zu sprechen, - insbesondere solche, die noch nicht gestanden
hatten, mu?ten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.
Drei volle Monate war ich also schon im Gefangnis und noch immer keine
Nachricht aus der Welt da drau?en!
Wenn es Abend wurde, drangen leise Klange eines Klaviers durch das
Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.
Die Tochter des Beschlie?ers unten spiele, hatte mir ein Strafling
gesagt.
Tag und Nacht traumte ich von Mirjam.
Wie es ihr wohl ging?!
Zuzeiten hatte ich das trostliche Gefuhl, als seien meine Gedanken zu
ihr gedrungen und stunden an ihrem Bette, wahrend sie schlief, und legten
ihr lindernd die Hand auf die Stirne.
Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem
andern meiner Zellengenossen zum Verhor gefuhrt wurde, - nur ich nicht, -
drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.
Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder
nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich
aus dem Strohsack ri?, sollte mir Antwort geben.
Und fast jedesmal "ging es schlecht aus", und ich wuhlte in meinem
Innern nach einem Blick in die Zukunft; - suchte meine Seele, die mir das
Geheimnis verbarg, zu uberlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage,
ob wohl fur mich dereinst noch ein Tag kommen wurde, wo ich heiter sein und
wieder lachen konnte.
Immer bejahte das Orakel in solchen Fallen, und dann war ich eine
Stunde lang glucklich und froh.
Wie eine Pflanze heimlich wachst und spro?t, war allmahlich in mir eine
unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich fa?te es nicht, da?
ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden konnen, ohne mir damals
schon klar daruber geworden zu sein.
Der zitternde Wunsch, da? auch sie mit gleichen Gefuhlen an mich denken
mochte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der
Gewi?heit, und wenn ich dann auf dem Gange drau?en einen Schritt horte,
furchtete ich mich beinahe davor, man konnte mich holen und freilassen und
mein Traum wurde in der groben Wirklichkeit der Au?enwelt in nichts
zerrinnen.
Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, da? ich
auch das leiseste Gerausch vernahm.
Jedesmal bei Anbruch der Nacht horte ich in der Ferne einen Wagen
fahren und zergrubelte mir den Kopf, wer wohl dann sitzen mochte.
Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, da? es Menschen gab
da drau?en, die tun und lassen durften, was sie wollten, - die sich frei
bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als
unbeschreiblichen Jubel empfanden.
Da? auch ich jemals wieder so glucklich werden wurde, im Sonnenschein
durch die Stra?en wandern zu konnen; - - ich war nicht mehr imstande, es mir
vorzustellen.
Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
langstverflossenen Dasein anzugehoren; - ich dachte daran zuruck mit jener
leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlagt und
findet dann welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen
hat.
Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend fur Abend mit Vrieslander und
Prokop beim "Ungelt" sa? und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus
machte?
Nein, es war doch Mai: - die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten
durch die Provinznester zog und auf grunen Wiesen vor den Toren den Ritter
Blaubart spielte.
Ich sa? allein in der Zelle. - Vossatka, der Brandstifter, mein
einziger Gefahrte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum
Untersuchungsrichter geholt worden.
Merkwurdig lange dauerte diesmal sein Verhor.
Da. Die eiserne Vorlegestange klirrte an der Tur. Und mit
freudestrahlender Miene sturmte Vossatka herein, warf ein Bundel Kleider auf
die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
Den Straflingsanzug warf er Stuck fur Stuck mit einem Fluch auf den
Boden.
"Nix hamms mer beweisen konna, do Hallodri. - Brandstiftung! - Ja doder
-" er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. "Auf den schwarzen
Vossatka sans jung. - Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi fest blimm. Den
kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen - den Herrn von Wind. - No servus
heit abend! - Do werd aufdraht. Beim Loisitschek." - Er breitete die Arme
aus und tanzte einen "G'strampften". - "Nur einmahl im Lebohn blie-het der
Mai." Er stulpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen
blaugesprenkelten Nu?haherfeder darauf uber den Schadel. - "Ja, richtig, das
wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa,
is ausbrochen! - Grad hab i's erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen
Monat - gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht und ist langst ieber -
pbhuit" - er schlug sich mit den Fingern auf den Handrucken - "ieber alle
Bergoh." -
"Aha, die Feile", dachte ich mir und lachelte.
"Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf," der
Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, "da? Sie moglichst
bei Zeitohn freikommen. - Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen
Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vossatka. - Kennte mich
jedes Madel durten. So! - Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein
Vergniegen."
Er stand noch in der Ture, da schob der Warter schon einen neuen
Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der
Soldatenmutze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der
Hahnpa?gasse gestanden hatte. Eine freudige Uberraschung! Vielleicht wu?te
er zufallig etwas uber Hillel und Zwakh und alle die andern?
Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem gro?ten
Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
bedeutete mir, ich solle schweigen.
Erst als die Tur von au?en abgesperrt und der Schritt des
Gefangenwarters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.
Mir schlug das Herz vor Aufregung.
Was sollte das bedeuten?
Kannte er mich denn, und was wollte er?
Das erste, was der Schlot tat, war, da? er sich niedersetzte und seinen
linken Stiefel auszog.
Dann zerrte er mit den Zahnen einen Stopsel aus dem Absatz, entnahm dem
entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, ri? die anscheinend
nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene
hin. -
Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
geringsten zu achten.
"So! Einen schonen Gru? vom Herrn Charousek."
Ich war so verblufft, da? ich kein Wort herausbringen konnte. -
"Brauchens' blo? Eisenblechl nahmen und Sohlen ausanand brechen in der
Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. - Ise namlich hohl inewandig" -
erklarte der Schlot mit uberlegener Miene, "und finden Sie sich drinn eine
Brieffel von Herrn Charousek."
Im Uberma? meines Entzuckens fiel ich dem Schlot um den Hals, und die
Tranen sturzten mir aus den Augen.
Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
"Missen sich mehr zusammennahmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht
eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, da? ich
in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjoh
die Nummern mitsamm vertauscht." -
Ich mu?te wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot
fuhr fort:
"Wann Sie das auch nicht verstahn, macht nix. Kurz: ich bin hier,
Pasta!"
"Sagen Sie doch," fiel ich ihm ins Wort, "sagen Sie doch, Herr - - Herr
- - -"
"Wenzel," - half mir der Schlot aus, "ich hei?e der schone Wenzel."
"Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie
geht es seiner Tochter?"
"Dazu ist jetz keine Zeit nicht", unterbrach mich der schone Wenzel
ungeduldig. "Ich kann ich doch im naxen Augenblick herausgeschmissen werden.
- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab -
-"
"Was, Sie haben blo? meinetwegen, und um zu mir kommen zu konnen, einen
Raubanfall begangen, Wenzel?" fragte ich erschuttert.
Der Schlot schuttelte verachtlich den Kopf: "Wenn ich wirklich einen
Raub anf all
begangen
hatt, mecht ich ihm doch nicht
eingestahen.
Was
glauben Sie von mir!?"
Ich verstand allmahlich: - der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um
mir den Brief Charouseks ins Gefangnis zu schmuggeln.
"So; zuverderscht" - er machte ein au?erst wichtiges Gesicht - "mu? ich
Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gaben."
"Worin?"
"In der Ebilebsie! - Gabm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
genau! - Alsdann schaugens har: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;"
- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich
den Mund ausspult - "dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S' so": - er
machte auch dies. Mit widerwartiger Naturlichkeit. "Nachhe drehte ma die
Daumen in die Faust. - Nachhe kugelt me die Augen raus" - er schielte
entsetzlich - "und dann - das ise sich bisl schwar - sto?t me so halbeten
Schrei aus. Segen S', so: Bo - bo - bo, und gleichzeitig fallt me sich um."
Er lie? sich der Lange nach zu Boden fallen, da? das Haus zitterte, und
sagte beim Aufstehen:
"Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert
gottsalig beim ›Bataljohn‹ gelernt hat."
"Ja, ja, es ist tauschend ahnlich," gab ich zu, "aber wozu dient das
alles?"
"Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!", erklarte der
schone Wenzel. "Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon
gar kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich
pumperlgesund! - Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsraschpakt. Wann aner
daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. - - Und da ise sich
das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;" - er wurde tief geheimnisvoll -
"den Fenstergitter in der Krankenzelle ise namlich durchgesagt und nur
schwach mit Dreck zusammengepappt. - Es ise sich das ein Geheimnis vom
Bataljohn! - Sie brauchen dann blo? ein paar Nachte scharf aufpassen und,
wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis vors Fenster kommen segen,
heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht, steckens die
Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen
Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Stra?en. - Pasta."
"Weshalb soll ich denn aus dem Gefangnis ausbrechen?" wandte ich
schuchtern ein, "ich bin doch unschuldig."
"Das ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!", widerlegte mich der
schone Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.
Ich mu?te meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen
Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines "Bataillons" beschlusses war,
auszureden.
Da? ich "die Gabe Gottes" von der Hand wies und lieber warten wollte,
bis ich von selbst freikommen wurde, war ihm unbegreiflich.
"Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
allerherzlichste," sagte ich geruhrt und druckte ihm die Hand. "Wenn die
schwere Zeit fur mich voruber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen
allen erkenntlich zu zeigen."
"Ise gar nicht natig", lehnte Wenzel freundlich ab. "Wann Sie ein paar
Glas ›Pils‹ zahlen, nahmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan
Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn hat e' uns schon erzahlt,
was Sie fur ein heimlicher Wohltater sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn
ich in paar Tag wieder herauskomm?"
"Ja, bitte," fiel ich rasch ein, "sagen Sie ihm, er mochte zu Hillel
gehen und ihm mitteilen, ich hatte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner
Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. - Werden
Sie sich den Namen merken?:
Hillel!
"
"Hirral?"
"Nein: Hillel."
"Hillar?"
"Nein: Hill-el."
Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem fur einen Tschechen
unmoglichen Namen, aber schlie?lich bewaltigte er ihn doch unter wilden
Grimassen.
"Und dann noch eins: Herr Charousek moge - ich lasse ihn herzlich drum
bitten - sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der "vornehmen Dame" -
er wei? schon, wer darunter zu verstehen ist - annehmen."
"Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was da
Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz - dem Dr. Sapoli? - No, die hat sich doch
scheiden lassen und ise mit dem Kind und dem Sapoli furt."
"Wissen Sie das bestimmt?"
Ich fuhlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
freute, - es krampfte mir doch das Herz zusammen.
Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt - - - war ich
vergessen.
Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmorder.
Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
Der Schlot schien mit dem Feingefuhl, das verwahrlosten Menschen
seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten
zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete
nicht.
"Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fraulein
Mirjam geht? Kennen Sie sie?", fragte ich gepre?t.
"Mirjam? Mirjam?" - Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten -
"Mirjam? - Gaht sich die ofters in der Nacht zum Loisitschek?"
Ich mu?te unwillkurlich lacheln. "Nein. Ganz bestimmt nicht."
"Dann kenn ich sie nicht", sagte Wenzel trocken.
Wir schwiegen eine Weile.
Vielleicht steht in dem Briefchen etwas uber sie, hoffte ich.
"Da? den Wassertrum der Deiwel g'holt hat", fing Wenzel plotzlich
wieder an, "warden Sie sich wohl schon gehart haben?"
Ich fuhr entsetzt auf.
"No ja." - Wenzel deutete auf seine Kehle. - "Murxi, murxi! Ich sag ich
Ihnan; es war Ihnan schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil
er sich paar Tag nicht hat segen lassen, war ich natierlich der erschte
drin; - wie denn nicht! - Und da hat e' durten g'sassen, der Wassertrum, in
einem dreckigen Lahnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus
Glas. - - - Wissen S', ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich
alles gedraht, sag ich Ihnan, und ich hab' gemeint, ich hau ich ohnmachtig
hi-iin. Furt' a furt' hab' ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir
vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht auf, es is doch blo? ein toter Jud. - Er
hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und im Laden war sich alles
umedum geschmissen. - Ein Raubmord natierlich."
"Die Feile! Die Feile!" Ich fuhlte, wie mir der Atem kalt wurde vor
Grausen. Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!
"Ich wei? ich auch, wer's war", fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut
fort. "Niemand anders, sag ich Ihnan, als der blattersteppige Loiso. - Ich
hab' ich namlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und
rasch eing'stackt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. - Er ise sich
durch einen unterirdischen Gang in den Laden - - -" er brach mit einem Ruck
seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er
sich auf die Pritsche und fing an, furchterlich zu schnarchen.
Gleich darauf klirrte das Vorhangeschlo? und der Gefangniswarter kam
herein und musterte mich argwohnisch.
Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
Erst nach vielen Puffen richtete er sich gahnend auf und taumelte,
gefolgt von dem Warter, schlaftrunken hinaus.
Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:
Den 12. Mai.
"Mein lieber armer Freund und Wohltater!"
Woche um Woche habe ich gewartet, da? Sie endlich freikommen wurden, -
immer vergebens, - habe alle moglichen Schritte versucht, um
Entlastungsmaterial fur Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
jedesmal hie? es, er konne nichts tun - es sei Sache der Staatsanwaltschaft
und nicht die seinige.
Amtsschimmel!
Eben erst, vor einer Stunde,
gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir
den
besten
Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, da? Jaromir dem Wassertrum
eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders
Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.
Beim ›Loisitschek‹, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht
das Gerucht, man hatte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann - dessen
Leiche ubrigens noch immer nicht entdeckt ist - als
corpus delicti
bei
Ihnen
gefunden. Das ubrige reimte ich mir zusammen: Wassertrum
et cetera
!
Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl gegeben - -" Ich
lie? den Brief sinken, und die Freudentranen traten mir in die Augen: nur
Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop,
noch Vrieslander besa?en so viel Geld. Sie hatte mich also doch nicht
vergessen! - Ich las weiter:
"- 1000 fl gegeben und ihm weitere 2000 fl versprochen, wenn er mit mir
sofort zur Polizei ginge und eingestunde, die Uhr seinem Bruder zu Hause
entwendet und verkauft zu haben.
Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel
bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
Aber seien Sie versichert: es
wird
geschehen.
Heute
noch. Ich burge
Ihnen dafur.
Ich zweifle keinen Augenblick, da? Loisa den Mord begangen hat und die
Uhr die Zottmanns ist.
Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, - nun, dann wei? Jaromir, was
er zu tun hat: -
Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene
agnoszieren.
Also harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei
sein werden, steht vielleicht bald bevor.
Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?
Ich wei? es nicht.
Fast mochte ich sagen:
ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch
zu Ende, und ich mu? auf der Hut sein, da? mich die letzte Stunde nicht
uberrascht
.
Aber eins halten Sie fest: wir
werden
uns wiedersehen.
Wenn auch nicht in
diesem
Leben und nicht wie die Toten
in jenem
Leben,
aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, - wo, wie es in der Bibel steht, der
HERR
die
ausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch
warm. - - -
Wundern Sie sich nicht, da? ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen uber
diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort ›Kabbala‹ beruhrten, bin
ich Ihnen ausgewichen, aber - ich wei?, was ich wei?.
Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen
Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedachtnis. -
- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich - ein Zeichen auf Ihrer Brust zu
sehen. - Mag sein, da? ich wach getraumt habe.
Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, da? ich
gewisse Erkenntnisse gehabt habe - innerlich! - fast schon von Kindheit an,
die mich einen seltsamen Weg gefuhrt haben; - Erkenntnisse, die sich nicht
decken mit dem, was die Medizin lehrt oder Gott sei Dank noch nicht wei?;
hoffentlich auch nie erfahren wird.
Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
hochstes Ziel es ist, einen - ›Wartesaal‹ auszustaffieren, den man am besten
niederrisse.
Doch genug davon.
Ich will Ihnen erzahlen, was sich inzwischen zugetragen hat:
Ende April war Wassertrum so weit, da? meine Suggestion anfing zu
wirken.
Ich sah es daran, da? er auf der Gasse bestandig gestikulierte und laut
mit sich selbst sprach.
So etwas ist ein sicheres Zeichen, da? die Gedanken eines Menschen sich
zum Sturm rotten, um uber ihren Herrn herzufallen.
Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
Er schrieb!
Er schrieb! Da? ich nicht lache! Er
schrieb.
Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wu?te ich, was er
oben machte: - er machte sein Testament.
Da? er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.
Ich hatte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnugen, wenn's mir
eingefallen ware.
Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an
dem er noch etwas gutmachen konnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn
uberlistet.
Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich wurde ihn segnen, wenn ich mich
nach seinem Tode durch seine Huld plotzlich als Millionar sahe, und dadurch
den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhoren
mussen.
Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
Rasend witzig, da? er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
Jenseits geglaubt hat, wahrend er sich's das ganze Leben lang muhselig
ausreden wollte.
Aber so ist's bei allen den Ganzgescheiten; man sieht es schon an der
wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. Sie
fuhlen sich ertappt.
Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, lie? ich ihn nicht mehr
aus dem Auge.
Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn
jede Minute konnte die Entscheidung fallen. -
Ich glaube, durch Mauern hindurch wurde ich das ersehnte schnalzende
Gerausch gehort haben, wenn er den Stopsel aus der Giftflasche gezogen
hatte.
Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war
vollbracht.
Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
Lassen Sie sich das Nahere von Wenzel erzahlen, mir wird es zu bitter,
alles das niederschreiben zu mussen.
Nennen Sie es Aberglaube, - aber, wie ich sah, da? Blut
vergossen
worden war - die Dinge im Laden waren befleckt davon, - kam es mir vor, als
sei mir seine Seele entwischt.
Etwas in mir, - ein feiner, untruglicher Instinkt - sagt mir, da? es
nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt oder von eigener:
- da? Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hatte nehmen mussen, dann
erst ware meine Mission erfullt gewesen. - Jetzt, wo es anders gekommen ist,
fuhle ich mich als Ausgesto?ener, als ein Werkzeug, das nicht wurdig
befunden wurde in der Hand des Todesengels.
Aber ich will mich nicht auflehnen.
Mein Ha? ist von der Art, die ubers
Grab hinaus geht,
und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergie?en
kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf
Schritt und Tritt. - - -
Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich drau?en bei
ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.
Ich glaube, ich wei? es bereits, aber ich will noch warten, bis das
innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. - Wir Menschen
sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das
Flustern unserer Seele verstehen. - - -
In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt,
da? mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
Da? ich fur mich keinen Kreuzer davon anruhre, brauche ich Ihnen wohl
nicht zu versichern, Herr Pernath. - Ich werde mich huten, ›ihm‹ - fur
›druben‹ eine Handhabe zu geben.
Die Hauser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die
Gegenstande, die er beruhrt hat, werden verbrannt, und was an Geld und
Geldeswert sich dann ergibt, fallt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen
zu. -
Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann
Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtma?iges Eigentum mit Zinsen
und Zinseszinsen. Schon lange wu?te ich, da? Wassertrum vor Jahren Ihren
Vater und seine Familie um alles gebracht hat, - erst jetzt bin ich in der
Lage, es aktenma?ig nachweisen zu konnen.
Ein zweites Drittel wird unter die zwolf Mitglieder des "Bataillons"
verteilt, die den Dr. Hulbert noch personlich gekannt haben. Ich will, da?
jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager - "guten
Gesellschaft".
Das letzte Drittel gehort zu gleichen Teilen den nachsten sieben
Raubmordern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen
werden mussen.
Ich bin das dem offentlichen Argernis schuldig.
So. Das ware wohl alles.
Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
zuweilen
Ihres
aufrichtigen und dankbaren
Innocenz Charousek."
Tief erschuttert legte ich den Brief aus der Hand. Ich konnte mich
nicht freuen uber die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung.
Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kummerte er sich um mein
Schicksal. Blo?, weil ich ihm einst 100 fl geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur
einmal noch die Hand drucken konnte!
Ich fuhlte: ja, er hatte recht; der Tag wurde nie kommen.
Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsuchtigen
Schultern, die hohe, noble Stirn.
Vielleicht, da? alles ganz anders gekommen ware, wenn eine hilfreiche
Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hatte.
Noch einmal las ich den Brief durch.
Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er uberhaupt irrsinnig
war?
Ich schamte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick
geduldet zu haben.
Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel,
wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, uber den die eigene Seele Gewalt
gewonnen hatte, - den sie durch die wilden Schluchten und Klufte des Lebens
emporfuhrte in die Firnenwelt eines unbetreten Landes.
Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner
da, als irgendeiner von denen, die naserumpfend umhergehen und angelernte
Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?
Er hielt das Gebot, das ihm ein ubermachtiger Trieb diktierte, ohne an
eine "Belohnung" hier oder jenseits auch nur zu denken.
Was er getan hatte, war es etwas anderes als frommste Pflichterfullung
in des Wortes verborgenster Bedeutung?
"Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische - eine
Verbrechernatur" - ich horte formlich, wie das Urteil der Menge uber ihn
lauten mu?te, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele
hineinzuleuchten kame, - dieser geifernden Menge, die nie und nimmer
begreifen wird, da? die giftige Herbstzeitlose tausendfach schoner und edler
ist als der nutzliche Schnittlauch. - - -
Wieder ging das Turschlo? drau?en, und ich horte, da? man einen
Menschen hereinschob.
Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfullt von dem
Eindruck des Briefes.
Kein Wort uber Angelina, nichts von Hillel stand darin.
Freilich: Charousek mu?te in gro?ter Eile geschrieben haben, die
Schrift verriet es mir.
Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich uberbracht werden wurde?
Ich hoffte heimlich auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang
der Gefangenen im Hof. - Da war es noch am leichtesten, da? mir irgendeiner
vom "Bataillon" etwas zusteckte.
Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grubeleien:
"Wurden Sie gestatten, mein Herr, da? ich mich Ihnen vorstelle? Mein
Name ist Laponder. Amadeus Laponder".
Ich drehte mich um.
Ein kleiner, schmachtiger, noch ziemlich junger Mann in gewahlter
Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich
korrekt vor mir.
Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine gro?en, hellgrun
glanzenden, mandelformigen Augen hatten das Eigentumliche an sich, da?, so
geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu sehen
schienen. - Es lag so etwas wie - Geistesabwesenheit darin.
Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden,
so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lacheln, das die
aufwarts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen bestandig seinem
Gesicht aufdruckten.
Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit
seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der madchenhaft schmalen Nase und
den zarten Nustern.
"Amadeus Laponder, Amadeus Laponder", wiederholte ich vor mich hin.
"Was er wohl begangen haben mag?"
Mond
"Waren Sie schon beim Verhor", fragte ich nach einer Weile.
"Ich komme soeben von dort. - Hoffentlich werde ich Sie hier nicht
lange inkommodieren mussen", antwortete Herr Laponder liebenswurdig.
"Armer Teufel," dachte ich mir, "er ahnt nicht, was einem
Untersuchungsgefangenen bevorsteht."
Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
"Man gewohnt sich allmahlich an das Stillsitzen, wenn einmal die
ersten, schlimmsten Tage voruber sind." - - -
Er machte ein verbindliches Gesicht.
Pause.
"Hat das Verhor lange gedauert, Herr Laponder?"
Er lachelte zerstreut:
"Nein. Ich wurde blo? gefragt, ob ich gestandig sei, und mu?te das
Protokoll unterschreiben."
"Sie haben unterschrieben, da? Sie gestandig sind?" fuhr es mir heraus.
"Allerdings."
Er sagte es, als ob es sich von selbst verstunde.
Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar
keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder
etwas Ahnliches.
"Ich bin leider schon so lange hier, da? es mir wie ein Menschenleben
vorkommt"; - ich seufzte unwillkurlich, und er machte sofort eine
teilnehmende Miene. "Ich wunsche Ihnen, da? Sie das nicht mitzumachen
brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie bald auf
freiem Fu? sein."
"Wie man's nimmt", antwortete er ruhig, aber es klang wie ein
versteckter Doppelsinn.
"Sie glauben nicht?", fragte ich lachelnd. Er schuttelte den Kopf.
"Wie soll ich das verstehen? - Was haben Sie denn gar so Schreckliches
begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, -
lediglich Teilnahme, da? ich frage."
Er zogerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu
zucken:
"Lustmord."
Mir war, als hatte er mich mit einem Stock uber den Kopf geschlagen.
Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
leiseste Minenspiel in seinem automatenhaft lachelnden Gesicht verriet, da?
er uber mein plotzlich verandertes Benehmen verletzt gewesen ware.
Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. -
- -
Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er
sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hangte sorgsam seine Kleider an
den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen
Atemzugen zu schlie?en, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein.
Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
Das bestandige Gefuhl, ein solches Scheusal in meiner nachsten Nahe zu
haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu mussen, war mir so gra?lich und
aufregend, da? die Eindrucke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte
Neue tief in den Hintergrund traten.
Ich hatte mich so gelegt, da? ich den Morder bestandig im Auge behielt,
denn ich wurde es nicht haben ertragen konnen, ihn hinter mir zu wissen.
Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdammert, und ich konnte
sehen, da? Laponder regungslos, fast starr, dalag.
Seine Zuge hatten etwas Leichenhaftes bekommen, und der halbgeoffnete
Mund erhohte diesen Eindruck.
Viele Stunden hindurch anderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
Erst spat nach Mitternacht, als ein dunner Mondstrahl auf sein Gesicht
fiel, kam eine leise Unruhe uber ihn und er bewegte unaufhorlich die Lippen,
wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu sein, -
ein zweisilbiger Satz vielleicht, - so wie:
"La? mich. La? mich, La? mich."
Die nachsten paar Tage vergingen, ohne da? ich Notiz von ihm genommen
hatte, und auch er brach niemals das Schweigen.
Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswurdig. Sooft ich auf
und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog hoflich, wenn er auf
der Pritsche sa?, die Fu?e zuruck, um mir nicht im Wege zu sein.
Ich fing an, mir Vorwurfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte
aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nahe gewohnen zu konnen, - es
ging nicht.
Selbst in den Nachten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde
verbrachte ich im Schlaf.
Abend fur Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte sie
pedantisch in Falten, hangte sie auf, und so weiter und so weiter.
Eines Nachts - es mochte um die zweite Stunde sein - stand ich
schlaftrunken vor Mudigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den
Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Ol auf dem kupfernen Gesicht
der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.
Da horte ich plotzlich leise ihre Stimme hinter mir.
Sofort war ich wach, uberwach, - fuhr herum und horchte.
Eine Minute verging.
Schon glaubte ich, ich hatte mich getauscht, da kam es wieder. Ich
konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:
"Frag' mich. Frag' mich."
Es war bestimmt Mirjams Stimme.
Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und
trat an das Bett Laponders.
Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
unterscheiden, da? er die Lider offen hatte, doch nur das Wei?e der Augapfel
war sichtbar.
An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, da? er im Tiefschlaf lag.
Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich. Und allmahlich
verstand ich die Worte, die hinter seinen Zahnen hervordrangen:
"Frag' mich. Frag' mich."
Die Stimme war der von Mirjam tauschend ahnlich.
"Mirjam? Mirjam?" rief ich unwillkurlich, dampfte aber sofort den Ton,
um den Schlafer nicht zu erwecken.
Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann
wiederholte ich leise:
"Mirjam? Mirjam?"
Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:
"Ja."
Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen. Nach einer Weile horte ich
Mirjams Stimme
flustern - so unverkennbar ihre Stimme, da? mir Kalteschauer
uber die Haut liefen.
Ich trank die Worte so gierig, da? ich nur den Sinn begriff. Sie sprach
von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Gluck, da? wir uns endlich gefunden
hatten - und uns nie wieder trennen wurden - hastig - ohne Pause, wie
jemand, der furchtet, unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnutzen
will.
Dann wurde die Stimme stockend - erlosch zeitweilig ganz.
"Mirjam?" fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem,
"Mirjam, bist du gestorben?"
Lange keine Antwort.
Dann fast unverstandlich:
"Nein. - Ich lebe. - Ich schlafe."
Nichts mehr.
Ich lauschte und lauschte.
Vergebens.
Nichts mehr.
Vor Ergriffenheit und Zittern mu?te ich mich auf die Kante der Pritsche
stutzen, um nicht vornuber auf Laponder zu fallen.
Die Tauschung war so vollstandig gewesen, da? ich Mirjam momentelang
tatsachlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft
zusammennehmen mu?te, um nicht einen Ku? auf die Lippen des Morders zu
drucken.
"Henoch! Henoch!" - horte ich ihn plotzlich lallen, dann immer klarer
und artikulierter: "Henoch! Henoch!"
Sofort erkannte ich Hillel.
"Bist du es, Hillel?"
Keine Antwort.
Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, da? man Schlafenden, um sie zum
Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen durfe, sondern gegen das
Nervengeflecht in der Magengrube richten musse.
Ich tat es:
"Hillel?"
"Ja, ich hore dich!"
"Ist Mirjam gesund? Wei?t du alles?" fragte ich schnell.
"Ja. Ich wei? alles. Wu?te es langst. - Sei ohne Sorge, Henoch, und
furchte dich nicht!"
"Kannst du mir verzeihen, Hillel?"
"Ich sage dir doch: sei ohne Sorge."
"Werden wir uns bald wiedersehen?" - Ich furchtete, die Antwort nicht
mehr verstehen zu konnen; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht
worden.
"Ich hoffe es. Ich will warten - auf dich - wenn ich kann - dann mu?
ich - Land -"
"Wohin? In welches Land?" - ich fiel beinahe auf Laponder - "In welches
Land? In welches Land?"
"- Land - Gad - sudlich - Palastina -"
Die Stimme erstarb.
Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum
nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina,
Charousek.
"Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen", kam es plotzlich
wieder laut und deutlich von den Lippen des Morders. Diesmal in Charouseks
Tonfall, aber ahnlich so, als hatte ich selbst es gesagt.
Ich erinnerte mich: es war wortlich der Schlu?satz aus Charouseks
Brief. -
Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mu?te es aus der Zelle
verschwunden sein.
Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
Der Morder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
geschlossen.
Ich machte mir die heftigsten Vorwurfe, alle die Tage uber in Laponder
nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. -
Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler - ein
Geschopf, das unter dem Einflu? des Vollmonds stand.
Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dammerzustand begangen.
Bestimmt sogar. -
Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zugen
gewichen und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.
So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
Gewissen hat, sagte ich mir.
Ich konnte den Moment, wo er aufwachen wurde, kaum erwarten.
Ob er wohl wu?te, was geschehen war?
Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur
Seite.
Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: "Verzeihen Sie mir, Herr
Laponder, da? ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war das
Ungewohnte, das -"
"Seien Sie uberzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen," unterbrach
er mich lebhaft, "da? es ein scheu?liches Gefuhl sein mu?, mit einem
Lustmorder beisammen zu sein."
"Reden Sie nicht mehr davon", bat ich. "Es ist mir heute nacht so
mancherlei durch den Kopf gegangen, und ich werde den Gedanken nicht los,
Sie konnten vielleicht - - -" ich suchte nach Worten.
"Sie halten mich fur krank", half er mir heraus.
Ich bejahte: "Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schlie?en zu durfen.
Ich - ich - darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?"
"Ich bitte darum."
"Es klingt etwas merkwurdig, - aber - wurden Sie mir sagen, was Sie
heute getraumt haben?"
Er schuttelte lachelnd den Kopf: "Ich traume nie."
"Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen."
Er blickte uberrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er
bestimmt:
"Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben." - Ich
gab es zu. "Denn wie gesagt, ich traume nie. Ich - ich wandere", setzte er
nach einer Pause halblaut hinzu.
"Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?"
Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt
es fur angezeigt, ihm die Grunde zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn
zu dringen, und erzahlte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
"Sie konnen sich fest darauf verlassen," sagte er ernst, als ich zu
Ende war, "da? alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen
habe. Wenn ich vorhin bemerkte, da? ich nicht traume, sondern ›wandere‹, so
meine ich damit, da? mein Traumleben anders beschaffen ist als das - sagen
wir:
normaler
Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus
dem Korper. - - So war ich z. B. heute nacht in einem hochst sonderbaren
Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch eine Falltur fuhrte."
"Wie sah es aus?" fragte ich rasch. "War es unbewohnt? Leer?"
"Nein; es standen Mobel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem
ein junges Madchen schlief - oder wie scheintot lag, - und ein Mann sa?
neben ihr und hielt seine Hand uber ihre Stirn." - Laponder schilderte die
Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und Mirjam.
Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
"Bitte, erzahlen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?"
"Sonst noch jemand? Warten Sie - - - nein: sonst war niemand mehr im
Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. - Dann ging ich
eine Wendeltreppe hinunter."
"Sie war zerbrochen?" fiel ich ein.
"Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
seitlich eine Kammer ab, darin sa? ein Mann mit silbernen Schnallen an den
Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen gesehen
habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schragstehenden Augen; - er war
vornuber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag
vielleicht."
"Ein Buch - ein altes gro?es Buch haben Sie nirgends gesehen?",
forschte ich.
Er rieb sich die Stirn:
"Ein Buch sagen Sie? - Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es
war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem gro?en, goldenen ›A‹
fing die Seite an."
"Mit einem ›I‹, meinen Sie wohl?"
"Nein, mit einem ›A‹."
"Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein ›I‹?"
"Nein, es war bestimmt ein ›A‹."
Ich schuttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte
Laponder im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr
durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und den
unterirdischen Gang.
"Haben Sie die Gabe zu ›wandern‹, wie Sie es nennen, schon lang?",
fragte ich.
"Seit meinem 21. Jahr - - -", er stockte, schien nicht gern davon zu
reden; da nahm seine Miene plotzlich den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens
an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas sahe.
Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und
bat - fast flehentlich:
"Um Himmels willen, sagen Sie mir
alles.
Es ist heute der letzte Tag,
den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde werde
ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhoren - -."
Ich unterbrache ihn entsetzt:
"Dann mussen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschworen, da?
Sie krank sind. - Sie sind mondsuchtig. Es darf nicht sein, da? man Sie
hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie
doch Vernunft an!"
Er wehrte nervos ab: "Das ist doch so nebensachlich, - bitte, sagen Sie
mir alles!"
"Aber was soll ich Ihnen denn sagen? - Reden wir doch lieber von
Ihnen
und - -"
"Sie mussen, ich wei? das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben,
die mich nah angehen, - naher als Sie ahnen konnen; - - ich bitte Sie, sagen
Sie mir alles!", flehte er.
Ich konnte es nicht fassen, da? ihn mein Leben mehr interessierte als
seine eigenen, doch wahrhaftig genugend dringenden Angelegenheiten; um ihn
aber zu beruhigen, erzahlte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem
geschehen war.
Bei jedem gro?eren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine
Sache bis zum Grund durchschaut.
Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir
gestanden und mir die schwarzroten Korner hingehalten hatte, konnte er es
kaum erwarten, den Schlu? zu erfahren.
"Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm", murmelte er sinnend.
"Ich hatte nie gedacht, da? es einen
dritten
›Weg‹ geben konnte.
"Es war das kein dritter Weg", sagte ich, "es war derselbe, wie wenn
ich die Korner abgelehnt hatte."
Er lachelte.
"Glauben Sie nicht, Herr Laponder?"
"Wenn Sie sie abgelehnt hatten, waren Sie wohl auch den ›Weg des
Lebens‹ gegangen, aber die Korner, die magische Krafte bedeuten, waren nicht
zuruckgeblieben. - So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen. Das
hei?t: sie sind hiergeblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange
gehutet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Krafte, die in
Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden."
Ich verstand nicht: "Von meinen Vorfahren werden die Korner behutet?"
"Sie mussen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben",
erklarte Laponder. "Der Kreis der blaulich strahlenden Menschen, der Sie
umstand, war die Kette der ererbten ›Iche‹, die jeder von einer Mutter
Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts ›Einzelnes‹, - sie
soll es erst werden, und das nennt man dann: ›Unsterblichkeit‹; Ihre Seele
ist noch zusammengesetzt aus vielen ›Ichen‹ - so, wie ein Ameisenstaat aus
vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in
sich: - die Haupter Ihres Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie
konnte denn ein Huhn, das aus einem Ei kunstlich erbrutet wurde, sich
sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht die Erfahrung von
Jahrmillionen in ihm stake? - Das Vorhandensein des ›Instinkts‹ verrat die
Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele. - Aber, verzeihen Sie, ich
wollte Sie nicht unterbrechen."
Ich erzahlte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam uber den
"Hermaphroditen" gesagt hatte.
Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, da? Laponder wei?
geworden war wie der Kalk an der Wand und Tranen uber seine Wangen liefen.
Rasch stand ich auf, tat, als sahe ich es nicht, und ging in der Zelle
auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben wurde.
Dann setzte ich mich ihm gegenuber und bot meine ganze Beredsamkeit
auf, ihn zu uberzeugen, wie dringend notig es ware, den Richtern gegenuber
auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
"Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hatten!", schlo? ich.
"Aber ich mu?te doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt", sagte er
naiv.
"Halten Sie denn eine Luge fur schlimmer als - als einen Lustmord?",
fragte ich verblufft.
"Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewi?. - Sehen Sie:
als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestunde, hatte ich
die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu lugen
oder nicht zu lugen. - Als ich den Lustmord beging - - bitte, ersparen Sie
mir die Details: es war so gra?lich, da? ich die Erinnerung nicht wieder
aufleben lassen mochte - - als ich den Lustmord beging, da hatte ich
keine
Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem Bewu?tsein handelte, so hatte ich
dennoch keine Wahl:
irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt
hatte, wachte auf und war starker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl
gehabt haben wurde, ich hatte gemordet? - Nie habe ich getotet - nicht
einmal das kleinste Tier, - und jetzt ware ich es schon gar nicht mehr
imstande.
Nehmen Sie an, es ware Menschengesetz: zu morden, und auf die
Unterlassung stunde der Tod - ahnlich, wie es im Krieg der Fall ist, -
augenblicklich hatte ich mir den Tod verdient. - Weil mir keine Wahl bliebe.
Ich konnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den Lustmord beging,
lag die Sache umgekehrt."
"Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fuhlen, mussen Sie
alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!", wandte ich ein.
Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: "Sie irren! Die Richter
haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie
mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder ubermorgen wieder
das Unheil losbricht?"
"Nein; aber in einer Heilanstalt fur Geisteskranke sollte man Sie
internieren. Das ist es doch, was ich sage!"
"Wenn ich irrsinnig ware, hatten Sie recht", erwiderte Laponder
gleichmutig. "Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes, -
etwas, was dem Irrsinn sehr ahnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist.
Bitte, horen Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. - - - Was Sie mir
vorhin von dem Phantom ohne Kopf - ein Symbol naturlich: dieses Phantom; den
Schlussel konnen Sie leicht finden, wenn Sie daruber nachdenken - erzahlten,
ist mir einst genauso passiert. Nur habe ich die Korner
angenommen.
Ich gehe
also den ›Weg des Todes‹! - Fur mich ist das Heiligste, das ich denken kann:
meine Schritte vom Geistigen in mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll,
wohin der Weg auch fuhren mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut
oder zum Reichtum. Niemals habe ich gezogert, wenn die Wahl in meine Hand
gelegt war.
Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
und was der Herr von dir fordert,"?
Wurde ich gelogen haben, hatte ich eine Ursache geschaffen, weil ich
die Wahl hatte; - - als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur
die Wirkung einer in mir schlummernden, langst gelegten
Ursache
, uber die
ich keine Gewalt mehr besa?, wurde frei.
Also sind meine Hande rein.
Dadurch, da? das Geistige in mir mich zum Morder werden lie?, hat es
eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, da? mich die Menschen an den
Galgen knupfen, wird mein Schicksal losgelost von dem ihrigen: - ich komme
zur Freiheit."
Er ist ein Heiliger, fuhlte ich, und das Haar straubte sich mir vor
Schauder uber meine eigene Kleinheit.
"Sie haben mir erzahlt, da? Sie durch den hypnotischen Eingriff eines
Arztes in Ihr Bewu?tsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen
hatten", fuhr er fort. "Es ist das das Kennzeichen - das Stigma - aller
derer, die von der ›Schlange des geistigen Reiches‹ gebissen sind. Es
scheint fast, als mu?ten in uns zwei Leben aufeinandergepfropft werden, wie
ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe das
Wunder der Erweckung
geschehen
kann; - was sonst durch den Tod getrennt wird, geschieht hier durch
Erloschen der Erinnerung - manchmal nur durch eine plotzliche innere Umkehr.
Bei mir war es so, da? ich scheinbar ohne au?ere Ursache in meinem 21.
Jahr eines Morgens wie verandert erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen,
erschien mir mit einemmal gleichgultig: Das Leben kam mir dumm vor wie eine
Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Traume wurden zu
Gewi?heit - zu apodiktischer, beweiskraftiger Gewi?heit, verstehen Sie wohl:
zu beweiskraftiger, realer
Gewi?heit, und das Leben des Tages wurde zum
Traum.
Alle Menschen konnten das, wenn sie den Schlussel hatten. Und der
Schlussel liegt einzig und allein darin, da? man sich seiner ›Ichgestalt‹,
sozusagen seiner
Haut,
im Schlaf bewu?t wird, - die schmale Ritze findet,
durch die sich das Bewu?tsein zwangt zwischen Wachsein und Tiefschlaf.
Darum sagte ich vorhin: ›ich wandere‹ und nicht: ›ich traume‹.
Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen
die uns innewohnenden Klange und Gespenster; und das Warten auf das
Konigwerden des eigenen ›Ichs‹ ist das Warten auf den Messias.
Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der ›Hauch der
Knochen‹ der Kabbala, das war der Konig. Wenn er gekront sein wird, dann -
rei?t der Strick entzwei, mit dem Sie durch die au?eren Sinne und den
Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind.
Wieso es kommen konnte, da? ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben
uber Nacht zum Lustmorder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie
ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben nur die
eine. Ist die Kugel rot, hei?t der Mensch: ›schlecht‹. Ist sie gelb, dann
ist der Mensch: ›gut‹. Laufen zwei hintereinander - eine rote und eine
gelbe, dann hat ›man‹ einen ›ungefestigten‹ Charakter. Wir von der ›Schlange
Gebissenen‹, machen in einem Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in
einem Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen hintereinander her
durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende sind - - dann sind wir Propheten, -
sind die Spiegel Gottes geworden."
Laponder schwieg.
Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast
betaubt.
"Weshalb fragten Sie mich vorhin so angstlich nach
meinen
Erlebnissen,
wo Sie doch so viel, viel hoher stehen als ich?", fing ich endlich wieder
an.
"Sie irren," sagte Laponder, "ich stehe weit
unter
Ihnen. - Ich fragte
Sie, weil ich fuhlte, da? Sie den Schlussel besitzen, der mir noch fehlte."
"Ich? Einen Schlussel. O Gott!"
"Jawohl
Sie!
Und Sie haben ihn mir gegeben. - Ich glaube nicht, da? es
einen glucklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin."
Drau?en entstand ein Gerausch; die Riegel wurden zuruckgeschoben, -
Laponder achtete kaum darauf:
"Das mit dem Hermaphroditen war der Schlussel. Jetzt habe ich die
Gewi?heit. Schon deshalb bin ich froh, da? man mich holen kommt, denn bald
bin ich am Ziel."
Vor Tranen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich
horte
nur das Lacheln in seiner Stimme.
"Und jetzt: Leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man
morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schonste
eroffnet, - das Letzte, was ich noch nicht wu?te. Jetzt geht's zur Hochzeit
- - -," er stand auf und folgte dem Gefangenwarter - "es hangt mit dem
Lustmord eng zusammen", waren die letzten Worte, die ich horte und nur
dunkel begriff.
Sooft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes
liegen zu sehen.
In den nachsten Tagen, nachdem er weggefuhrt worden war, hatte ich ein
Hammern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdrohnen horen, das
manchmal bis zum Morgengrauen dauerte.
Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu
vor Verzweiflung.
Monat um Monat verflo?. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden
des kummerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den
Mauern drang.
Wenn mein Blick bei den Rundgangen auf den sterbenden Baum fiel und das
eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich unwillkurlich
jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders Gesicht in mich
eingegraben hatte. Bestandig trug ich es in mir herum, dieses Buddhagesicht
mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen, immerwahrenden Lacheln.
Ein einziges Mal noch - im September - hatte mich der
Untersuchungsrichter holen lassen und mi?trauisch gefragt, wie ich es
begrunden konne, da? ich bei dem Bankschalter gesagt, ich musse dringend
verreisen, und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig
gewesen ware und meine samtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hatte.
Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch hohnisch gemeckert. -
Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen
Gedanken, meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fuhlte, langst tot sein
mu?te, und Laponder und meiner Sehnsucht nach Mirjam nachhangen.
Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten
Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, - "Waisenkinder", wie der schwarze
Vossatka sie genannt haben wurde, - und verpesteten mir die Luft und die
Stimmung.
Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrustung zum besten, da? vor
geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Gluck hatte man
den Tater sogleich erwischt und kurzen Proze? mit ihm gemacht.
"Laponder hat er gehei?en, der Schuft, der gottserbarmliche", schrie
ein Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmi?handlung zu - 14
Tagen Gefangnis verurteilt worden war, dazwischen. "Auf frischer Tat
habn's'n g'fa?t. Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer is
ausbrennt. Die Leich' von dem Madel is dabei so verkohlt, da? mer bis zum
heutigen Tage noch not hat rausbringen konnen, wer sie eigentlich war.
Schwarze Haar hat's g'habt und a schmal's G'sicht, dos is alls, was mer
wei?. Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg'ruckt mit ihrem Namen. -
Wann's nach mir gangen war, i hatt ihm d'Haut ab'zogen und Pfeffer drauf
g'streut. - Dos san halt die feinen Herren! Morder san's, alle z'samm. - - -
- Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann aner a Madel los sein wull",
setzte er mit zynischem Lacheln hinzu.
Die Wut kochte in mir, und am liebsten hatte ich den Halunken zu Boden
geschlagen.
Nacht fur Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen.
Ich atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.
Aber selbst da war ich ihn noch nicht los: seine Rede hatte sich wie
ein Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
Fast bestandig, hauptsachlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
grausige Verdacht, Mirjam konnte das Opfer Laponders gewesen sein.
Je mehr ich dagegen ankampfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.
Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann
lebendig machen, und das tiefe Gefuhl fur ihn verscheuchte mir die Qual, -
aber nur zu oft kamen die gra?lichen Minuten wieder, wo ich Mirjam ermordet
und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand
verlieren zu mussen.
Die schwachen Anhaltspunkte, die ich fur meinen Verdacht hatte,
verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, - zu
einem Gemalde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
Anfang November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und
die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Hohepunkt erreicht, da? ich
mich, um nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbi? wie ein
verdurstendes Tier, offnete plotzlich der Gefangenwarter die Zelle und
forderte mich auf, mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich fuhlte
mich so schwach, da? ich mehr taumelte als ging.
Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu durfen, war
langst in mir gestorben.
Ich machte mich darauf gefa?t, wieder eine kalte Frage gestellt zu
bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu horen und dann
zuruck in die Finsternis zu mussen.
Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen wurde.
Es fiel mir auf, da? der Gefangenwarter mit hereingekommen war und mir
gutmutig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als da? ich mir
uber die Bedeutung alles dessen hatte klarwerden konnen.
"Die Untersuchung hat ergeben", fing der Schreiber an, meckerte, stieg
auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bucherbord nach
Schriftstucken, ehe er fortfuhr: "hat ergeben, da? der in Frage kommende
Karl Zottmann vor seinem Tode anla?lich einer heimlichen Zusammenkunft mit
der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles, die damaliger
Zeit den Spitznamen ›die rote Rosina‹ fuhrte, dann spater von einem
taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden
Silhubettenschneider namens Jaromir Kwa?nitschka aus dem Weinsalon ›Kautsky‹
losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner Durchlaucht dem Fursten
Ferri Athenstadt im gemeinsamen, wilden Konkubinate als Maiteresse lebt, von
hinterlistiger Hand in ein unterirdisches, aufgelassenes Kellergewolbe des
Hauses Nummer
conscriptionis
21873, gebrochen durch romisch III, der
Hahnpa?gasse, laufende Numero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und
sich selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren
uberlassen wurde. - - Der obenerwahnte Zottmann namlich", erklarte der
Schreiber mit einem Blick uber die Brille hinweg und blatterte ein paarmal
um.
"Die Untersuchung hat weiters ergeben, da? der obenerwahnte Karl
Zottmann allem Anscheine nach - nach eingetretenem Ableben - seiner
samtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub
faszikel romisch
P
gebrochen durch ›Bah‹ beigeschlossenen doppelmanteligen
Taschenuhr" - der Schreiber hob die Uhr an der Kette in die Hohe - "beraubt
wurde. Der eidesstattlichen Aussage des Silhubettenschnitzers Jaromir
Kwa?nitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 Jahren verstorbenen
Hostienbackers gleichen Namens: die Uhr im Bette seines inzwischen fluchtig
gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhandler und mehrfachen,
inzwischen aus dem Leben geschiedenen Realitatenbesitzer Aaron Wassertrum
gegen Inempfangnahme von Geldeswert verau?ert zu haben, konnte mangels
Glaubwurdigkeit kein Gewicht beigelegt werden.
Die Untersuchung hat weiters ergeben, da? die Leiche des erwahnten Karl
Zottmann in der ruckwartigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein
Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor
erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des
Taters durch die k. k. Behorden erleichternde Eintragungen vorgenommen
hatte.
Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge
auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend
verdachtig gewordenen
Loisa
Kwa?nitschka, zurzeit fluchtig, gelenkt und
unter einem verfugt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath,
Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren
gegen ihn einzustellen.
Prag im Juli
gezeichnet
Dr. Freiherr von Leisetreter."
Der Boden schwankte unter meinen Fu?en, und ich verlor eine Minute das
Bewu?tsein.
Als ich erwachte, sa? ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwarter
klopfte mir freundlich auf die Schulter.
Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich
und sagte zu mir:
"Die Verlesung der Verfugung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr
Name mit einem ›Pah‹ beginnt und naturgema? im Alphabet erst gegen Schlu?
vorkommen kann." - Dann las er weiter:
"Uberdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
setzen, da? ihm laut testamentarischer Verfugung des im Mai mit Tod
abgegangenen
stud. med.
Innocenz Charousek ein Drittel von dessen gesamter
Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur Unterfertigung des
Protokolls hiermit anzuhalten."
Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing
an zu schmieren.
Ich erwartete gewohnheitsma?ig, da? er meckern wurde, aber er meckerte
nicht.
"Innocenz Charousek", murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
Der Gefangenwarter beugte sich uber mich und flusterte mir ins Ohr:
"Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat
sich nach Ihnen erkundigt. Er la?t Sie viel-vielmals gru?en, hat er g'sagt.
Ich hab's naturlich damals nicht ausrichten durfen. Es ist streng verboten.
Ein schreckliches Ende hat er ubrigens genommen, der Herr Dr. Charousek. Er
hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem Grabhugel des Aaron
Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. - Er hat zwei tiefe Locher in
die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann die
Arme in die Locher gesteckt. So ist er verblutet. Er ist wahrscheinlich
wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char - - -"
Der Schreiber schob gerauschvoll seinen Stuhl zuruck und reichte mir
die Feder zum Unterschreiben.
Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
freiherrlichen Vorgesetzten:
"Gefangenwarter, fuhren Sie den Mann hinaus."
Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Sabel und
Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemuhle vom Scho? genommen; nur da? er
mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das Portemonnaie
mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles ubrige zuruckgab. - - -
Dann stand ich auf der Stra?e.
"Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Widersehen!" - Ich unterdruckte
einen Schrei wildesten Entzuckens.
Es mu?te Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein
fahler Messingteller hinter Dunstschleiern.
Das Pflaster war mit einer zahen Schicht von Schmutz bedeckt.
Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten fast
den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte - auf empfindungslosen
Sohlen wie ein Ruckenmarkskranker. - -
"Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie konnen, in die Hahnpa?gasse 7!
- Haben Sie mich verstanden?: - Hahnpa?gasse 7."
Frei
Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
"Hahnpa?gassa, gna' Herr?"
"Ja, ja, nur rasch."
Wieder fuhr der Wagen ein Stuck weiter. Wieder blieb er stehen.
"Um Himmels willen, was gibt's denn?"
"Hahnpa?gassau, gna' Herr?"
"Ja, ja. Ja doch."
"In die Hahnpa?gassa kann me doch nicht fahrrahn!"
"Warum denn nicht?"
"Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
assaniert."
"Also fahren Sie eben, soweit Sie konnen, aber jetzt rasch gefalligst."
Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
gemachlich weiter.
Ich lie? die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen
die Nachtluft ein.
Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Hauser, die
Stra?en, die geschlossenen Laden. Ein wei?er Hund trabte einsam und
mi?gelaunt auf dem nassen Trottoir voruber. Ich sah ihm nach. - Wie
sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen, da? es solche Tiere gab. -
Vor Freude kindisch rief ich ihm nach: "Aber, aber! Wie kann man nur so
verdrossen sein." - - -
Was Hillel wohl sagen wurde!? - Und Mirjam?
Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
aufhoren, an ihre Tur zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.
Jetzt war ja alles gut - all der Jammer dieses Jahres voruber! -
Wurde das ein Weihnachten werden!
Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
Einen Augenblick lahmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
Straflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht -
der Lustmord - aber nein, nein! - Ich schuttelte es gewaltsam ab: nein,
nein, es konnte, es konnte nicht sein. - Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre
Stimme aus Laponders Mund gehort.
Nur noch eine Minute - eine halbe - - und dann -
Die Droschke hielt vor einem Trummerhaufen. Barrikaden aus
Pflastersteinen uberall!
Rote Laternen brannten darauf.
Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte
umher, versank bis ans Knie.
Das hier, das mu?te doch die Hahnpa?gasse sein?!
Muhsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
Die Vorderseite war eingerissen.
Ich kletterte auf einen Erdhugel; tief unter mir lief ein schwarzer,
gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie riesige
Bienenzellen hingen die blo?gelegten Wohnraume nebeneinander in der Luft,
halb vom Fackelschein, halb von dem truben Mondlicht beschienen.
Das dort oben, das mu?te mein Zimmer sein - ich erkannte es an der
Bemalung der Wande.
Nur noch ein Streifen davon war ubrig.
Und daransto?end das Atelier - Saviolis. Mir wurde plotzlich ganz leer
im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! - Angelina! - - So weit, so unabsehbar
fern lag das alles hinter mir!
Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein
mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trodlerladen, die
Kellerwohnung Charouseks - - - alles, alles.
"Der Mensch geht dahin wie ein Schatten" - fiel mir ein Satz ein, den
ich einmal irgendwo gelesen.
Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt
wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar Schemajah
Hillel kenne.
"Nix daitsch", war die Antwort.
Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch,
konnte mir aber keine Auskunft geben.
Auch von seinen Kameraden niemand.
Vielleicht, da? beim "Loisitschek" etwas zu erfahren ware?
Der "Loisitschek" sei gesperrt, hie? es, das Haus wurde renoviert.
Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! - Ging das nicht?
"Weit a breit wohnt sich keine Katz," sagte der Arbeiter; "weil ise
behardlich verbotten. Von wagen Typhus."
"Der ›Ungelt‹? Der wird doch offen haben?"
"Ungelt ise sich geschlossen."
"Bestimmt?"
"Bestimmt!"
Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Hocklern und
Tabaktrafikantinnen, die in der Nahe gewohnt hatten; dann die Namen Zwakh,
Vrieslander, Prokop - -
Bei allen schuttelte der Mann den Kopf.
"Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwa?nitschka?"
Der Arbeiter horchte auf.
"Jaromir? Ise sich taubstumm?"
Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
"Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?"
"Schneid 'e sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?"
"Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?"
So umstandlich wie moglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcafehaus
in der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
Uber eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte uber
schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Stra?en
versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwuste, als hatte
ein Erdbeben die Stadt zerstort.
Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand
ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.
Ein paar Hauserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
"Cafe Chaos" stand daruber geschrieben.
Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum genugend Platz lie? fur
die paar Tische, die an die Wande geruckt waren.
In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
schnarchte.
Ein Marktweib, mit einem Gemusekorb vor sich, sa? in der Ecke und
nickte uber einem Glase Caj.
Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
wunschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich vom Kopf bis zu Fu?
musterte, kam mir erst zum Bewu?tsem, wie abgerissen ich aussehen mu?te.
Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und wirrem,
langem Haar starrte mir entgegen.
Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
bestellte schwarzen Kaffee.
"Woa? net, wo er so lang bleibt", war die gegahnte Antwort.
Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
Ich nahm das "Prager Tagblatt" von der Wand und - wartete.
Die Buchstaben liefen wie Ameisen uber die Seiten, und ich begriff
nicht ein einziges Wort von dem, was ich las.
Die Stunden vergingen, und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
verdachtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendammerung fur ein
Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.
Hie und da spahten ein paar Schutzleute mit grunlich schillernden
Federbuschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder weiter.
Drei ubernachtig aussehende Soldaten traten ein.
Ein Stra?enkehrer nahm einen Schnaps.
Endlich, endlich: Jaromir.
Er hatte sich so verandert, da? ich ihn anfangs gar nicht
wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzahne ausgefallen, das Haar
schutter und tiefe Hohlen hinter den Ohren.
Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu
sehen, da? ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand fa?te.
Er benahm sich au?erordentlich scheu und blickte immerwahrend nach der
Ture. Durch alle moglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, da?
ich mich freute, ihn getroffen zu haben. - Er schien es mir lange nicht zu
glauben.
Aber, was fur Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
Wie konnte ich mich nur verstandlich machen?!
Halt! Eine Idee!
Ich lie? mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die
Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
"Was? Alle nicht mehr in Prag?"
Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebarde des
Geldzahlens, marschierte mit den Fingern uber den Tisch, schlug sich auf den
Handrucken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld
bekommen und zogen jetzt als kaufmannische Kompagnie mit dem vergro?erten
Marionettentheater durch die Welt.
"Und Hillel? Wo wohnt er jetzt?" - Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus
dazu und ein Fragezeichen.
Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; - er konnte nicht lesen, aber
er begriff, was ich wollte, - nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die
Hohe und lie? es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
Ich zeichnete das judische Rathaus auf.
Der Taubstumme schuttelte heftig den Kopf.
"Hillel ist also nicht mehr dort?"
"Nein!" (Kopfschutteln.)
"Wo ist er denn?"
Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
"Er meint halt, da? der Herr weg ist, und niem'd wei? nicht, wohin",
mischte sich der Stra?enkehrer, der uns die ganze Zeit uber interessiert
zugesehen hatte, belehrend ein.
Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! - Jetzt
war ich ganz allein auf der Welt. - - Die Gegenstande im Zimmer fingen vor
meinen Augen an zu flimmern.
"Und Mirjam?"
Meine Hand zitterte so stark, da? ich ihr Gesicht lange nicht ahnlich
zeichnen konnte.
"Ist Mirjam auch verschwunden?"
"Ja. Auch verschwunden. Spurlos."
Ich stohnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, da? die drei Soldaten
einander fragend anblickten.
Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemuhte sich, mir noch etwas
anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf auf
den Arm, wie jemand, der schlaft.
Ich hielt mich an der Tischplatte: "Um Gottes Christi willen, Mirjam
ist gestorben?"
Kopfschutteln. Jaromir wiederholte die Gebarde des Schlafens.
"War Mirjam krank gewesen?" Ich zeichnete eine Medizinflasche.
Kopfschutteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. - - -
Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch
immer konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
Ich gab es auf. Dachte nach.
Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Fruhe auf das judische
Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam
gereist sein konne.
Ich mu?te ihm nach.
- - -
Wortlos sa? ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.
Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, da? er mit einer
Schere an einer Silhouette herumschnitt.
Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt uber den
Tisch heruber, legte die Hand auf die Augen und - weinte still vor sich hin.
- -
Dann sprang er plotzlich auf und taumelte ohne Gru? zur Tur hinaus.
Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben
und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen,
denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit, hatte man
mir auf dem judischen Rathaus gesagt. Das war alles, was ich erfahren
konnte.
Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
Auf der Bank hie? es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
belegt, man erwarte aber taglich den Bescheid, es mir auszahlen zu durfen.
Also auch die Erbschaft Charouseks mu?te noch den Amtsweg gehen, und
ich wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles
aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt,
und mir zwei kleine, moblierte, aneinandersto?ende Dachkammern in der
Altschulgasse - die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt
verschont geblieben, - gemietet.
Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
ging, der Golem sei einst darin verschwunden.
Ich hatte mich bei den Bewohnern - zumeist kleine Kaufleute oder
Handwerker - erkundigt, was denn Wahres an dem Gerucht von dem "Zimmer ohne
Zugang" sei, und war ausgelacht worden. - Wie man einen derartigen Unsinn
denn glauben konne!
Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefangnis
die Blasse eines langst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in
ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, - strich sie aus dem Buch meiner
Erinnerungen.
Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir horte, als sa?e er
mir gegenuber wie damals in der Zelle und sprache zu mir, bestarkten mich
darin, da? ich rein innerlich geschaut haben musse, was mir ehedem greifbare
Wirklichkeit geschienen.
War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarockspiel, Angelina und sogar
meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! - - -
Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und
Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem
Wachs.
Ehe das Jahr noch zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und
suchte in Stadten und Dorfern, oder wohin es mich innerlich ziehen wurde,
nach Hillel und Mirjam.
Alle Ungeduld, alles Warten war allmahlich von mir gewichen und alle
Furcht, Mirjam konne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wu?te ich, ich
wurde sie beide finden.
Es war ein bestandiges gluckliches Lacheln in mir, und wenn ich meine
Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die
Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt und die
Turme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfullte mich auf ganz
sonderbare Weise.
Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
Weihnachtsabend zu mir zu holen. - Er habe sich nie mehr blicken lassen,
erfuhr ich, und schon wollte ich betrubt wieder gehen, da kam ein alter
Tabulettkramer herein und bot kleine, wertlose Antiquitaten zum Kauf an.
Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhangseln, kleinen
Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus rotem
Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand, und ich erkannte es
voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie noch ein kleines
Madchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem Schlo? geschenkt hatte.
Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als sahe ich in
einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. -
Lange, lange stand ich erschuttert da und starrte auf das kleine, rote
Herz in meiner Hand. - - -
Ich sa? in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln,
wenn hie und da ein kleiner Zweig uber den Wachskerzen zu glimmen begann.
"Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh
irgendwo in der Welt seinen ›Marionettenweihnachtsabend‹", malte ich mir
aus, - "und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines
Lieblingsdichters Oskar Wiener":
Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hangt an einem Seidenbande.
O du, o gib das Herz nicht her;
Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
Und diente sieben Jahre schwer
Um dieses Herz, und hatt' es lieb!"
Eigentumlich feierlich wurde mir plotzlich zumute.
Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.
Rauch ballte sich im Zimmer.
Als ob mich eine Hand zoge, wandte ich mich plotzlich um und:
Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelganger. In einem
wei?en Mantel. Eine Krone auf dem Kopf.
Nur einen Augenblick.
Dann brachen Flammen durch das Holz der Tur, und eine Wolke
erstickenden hei?en Qualms schlug herein:
Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
Ich rei?e das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie
die Damonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das
Feuer.
Glas klirrt und rote Lohe schie?t aus allen Fenstern.
Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Stra?e liegt voll davon,
Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich wei?
nicht warum. Das Haar straubt sich mir.
Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
Flammen greifen nach mir.
Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.
Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als
Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des
Hauses hinab. -
Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
Drin ist alles blendend erleuchtet.
Und da sehe ich - - - da sehe ich - - -
mein ganzer Korper wird ein
einziger hallender Freudenschrei:
"Hillel! Mirjam! Hillel!"
Ich will auf die Gitterstabe losspringen.
Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
Einen Augenblick hange ich,
Kopf abwarts, die Beine gekreuzt, zwischen
Himmel und Erde.
Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
Ich falle.
Mein Bewu?tsein erlischt.
Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
Halt:
der Stein ist glatt.
Glatt wie ein Stuck Fett.
Schlu?
"- - -
wie ein Stuck fett!"
Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stuck Fett.
Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und
mu? mich besinnen, wo ich bin.
Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
Ich hei?e doch gar nicht Pernath.
Habe ich das alles nur getraumt?
Nein! So traumt man nicht.
Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist
halb drei.
Und dort hangt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank sa?.
Steht ein Name darin?
Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem wei?en
Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen:
ATHANASIUS PERNATH
Jetzt la?t es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe
die Treppe hinunter.
"Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren."
"Wohin, bitt schan?"
"In die Judenstadt. In die Hahnpa?gasse. Gibt's uberhaupt eine Stra?e,
die so hei?t?"
"Freilich, freilich" - der Portier lachelt malitios - "aber in der
Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu gebaut,
bitte."
"Macht nichts. Wo liegt die Hahnpa?gasse?"
Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: "Hier, bitte."
"Und die Schenke ›Zum Loisitschek‹?"
"Hier, bitte."
"Geben Sie mir ein gro?es Stuck Papier."
"Hier, bitte."
Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwurdig: er ist fast neu, tadellos
sauber und doch so bruchig, als ware er uralt. -
Unterwegs uberlege ich:
Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum
miterlebt, in
einer
Nacht mitgesehen, mitgehort, mitgefuhlt, als ware ich
er
gewesen. Warum wei? ich denn aber nicht, was er in dem Augenblick, als der
Strick ri? und er "Hillel, Hillel!" rief, hinter dem Gitterfenster erblickt
hat?
Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.
Ich
mu?
diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage und
drei Nachte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor. - - -
Also das ist die Hahnpa?gasse?
Nicht annahernd so habe ich sie im Traum gesehen! -
Lauter neue Hauser.
Eine Minute spater sitze ich im Cafe Loisitschek. Ein stilloses,
ziemlich sauberes Lokal.
Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgelander; eine gewisse
Ahnlichkeit mit dem alten getraumten "Loisitschek" ist nicht zu leugnen.
"Befehlen, bitt' schon?", fragt die Kellnerin, ein dralles Madel, in
einen rotsamtenen Frack buchstablich hineingeknallt.
"Kognak, Fraulein. - So, danke."
"- Hm. Fraulein!"
"Bitte?"
"Wem gehort das Kaffeehaus?"
"Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. - Das ganze Haus gehort ihm. Ein
sehr feiner reicher Herr."
- Aha, der Kerl mit den Schweinszahnen an der Uhrkette! erinnere ich
mich. -
Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
"Fraulein!"
"Bitte?"
"Wann ist die steinerne Brucke eingesturzt?"
"Vor dreiunddrei?ig Jahren."
"Hm. Vor dreiunddrei?ig Jahren!" - ich uberlege: der Gemmenschneider
Pernath mu? also jetzt fast neunzig sein.
"Fraulein!"
"Bitte?"
"Ist hier niemand unter den Gasten, der sich noch erinnern kann, wie
die alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
interessiere mich dafur."
Die Kellnerin denkt nach: "Von den Gasten? Nein. - Aber warten S': der
Billardmarqueur, der dort mit einem Studenten Carambol spielt, - sehen Sie
ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, - der hat immer hier gelebt und wird
Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, wenn er fertig ist?"
Ich folgte dem Blick des Madchens:
Ein schlanker, wei?haariger, alter Mann lehnt druben am Spiegel und
kreidet seine Queue. Ein verwustetes, aber seltsam vornehmes Gesicht. Woran
erinnert er mich nur?
"Fraulein, wie hei?t der Marqueur?"
Die Kellnerin stutzt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch,
leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzahlige
Male auf die Marmorplatte und loscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch
wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke
zu; - je nachdem sie ihr gelingen. Unerla?lich ist naturlich das
gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhoht das Marchenhafte
des Blickes.
"Fraulein, wie hei?t der Marqueur?", wiederhole ich meine Frage. Ich
sehe ihr an, sie hatte lieber gehort: Fraulein, warum tragen Sie nicht nur
einen Frack? oder etwas Ahnliches, aber ich frage es nicht; mir geht mein
Traum zu sehr im Kopf herum.
"No, wie wird er denn hei?en," schmollt sie, "Ferri hei?t er halt.
Ferri Athenstadt."
"So so? Ferri Athenstadt! - Hm, - also wieder ein alter Bekannter."
"Erzahlen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Fraulein," girre ich,
mu? mich aber sofort mit einem Kognak starken, "Sie plaudern gar so herzig!"
(Ich ekle mich vor mir selber.)
Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im
Gesicht kitzeln, und flustert:
"Der Ferri, der war Ihnen fruher ein ganz ein Geriebener. - Er soll von
uraltem Adel gewesen sein - es ist naturlich nur so ein Gerede, weil er
keinen Bart nicht tragt - und furchtbar viel Geld g'habt habn. Eine
rothaarige Judin, die schon von Jugend auf eine ›Person‹ war" - sie schrieb
wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf - "hat ihn dann ganz ausgezogen. -
Punkto Geld mein' ich naturlich. No, und wie er dann kein Geld nicht mehr
gehabt hat, ist sie weg und hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen:
von dem ..." - sie flusterte mir einen Namen ins Ohr, den ich nicht
verstehe. "Der hohe Herr hat dann naturlich auf alle Ehre verzichten mussen
und sich von da an nur mehr Ritter von Dammerich nennen durfen. No ja. Aber
da? sie fruher eine ›Person‹ g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht
wegwaschen konnen. Ich sag immer -."
"Fritzi! Zahlen!" ruft jemand von der Estrade herab. -
Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da hore ich plotzlich
ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so
klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthanden sitzt ganz
in sich zusammengesunken - der
blinde, greise Nephtali Schaffranek
in der
Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.
Ich trete zu ihm.
Im Flusterton singt er konfus vor sich hin:
"Frau Pick,
Frau Hock.
Und rote, blaue Stern
die schmusen allerhand.
Von Messinung, an Raucherl und Rohn."
"Wissen Sie, wie der alte Mann hei?t?" frage ich einen vorbeieilenden
Kellner.
"Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst
hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre
alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee."
Ich beugte mich uber den Greis, - rufe ihm ein Wort ins Ohr:
"Schaffranek!"
Es durchfahrt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich
sinnend uber die Stirn.
"Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?"
Er nickt.
"Passen Sie mal gut auf! Ich mochte Sie etwas fragen, aus alter Zeit.
Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich hier
auf den Tisch lege."
"Gulden", wiederholt der Greis und fangt sofort an, wie ein Rasender
auf seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
Ich halte seine Hand fest: "Denken Sie einmal nach! -
Haben Sie nicht
vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?"
"Hadrbolletz! Hosenschneider!" - lallt er asthmatisch auf und lacht
ubers ganze Gesicht, in der Meinung, ich hatte ihm einen famosen Witz
erzahlt.
"Nein, nicht Hadrbolletz: - -
Pernath!
"
"Pereles?!" - er jubelt formlich.
"Nein, auch nicht Pereies. - Per-
nath!
"
"Pascheies?!" - er kraht vor Freude. - -
Ich gebe enttauscht meinen Versuch auf.
"Sie wollten mich sprechen, mein Herr?", - der Marqueur Ferri
Athenstadt steht vor mir und verbeugt sich kuhl.
"Ja. Ganz richtig. - Wir konnen dabei eine Partie Billard spielen."
"Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor."
"Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Marqueur."
Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gickst, macht ein argerliches
Gesicht. Ich kenne das: er la?t mich bisommen, und dann macht er in
einer
Serie "aus".
Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
"Entsinnen Sie sich, Herr Marqueur: vor langer Zeit, etwa in den
Jahren, als die steinerne Brucke einsturzte, in der damaligen Judenstadt
einen gewissen - Athanasius Pernath
gekannt zu haben?"
Ein Mann in einer rotwei?gestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und eine
Zeitung liest, fahrt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
"Pernath? Pernath?" wiederholt der Marqueur und denkt angestrengt nach
- "Pernath? - War er nicht gro?, schlank? Braunes Haar, melierten
kurzgeschnittenen Spitzbart?"
"Ja. Ganz richtig."
"Etwa vierzig Jahre alt damals? Er sah aus wie --", Seine Durchlaucht
starrt mich plotzlich uberrascht an. - "Sie sind ein Verwandter von ihm,
mein Herr?!"
Der Schielaugige bekreuzigt sich.
"Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. - Nein. Ich interessiere mich nur
fur ihn. Wissen Sie noch mehr?", sage ich gelassen, fuhle aber, da? mir
eiskalt im Herzen wird.
Ferri Athenstadt denkt wieder nach.
"Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit fur verruckt. - Einmal
behauptete er, er hie?e - warten Sie mal, - ja: Laponder! Und dann wieder
gab er sich fur einen gewissen - Charousek aus."
"Kein Wort wahr!" fahrt der Schielaugige dazwischen. "Den
Charousek
hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl von ihm geerbt."
"Wer ist dieser Mann?", fragte ich den Marqueur halblaut.
"Er ist Fahrmann und hei?t Tschamrda. - Was den Pernath betrifft, so
erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens - da? er in spateren Jahren
eine sehr schone, dunkelhautige Judin geheiratet hat."
"Mirjam!" sage ich mir und werde so aufgeregt, da? mir die Hande
zittern und ich nicht mehr weiterspielen kann.
Der Fahrmann bekreuzigt sich.
"Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?", fragt der
Marqueur erstaunt.
"Der Pernath hat niemals nicht gelebt", schreit der Schielaugige los.
"Ich glaub's nicht."
Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprachiger
wird.
"Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer", ruckt
der Fahrmann endlich heraus, "er is, hor ich. Kammschneider und wohnt auf
dem Hradschin."
"Wo auf dem Hradschin?"
Der Fahrmann bekreuzigt sich:
"Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann:
an
der Mauer zur letzten Latern.
"
"Kennen Sie sein Haus, Herr - Herr - Tschamrda?"
"Nicht um die Welt mocht ich dort hinaufgehen!", protestiert der
Schielaugige. "Wofur halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!"
"Aber den Weg hinauf konnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
Tschamrda?"
"Das schon", brummte der Fahrmann. "Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr
fruh; dann geh ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat Ihnen ab! Sie sturzen
in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige Muttergottes!"
Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her.
Ich fuhle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
Plotzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das
Gitter, die fettig glanzenden Steinsimse - alles, alles!
"Wann ist dieses Haus abgebrannt?", frage ich den Schielaugigen. Es
braust mir in den Ohren vor Spannung.
"Abgebrannt? Niemals nicht!"
"Doch! Ich wei? es bestimmt."
"Nein."
"Aber ich wei? es doch! Wollen Sie wetten?"
"Wieviel?"
"Einen Gulden."
"Gemacht!" - Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. "Ist dieses
Haus jemals abgebrannt?"
"I woher denn!" Der Mann lacht. -
Ich kann und kann es nicht glauben.
"Schon siebzig Jahr' wohn ich drin," beteuert der Hausmeister, "ich
mu?t's doch wahrhaftig wissen."
- - - Sonderbar, sonderbar! - - -
Der Fahrmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten
Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen uber die Moldau. Die
gelben Wasser schaumen gegen das Holz. Die Dacher des Hradschins glitzern
rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefuhl ergreift
Besitz von mir. Ein leise dammerndes Gefuhl wie aus einem fruheren Dasein,
als sei die Welt um mich her verzaubert - eine traumhafte Erkenntnis, als
lebte ich zuweilen an mehreren Orten zugleich.
Ich steige aus.
"Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?"
"Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen hatten rudern, - hatt's zwei
Kreuzer 'kost."
Denselben Weg, den ich heute nacht im Schlaf schon einmal gegangen,
wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schlo?stiege. Mir klopft das
Herz und ich wei? voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen Aste uber die
Mauer herubergreifen.
Nein: er ist mit wei?en Bluten besat.
Die Luft ist voll von su?em Fliederhauch.
Zu meinen Fu?en liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
Verhei?ung.
Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
Mit geschlossenen Augen konnte ich mich hinauffinden in die kleine,
kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir plotzlich jeder Schritt.
Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem wei?schimmemden Haus
gestanden hat, schlie?t jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes
Gitter die Gasse ab.
Zwei Eibenbaume ragen aus bluhendem, niederem Gestrauch und flankieren
das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang lauft.
Ich strecke mich, um uber das Strauchwerk hinuberzusehen, und bin
geblendet von neuer Pracht:
Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Turkisblau mit goldenen,
eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des agyptischen Gottes Osiris
darstellen.
Das Flugeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Halften,
die die Ture bilden, - die rechte weiblich, die linke mannlich. - Er sitzt
auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter - im Halbrelief - und sein
goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die Hohe gestellt und
dicht aneinander, da? sie aussehen wie die beiden Seiten eines
aufgeschlagenen Buches. -
Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht uber die Mauer heruber. - -
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Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als trate eine
fremde Welt vor mich, und ein alter Gartner oder Diener mit silbernen
Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von links
hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stabe, was ich
wunsche.
Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
Er nimmt ihn und geht durch das Flugeltor.
Als es sich offnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus
und auf seinen Stufen:
ATHANASIUS PERNATH
und an ihn gelehnt:
MIRJAM,
und beide schauen hinab in die Stadt.
Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lachelt und
flustert Athanasius Pernath etwas zu.
Ich bin gebannt von ihrer Schonheit.
Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt
stehen:
Mir ist, als sahe ich mich im Spiegel, so ahnlich ist sein Gesicht dem
meinigen.
Dann fallen die Flugel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
schimmernden Hermaphroditen.
Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt - ich hore seine Stimme
wie aus den Tiefen der Erde -:
"Herr Athanasius Pernath la?t verbindlichst danken und bittet, ihn
nicht fur ungastfreundlich zu halten, da? er Sie nicht einladt, in den
Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz so von alters her.
Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die
Verwechslung sofort aufgefallen sei.
Er wolle nur hoffen, da? der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
verursacht habe."
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